Analyse

Die Turbo-Transformation unserer Banken seit Corona

17. Juli 2020

Von Christian Kirchner

Dürfen wir uns, bevor es in die vierwöchige Sommerpause geht, heute noch einmal mit dem einschneidendsten Thema der vergangenen Wochen beschäftigen? Also mit Wirec … ähhh: also natürlich nicht mit Wirecard. Denn: Wirecard ist zwar scho au wichtich. Aber ist Wirecard einschneidend?

Unser Eindruck: 1.) Okay, am Ende wird EY innerhalb irgendwelcher Jurisdiktionen auf Basis irgendwelcher Gesetze vielleicht irgendwas zahlen müssen; und 2.) Mag sein, dass der Bafin-Chef bald nicht mehr Hufeld heißt (wobei wir darauf nicht wetten würden). Aber sonst? Die Welt wird sich durch den Wirecard-Skandal eher nicht verändern. Übrigens nicht einmal die Payment-Welt.

Die indes verändert sich momentan bekanntlich aus ganz anderem Grund. Genau wie die Fintech-Welt, die Banken-Welt und die Finanz-Welt überhaupt. Womit wir bei dem Thema gelandet wären, auf das wir eigentlich hinauswollten: Die Branche, über die wir tagtäglich berichten, erfährt infolge von Corona nämlich gerade eine Transformation, wie es sie noch nie gegeben hat. Welche Erkenntnisse sind es, die sich nach vier Monaten Corona-Krise schon konkret ziehen lassen? Ein Zwischenfazit in sieben Thesen

1.) Corona ist (natürlich!) fürs erste netto negativ aus Bankensicht

Bevor wir in Gefahr geraten, irgendwas zu verklären: Der Index für Bankaktien in der Euro-Zone notiert noch immer 35% unter seinem Februar-Hoch. Auch wenn unsere These also lautet, dass sich die (notwendige) Transformation der Branche durch Corona immens beschleunigt – zunächst einmal sind die Corona-Folgen für die Kreditwirtschaft massiv negativ. In Bullets, warum das so ist?

  • An steigende Zinsen (und also an den davon erhofften Ergebnis-Push) ist überhaupt nicht mehr zu denken
  • Bei den Finanzanlagen drohen Einbrüche …
  • … bei den Krediten sind sie sicher

… zusammenfassend gesagt: Der Mix aus schrumpfender Wirtschaft, steigender Arbeitslosigkeit und vielleicht nicht sinkenden, aber doch langsamer als gedacht steigenden Haushaltseinkommen wird unsere Banken und Sparkassen extremst belasten …

2.) Ein unterschätztes Problem: der Corona-bedingte Einlagenzufluss

… ein zentrales Problem wird dabei (jedenfalls unserem Eindruck nach) bislang noch viel zu wenig wahrgenommen. Gemeint sind die massiven Einlagenüberhänge, die etlichen Instituten freilich schon vor Corona wehtaten – doch jetzt wird durch die fürs erste steigende Sparquote alles noch viel schlimmer. Konkret: Im ersten Quartal betrug die Sparquote in Deutschland 16,7%. Für Q2 geht indes geht z.B. das Commerzbank-Research schon von 20% aus. Unabhängig davon, ob das eine Funktion des „Nicht-Könnens“ war (weil Restaurants/Cafés/Geschäfte geschlossen und Reisen kaum möglich waren) oder des „Nicht-Wollens“ (weil die Leute ihr Geld lieber beisammen hielten) … So oder so dürften sich bei den Banken jetzt erst einmal noch mehr liquide Mittel türmen. Was dies heißt in Zeiten negativer Einlagenzinsen, brauchen wir Ihnen ja nicht zu sagen.

