Deep Dive

Eine Analyse der Deutschen Bank aus demografischer Perspektive

15. September 2021

Von Heinz-Roger Dohms*

„Es gibt keine jungen und alten Spieler, nur gute und schlechte“, hat der stets weise Otto Rehhagel gesagt. Selbstverständlich lag der Fußballgelehrte damit, erstens, richtig. Und selbstverständlich lässt sich der Aphorismus, zweitens, auch auf andere Branchen übertragen: Es gibt keine jungen und alten Banker, nur gute und schlechte sehr gute.

Gleichwohl – und Sie merken, liebe Leserinnen und Leser, dass wir als endwoker Newsletter bestrebt sind, uns nicht noch einmal dem Vorwurf der Altersdiskriminierung auszusetzen, nachdem wir vor einigen Tagen eine Grafik (aus der hervorging, dass der Anteil der >50-Jährigen im deutschen Bankgewerbe seit 2004 von 16% auf 40% gestiegen ist) mit der unsensiblen Überschrift „Die Vergreisung der deutschen Banken“ versehen hatten …

Ähem, wo waren wir stehengeblieben? Ach ja: Gleichwohl muss man die Frage aufwerfen, ob es zielführend ist, wenn (neutral ausgedrückt) die Profile, die bei unseren Banken und Sparkassen ein- und ausgehen, in vielen Fällen gefühlt noch dieselben sind wie vor zehn oder fünfzehn Jahren. Sagen wir es daher so: Dass die Belegschaften in Banken und Sparkassen immer älter werden, ist nicht notwendigerweise eine schlechte Sache.

Aber: Es ist ein Fakt, den man nicht ignorieren kann. Genauso wie es ein Fakt ist, dass von 50 Deutschbankern hierzulande im Schnitt nur einer (!) jährlich das Institut aus eigenem Antrieb verlässt, wie unser Datenrechercheur herausgefunden hat. Ist das Treue zum Arbeitgeber? Oder das Kleben an Sesseln? Jedenfalls: Wer die Branche und ihre Perspektiven verstehen will, der muss sich ab und an auch mal mit ihrer Demografie auseinandersetzen.

Darum heute: Ein Deep Dive in die Altersstruktur des größten Geldinstituts der Republik:

1. Die Deutsche Bank altert Jahr für Jahr

Im Branchenvergleich ist die Deutsche Bank ein recht „junges“ Institut: Gerade einmal 29,6% der Beschäftigten zählen 49 Jahre oder mehr. Das liegt deutlich unter dem Durchschnitt aller privaten Banken (40% über 50 Jahre). Wer die Werte über die Jahre hinweg vergleicht, stellt gleichwohl fest, dass auch die Deutsche Bank immer älter wird. Dabei stützen wir uns auf die Zahlen aus dem Personalbericht, den die Bank seit 2013 jährlich herausgibt – und der beim ersten Erscheinen auch Daten zurück bis ins Jahr 2009 lieferte. Hier also die Entwicklung der Altersstruktur bei der Deutschen Bank weltweit (Anteile in %):

Alter 2020 2019 2018 2017 2016 2015 2014 2013 2012 2011 2010 2009
<30 14,9 15,1 15,5 16,2 17,1 18,4 18,8 18,9 19,8 21,0 21,4 26,1
30-39 28,4 28,6 29,3 30,1 29,9 29,7 29,3 29,2 29,4 29,4 30,1 34,6
40-49 27,1 27,1 27,6 27,7 28,2 28,6 29,6 30,6 30,8 30,7 30,3 26,2
>49 29,6 29,2 27,6 26,0 24,8 23,3 22,3 21,3 20,0 18,9 18,2 13,1

Quelle: Personalberichte

Aus der Übersicht lassen sich gleich mehrere spannende Erkenntnisse ablesen:

  • Von 2009 bis 2020 hat sich der Anteil der über 49-Jährigen mehr als verdoppelt – von 13,1% auf 29,6%
  • Parallel hat sich der Anteil des Nachwuchses (unter 29 Jahren) fast halbiert – von 26,1% auf 14,9%.
  • Den größten Alterungsschub brachte die Integration der Postbank im Jahr 2010. Damals stieg der Anteil der über 49-Jährigen sprunghaft an, um fast fünf Prozentpunkte. Dass die Bonner daran schuld waren, zeigt auch ein detaillierterer Blick auf weitere Daten jenes Jahres, die sowohl mit als auch ohne Postbank vorliegen.

