Deep Dive

Die Geschichte einer Volksbank, die völlig außer Kontrolle geriet

13. April 2020

Von Heinz-Roger Dohms und Thomas Borgwerth

Warum liest man eigentlich so selten von Volks- und Raiffeisenbanken, die vom BVR aufgefangen werden? Sind diese Fälle tatsächlich so selten? Oder werden sie nur nicht publik?

So oder so: Ein „Geno-Bailout“ hat es jüngst jedenfalls ins Licht der Öffentlichkeit geschafft – und zwar die Raiffeisen Privatbank e.G. Wiesloch (also jene baden-württembergische Kleinbank, die hohe Beträge an einen Kreditbetrüger verliehen hatte). Indes, was ist in Wiesloch – einer 26.000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Heidelberg – eigentlich genau passiert? Genau dies hat unser Analyse Thomas Borgwerth auf Basis der mittlerweile öffentlich zugänglichen Geschäfts- und Offenlegungsberichte versucht zu rekonstruieren.

Die Ergebnisse seiner Recherche? Sind geradezu stupend. Denn: Übertragen auf, sagen wir, die Größenordnung einer Commerzbank hat die scheinbar stinknormale Raiffeisenbank in einem einzigen Jahr einen Wertberichtungs-Bedarf von rund 30 Mrd. Euro produziert. Und das Ganze bilanziell dann so verpackt, das am Jahresende trotzdem ein Gewinn stand.  „Wie ich das sehe, wurden hier wirklich alle Register gezogen, um die wahre Dimension des Desasters zu verschleiern“, sagt Analyst Borgwerth.

Die ganze Geschichte:

Herr Borgwerth, Sie erinnern sich an unseren Artikel über die Raiffeisen Privatbank Wiesloch, die einem mutmaßlichen Kreditbetrüger aufgesessen war …

Thomas Borgwerth: Was für ein kurioser Fall!

Inzwischen ist der 2018er-Abschluss des Instituts verfügbar. Wir haben Sie gebeten, sich die Zahlen einmal näher anzuschauen. Denn schon auf den ersten Blick sieht man: Die Wertberichtigungen im Kreditgeschäft lagen bei 2,9 Mio. Euro – und das bei einem Institut, das gerade mal einen Zinsüberschuss von 3,5 Mio. Euro erwirtschaftet hat. Übertragen auf, sagen wir, die Commerzbank wären das Wertberichtigungen in Höhe von 3,9 Mrd. Euro. Das ist frappierend, oder?

Borgwerth: Es wäre frappierend, würde die Zahl denn schon das ganze Ausmaß des Fiaskos widerspiegeln. Tut sie aber nicht. Haben Sie auch mal in den Offenlegungsbericht geschaut?

Upps, nein. Nur in den Jahresabschluss.

Borgwerth: Das ist in diesem Fall zu wenig. Denn beim Jahresabschluss der Raiffeisenbank Wiesloch handelt es sich meiner Meinung nach um ein Meisterwerk der Illusion. Wie ich das sehe, wurden hier wirklich alle Register gezogen, um die wahre Dimension des Desasters zu verschleiern. Mit der völlig abstrusen Folge, dass das Institut am Ende sogar noch einen Gewinn ausweisen konnte.

Was steht denn stattdessen im Offenlegungsbericht?

Borgwerth: Da wird auf Seite 9 in einer Tabelle die Entwicklung zur Risikovorsorge beschrieben. Demnach musste die Raiffeisenbank Wiesloch per Ende 2018 Kredite im Umfang von 25,7 Mio. Euro (!) als notleidend klassifizieren. Hierfür wurden zum Bilanzstichtag Wertberichtigungen in Höhe von 8,8 Mio. Euro gebildet – wovon wiederum 7,0 Mio. Euro im Jahr 2018 frisch zugeführt worden waren.

