Kurz gebloggt

Die Zertifikate-Sause von Wirecards AR-Chef Eichelmann

28. Juni 2020

Von Christian Kirchner

Wo eigentlich hat Wirecard-Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann seit Anfang Mai gesteckt? Wenn unsere Recherche nicht trügt, dann datiert seine letzte große mediale Erscheinung vom 30. April, das war zwei Tage nach dem vernichtenden KPMG-Sonderprüfungsbericht. Damals führte der Mann, der bei Wirecard „aufräumt“ (O-Ton „FAZ“), gegenüber dem „Handelsblatt“ aus: „Eine Personaldebatte wäre im Moment in keinster Weise zum Wohl des Unternehmens. Eine Ablösung von Herrn Dr. Braun sehe ich heute nicht.“

Ein paar Tage später führte Eichelmann noch ein Vorstandsumbau durch, der medial als „Entmachtung“ Brauns gedeutet wurde. Tatsächlich blieb der angeblich „Entmachtete“ jedoch CEO. Und sein Adlatus Jan Marsalek blieb explizit für das Drittpartner-Geschäft zuständig. Ähh, wer hatte das jetzt wen „entmachtet“?

Jedenfalls: Seitdem war von Eichelmann nichts mehr zu hören. Wobei – eine kleine Meldung kam dann doch. Am Mittwoch vergangener Woche, also einen Tag vor der Insolvenz. Da veröffentlichte Wirecard nämlich um 17.04 Uhr eine Pflichtmitteilung, in der es in Bezug auf Eichelmann hieß: „Automatischer Umtausch von 300 BRC-Zertifikaten bei Laufzeitende in Aktien der Wirecard AG mit Rundungsausgleich in bar.“

Was Wirecard-Kennern da gleich auffiel: Es handelte sich um die bereits fünfte Wirecard-Eichelmann-Pflichtmitteilung dieser Art seit Oktober letzten Jahres. Hier die vier vorangegangenen:

  • 16. Oktober 2019: „Automatischer Umtausch von 300 BRC-Zertifikaten bei Laufzeitende im Oktober 2018 gezeichneten 300 Autocall Barrier Reverse Convertible-Zertifikaten der Société Générale“ (siehe hier)
  • 6. November 2019: „Automatische Rückzahlung von im Oktober 2018 gezeichneten 300 Autocall Barrier Reverse Convertible-Zertifikaten der Société Générale“ (siehe hier)
  • 24. April 2020: „Automatische Rückzahlung von im April 2019 gezeichneten 300 Autocall Barrier Reverse Convertible-Zertifkaten der Goldman Sachs.“ (siehe hier)
  • 22. Mai 2020: „Automatische Rückzahlung von im Mai 2019 gezeichneten 300 Autocall Barrier Reverse Convertible-Zertifkaten der BNP Paribas.“ (siehe hier)

Und dann, wie gesagt, am vergangenen Mittwoch (24.6.) das hier: „Automatische Umtausch von im Juni 2019 gezeichneten 300 Barrier Reverse Convertible-Zertifikaten der SG Issuer, Luxembourg.“ (siehe hier)

Was geht da vor sich?

Der Reihe nach: Herr Eichelmann hat offenbar mehrmals sogenannte „Autocall Barrier Reverse Convertible-Zertifikate“ gekauft. Und zwar, so wie sich das für uns darstellt, für jeweils 300.000 Euro. Warum es hierzu Pflichtveröffentlichungen vonseiten Wirecards gab? Weil bei den von BNP Paribas, Goldman Sachs sowie Société Générale bzw „SG Issuer“ emittierten Papieren jedesmals auch die Aktie der Wirecard AG im Spiel war. Also des Unternehmen, für dessen Beaufsichtung bzw. Aufräumung Eichelmann in den vergangenen Monaten verantwortlich war.

Da die veröffentlichungspflichtigen Kaufzeitpunkte bei vier der fünf Zertifikate vor den Amtsantritt Eichelmanns bei Wirecard als Aufsichtsrat fallen und einmal in den gleichen Monat, kann man davon ausgehen, dass die Zertifikate nichts mit der Vergütung Eichelmanns als Aufsichtsrat zu tun haben – denn angetreten als normaler Aufsichtsrat ist er erst im Juni 2019, zum Chef des Gremiums wurde er im Januar 2020.

Mutmaßlich haben wir es hier also schlicht mit Einblicken in die private Vermögensdisposition zu tun. Warum nur „mutmaßlich“? Nun, wir haben auch bei Wirecard nachgefragt, auch zu den Details der Transaktion, erhielten aber keine Antwort.

Neugierig, wie wir sind (und weil öffentliche Pflichtmitteilungen nun mal nicht ohne Grund öffentliche Pflichtmitteilungen sind), haben wir uns die Scheinchen letzte Woche einmal näher angesehen. Sie müssen jetzt vielleicht ein bisschen aufmerksam sein beim Lesen, aber wir versprechen, es lohnt sich:

Im Prinzip handelt es sich bei „Barrier Reverse Convertible“-Zertifikaten um Produkte, wie sie auch im Beratungsalltag in Deutschland und vor allem in der Schweiz zum Einsatz kommen. Zumal seitdem die Zinsen so niedrig sind. In der Schweiz sind die „Barrier Reverse Convertibles“ sogar eine der populärsten Zertifikategattungen überhaupt.

