Analyse

Die 200-Mrd.-Euro-Frage: Stimmt was nicht mit Sewings Bad Bank?

23. Februar 2021

Von Christian Kirchner

Kleines Rätsel: Welche Bank hatte Ende 2020 eine Bilanzsumme von 197 Mrd. Euro und war damit größer als die ING Diba? Welche Bank verlor im vergangenen Jahr 2,2 Mrd. Euro und damit fast so viel Geld wie die Commerzbank? Und welche Bank sollte eigentlich bis Ende 2022 abgewickelt sein, wovon inzwischen aber keine Rede mehr ist? Genau – die Bad Bank der Deutschen Bank, offiziell und schamvoll „Capital Release Unit“ genannt.

Kurzer Rückblick: Vorstandschef Sewing hatte die Gründung der Abbaubank im Juli 2019 veranlasst. Die Idee: Alle Assets, die operativ keine Rolle mehr spielen, werden in eine eigene Einheit gepackt, die die entsprechenden Kredite, Derivate und sonstigen Wertpapiere entweder Schritt für Schritt verkauft oder auslaufen lässt. Also im Grunde das, was die öffentliche Hand einst mit der WestLB und der HRE exerziert hatte – und was es ja auch innerhalb der Deutschen Bank schon einmal gegeben hat, nämlich von 2012 bis 2016.

Indes, so schlüssig das Konzept klang, so viele Fragen wirft es mittlerweile auf. Bezeichnend: Als das größte hiesige Geldhaus im Dezember seine „Investor Deep Dive“ abhielt, gab es zur CRU nicht mal eine gesonderte Präsentation; und als kürzlich die Bilanz-PK anstand, wurde das Thema nur kurz angeschnitten. Hat die Deutsche Bank was zu verbergen?

Eine Bestandsaufnahme:

Was verspricht bzw. versprach sich die Deutsche Bank überhaupt von ihrer Bad Bank?

  • Vorteil 1: Die sogenannte Kernbank (also die Deutsche Bank ohne ihre Abbaubank)  wird sichtbarer, zudem lassen sich ihre Geschäftszahlen going forward besser vergleichen.
  • Vorteil 2: Die Kernbank steht jetzt ungleich besser da, denn die ganzen Verluste, die der alte Kram produziert (wenn er schwer verkäuflich, defizitär oder beides ist), fallen jetzt woanders an.
  • Vorteil 3: Läuft das Ganze gut, bindet es immer weniger Eigenkapital, dieses kann freigesetzt und mit der Zeit wieder der Kernbank zugeführt werden. Daher auch der Begriff „Capital Release Unit“.

Was steckt in der Bad Bank?

Tja, wenn das so einfach wäre… Ende 2019 schlüsselte Louise Kitchen, Leiterin der Bad Bank und Mitglied im Global Management Committee der Deutschen Bank, auf, was alles in der CRU stecke:

  • Aktien
  • eine Handelsplattform für Aktien
  • Derivate – ganz simple, aber auch ganz exotische, die laufend Geld kosten
  • Optionen und Swaps auf Zinsen oder Währungen (diese waren damals der größten Posten)
  • forderungsbesicherte Wertpapiere (darunter sogar RMBS, sprich alte, hypothekengesicherten Papiere)
  • polnische Hypothekenkredite

Welche dieser Posten heute noch in den Büchern stehen, darüber schweigt sich die Deutsche Bank aus. Es ist anzunehmen, dass die Aktien, da tendenziell liquide, zu großen Teilen bereits verkauft sind, und Äußerungen der Bank legen nahe, dass dem so ist. Doch eine aktuelle Übersicht, was mit dem schwerer verkäuflichen Zeugs ist, existiert nicht. Die letzte offizielle Angabe einer „Asset Composition“ stammt aus dem vorvergangenen Jahr und hat den Stand Q2/2019.

Insgesamt macht die Bad Bank aktuell 14,9% der gesamten Bilanzsumme aus (197 Mrd. Euro von 1325 Mrd. Euro). Und das, obwohl sie ausweislich des letzten verfügbaren Quartalsberichts nur 503 Vollzeitkräfte beschäftigt – und damit gerade einmal 0,6% aller Mitarbeiter der Deutschen Bank (Stand Ende September 2020).

Warum sollte einen die Bad Bank interessieren?

Ganz einfach: Weil sie bisher enorme Verluste einfährt und das Ergebnis der gesamten Bank regelmäßig tief nach unten reißt.

Als Ganzes hat die Deutsche Bank vor Steuern 2018 ein Ergebnis von +1,3 Mrd. Euro. erzielt, 2019 ein Defizit von -2,6 Mrd. Euro und 2020 dann wieder ein Ergebnis von +1,0 Mrd. Euro (mit Steuern und allem Pipapo waren es 0,1 Mrd. Euro Verlust, dann 5,7 Mrd. Euro Verlust sowie 0,1 Mrd. Euro Gewinn).

