Jahres-Rückblick (I)

Die großen Banking-Trends in 2020. Und die Lehren für 2021

15. Dezember 2020

Von Christian Kirchner

In Teil I unseres großen Jahres-Rückblicks (und: -Ausblicks) kümmern wir uns ums klassische Banking. Teil II, III und IV zu Digital Banking, Fintech und Payments folgen in den kommenden Tagen.

1.) Die Corona-Krise hat die Banken kurzzeitig revitalisiert. Doch nun kommt das dicke Ende – womöglich vor allem für Sparkassen und Volksbanken

Irgendwie war’s ja auch schön dieses Frühjahr. Als die Banken (und Sparkassen) plötzlich wieder gebraucht wurden. Als die KfW-Programme – fast – risikolose Erträge versprachen. Als manche Bank (und Sparkasse) mit geschlossenen Filialen plötzlich mehr Geschäft machte als sonst mit geöffneten.

Und das Schönste: Die Kreditausfälle blieben vergleichsweise überschaubar.

Letzteres freilich dürfte eher an Überbrückungshilfen und an der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht gelegen haben als an der zwischenzeitlichen wirtschaftlichen Erholung, die dem ersten Schock folgte. Zumal: Was aus besagter Erholung wird, nun, da wir uns inmitten des zweiten Schocks befinden, das sei mal dahingestellt.

Bafin-Chef Hufeld jedenfalls warnt in Bezug auf drohende Kreditausfälle inzwischen gleich vor „mehreren Wellen“, EZB-Bankenchefaufseher Enria verschickt hektische Brandbriefe – und als besonders gefährdet gelten plötzlich vor allem kleinere Institute. So kommt eine aktuelle ZEW-Umfrage zu dem Ergebnis, dass die Corona-Ausfälle vor allem Sparkassen und Volksbanken treffen wird. Und auch die EZB konstatierte dieser Tage, viele kleine und mittlere Banken sei bilanziell sehr schlecht vorbereitet in die Pandemie geschlittert.

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2.) Die Deutsche Bank blüht auf wie lange nicht. Doch um welchen Preis?

Um 27% höher als noch zu Jahresbeginn notiert die Deutsche-Bank-Aktie. Und das im Corona-Jahr. Eigentlich sagt das alles. Oder: fast alles

Zur Wahrheit gehört nämlich auch, dass der Gewinn inzwischen wieder zu 2/3 aus dem Investmentbanking kommt – und damit aus der Sparte, aus der er eigentlich nicht mehr kommen sollte (bzw.: nur zu 1/3 kommen sollte). Kann man’s dem größten Geldhaus der Republik verdenken? Wohl kaum. Im Privat- und im Firmenkundengeschäft geht (auch zinsbedingt) immer weniger. Wenn die Bank ihre Ziele für 2022 wirklich noch erreichen will, dann geht das nur übers Investmentbanking. Und also auch: übers Risiko.

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3.) Die Commerzbank hat ein Jahr verloren. Und noch viel mehr als das

Als im Frühjahr 2019 die Fusionsgespräche mit der Deutschen Bank ergebnislos zu Ende gingen, da war die Commerzbank in einer komfortableren Lage als der Rivale. Ohne teure Investmentbanker. Profitabel. Dividendenfähig.

Hier im Zeitraffer, was seitdem passiert ist:

  • Die neue Strategie kam erst nach fünf Monaten
  • Die neue Strategie fiel am Kapitalmarkt durch
  • Dann kam Corona
  • Dann erklärte ein Top-Manager nach dem nächsten den Rücktritt
  • Und dass die Bank im Januar wenigstens einen neuen CEO hat, heißt nicht, dass sie dann auch eine neue Strategie haben wird. Sondern: Das wird dann noch ein bisschen dauern. Womöglich bis Sommer

12 verlorene Monate? Nee: 24 Monate werden’s dann sein. Mal gucken, ob die Commerzbank in einem Jahren (oder sagen wir: in zweiten) noch unabhängig sein wird. Und wenn ja – ob sie dann noch Commerzbank heißt. Oder nicht eher unter dem Markennamen Comdirect auftritt.

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4.) Im Zinsgeschäft wird‘s jetzt so richtig düster

Über die vergangenen fünf Jahren haben Banken und Sparkassen laut Bundesbank-Daten im Schnitt 23% ihrer Zinserträge verloren, wie aus Daten der Bundesbank hervorgeht. Indes: Dank sinkenden Zinskosten, steigender Volumina und ein paar kleinerer Effekten gelang es vielen Instituten dennoch, ihre Zinsüberschüsse einigermaßen zu verteidigen. Zieht man etwa die Zinsüberschüsse unserer Sparkassen und Genossenschaftsbanken zusammen, so lagen diese 2019 mit 37,5 Mrd. Euro auch nur 7% unter jenen des Jahres 2014. Klar, schön ist das nicht. Aber auch nichts, was sich nicht irgendwie operativ lösen ließe auf der Kostenseite oder alternativen Ertragsquellen.

Indes: Schon in diesem Jahr 2020 dürften die Zinsüberschüsse kräftig sinken. So erwarteten vier Fünftel der Sparkassen, deren Ausblicke im Geschäftsbericht wir uns im Sommer stichprobenartig angesehen hatten, einen sinkenden oder allenfalls konstanten Zinsüberschuss für 2020. Die Q3-Zahlen bestätigten diesen Eindruck: Commerzbank: -3%; deutsche ING: -4%, HVB: -4%, Deutsche-Bank-Privatkundensparte: -1%.

