Analyse

Die fünf Corona-Risiken für die GuVs der deutschen Banken

27. Februar 2020

Von Christian Kirchner

Es hat beinahe etwas Tragisches: Da starten die Deutsche Bank und die Commerzbank (zumindest gemessen am Aktienkurs) so fulminant ins neue Jahr wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Und dann kommt dieses tückische Virus, sozusagen eingeschleppt vom schwarzen Schwan – und macht in wenigen Tagen alles wieder zunichte: 19% hat die Aktie der Deutschen Bank seit ihrem Hoch vergangene Woche verloren, 20% gar die Coba. Aggregierte 5 Mrd. Euro Marktkapitalisierung, gerade erst gewonnen – gleich wieder verloren.

Die Börsenreaktion ist freilich nur das vordergründige, abgeleitete Problem. Die eigentliche Sorge reicht viel tiefer: Was, um alles in der Welt, macht der Corona-Schock (zumindest potenziell) mit den Bilanzen? Und zwar nicht nur mit denen von „Deutscher“ und Coba. Sondern mit denen von quasi allen Banken und Sparkassen hierzulande!!!

Denn: Es hat ja seine Gründe, warum an der Börse die Finanzwerte in den letzten Tagen deutlich stärker abgerutscht sind als der breite Markt. Lesen Sie also hier: Die fünf wichtigsten Corona-Risiken für die GuV auch Ihrer Bank

1.) Die Inflationserwartungen kollabieren

Die Analysten der UBS weisen in ihren „15 Charts, die man zum Corona-Virus kennen sollte“ darauf hin, dass es (und das nicht nur in der jüngeren Vergangenheit) einen engen Zusammenhang zwischen der Entwicklung der europäischen Bankaktien und der mittel- bis langfristigen Inflationserwartung gibt:

Der Zusammenhang ist plausibel. Denn die „Fünf-Jahres-Inflationserwartungen“ gelten seit Jahren als wichtiger Gradmesser, inwiefern die Geldpolitik der EZB wirkt und diese das Preisstabilitäts-Ziel (also die berühmten knapp 2%) erreicht. Dieser Tage sackten eben jene Inflationserwartungen aber auf einen Wert nur noch knapp über dem Rekordtief auf dem Herbst 2019 – nämlich auf (im obigen Chart noch nicht zu sehen) nur mehr 1,1%. Das heißt: Die EZB könnte unter Druck geraten, die Inflation zu stimulieren. Und egal wie die entsprechenden Maßnahmen ausfallen (noch niedrigere Zinsen, noch mehr Anleihenaufkäufe) – für die Banken wären sie kaum hilfreich.

2.) Mit der Inflationserwartung kollabieren die Zinsen

Für Banken ist die Formel einfach: Quasi jede Form des Zinsanstiegs hilft, den Druck auf das eigenen Zinsergebnis zu lindern. Nun passieren allerdings zwei Dinge: Zum einen sinken die Renditen von Anleihen wieder in Richtung ihrer Rekordtiefs aus dem Herbst. So sank die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen seit Mitte Januar von minus 0,2% auf nun wieder minus 0,5%. Zum anderen hat sich die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinssenkung durch die EZB erhöht.

Aus den Terminmärkten lässt sich nun ablesen, dass Händler einem erneuten Absenken der Leitzinsen um weitere 10 Basispunkte bereits für die Juli-Sitzung der EZB eine 80-prozentige Wahrscheinlichkeit zubilligen. Sollten manche Bankchefs ganz tief in ihrem Innersten die vage Hoffnung gehabt haben, im Amt noch einmal eine Zinsanhebung zu erleben, so ist diese Hoffnung zerstoben.

3.) Das Investmentbanking droht zu kollabieren

In Zusammenhang mit dem Corona-Virus ist oft die Rede von unterbrochenen Lieferketten. Für Banken mit Investmentbanking-Abteilungen sind die Folgen allerdings sehr viel rascher spürbar: Grassiert an den Märkten die Panik, sind Börsengänge undurchführbar und lassen sich auch Unternehmensanleihen kaum platzieren. In Deutschland hat es dieses Jahr weder einen Börsengang im regulierten Markt gegeben, noch hat ein Unternehmen einen solchen formal angekündigt. In den USA erfolgte das letzte erfolgreiche Pricing eines Börsengangs an der New York Stock Exchange vor zwei Wochen, am 13. Februar.