3.) Das Filialsterben beschleunigt sich – und das verändert sich das Retailbanking als solches

Okay, mit dem Filialthema haben wir Sie die letzten Wochen schon genug traktiert. Springen Sie gerne weiter zur vierten These …

… oder beziehungsweise: Bleiben Sie lieber doch noch einen Moment bei uns. Denn mit den Schließungen als solchen wollen wir Ihnen gar nicht kommen (zum Nachlesen siehe u.a. hier und hier), sondern mit den Folgen bzw. mit ein paar Kollateral-Beobachtungen:

  • Das Privatkundengeschäft der Deutschen Bank erwirtschaftete im ersten Quartal 10% mehr Erträge als im Vorquartal …
  • … während die Sparkassen ihr Baufi-Geschäft im April um 12% im Vergleich zum Vorjahresmonat steigerten. Nun mag das in erster Linie an den Effekten gelegen haben, die nichts mit den Corona-bedingten Filialschließungen zu tun hatten. Und doch: Wenn Filialbanken bei weitgehend geschlossenen Filialen plötzlich mehr Geschäft machen, dann ist das ein Fanal!
  • Die Comdirect verdiente im Q1 mehr als im Gesamtjahr 2019, Flatex legte das mit Abstand beste Halbjahr seiner Geschichte hin. Okay, das lag an der Sonderkonjunktur im Online-Brokerage (mehr dazu weiter unten). Doch trotzdem ist auch das ein Beleg. Auch in der Krise und zumal als Online-Player lässt sich Ertrag machen
  • Bei der Commerzbank hat die Corona-Krise (oder sagen wir: hat auch die Corona-Krise) einen Vorstand, einen AR-Chef und die erste letzten Herbst verkündete Strategie weggefegt. Wusch. Das sagt doch eigentlich alles
  • Laut einer Studie aus UK haben sechs Millionen Briten wärend „Corona“ überhaupt erst zum ersten Mal die App ihrer Bank heruntergeladen. Das ist zum „Wusch“ das passende „Wische“. Aus Digitalverweigerern werden Mobile-Banking-Kunden.

Folgt dem Corona-Schock der (kostenbedingte) Corona-Boom? Gemach, gemach!

  1. Die Transformation kostet. Fragen Sie mal nach bei der Commerzbank (wir vermuten: einen Milliardenbetrag) …
  2. Die Kosteneinsparungen durch Filialabbau werden gern mal überschätzt (siehe auch unsere große Analyse aus dem letzten Sommer)
  3. Was ist eigentlich mit dem fast schon letzten USP von Sparkassen und Genobanken, nämlich mit der Kundennähe?

4.) Der doppelte Nutzen der „War on Cash“-Strategie

Die Datengrundlage für den überall ausgerufenen Mobile-Payment-Boom (oder wenigstens für den Kontaktlos-Boom oder allerwenigstens für den Karten-Boom) ist zwar noch nicht ganz so, wie wir das gerne hätten. Indes: Wenn einzelne Banken von einer Verfünffachung der Kontaktlos-Nutzung in der Corona-Zeit berichten … Und wenn Frankfurts 100-Euro-Schein-Banker neuerdings in x-beliebigen „Fressgass“-Lokalitäten unmissverständlich aufgefordert werden, mit Karte zu bezahlen … Na: Die anekdotische Evidenz dafür, dass das mit dem Boom stimmt, ist schon recht stark!

Für die Banken erscheint der Trend gleich doppelt erfreulich: Zum einen bleibt ein bisserl Interchange hängen. Beispiel Comdirect: Dort ist für 2019 von einem Anstieg des Provisionsüberschusses aus dem Zahlungsverkehr um 23% auf 26. Mio. Euro die Rede, was explizit der „gestiegenen Kartennutzung“ zugeschrieben wird.

Vor allem aber: Viel stärker interessiert die Banken, was sich durch die verstärkte Kartennutzung aus der Kostenseite einschlägt. Denn wer häufig seine Karte einsetzt, brauch weniger Bargeld – und die Bargeldversorgung ist ein elementarer Kostenfaktor von der kleinen Sparkasse bis hin zur filiallosen Direktbanken. Erstere müssen oft wenig lukrative Filialen und Geldautomaten betreiben, zweitere zahlen – wie etwa die ING – beim Bargeldbezug über Fremdanbieter richtig drauf, wenn der Kunde (mit seiner Kreditkarte) von für ihn kostenlosen Abhebungen Gebrauch macht.