Keine Frage: 2021 wird dieser Trend anhalten, auch wenn ausgerechnet die EZB mit ihrem TLTRO-Programm kräftig gegensteuert. Der Trend, dass mehr Volumen den Verfall des Überschusses bremsen kann, ist gebrochen.

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5.) Im Provisionsgeschäft wird mitgenommen, was geht. Aber geht das gut?

Dass die Banken ihre Gebühren erhöhen und Leistungen bepreisen, die sie selbst etwas kosten – das ist eigentlich das normalste der Welt. Bloß: Unsere Banken führen drehen eben nich nur an allen erdenklichen Gebührenschräubchen, sondern oftmals holzen sie parallel am Service (Chats statt Hotlines, kürzere Sprechzeiten) oder schließen Filialen (siehe auch Punkt 6). Das ist ein gefährliches Spiel. Denn Kunden, die etwas bezahlen, werden (zu Recht) anspruchsvoller, auch und gerade was Service und Verfügbarkeiten angeht.

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6.) Unsere Banken gehen jetzt an die Kosten. Aber tun sie es an den richtigen Stellen?

Das erste – neudeutsch: – Learning der Corona-Krise lautete: Banking (siehe Punkt 1) geht auch ohne Filialen. Entsprechend zogen Banken und Sparkassen alsbald die Konsequenzen und begannen im großen Stil mit der Schließung von Zweigstellen.

Ob diese Panikhandlung Strategie richtig war, bleibt abzuwarten Die positiven Kosteneffekte von Filialschließungen zeigen sich oft erst nach Jahren. Dagegen schlagen die Ertragsrückgänge – wenn’s dumm läuft – unmittelbar ins Kontor. Und: Welche Argumente haben Sparkassen und Volksbanken denn überhaupt noch, wenn sie sich durch zu starke Einschnitte in ihren Filialnetzen womöglich ihres stärksten Assets berauben, nämlich der Kundennähe?

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7.) Auch die klassischen Banken profitieren von der Renaissance des Wertpapiergeschäfts. Doch wie lange?

Dass die Corona-Pandemie dem Wertpapiergeschäftdes „Todesstoß“ versetzen könnte, war vermutlich die krudeste aller Thesen von Finanz-Szene.de in diesem Jahr. Denn stattdessen kam es zum großen und hier vielfach gewürdigten Trading-Boom.

Indes: Profitieren von diesem auch die klassischen Filialbanken? Geht so. Denn: Ja, die stets vertriebsstarken Sparkassen und Genobanken haben ihre Fonds und Zertifikate auch und gerade in diesem Jahr unters Volk gebracht. Aber wie sieht’s im Rest der Branche aus? Und – wann hat man eigentlich das letzte Mal vom S-Broker gehört? Oder vom Genobroker?

Auch und gerade im Wertpapiergeschäft sitzen klassische Banken und Sparkassen in der demographischen Falle. Ihre wertpapieraffine Stammkundschaft wird immer älter, kommt es zum Erbfall, schleppen die Erben das Vermögen in gern zu „ihrer“ Bank  – und das ist häufig eine Direktbank und kein Filialinstitut.

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8.) Banking dreht sich nicht mehr um den Neukunden. Aber um wen oder was dann?

Es ist ja nicht so, dass die Banken keine Neukunden mehr wollten. Die DKB etwa verkündet, bis 2024 auf 8 Mio. Kunden kommen zu wollen, muss also noch 3,5 Mio. Kunden draufpacken. Auch die HVB fiel dieses Jahr als besonders akquise-aggressiv auf.

Aber in der Breite ist unübersehbar, dass das Dogma nicht mehr gilt, dass Neukunden (fast) alle Ertragsprobleme lösen: Die Commerzbank steht seit Herbst 2019 auf der Bremse, die ING hat ihrem 10-Mii,-Kundenziel abgeschworen, die 1822direkt setzt aus, und selbst N26 kommtauf den Trichter, doch besser mal die bestehenden Kunden zu bearbeiten, als einfach nur immer neue Kundenzu stapeln.

Was sind die Schlussfolgerungen?

  • Entweder: Die Neukunden-Jagd hat sich nie gelohnt, doch erst jetzt sieht man’s ein
  • Oder: Sie hat sich  gelohnt, aber nun ist der Verteilungskampf beendet

Letzteres wäre eine schlechte Nachrichten für jene Institutsgruppen, die fortlaufend Kunden verlieren bzw. in den nächsten Jahren aufgrund der demografischen Verhältnisse verlieren dürften. Auch hier: Keine schönen Aussichten fürs Filialbanking.

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9.) Haben die Auslandsbanken im richtigen Moment ihren Ehrgeiz gezügelt – und die Landesbanken ihren im falschen Moment Ehrgeiz wiederentdeckt?

Als im Frühjahr die erste Corona-Welle wütete, hieß es plötzlich: Sieh an, die Auslandsbanken – jetzt zehen sie sich wieder zurück.

Tatsächlich standen die Auslandsbanken auf der Bremse. Allerdings schon 2019. Also vor Corona. Was für gutes Timing spricht.

Haben das andere auch? Während Landesbanken hatten ihren Bilanzsummen vor Corona um 7% ausgeweitet – ein Trend, der laut ersten Daten 2020 angehalten hat und 2021 weiter anhalten dürfte.

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10.) Banking war auch 2020 wieder Männersache

Noch vor einem guten halben Jahr bestand der Vorstand der HVB aus zwei Frauen und fünf Männern. Inzwischen beträgt die Quote an roten Krawatten wieder 100%. Freilich ist die HVB in diese Hinsicht keine Ausnahme Und wird das auch in 2021 nicht sein.

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