Analyse

Draghis 900-Mio.-Euro-Geschenk an die deutschen Banken

12. September 2019

Von Christian Kirchner

Als Notenbank kann man es nie allen recht machen. Mit den gestrigen Entscheidungen hat die EZB es ihren Kritikern in den deutschen Banken allerdings recht schwer gemacht, sie weiterhin so uneingeschränkt zu kritisieren, wie das zuletzt der Fall war.

Kurz, was beschlossen worden ist:

  • Der negative Einlagenzins sinkt noch weiter von 0,40% auf 0,50% … (im Prinzip schlecht für die Banken)
  • Zugleich  führt die EZB allerdings Staffelzinsen auf eben jene Strafzinsen ein, das heißt, sie mildert die negativen Effekte vor allem für die einlagenstarken Institute in Deutschland (hallo @BdB, das sind wir!!!), Frankreich und den Niederlanden
  • Ab November kauft die EZB wieder Anleihen im Wert von zunächst 20 Mrd. Euro pro Monat, und das, wenn nötig, auch im Reich der Anleihen mit negativen Renditen
  • Und: EZB-Chef Draghi kündigte in der vorletzten Ratssitzung seiner Amtszeit quasi ein zweites „Whatever it takes“ an. Heißt: Die EZB will die Anleihenkäufe und Niedrigzinsen so lange beibehalten, bis die Inflationserwartungen wieder in Richtung knapp 2% steigen. Zeitrahmen? Gibt es keinen mehr. Zugleich stutzte sie aber die eigenen Inflationsprognosen für 2020 auf nur noch 1% und für 2021 auf 1,5%. Was wiederum impliziert: Auf drei Jahre Ausnahmezustand in der Geldpolitik müssen sich die Banken noch mindestens einstellen.

Was heißt das nun? Hier die  wichtigsten Implikationen in Form eines FAQs:

Wie fallen die Maßnahmen verglichen mit den Erwartungen aus?

Noch umfangreicher, als die EZB-Auguren erwartet hatten. Was auch erklärt, warum Aktien und Anleihen gestern deutlich gestiegen sind.

Wie reagierten die Bankaktien und warum?

Die in den letzten Wochen ohnehin schon deutlich gekletterten Bankaktien konnten ihr Niveau gestern bemerkenswerterweise verteidigen (Euro Stoxx 50 Banks: +0,1% nach +13% binnen vier Wochen; Deutsche Bank -0,1% nach +29% in den letzten vier Wochen).

Weil? Weil nun tatsächlich der von den Banken ersehnte Staffelzins eingeführt wird (Details unten). Und weil sich die EZB (siehe oben) mit aller Macht gegen die drohende Rezession stemmen will, was die Bankaktionäre hoffen lässt, dass die befürchtete doppelte Kreditkrise (mehr Ausfälle, weniger Neugeschäft) doch noch abgewendet wird.

Die Kehrseite freilich: Die Zinswende (mit potenziell wieder steigenden Zinserträgen für die Banken) ist, wenig überraschend,  um mindestens drei Jahre verschoben.

Wie reagierte die Bankenlobby?

„Die EZB erinnert an einen Autofahrer, der falsch in eine Sackgasse abgebogen ist und dennoch weiter Gas gibt“, meinte BdB-Präsident Hans-Walter Peters. „Die negativen Auswirkungen dieser Geldpolitik überwiegen mittlerweile, gleichzeitig haben sich die positiven Effekte abgenutzt“, wusste DSGV-Präsident Helmut Schleweis schon wenige Minuten nach dem Zinsentscheid. „Die EZB betreibt eine Geldpolitik mit der Brechstange, wo Geduld gefragt ist“, ließ sich BVR-Präsidentin Marija Kolak zitieren. 

Was steckt hinter den neuen Staffelzinsen für Banken?