Dröselt man die Gewinne vor Steuern allerdings nach Kernbank und Bad Bank auf, ergibt sich folgendes Bild:


Und siehe da: Ohne die Bad Bank ist die Deutsche Bank, zumindest vor Steuern, in den letzten Jahre tatsächlich profitabel gewesen, 2020 gar superprofitabel – mit 3,2 Mrd. Euro Gewinn.

Indes – so gerne die Deutsche Bank die ihre Kernbank-Zahlen auch ausweist, so wenig verschwinden so schnell die Verluste der Bad Bank. Und in der Summe waren das in den Jahren 2018-2020 fast 7 Mrd. Euro.

Wie fing die Bad Bank an?

Dass die Bad Bank derart ins Kontor schlägt, liegt vor allem an ihrer schieren Größe. Als Referenzpunkt seien hier einmal ihre Kennziffern per Ende 2018 aufgeführt, auf deren Basis der Abbau beschlossen wurde:

  • Nennwert aller Aktiva: 370 Mrd. Euro („Assets“)
  • Wert aller Aktiva, diesmal „risikogewichtet“: 72 Mrd. Euro
    (das Gewichten nach Risiko ist in der Bankenwelt seit Jahren gängige Praxis; die Rechnung basiert auf der Überlegung, dass eine amerikanische Staatsanleihe deutlich seltener ausfällt als ein exotisches Derivat mit gleichem Nennwert)
  • Leverage Exposure: 281 Mrd. Euro
    (dabei handelt es sich um eine weitere Größe aus der wundersamen Welt der Bankenregulatorik; grob gesprochen, handelt es sich dabei um die theoretische Höhe aller Zahlungsverpflichtungen; für den Zweck unserer Übung reicht es auch zu wissen, dass die Bank diese Größe heranzieht und ihre selbst gesetzten Ziele dafür – Achtung: Spoiler! – verfehlt)

Tatsächlich mit dem Abbau begonnen wurde im Juli 2019. Seither prüfen die Zuständigen: Was können wir verkaufen? Wollen wir den Verlust, den wir dabei machen, hinnehmen? Was halten wir in den Büchern, in der Hoffnung auf bessere Angebote? Und welche Papiere oder Geschäfte lassen wir einfach bis Fristende auslaufen?

Wie erfolgreich ist die Bad Bank?

Damit kommen wir zum ersten Punkt, der gewisse Fragen aufwirft. Grundsätzlich lässt sich der Erfolg der CRU an drei Größen messen:

  • den Verlusten, die dort in einer Periode X anfallen (in der Regel: einem Quartal oder Jahr)
  • dem Rückgang der „risikogewichteten Aktiva“ (RWA), sprich der Summe aller Aktiva, gesichtet nach ihren jeweiligen Risikofaktoren (siehe oben)
  • dem Rückgang des „Leverage Exposure“ (einer noch recht neuen Größe, siehe oben)

Von den letztgenannten Punkten hängt dann auch ab, mit wie viel Kapital die Geschäfte bzw. Assets unterlegt werden und welche Abgaben darauf anfallen.

Ein Blick auf diese Größen zeigt ein, nun ja, durchwachsenes Bild.

Wie steht es – erstens – um die Verluste? Die sind extrem hoch, sinken aber, und das schneller als erwartet

Bei den Verlusten fällt die Zwischenbilanz gut aus. Grundsätzlich stimmt die Richtung (2019: 3,2 Mrd. Euro Verlust vor Steuern, 2020: 2,2 Mrd. Euro Verlust vor Steuern), und der Wert für 2020 fiel niedriger aus als die Analysten erwartet hatten (diese gingen noch im Frühjahr 2020 von etwa 2,9 Mrd. Euro Verlust vor Steuern für das Gesamtjahr aus). Nach deren Schätzungen sollen die Verluste bis 2022 weitergehen und dann noch 1 Mrd. Euro betragen.

Wie steht es – zweitens – um die risikogewichteten Aktiva? Die sinken schneller als erwartet

Bei den risikogewichteten Aktiva gab die Bank im Sommer 2019 folgenden Pfad aus:

Dieser Plan wurde zwischenzeitlich leicht angepasst auf ein Zwischenziel von 38 Mrd. Euro für Ende 2020 – tatsächlich gelandet ist die Bank jetzt bei nur 34 Mrd. Euro, sie hat ihren Plan somit übererfüllt. Ehre, wem Ehre gebührt!

Wie steht es – drittens – um das Leverage Exposure? Das sinkt deutlich langsamer als geplant

Hier ist das Bild völlig anders. Zunächst der ursprüngliche, 2019 ausgegebene Pfad, wie sich die Bank die Entwicklung der Bad Bank vorstellte:

Dieser wurde zwischenzeitlich gleich mehrmals angepasst, mit teils relativ wilden Ausschlägen: Im Dezember 2019 korrigierte die Deutsche Bank das 2020er Zwischenziel von 17 Mrd. Euro auf 50 Mrd. Euro, offenbar war schon damals absehbar, dass sich bestimmte Positionen, die diese Quote gesenkt hätten, doch nicht so leicht liquidieren ließen. Später korrigierte man das Ziel nochmals nach oben, auf denn 80 Mrd. Euro. Letztlich gelandet ist die Bad Bank nun bei 72 Mrd. Euro per Ende 2020. Formal hat sie damit ihr Ziel übererfüllt – aber auch nur weil das inzwischen fast das Fünffache dessen vorsah, was einst geplant war.