Also lagen die Abschreibungen nicht bei 2,9 Mio. Euro, sondern bei 7,0 Mio. Euro …

Borgwerth: Schön wär’s. Jetzt steht darunter aber der Satz:

„In der obigen Tabelle sind notleidende Kredite nicht enthalten, für die unserer Bank Stützungsmaßnahmen in Form von Garantien von der Sicherungseinrichtung des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken e.V. (BVR) erhalten hat.“

… wobei der Offenlegungsbericht zur Höhe dieser „Stützungsmaßnahmen“ keinerlei Angaben macht.

Diese Zahl allerdings steht im Abschluss! Es sind 5,0 Mio. Euro.

Borgwerth: Richtig! Und diese 5,0 Mio. Euro müssen Sie zu den 7,0 Mio. Euro jetzt noch hinzuaddieren. Alles in allem lagen die Wertberichtigungen also bei 12 Mio. Euro, mithin das Vierfache dessen, was in der Gewinn- und Verlustrechnung gezeigt wurde. Und nun mal Tacheles: Diese 12 Mio. Euro entsprechen rund 7% der Bilanzsumme, was der reine Wahnsinn ist. Wenn Sie auch hier den weiter oben von Ihnen eingeführten Vergleich bemühen wollen: Das wäre so, als hätte die Commerzbank 2018 grob gerechnet 32 Mrd. Euro abgeschrieben. 32 Mrd. Euro!

Das klingt so, als wäre die Raiffeisenbank Wiesloch völlig außer Kontrolle geraten.

Borgwerth: Absolut. Zumal es starke Indizien gibt, dass die Probleme nicht nur in dem Kreditbetrug lagen. Denn glaubt man, was im vergangenen Herbst in den lokalen Medien stand, dann hatten die betrügerischen Kredite insgesamt einen Umfang von gut 9 Mio. Euro. Die Abschreibungen, siehe oben, lagen indes bei 12 Mio. Euro. Mein Eindruck: Kontrollverlust ist ein harmloses Wort für das, was hier vorgefallen sein muss.

Lassen Sie uns noch ein bisschen teilhaben an den Kennziffern, die Sie entdeckt haben …

Borgwerth: Ich habe die im Offenlegungsbericht gemachten Angaben zu den Krediten einfach mal mit denen von drei Genossenschaftsbanken verglichen, die von ihrer Größe her in etwa zu vergleichen sind mit der Raiffeisenbank Wiesloch. Hier erst einmal die ausgefallenen („Ausfälle“) und die notleidenden Kredite („NPLs“) in absoluten Zahlen …

in Mio. Euro   Risiko-Positionen Ausfälle NPLs
RB Wiesloch   187,2 19,2 25,7
VV Rheinböllen   144 1 1,4
RB Oberes Gäu   223 2,6 3,5
VB Börßum-Hornburg   207 3,8 3,8

… und hier das Ganze dann in relativen Zahlen:

in Mio. Euro   Risiko-Positionen Ausfälle
NPLs
RB Wiesloch   187,2 10,3% 13,7%
VV Rheinböllen   144 0,7% 1,0%
RB Oberes Gäu   223 1,2% 1,6%
VB Börßum-Hornburg   207 1,8% 1,8%

So, und dann habe ich hiervon jene 9 Mio. Euro abgezogen, die den lokalen Zeitungen zufolge auf den Kreditbetrug entfallen:

  Risiko-Positionen Ausfälle NPLs
RB Wiesloch ohne Kreditbetrug   177,2 Mio.
10,2 Mio.
16,7 Mio.
                   5,8%
          9,4%

Sie sehen: Selbst wenn man von den betrügerischen Krediten (wenn diese denn wirklich nur 9 Mio. Euro ausgemacht haben …) abstrahiert, liegt der Anteil der ausgefallenen und der notleidenden Kredite weit, weit über dem vergleichbarer Banken.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, wie sich das Kreditgeschäft in den Vorjahren auf die Provisions-Aufwendungen ausgewirkt hat. Im Geschäftsjahr 2015 hatte die Bank gerade mal Provisionen in Höhe von 71.000 Euro aufgewendet; 2016 waren es dann schon 189.000 Euro; und 2017 schließlich 561.000 Euro.