Im Vorstand übrigens sind vier von zehn Mitgliedern jünger als 49 (Fabrizio Campelli, Alexander von zur Mühlen, Christiana Riley, Rebecca Short). Alle anderen fallen in die höchste Altersgruppe.

2. Die Deutsche Bank altert weltweit …

Postbank hin oder her: Die Mitarbeiter der Deutschen Bank werden weltweit älter – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Hier das Durchschnittsalter nach Regionen:

2020 2019 2018 2017 2016 2015 2014 2013 2012 2011 2010 2009
Deutschland 46,1 45,5 45,6 45,4 44,9 44,3 44,0 43,9 43,2 42,9 42,6 40,3
EMEA (ohne Deutschland) 42,1 41,6 41,3 40,7 40,2 39,8 39,7 39,5 39,0 38,6 38,1 37,4
Nord- und Südamerika 41,5 41,5 41,2 40,9 40,4 40,5 40,4 40,3 39,9 39,5 39,1 39,0
Asien-Pazifik 35,7 35,4 35,0 34,5 34,2 33,6 33,2 33,0 32,9 32,6 32,6 32,3
Alle 42,6 42,3 42,1 41,7 41,3 40,9 40,7 40,6 40,1 39,8 39,7 37,7

Quelle: Personalberichte

Deutlich am jüngsten sind mit 35,7 Jahren die Mitarbeiter im asiatischen Raum, doch selbst dort ist das Durchschnittsalter seit 2009 um 3,4 Jahre gestiegen. Das ist mehr als in Nord- und Südamerika, wo die Mitarbeiter heute durchschnittlich 2,5 Jahre älter sind, allerdings weniger als in EMEA, wo der Wert um 4,7 Jahre gestiegen ist. Bezogen auf alle Mitarbeiter weltweit, stieg das Durchschnittsalter seit 2009 um 4,9 Jahre auf aktuell 42,6 Jahre.

3. … allerdings besonders in Deutschland

Am höchsten von allen Region ist das Durchschnittsalter mit 46,1 Jahren in Deutschland. Mitarbeiter mit über 49 Jahre stellen hierzulande bereits 32,7% der Belegschaft (verglichen mit 29,6% weltweit). Die Gruppe unter 29 Jahren kommt hierzulande gar nur auf 11,8% (verglichen mit 14,9% weltweit). Hier die Altersstruktur der Mitarbeiter in Deutschland (Anteile in %):

Alter 2020 2019 2018
<30 11,8 11,6 11,5
30-39 24,1 28,7 30,2
40-49 31,4 33,1 33,8
>49 32,7 26,6 24,5

Quelle: Nichtfinanzieller Bericht 2020

Offen bleibt, ob der Stellenabbau in irgendeiner Weise mit dieser Entwicklung zu tun hat. Was auffällt, das ist der rapide Anstieg des Anteils der über 49-Jährigen von 2018 bis 2020, gerade auch im Kontrast zum parallelen Rückgang der 30 bis 39 Jahre alten Mitarbeiter.