Größer ist traditionell das Geschäft mit Anleihenplatzierungen – und hier herrscht das gleiche Bild: Der Markt für neue Unternehmensanleihen ist nach Berechnungen von „Bloomberg“ dramatisch eingebrochen: Brachten die Banken noch in den Wochen bis 14. Februar Papiere für je über 50 Mrd. Euro bei Anlegern unter, waren es in der Woche bis 21: Februar nur noch knapp 30 Mrd. Euro und diese Woche nur mehr magere 8 Mrd. Euro (Quelle hier). Absehbar ist vor diesem Hintergrund auch ein Rückgang im M&A-Geschäft, das den Börsen meist mit einiger Verzögerung folgt, da „Deals“ hier oft refinanziert werden müssen und bei großer Marktunsicherheit kaum zu kalkulieren sind für ihre Eigner.

4.) Eskaliert die Corona-Angst, wird es von überall her in die Bilanz regnen – vor allem bei den Krediten

Zugegeben: Es gibt Sektoren, die noch unmittelbarer von einer möglichen Corona-Panik betroffen sein dürfte als die Banken: Kreuzfahrtbetreiber und Fluglinien etwa. Aber bei Banken gibt es bestenfalls noch für die internen Handelsabteilungen und Transaktionsbanken was zu tun, wenn die Konjunktur abtaucht und es an der Börse kräftig scheppert.

Aber sonst?

  • Bei den Kreditausfällen droht der größte Schock – zumal diese seit Jahren extrem niedrig sind und man sich bei vielen Banken fragt, wie sie bei höheren Ausfällen denn überhaupt noch Gewinn machen wollen. In Zahlen: Zwischen 2000 und 2010 pendelte das Bewertungsergebnis deutscher Banken (als Gradmesser angemessener Risikovorsorge) zwischen minus 15 und minus 38 Mrd. Euro pro Jahr. Seit 2011 liegt es nur noch zwischen minus 4 und minus 9 Mrd. Euro. Es liegt auf der Hand, dass Unterbrechungen in Lieferketten und ein niedrigeres Wirtschaftswachstum (ganz zu schweigen von einer möglichen Rezession) zu mehr Risikovorsorge und mehr Pleiten führen werden.
  • Im Zinsgeschäft ließen z.B. die Commerzbank (2019: +7% beim Zinsüberschuss) und die Deutsche Bank (+4%) aufhorchen. Das Spiel geht aber nicht über Jahre gut, die Rahmenbedingungen (siehe Punkt 2) verschlechtern sich. Aber wichtiger noch: Das Zinsergebnis ist von der kleinen Sparkasse in der Provinz bis rauf zur Commerzbank auch häufig eine Funktion der „Mehr Volumen auf die Maschine“-Strategie. Was sich über die Spannen immer schwerer verdienen lässt, muss das Neugeschäft ausgeglichen werden. Aber wo soll das herkommen, wenn es in der „Tagesschau“ auch in den nächsten Tagen und Wochen um wenig anderes als das Corona-Virus gehen sollte?
  • Das Provisionsgeschäft kam 2019 trotz haussierender Börsen nicht in Fahrt. Nicht bei der ING (siehe hier). Nicht bei der Commerzbank (siehe hier). Nicht bei der Deutschen Bank (siehe hier). Und nun? Droht das Geschäft von drei Seiten endgültig zertrümmert zu werden: Noch wählerischere Kunden werden noch genauer schauen, was ihre Bank ihnen für welche Leistungen berechnet. Die Lust auf provisionsträchtige Wertpapiergeschäfte noch weiter wird sinken, solange es an der Börse rappelt (hier ist das Anlageverhalten seit Jahrzehnten extrem prozyklisch). Und bei sinkenden Börsen schmilzt auch die Asset-Basis, auf die eine Bank überhaupt Gebühren erhebt.

5.) M&A-Deals zwischen Banken sind in der Krise kaum vermittelbar

Was also tun, um die eigene Ertragslage zu verbessern? Die simple Lösung wären Fusionen und Übernahmen im eigenen Sektor, sei es grenzüberschreitend oder innerhalb eines Landes. Aber das war – wir haben das Argument schon oft bemüht –  schon in einem guten Jahr wie 2019 keine Lösung. Weder fanden Deutsche Bank und Commerzbank zusammen, noch schlug ein Interessent bei der Coba zu, noch kamen die Sparkassen mit der „Superzentralbank“ entscheidend weiter.

Und nun? Wer soll Eignern und Gläubigern vermitteln, die transformatorischen Risiken von Fusionen und Übernahmen ausgerechnet in einem wackligen Umfeld einzugehen. Größere M&A-Deals haben in angespannten Marktlagen eher das Stigma einer Notfusion, womöglich gar auf staatliches Geheiß – und dürften daher kaum das Mittel der Wahl sein. Selbst dann nicht, wennn sie eigentlich Verbesserungen versprechen.

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