Das entspricht einer Verachtfachung binnen zwei Jahren!

Borgwerth: Genau. Im 2017er-Abschluss findet sich hierzu nun der Satz: „Der Provisionsüberschuss hat sich aufgrund gestiegener Provisions-Aufwendungen vor dem Hintergrund unserer starken Ausweitung des Kundenkreditgeschäfts reduziert.“ Es scheint also offenbar so gewesen zu sein, dass da enorme Geldsummen aus der Bank herausgeflossen sind, um jene Kredite, die am Ende mutmaßlich zu den absurd hohen Ausfällen und NPLs geführt haben, überhaupt erst auf die Bücher zu bekommen.

Wäre natürlich interessant zu erfahren, an wen dieses Geld geflossen ist …

Borgwerth. Da sagen Sie was! Aber das werden wir mit unseren Mitteln der Bilanzanalyse nicht in Erfahrung bringen. Wir können uns nur die Zahlen anschauen.

Dann lassen Sie uns doch nochmal auf die Frage zurückkommen, wie es buchhalterisch möglich ist, dass die Raiffeisenbank Wiesloch 2018 einen Überschuss ausgewiesen hat. Müsste die Commerzbank in ihrem Kreditportfolio  32 Mrd. Euro abschreiben, dann würden man eher nicht davon ausgehen, dass am Jahresende ein Gewinn steht …

Borgwerth: Also, 2,9 Mio. Euro der insgesamt 12 Mio. Euro werden ja gezeigt. Hinzu kommen jene 5 Mio. Euro, die nicht ausgewiesen werden, weil sie durch die BVR-Garantie gedeckt sind. Ich finde es übrigens sehr fragwürdig, dass hier 5 Mio. Euro faule Kredite mit 5 Mio. Euro Garantien ausgeglichen wurden. Damit wird der Eindruck erweckt, die 5 Mio. Euro Garantien könnten die fehlende Werthaltigkeit der ausgereichten Kredite ersetzen. Tatsächlich ist zumindest ein großer Teil der Kredite – sollten sie wirklich an einen Betrüger geflossen sein – wohl nicht mehr zurückzuerlangen. Der Schaden wäre somit eingetreten, die Garantie aus zukünftigen Gewinnen zu tilgen. Die 5 Mio. Euro blieben also als zukünftige Belastung bestehen.

Auf die bilanzrechtlichen Fragen kommen wir gleich noch zurück. Lassen Sie uns aber bitte erst einmal bei unserer Rechnung bleiben: Von den 12 Mio. Euro sind jetzt 2,9 Mio. Euro und 5 Mio. Euro geklärt. Trotzdem haben wir es immer noch mit einer Differenz von 4,1 Mio. Euro zu tun.

Borgwerth: Was sich aus den Zahlenwerken so ungefähr ableiten lässt: Die Raiffeisen Privatbank Wiesloch hat offenbar mobilisiert, was an stillen Reserven zu mobilisieren war. Hiermit meine ich im Wesentlichen die Zuschreibungen und Veräußerungserlöse des Anlagevermögens. Dieser Posten ist für uns nur schwer zu quantifizieren, dürfte aber sicherlich im sechsstelligen Bereich gelegen haben. Nicht zuletzt hat die Bank dann noch ihre offenen Reserven angezapft, also den Fonds für allgemeine Bankrisiken. Diesem wurden 850.000 Euro entnommen.

Wobei sich das, was Sie aufzählen, nicht zwingend zu 4,1 Mio. Euro aufsummiert.

Borgwerth. Wie gesagt, wir haben es meine Meinung nach mit einem Meisterwerk der Illusion zu tun. Wobei festzuhalten bleibt: Der Wirtschaftsprüfer – in diesem Fall der baden-württembergischen Genossenschaftsverbands – hat dem Ganzen sein Testat erteilt. Und der Bundesverband, also der BVR, scheint der bilanziellen Handhabung zumindest implizit zuzustimmen, sonst hätte seine Sicherungseinrichtung ja wohl kaum die besagte Garantie gewährt.