Die Erklärung der Deutschen Bank dafür ist, dass die Verantwortlichen vor allem den Abbau der risikogewichteten Aktiva (der RWA) zum Ziel gehabt hätten. Und dass sie einige Positionen schlicht nicht verkauft hätten, sondern dieser einfach bis zur Fälligkeit hielten, teils gesichert und womöglich auch über 2022 hinaus. Dies verhindere Verluste und sei damit ganz im Sinne der Investoren und Aktionäre… Was angesichts der enormen Größenordnung doch wieder eine Frage von vorhin aufwirft.

Nochmal, was steckt denn nun in in der Bad Bank?

Es ist wirklich sehr merkwürdig, vielleicht das Seltsamste überhaupt, wenn es um die Bad Bank geht – aber die Deutsche Bank gibt über deren Innereien nur sehr rudimentäre Informationen. Die letzte konkrete umfassende Übersicht datiert vom Dezember 2019 und zeigt, wie sich die Assets über die verschiedenen Kategorien verteilen, per Ende Q2/2019…

 

Leverage Exposure
(in Mrd. Euro)
Asset Asset Detail
76 Equities Cash Equities
Equity Flow Derivatives
Equity Exotic Derivatives
61 Prime Finance Equity Platforms
Global Prime Finance &
88 Rates Electronic Equities Platform
5 Fixed Income Swaps, Options, Portfolios
Derivatives, Credit Assets,
5 Other Legacy Assets from IB (RMBS)
Legacy Mortgages/Poland
Loands/Derivatives Corporate
Bank Nederland

… und im Dezember 2020 folgte immerhin eine Information, wo die Deutsche Bank bei einzelnen Größen Ende 2022 sein will:

Leverage Exposure
(in Mrd. Euro)
Asset Detail
35 Rates „Assets structurally challenging or insufficient to exit“
3 Fixed Income Assets structurally challenging to exit
2 Other Including Polish FX Mortgages
11 Liquidity Reserves Central Liquidity Reserves

Was zwischen 2019 und 2022 geschieht, geschehen soll? Bleibt offen. Wie es über 2022 hinaus weiter geht? Auch dazu schweigt sich die Bank aus. Ob die Abteilung dann so weit geschrumpft ist, dass die Deutsche Bank sie schließen und die wenigen nicht verkauften Assets wieder in die Sparten der Kernbank eingliedern kann – alles pure Spekulation.

Müssen wir die Bad Bank wirklich so nennen?

Der offizielle Name jedenfalls ist ein ziemlicher Euphemismus ist. Wie es sich gehört, muss sie die Geschäfte der Bad Bank mit Kapital unterlegen, in Antizipation künftiger Verluste. Ursprünglich sahen die Pläne von Swing & Co vor, dass sie per 2022 rund 5% des gesamten Eigenkapitals für die Bad Bank reservieren müssen. Diesen Wert mussten sie im Dezember dann aber nach oben korrigieren, auf 8%. Dies entspricht einem zusätzlich Bedarf an Eigenkapital zwischen 1,5 und 2 Mrd. Euro. Die „Capital Release Unit“, die das Frankfurter Geldhaus so gerne darin sähe, gleicht aktuell somit eher einer „Capital Binding Unit“.

Fest steht: Die Deutsche Bank kommt mit dem Abbau der Positionen nicht in dem Tempo voran, wie sie es sich vorgenommen hat. Wo es sich anbietet, zieht sie das „Auslaufen lassen“ dem Verkauf vor, um weitere Verluste zu verhindern.

Warum interessiert die Bad Bank die Investoren nicht (oder kaum)?

Dass die Innereien der Bad Bank bisher nicht allzu viel Interesse bei Analysten und Investoren wecken, liegt zum einen sicher daran, dass sie sich – gemessen an den aufgelaufenen Verlusten – bislang im Rahmen des Erwarteten bewegt. Zum anderen ist die komplette Strategie der Bank ohnehin auf das „Zieljahr“ 2022 ausgerichtet, das dafür ausgerufene Ziel einer Eigenkapitalrendite von acht Prozent will die Deutsche Bank inklusive der Bad Bank erwirtschaften.

Und solange alles einigermaßen im Rahmen scheint, sehen viele Beobachter keinen Grund, an diesem Plan zu zweifeln. Kurzum: Es ist eine Mischung aus Optimismus, Desinteresse fürs Detail und Vertrauen in die Führung. Je näher 2022 rückt, desto mehr könnte die Bad Bank allerdings wieder in den Vordergrund rücken, sollte sie Sorgen wecken, ob die Bank ihre Vorgaben auch erreicht.

Möglich, dass am 12. März einige der offenen Punkte klarer werden. An dem Tag veröffentlicht die Bank ihren Geschäftsbericht 2020.

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