Kombiniert man die aktuelle Überschussliquidität sämtlicher europäischer Banken (rund 1800 Mrd. Euro) mit dem künftig geltenden EZB-Strafzins von -0,5%, dann ergäbe (Konjunktiv!) sich hieraus rein rechnerisch eine Belastung von rund 9 Mrd. Euro jährlich. Was das für die deutschen Banken hieße (Konjunktiv!), lässt sich insofern errechnen, als ein Drittel der überschüssigen Liquidität (also rund 600 Mrd. Euro) auf die hiesige Kreditwirtschaft entfällt.

Nun aber vom Konjunktiv in den Indikativ – und damit zum neuen EZB-Staffelzins, der funkioniert wie ein Freibetrag: In Zukunft soll das Sechsfache der sog. „Mindestreserve“ (also des Geldes, das die Banken obligatorisch bei der Notenbank lagern müssen und das auch heute schon von Strafzinsen ausgenommen ist) von Negativzinsen verschont bleiben. Das heißt für deutsche Banken, dass rund 180 Mrd. Euro Überschussliquidität künftig nicht mit Negativzinsen belegt werden.

Daraus ergibt sich für die Geldinstitute hierzulande eine Entlastung von rund 900 Mio. Euro pro Jahr (bzw. gemessen am Status quo eines 0,4%igen Strafzinses ohne Staffelung immerhin noch eine Entlastung von rund 500 Mio. Euro; hier eine schöne Übersicht bei Pictet zu dem Thema). Der guten Ordnung halber: Wie die übrigen Maßnahmen die GuV belasten, lässt sich schwer quantifizieren bzw. kaum vorhersehen.

Gibt es bald wieder (höhere) Guthabenzinsen?

Naja, zumindest dürfte das Thema „Minuszinsen für Normalsparer“ bis auf Weiteres vom Tisch sein. Ob die ein oder andere Bank den Sparern nun sogar wieder eine Verzinsung bietet, wird man sehen – ein bisschen Spielraum jedenfalls wäre  fürs Erste wieder da. Zumal: Womöglich werden auch die  Geldmarktzinsen als Folge der neuen Staffelung leicht ansteigen.

Und was ist mit den Kreditzinsen?

Auch hier gilt: Die Banken hätten durch die Entlastungen bei den EZB-Strafzinsen theoretisch jetzt etwas mehr Spielraum, in eine etwaige Konditionenschlacht einzusteigen. Dass sich einige Banken auf ein Szenario negativ verzinster Immobilienkredite einstellen, hatten wir neulich ja beschrieben. Zugleich ist unser Eindruck allerdings, dass große Teile der Kreditwirtschaft die Null-Linie bei den Bauzinsen unter allen Umständen verteidigen will („unter allen Umständen“ heißt: bis die erste Bank ausscheidet bzw. bis das Spiel kartellrechtlich heikel wird). Dazu passt, was eine Sprecherin des Baugeldvermittlers Interhyp dieser Tage zu „Finanz-Szene.de“ sagte – nämlich das einige Banken „in den bei uns hinterlegten Produktdaten festgelegt haben, dass auch bei Bestkonstellationen ein bestimmter Mindestzins im positiven Bereich nicht unterschritten werden darf“..

Was muss ich sonst noch wissen zum EZB-Zinsentscheid?

  • Wenn die EZB ihre Anleihen-Käufe wie angekündigt forciert, dann werden Bundesanleihen bald knapp werden (und zwar rein rechnerisch bereits in neun Monaten). Heißt:  Die Notenbank muss ihre selbst gewählte Obergrenze (wonach sie von jeder Bunds-Tranche nur maximal 33% erwirbt) anheben. Oder auf den Kauf deutscher Staatsanleihen demnächst verzichten.
  • Der zentrale Vorwurf der EZB-Kritiker lautet, dass selbst noch niedrigere Zinsen die Kreditvergabe nicht weiter erhöhen werden. Wenn es wirklich so kommen sollte, wäre das für die Banken ein echtes Problem – denn dann schwächelt das Neugeschäft, während dem Kreditbuch parallel durch mögliche Vermögensblasen weitere Risiken erwachsen könnten.
  • Was, wenn trotz allem die Rezession kommt: Hat die EZB dann überhaupt noch irgendeinen Spielraum? Die Draghi-Kritiker sind auch hier skeptisch.

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