Natürlich haben wir den BVR, den baden-württembergischen Genossenschaftsverband und die Bank selber mit den Ergebnissen Ihrer Recherche konfrontiert. Konkret äußern will sich keine der Adressen, auch werden die Ergebnisse ihrer Analyse nicht materiell infrage gestellt. Allerdings wurden wir auf zwei bilanzrechtliche Feinheiten hingewiesen, nämlich einmal auf das sog. „Saldierungs-Wahlrecht“ und zum anderen auf die Möglichkeit der sog. „Überkreuz-Kompensation“. 

Borgwerth: Jetzt bin ich aber mal gespannt …

Ohne das Ganze jetzt zum bilanzrechtlichen Proseminar ausarten zu lassen: Wie man Ihnen, lieber Herr Borgwerth, natürlich nicht erklären muss, gilt in der Gewinn- und Verlustrechnung das sog. „Bruttoprinzip“, demzufolge Erträge und Aufwände getrennt voneinander auszuweisen sind und nicht saldiert werden dürfen. Das angesprochene „Saldierungs-Wahlrecht“ – so wurde uns erklärt – besagt aber nun, das Kreditinstitute von diesem Saldierungsverbot unter gewissen Umständen Ausnahmen machen dürfen. Heißt: Wesensfremde Aufwendungen  und  Erträge dürfen in ganz bestimmten Fällen eben doch miteinander verrechnet werden. Und diese Saldierung wird dann als „Überkreuz-Kompensation“ bezeichnet.

Borgwerth: Letzten Endes sind das aber doch nur Fachbegriffe, die das bilanzielle Zukleistern realer Probleme beschreiben – oder sehe ich das etwa falsch?

Naja, die Erklärung, die wir erhalten haben, endet jedenfalls mit dem Satz: „Diese Überkreuz-Verrechnungen lassen die ohnehin begrenzte Aussagekraft des Bank-Jahresabschlusses in starkem Maße schwinden und sinnvolle Transparenz fehlen.“

Borgwerth: Na, sehen Sie! Meines Erachtens stehen die Vorgänge in eklatantem Widerspruch zur Generalnorm des HGB, wonach der Abschluss ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage abzugeben hat. Aber nun gut: Einzelnorm geht offenbar auch in diesem Fall vor Generalnorm.

Also kann die Bank jetzt ganz normal weitermachen?

Borgwerth: Das wiederum glaube ich nicht. Denn die bilanzielle Illusion ersetzt ja nicht die finanzielle Realität. Wenn die Raiffeisen Privatbank Wiesloch ihre Risiken angemessen bilanzieren würde, dann müsste sie ihr Geschäft sehr zügig und sehr kräftig zurückfahren, da kaum noch Eigenkapital vorhanden wäre. Meine Vermutung ist, dass man jetzt erst einmal Zeit gewinnen wollte, um die Bank auf mittlere Sicht in ein anderes Genossenschaftsinstitut hineinzufusionieren.

Letzte Frage: Wer trägt aus Ihrer Sicht die Schuld an dem Desaster?

Borgwerth: Anscheinend niemand! Folgt man der lokalen Berichterstattung aus dem Herbst, dann haben der Aufsichtsrat und der Sicherungsverein auf der Generalversammlung der Bank zumindest vorgeschlagen, Schadenersatz-Forderungen gegen die ehemaligen Vorstände zu prüfen und gegebenenfalls auch durchsetzen zu wollen. Die anwesenden Genossen – also die Eigentümer – haben das aber mehrheitlich und explizit abgelehnt. Dass über die Vernichtung des eigenen Vermögens so nonchalant hinweggesehen wird, halte ich für einen fast schon einmaligen Vorgang.

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