4. Deutsche Mitarbeiter kündigen fast nie – und bleiben ewig

Um zu verstehen, wie es zur Alterung der Deutschen Bank kommt, prüften wir zunächst die Fluktuationsquote. Diese lag 2019, dem letzten vollen Jahr vor Corona, bei konzernweit 12,6%. Schon da gab es große Unterschiede zwischen den Regionen, denn während die Fluktuation damals in Deutschland mit 6,4% überschaubar ausfiel, erreichte sie in Asien-Pazifik 20,4% und in Amerika atemberaubende 23,2%. So richtig staunten wir dann aber, als wir die Kündigungsquoten betrachteten, sprich die Fälle, in denen die Mitarbeiter von sich auch gingen (während die Fluktuation alle Abgänge mit einschließt, sprich auch die von der Bank veranlassten). Aber schauen Sie selbst, hier der Anteil der Arbeitnehmer-Kündigungen nach Regionen (je 100 Mitarbeiter):

2020 2019 2018 2017 2016 2015 2014
Deutschland 2,6 2,5 2,0 2,0 1,8 1,6 1,5
EMEA (ohne Deutschland) 5,6 7,7 9,2 8,5 7,0 7,5 7,0
Nord- und Südamerika 10,1 14,4 14,1 13,0 11,3 11,2 11,8
Asien-Pazifik 11,3 17,0 18,0 16,8 17,1 18,3 15,2
Alle 5,9 8,0 8,4 7,8 7,2 7,3 6,5

Quelle: Personalberichte

Was lernen wir aus diesen Zahlen?

  • Deutsche Mitarbeiter sind je nach Sichtweise besonders treue Seelen – oder kleben an ihren Stühlen. Gerade einmal 2,6% (!) aller Arbeitnehmer hierzulande reichten 2020 von sich aus die Kündigung ein. Das war zwar etwas mehr als 2014, als es sogar nur 1,5% waren. Aber immer noch deutlich weniger als im Rest der Welt.
  • Schon im übrigen Europa, im Mittleren Osten und in Afrika liegt die Kündigungsquote beständig höher als in Deutschland. Besonders hoch ist sie aber in Amerika und Asien. Dort scheinen der Wille (und die Bereitschaft) zu einem Wechsel deutlich weiter verbreitet zu sein als im Heimatmarkt, und zwar grob um den Faktor 4 (im Jahr 2020) respektive um einen Faktor 6+ (vor Corona).

Die Henne-Ei-Frage liegt nahe, ob die deutsche Belegschaft altert, weil so wenige gehen – oder ob so wenige Mitarbeiter kündigen, weil sie alle älter werden und der Absprung mit 54 nun mal schwerer fällt als mit 34.

Ein Spiegel dieser Entwicklung ist die Dauer der Betriebszugehörigkeit. Die Daten dafür lieferte die Deutsche Bank zwar nur bis 2018. Unübersehbar ist aber, dass die Deutschen in dieser Kategorie mit zuletzt 19,7 Jahren weit, weit vorne lagen und, absolut betrachtet, am meisten zulegten seit 2009 (+4,4 Jahre). Hier die durchschnittliche Dauer der Betriebszugehörigkeit nach Regionen (in Jahren):

2018 2017 2016 2015 2014 2013 2012 2011 2010 2009
Deutschland 19,7 19,6 19,1 18,5 18,4 18,1 17,6 17,4 17,0 15,3
EMEA (ohne Deutschland) 10,8 10,3 10,2 10,0 10,2 10,3 9,8 9,6 9,5 9,0
Nord- und Südamerika 7,8 7,5 7,4 7,5 7,8 7,9 7,8 7,3 7,1 7,1
Asien-Pazifik 5,5 5,2 5,1 4,8 4,8 4,7 4,5 4,0 4,0 3,9
Alle 13,8 13,4 13,2 12,9 13,1 13,0 12,7 12,4 12,3 9,7

Quelle: Personalberichte

5. Früher war mehr Nachwuchs

Um die Alterung abzufedern, müssten deutlich mehr Junge nachkommen. Danach sieht es bei der Deutschen Bank allerdings nicht aus, wenn man sich die Zahl der neu eingestellten Azubis und Trainees anschaut:

2020 2019 2018 2017 2016 2015 2014 2013
Azubis 570 667 607 616 741 863 832 655
Trainees 717 955 910 617 813 766 577 501
Alle 1287 1622 1517 1233 1554 1629 1405 1156