Die Papiere funktionieren recht simpel: Ein Anleger zahlt einen Betrag x und bekommt dafür einen Zinskupon in Aussicht gestellt. Den eingezahlten Betrag zum Laufzeitende – meist ein bis zwei Jahre später – gibt es zurück, wenn alles gutgeht, sprich: Wenn die dem Zertifikat zugrunde liegende Aktie oder auch mehrere davon alle nicht allzu tief fallen. Fallen die Aktien jedoch unter eine bestimmte Schwelle, tragen Anleger die Verluste dieser schlechtesten Aktie oder bekommen sie „geliefert“.

Noch plastischer: Stellen Sie sich vor, Sie sind mit der Hundebetreuung in einem sehr unübersichtlichen Park betraut. Um die Hunde überhaupt betreuen zu dürfen, müssen Sie 1.000 Euro auf den Tisch liegen. Sie bekommen aber 1.100 Euro zurück, wenn Sie die Hunde am Abend ihren Besitzern zurückbringen. Büxt Ihnen jedoch ein Hund aus, wird es teuer. Denn dann zahlen Sie eine Strafe, die sich daran bemisst, wie weit der Hund Ihnen weggelaufen ist. Dabei zählt der Hund, der am weitesten ausgebüxt ist. Beziehungsweise: Wenn der Hund sogar ganz weg ist (wie so manches Unternehmen dieser Tage …),  dann sind die 1.000 Euro komplett futsch. Und das alles nur, weil Sie 100 Euro verdienen wollen. Immerhin: Sie suchen sich die Hunde selbst aus.

Mit nur einem Hund – das wäre in unserem Zertifikate-Beispiel ein „Barrier Reverse Convertible“ mit einer zugrunde liegenden Aktie – ist das alles noch gut machbar.  Ein Hund kommt ja nicht so leicht weg. Mit zwei Hunden wird es schon ein kleines bisschen schwieriger. Mit drei mindestens unübersichtlich. Und mit vieren muss schon sehr, sehr viel gutgehen, dass niemand zwischendurch mal ausbüxt.

Den Eichelmann-Zertifikaten (jedenfalls den veröffentlichungspflichtigen) lagen in zwei Fällen zwei Aktien, in drei Fällen dann aber gleich vier Aktien zugrunde.

Fragt sich nur noch, welche Aktien ausgebüxt sind. Ausweislich der Pflichtmitteilungen ging dreimal alles gut und es gab den Einsatz zurück (plus vermutlich den meist dicken Zinskupon). Einmal ging es nicht so gut, da riss sich Thyssen-Krupp von der Leine los. Und nun, in dem am 24. Juni gemeldeten Zertifikat (ISIN: CH0479476373) der Société Générale – welche Aktie war da weggerannt?

Sie ahnen’s: Wirecard.

Was sich nämlich in der Mitteilung wie ein Vertipper liest – nämlich dass der Transaktion von Eichelmann der Kauf (!) von 1800 Wirecard-Aktien zum Kurs von 150,90 Euro (!!) im Umfang von 271.620 Euro (!!!) zugrunde liegt, und das drei  Tage vor der Insolvenz –  das ist kein Vertipper. Das ist zutreffend. Genau das sehen die Bedingungen der „Barrier Reverse Convertible“ nämlich vor: Entwickelt sich eine Aktie katastrophal, zählt genau die für die Rückzahlung. Die Performance der übrigen Papiere ist wurscht. Es zählt nur der „Worst-Performer“, der eine bestimmte Kursschwelle reißt.

Der Wirecard-Kurs am 22. Juni – dem ausgewiesenen Datum der Transaktion – pendelte zwischen 13 und 18,70 Euro und betrug zum Handelsende 14,44 Euro. Mithin also rund 90% unter den genannten 150,90 Euro. Wir kennen nicht alle Parameter wie Kaufpreis, Gebühren, Zinskupon und so weiter, um exakt berechnen zu können, was Eichelmann das Fiasko denn nun gekostet hat und ob er vielleicht irgendwie abgesichert war (was dann aber auch womöglich veröffentlichungspflichtig gewesen wäre). Aber irgendwo ganz ganz grob in Richtung 70 bis 80% wird’s schon gegangen sein.

Nun dürfte außer Frage stehen, dass bei Eichelmann – viele Jahre Vorstandschef und Multi-Aufsichtsrat, zuletzt 2010-2018 CEO bei der Aton/Horus Vermögensverwaltungs – „die Vermögensbildung abgeschlossen“ ist, wie das „Manager Magazin“ in einem Interview fragend feststellte und was von Eichelmann nicht dementiert wurde. Da kann einem schon mal ein „Barrier Reverse Convertible“-Zertifikate für einen sechsstelligen Euro-Betrag um die Ohren fliegen.

Die Tragikomik: Eichelmann tritt seine Job als Aufsichtsrat im Juni 2019 an und wird im Januar 2020 Chef des Gremiums. Ab Ende April überschlagen sich dann die Ereignisse, kulminieren in verweigertem Testat, einem Aktiencrash, vermissten Milliarden, der Trennung von Vorstandschef Markus Braun, gegen den dann auch noch ein Haftbefehl erwirkt wird …

… und als ob das nicht reicht – läuft dem armen Herrn Eichelmann auch noch der eigene Hund weg.

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