Aus der Szene

Die Raiffeisenbank, die 58% ihres Kapitals an einen Betrüger verlieh

19. November 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Die Raiffeisen Privatbank Wiesloch-Baiertal eG gehört zu den Wachstums-Champions der deutschen Bankenbranche. Glauben Sie nicht? Dann schauen Sie sich doch einfach mal die Entwicklung des Kreditbuchs über die vergangenen drei Jahren an:

  • 2016 schwollen die Kundenforderungen um 24% an.
  • 2017 waren es dann sogar 26%.
  • Und 2018 immerhin noch 20%.*

Nun mag man argumentieren, dass Kundenforderungen von 147,5 Mio. Euro trotzdem nicht die Welt sind. Indes: Welcher anderen deutschen Bank ist es denn bitteschön gelungen, den Umfang ihres Kreditbuch binnen drei Jahren mal eben annähernd zu verdoppeln? Eben!

Einen klitzekleinen Schönheitsfleck hat die Wachstumsstory des baden-württembergischen Genossenschaftsinstituts freilich trotzdem. Ein nicht ganz unerheblicher Teil des Zugewinns entfiel nämlich allem Anschein nach auf keine der vier angestammten Kundengruppen „mittelständische Unternehmen“, „Privatkunden“, „Gewerbetreibende“ und „Landwirte“. Sondern auf eine sozusagen fünfte Kundengruppe: „Kreditbetrüger“.

So jedenfalls ist es der „Rhein-Neckar-Zeitung“ und dem Internetportal „Kraichgau lokal“ zu entnehmen. Und hört man sich im genossenschaftlichen Lager um, ob die Geschichte denn wirklich stimmt, dann findet sich zumindest niemand, der sie dementiert. Im Gegenteil: Angeblich sind sogar noch mindestens zwei weitere Banken dem Betrüger aufgesessen. Doch der Reihe nach.

Folgt man der Darstellung in der „Rhein-Neckar-Zeitung“, dann begann die Liaison zwischen der Raiffeisen Privatbank Wiesloch-Baiertal eG und dem Mann, der sich später als Kreditbetrüger erweisen sollte, im Jahr 2016. Damals seien die ersten von insgesamt mindestens sechs Darlehen an den Kunden geflossen. Zunächst soll es bei den Engagements noch um kleinere Summen gegangen sein, die dann aber offenbar rasch größer wurden. Denn: Letzten Endes summierten sich die Kredite den Medienberichten zufolge auf rund 9 Mio. Euro. Zur Einordnung: Wenn der Betrag stimmt, dann waren das gut 11% gemessen am Forderungsbestands von Ende 2015. Es waren gut 6% des Forderungsbestands von Ende 2018. Und es waren rund 58% gemessen am bilanziellen Eigenkapital von Ende 2017. Krasse Zahlen.

Um (vermeintliche) Sicherheiten vorweisen zu können, so steht es jedenfalls in der „Rhein-Neckar-Zeitung“ (die sich wiederum auf die Generalversammlung der Bank beruft), habe der Kunde Scheinkonten bei anderen Banken gegründet, Kontoauszüge sowie Stempel gefälscht und auf diese Weise „ein nicht existierendes Vermögen“ in offenbar erklecklicher Höhe vorgetäuscht. Nun sollte man davon ausgehen, dass sich eine Bank, bevor sie einem einzigen Kunden 6% ihres Kreditbuchs anvertraut, dessen Sicherheiten dann doch mal ein bisschen genauer anschaut. Laut „Rhein-Neckar-Zeitung“ verzichtete der Vorstand allerdings darauf, bei den anderen Banken nachzufragen, ob die vermeintlichen Vermögenswerte wirklich existieren. Angeblich gab es eine „Vereinbarung“ mit dem Kunden, in der sich der Vorstand verpflichtet haben soll, von ebensolchen Überprüfungen abzusehen.

Es klingt alles völlig unglaublich. Aber wie gesagt: Genauso steht es in dem Artikel. Und die Darstellungen werden nicht dementiert.

