Analyse

Dt. Bank: Sechs (nicht nur gute) Gründe für die starken Zahlen

29. Oktober 2020

Von Christian Kirchner

Erinnern Sie sich noch, mit welchen drei Fragen wir gestern Früh unseren Live-Blog zu den Q3-Zahlen der Deutschen Bank anmoderiert haben? 1.) Hat die Investmentbank ein weiteres Mal das Ergebnis gerettet? 2.) Kommen im Firmenkundengeschäft die Einschläge näher? Und 3.) Ist die Privatkundensparte nach zartem Zwischenhoch bereits wieder in die altbekannte Lethargie verfallen? Hier die Antworten: Ad 1.) Ha! Mehr als das!!! Ad 2.) Nö! Und ad 3.) Auf den ersten Blick nicht …

Alles in Butter also? Ja. Und nein.

Denn wie eigentlich immer bei der Deutschen Bank lohnt der zweite und besser noch der dritte Blick. Oder anders gesagt: Es gibt zwar Gründe, warum das größte Geldhaus der Republik inmitten in der Corona-Krise so gut dasteht wie lange nicht mehr (z.B. einen ziemlich brillanten Umgang mit dem Thema „Negativzins“). Allerdings sind manche dieser Gründe durchaus zweischneidig (wie z.B. der von uns entdeckte kleine Bilanztrick, der dem Noch-Privatkundenchef Knof sein letztes aktiv verantwortetes Q-Ergebnis gerettet hat).

Hier unsere Analyse:

1.) Die Deutsche Bank liegt bei Erträgen und Kosten endlich mal im Plan

Bevor’s ins Kleinteilige geht: Dass die Deutsche Bank, die zuletzt fünf Jahre hintereinander Verlust gemacht hatte, nun auch das dritte Corona-Quartal sehr ordentlich bewältigt – das ist eine respektable Leistung. Punkt.

Zumal der Nettogewinn von rund 300 Mio. Euro auch andere Kennziffern beflügelt. Mit 13,3% Kernkapitalquote liegt die Deutsche Bank jetzt komfortabel über dem internen Ziel von 12,5%. Bei Kosten und Rentabilität ist das Institut nach eigenen Angaben „im Plan“, die Erträge steigen (und zwar konzernweit um 4% zum Vorjahresquartal), die Kosten sinken (und zwar um 3% zum Vorjahresquartal). Auf 9M-Sicht sieht’s sogar noch imposanter aus: Erträge plus 4%, Kosten minus 13%.

Alles gut also. Wobei dennoch erstaunt, dass jetzt gleich wieder die Boni für die hochperformante Investmentbanker erhöht werden sollen, wie Finanzchef James von Moltke in einem „Bloomberg TV“-Interview erklärte. „Ein Unternehmen wie unseres muss in der Lage sein, konkurrenzfähige Performance zu honorieren“, so von Moltke.

2.) Die Investmentbanker machen ordentlich Dampf

Wo Moltke freilich Recht hat: Der Gewinn kommt größtenteils aus dem Investmentbanking. 957 Mio. Euro Vorsteuerplus wurden gestern gemeldet, noch einmal deutlich mehr, als Analysten ohnehin schon erwartet hatten (557 Mio. Euro). Beim ausgewiesenen Umsatzwachstum von satten 43% dürfte die Deutsche Bank obendrein rascher gewachsen sein als der Wettbewerb in diesem Segment.

Damit war die Investmentbank aber auch die einzige der vier Kernsparten, die deutlich besser abschnitt als gedacht …

3.) Die Risikovorsorge ist (erstaunlich) niedrig

Hieß es nicht mal, mit dem dritten Quartal würden allmählich die Einschläge in den Kreditbüchern kommen?

Nun denn: Die Deutsche Bank überraschte gestern mit einer niedrigen Risikovorsorge für faule Kredite – diese summierte sich inklusive Bad Bank auf nur 273 Mio. Euro, rund zwei Drittel weniger als noch im Q2 und fast (wieder) auf dem Niveau der Prä-Corona-Quartale.

Nun kann das natürlich einem überragend guten Kreditbuch geschuldet sein. Vielleicht steht die Deutsche Bank in der Darlehensvergabe aber auch auf der Bremse (siehe dazu auch unser heutiges Stück: „Hohe Nachfrage, rigide Banken: So schaut’s am Kreditmarkt aus„). Ein simpler Blick auf das Volumen ausstehender Kredite zeigt: Dieses sank, und zwar in der Kernbank von 439 auf 429 Mrd. Euro.