Der Privatkunden-Chef einer großen deutschen Bank erzählt: „Die Bargeldnachfrage ist zunächst in der Corona-Krise explodiert, dann aber weit unter das alte Niveau weggesackt – und seitdem auch nur noch leicht wieder gestiegen.“

Natürlich freut sich der gute Mann hierüber. Wer will’s ihm verdenken?

5.) In der Quarantäne haben die Deutschen das Zocken gelernt

Seit Jahren treibt Deutschlands Banken eine Frage um: Wie zum Teufel bringt man den Deutschen den Kauf von Wertpapieren näher? Wenn der Anlass nicht so traurig wäre, wäre es nachgerade komisch – es hat offenbar eine Pandemie samt viel Zeit zu Hause gebraucht, damit der ein oder andere die Lust an Wertpapieren entdeckt. Ein paar Belege:

  • Comdirect und Flatex siehe oben (oder hier und hier)
  • Trade-Republic kommt kaum mit den Depot-Eröffnungen nach und hat inmitten der Krise ein fettes Funding hingelegt
  • In den vier Monaten seit Ende Februar verkauften Direktbanken laut „extraetf.com“ 326.000 neue ETF-Sparpläne – mithin also knapp 3.000 pro Tag.

Freilich auch das: alles Beispiele aus der Online-Welt.

6.) Die Hilfskredite sind ein willkommenes Zubrot – und stärken die Kundenbindung

An den Corona-Hilfskrediten werden Banken nicht reich. Aber mit ihnen lassen sich weitgehend risikolos (in der Regel haftet der Bund über die KfW zu 100%) ein paar Bearbeitungsentgelte und Margen verdienen (Details siehe hier) – und nebenbei lässt sich auch noch die Kundenbindung stärken. Das beschert zumindest den Sparkassen ein richtig hübsches Geschäft, siehe unsere exklusiven Zahlen von heute Früh.

Voilà:

Sparkassen vergeben Löwenanteil der Corona-Hilfskredite

7.) Die Wahrheit kommt mit Verzug

Ein ebenso interessantes wie treffendes Detail findet sich im aktuellen „Bafin Journal„, in dem die Aufsicht über einen kleinen Stresstest berichtet, den man mit der Bundesbank durchgeführt und bei dem man ein konjunkturelles Einbruchs-Szenario durchgespielt habe.

Wir zitieren das Ergebnis:

„Sollte der BIP-Einbruch mit -10,8 Prozent noch schwerer ausfallen, ergibt sich im COVID-19-Stresstest ein Rückgang der durchschnittlichen harten Kernkapitalquote um 4,7 Prozentpunkte auf 11,2 Prozent. Der höhere Stresseffekt resultiert aus zusätzlichen Verlusten aus dem Kreditrisiko. Auch bei diesem schwereren BIP-Einbruchsszenario von -10,8 Prozent im Jahr 2020 wären die deutschen LSIs im Durchschnitt weiterhin ausreichend kapitalisiert. Maßnahmen, mit denen die Institute gegensteuern können, sowie die Effekte staatlicher Hilfsprogramme bleiben im Stresstest unberücksichtigt. Zeitverzögerte Kreditausfälle auch aufgrund der Stützungsmaßnahmen des Bundes rechnen viele LSIs erst in der zweiten Jahreshälfte 2020 sowie im Jahr 2021 mit einem Eintritt von Kreditausfällen. Es ist aber davon auszugehen, dass Corona die Ertragslage der Institute zusätzlich zu der andauernden Niedrigzinsphase weiter belasten wird – nur eben zeitverzögert.“

… wobei die Hervorhebung von uns stammt.

Zur Erinnerung: Der erste Corona-Schock ist ja ganz abgefedert worden durch …

  • … die Corona-Hilfskredite
  • … die vorübergehende Aussetzung der Insolvenzantragspflicht
  • … EZB-Staffelzins und TLTRO-Programm.

Bei der dauerhaften Stärkung der Ertragskraft hilft all dies nicht. Erst mal kommen jetzt die Einschläge. Und irgendwann dann, jedenfalls wenn man jetzt mal ganz, ganz optimistisch ist – irgendwann wird dann die Transformation ihre Wirkung zeigen.

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