Quellen: Nichtfinanzielle Berichte, Personalberichte

Zuletzt äußerte sich die Deutsche Bank dahingehend, dass die Zahl der Azubis und Trainees „den allgemeinen Rückgang unserer Belegschaft“ insgesamt widerspiegele. Zur Erinnerung: Bis vor wenigen Jahren kam das Institut auf rund 100.000 Vollzeit-Äquivalente, 2022 will man bei knapp 75.000 angelangt sein. Die Botschaft lautet: Wir schrumpfen, wir stellen daher weniger Azubis & Trainees ein – und das wird auch so weitergehen.

6. Die Deutsche Bank rüstet sich fürs Alter

Deutschlands größter Bank weiß natürlich, was Phase ist. Es sei ihr wichtig, „unseren Mitarbeitern in jeder Lebensphase passende Leistungen und Unterstützung anzubieten und ihnen in jeder Phase ihrer Karriere Chancen zu eröffnen“, schreibt sie im jüngsten Nichtfinanziellen Bericht. Schon seit Jahren reagiert das größte Geldhaus der Republik auf den demografischen Wandel innerhalb der Belegschaft. Hier ein paar Beispiele:

  • Checkup 40+: Für alle über 40 Jahre bietet die Deutsche Bank einen Check der physischen und psychischen Gesundheit an. Das Angebot wurde über die Jahre regelmäßig von etwa der Hälfte der Berechtigten in Anspruch angenommen.
  • Reverse Monitoring: Zudem bildet das Institut seit einigen Jahren Tandems aus jungen und erfahrenen Kräften. Nur dass in diesem Fall – anders als im klassischen Mentoring – die Jungen die Coaches sind. Sie sollen den Älteren neue Perspektiven auf die Welt eröffnen, wie es heißt.
  • Well-Being: Befördert von der Pandemie, hat die Bank 2020 ein globales Well-Being-Zentrum eingerichtet. Das Signal ist klar: Gesundheit und Wohlbefinden der Mitarbeiter sind uns wichtig!
  • Fördern und Fordern: Ohne Gegenleistung geht das alles nicht. Und so heißt es im Nichtfinanziellen Bericht 2020 auch, die Bank habe damit begonnen, sich „in ein Unternehmen umzuwandeln, das von seinen Kunden inspiriert und von den Mitarbeitern gestaltet wird“. Und weiter: „Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir unsere Arbeitsweisen verändern und uns aktiv mit schwierigen oder sogar disruptiven Entwicklungen auseinandersetzen.“ Und weiter: „Damit wir in diesem schnelllebigen Umfeld Entscheidungen treffen können, ist es entscheidend, dass Mitarbeiter nicht nur auf ihr Wissen und ihre Erfahrung zurückgreifen.“ Sondern: „Sie müssen auch bereit und in der Lage sein, sich auf neue und ungewohnte Umstände einzustellen.“ Zu Deutsch: Die Jahre bis zur Rente locker absitzen – ist nicht.

Die Deutsche Bank geht mit der Zeit. So steht über der Tabelle mit der Altersstruktur neuerdings „Inklusives Arbeitsumfeld“. Motto: Bei uns dürfen die Alten weiter arbeiten statt den Jungen weichen zu müssen, wir schätzen Erfahrung. Das ist einerseits löblich, selbstverständlich. Andererseits klingt es, wenn wir ehrlich sind, auch ein wenig nach: Akzeptiere das Unvermeidbare und male es in möglichst hellen Farben …

Wie sehr das Institut die neue Sensibilität verinnerlicht hat, lässt sich auch an einer Fußnote zur Tabelle ablesen, in der die Bank (ohne dass uns ein Anlass erinnerlich wäre) versichert: „Die Deutsche Bank beschäftigt keine Mitarbeiter im Alter von 0 bis 14 Jahren (Kinder).“


*Unter Mithilfe weiterer Redaktionsmitglieder 

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