4.) Die Deutsche Bank wehrt Einlagen ab – und setzt zugleich Negativzinsen durch

Die Deutsche Bank hat, wie aus ihrer Präsentation zum Zahlenwerk hervorgeht, inzwischen für Einlagen in Höhe von 75 Mrd. Euro (Jahresende 2019: 30 Mrd. Euro) Negativzinsen vereinbart. 90% hiervon betreffen Geschäfts- und Firmenkunden. Insgesamt erzielte die Bank mit den Negativzinsen 57 Mio. Euro Ertrag im laufenden Quartal. Hübsch, finden Sie nicht auch? Und überdies ein Einblick, den andere Banken so nicht gewähren und der darüber hinaus eine Reihe von Schlüssen zulässt:

  • Das Ausrollen der Negativzinsen vertreibt die Einlagen nicht, stoppt aber offenbar ihren Zufluss. In der Corporate Bank betrugen die gesamten Einlagen per Ende letzten Jahres 264 Mrd. Euro, jetzt sind es 262 Mrd. Euro
  • Kleiner Überschlag: Wenn 90% der mit Negativzins belegten 75 Mrd. Euro an Einlagen in der Firmenkundenbank sitzen, entspricht das rund 68 Mrd. Euro, mithin ist ein Viertel der Geschäftskunden-Einlagen mit Negativzinsen belegt
  • Wenn umgekehrt also nur 8 Mrd. der Einlagen in der Privatkundenbank mit Negativzinsen belegt sind (hier greift die Bank ab 100.000 Euro zu), so entspricht das lediglich rund 3% der rund 297 Mrd. Euro Einlagen im Privatkundengeschäft
  • In der Unternehmensbank sind die Erträge aus den Negativzinsen bereits ein messbarer Ertragsfaktor: Die rechnerisch rund 50 Mio. Euro, die die Unternehmensbank in einem Quartal an Erträgen aus Negativzinsen erwirtschaftet, entsprechen bereits 4% der gesamten Quartalsumsätze

5.) Der Privatkundenbank half ein mutmaßlicher Sonderertrag

Die Ertragslage der Privatkundenbank war schon oft Gegenstand unserer Analysen (siehe hier, hier und hier) – meist kritisch, zuletzt aber auch mit der Betonung, dass die Retailsparte stark ins laufende Jahr gestartet war.

Und nun?

Im Q3 waren die Erträge unverändert zum Vorjahresquartal und gingen die Kosten sogar deutlich (-6%) zurück. Dafür stieg die Risikovorsorge und muss der Konzernumbau bezahlt werden. Unter dem Strich stand damit ein leichtes Minus von 4 Mio. Euro vor Steuern zu Buche. Auf 9M-Sicht sind es – bedingt natürlich auch durch Restrukturierungs-Aufwendungen – minus 18 Mio. Euro.

Gemessen an dem, was man in den letzten Jahren von der Privatkundenbank gewohnt war, mutet das alles okay an … wäre da nicht ein unscheinbarer Hinweis auf Seite 18 der Quartalspräsentation, laut der die Retailsparte „episodic insurance revenues“ vereinnahmt hat. Dabei dürfte es sich um ein signifikantes „Handgeld“ handeln, das die Deutsche Bank für einen langfristigen Vertriebsdeal mit der Zurich Versicherung eingestrichen hat, praktischerweise ganz knapp vor Quartalsende (siehe hier). Von der Deutschen Bank kam dazu gestern: „Kein Kommentar.“

6.) Woher die Erträge kommen – das ist für den Moment zweitrangig

In der Deutsche-Bank-Bilanz kann man sich leicht verheddern. Denn dass manche Abteilungen urplötzlich ganz gut dastehen – das mag in Teilen auch der Tatsache geschuldet sein, dass Assets, die das Ergebnis belasten, gern mal in die interne „Bad Bank“ geschoben werden, für die bis 2022 kumuliert 9 (!) Mrd. Euro Verlust eingepreist sind (siehe das lesenswerte Stück der SZ-Kollegin Meike Schreiber diese Woche).

Indes: Dieser Umstand wird in den Doppeltürmen momentan ebenso ausgeklammert wie die Tatsache, dass der Gewinn (siehe oben) größtenteils aus der Sparte kommt, aus der er eigentlich nicht mehr kommen sollte und langfristig stark schwankt – also aus dem Investmentbanking. Und übrigens: Wie stark das Investmentbanking performt, das zeigt sich selbst dann, wenn man sich einfach mal den Spaß erlaubt, so zu tun, als hätte es die ganzen Kosten für Restrukturierung und Transformation zuletzt gar nicht gegeben …

in Mio. Euro Vorsteuergewinn 9M Restrukturierungs-Aufwendungen Transformations-Kosten Gewinn ex Sonderposten
Corporate Bank 399 59 44 5.02
Investment Bank 2575 19 62 2.656
Private Bank -133 385 73 325
Asset Mgmt 387 32 1 420

Fragt sich nur, wie es der Deutschen Bank gelingen soll, das Verhältnis zwischen dem Investmentbanking und den übrigen Sparten bis 2022 sozusagen umzudrehen – wie dann also zwei Drittel des Ergebnisses aus dem Asset Management, der Unternehmensbank und dem Privatkundengeschäft und nur noch 30% aus dem Investmentbanking kommen sollen.

Gut, dass danach momentan kaum jemand fragt.

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