Es kam, wie es kommen musste: Im Frühjahr 2019 offenbarte sich der Kunde als Kreditbetrüger. Ende Oktober erfuhr die regionale Öffentlichkeit, dass sich die Raiffeisen Privatbank Wiesloch-Baiertal eG“ in gegenseitigem Einvernehmen“ von ihren beiden Vorständen getrennt habe. Und vergangene Woche stieg schließlich die Generalversammlung der Bank im katholischen Gemeindehaus Baiertal, das „bis auf den letzten Platz besetzt“ war, wie „Kraichgau lokal“ hinaus in die Welt funkte. Weil: Schon vor der Sitzung habe die „Gerüchteküche“ derart gebrodelt, dass sie „zum Überkochen tendierte“.

Die Anwesenden brauchten Ihr Kommen offenbar nicht zu bereuen. Denn schon bald war von einem „Wertberichtigungsbedarf erheblichen Ausmaßes“ die Rede. Und auf die Frage, ob das mit dem „Wertberichtigungsbedarf“ bedeute, dass das Geld weg sei, erhielten die Mitglieder laut „Rhein-Neckar-Zeitung“ folgende Antworten:

  • „Der Schaden tritt […] mit großer Wahrscheinlichkeit ein.“
  • Es sei zu vermuten, „dass eine Rückzahlung nicht erfolgt“.
  • Der Ausfall sei „mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten“.
  • Es spreche „alles dafür, dass der Schaden bestehen“ bleibe, zumindest „in beträchtlichem Umfang“.

Sprich: 58% des bilanziellen Eigenkapitals – pfffffffffffffffffff.

Natürlich wirft der Fall noch deutlich mehr Fragen auf als die, ob das Geld nun weg ist – zum Beispiel die Frage nach der Rolle des genossenschaftlichen Prüfverbands.

Laut „Rhein-Neckar-Zeitung“ soll der BWGV (also der baden-württembergische Genossenschaftsverband) die Kredite „schon 2016 kritisch hinterfragt, aber im Prüfbericht 2017 auf eine Anmerkung verzichtet“ haben, weil zu diesem Zeitpunkt „vermeintliche Sicherheiten“ vorgelegen hätten.

Offenbar existiert inzwischen aber doch ein Prüfbericht des Verbands, der die Vorkommnisse bei der Raiffeisenbank als „schwerwiegende Verstöße gegen Gesetz oder Satzung“ werte, so die „Rhein-Neckar-Zeitung“. Die mangelnde Risiko-Identifikation der Raiffeisenbank werde in dem Report ebenso moniert wie das Risikocontrolling sowie die Überprüfung von Sicherheiten. Zudem habe der Prüfbericht „strukturelle Risiken im Kundenkreditgeschäft“ und „teilweise deutliche Überschreitungen der intern festgelegten Blankoeinzelgrenzen“ offengelegt.

Ob das Fiasko jenseits der einvernehmlichen Trennung von den beiden Vorständen irgendwelche Konsequenzen hat, ist trotzdem unklar. Dem Aufsichtsrat wurde in dem Prüfbericht bescheinigt, er sei „seinen Mitwirkungs- und Überwachungspflichten nachgekommen“. Die beiden demissionierten Vorstände wiederum holten gegenüber den Mitgliedern zum großen „Mea Culpa“ aus.  „Wir wurden alle getäuscht, es tut mir unendlich leid“, wird der eine Manager zitiert. Und der andere: „Wir hatten nie die Absicht, irgendwelche Risiken einzugehen, die die Bank nicht tragen kann.“

Bei den Mitgliedern verfing die Entschuldigung allem Anschein nach. Denn der Antrag des Aufsichtsrats, gegen die beiden Ex-Vorstände mögliche Schadensersatzansprüche geltend zu machen, wurde bei der Generalversammlung mit großer Mehrheit abgelehnt.

Bleibt noch das mutmaßliche Loch in der Bilanz. Wobei, nein, halt – auch das wurde offenbar gestopft. Die Sicherungseinrichtung des Bundesverbands der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken habe eine Garantie für Kreditrisiken in Höhe von 5 Mio. Euro ausgestellt. Zudem sei ein „erheblicher Teil der stillen Reserven“ aufgelöst werden. Alles halb so wild also? Nur noch mal zu Einordnung: Die Raiffeisen Privatbank Wiesloch-Baiertal eG hat in den zurückliegenden zehn Jahren rund 2,5 Mio. Euro aggregiert verdient. Und nun – sind auf einen Schlag bis zu 9 Mio. Euro ausradiert.

*Die Bank hat die 2018 noch keinen Geschäftsbericht veröffentlicht; die Zahl findet sich aber in einer BVR-Statistik.

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