Analyse

Eingeständnis: Die Deutsche Bank geht wieder mehr ins Risiko

10. Dezember 2020

Von Christian Kirchner

24,5 Mrd. Euro sind 24,5 Mrd. Euro. Und 8% sind 8%. Genauso wie 70% (sie ahnen’s) 70% sind. Sprich: Auf den ersten Blick hat der Investorentag der Deutschen Bank gestern keinerlei neue Erkenntnisse gebracht.

Das größte Geldhaus der Republik geht weiterhin davon aus, im Zieljahr 2022 auf Erträge im Umfang von (rund) 24,5 Mrd. Euro zu kommen, auch wenn es genau genommen nun „rund“ 24,4 Mrd. Euro sind. Es geht weiterhin davon aus, eine Eigenkapitalrendite von 8% ausweisen zu können. Und: Weil sich die Deutsche Bank (neuerdings) zugute halten kann, dass sie ihre Kosten im Griff hat, ändert sich auch nichts an der Cost-Income-Ratio: 70% sollten’s werden. Und sollen es weiterhin werden.

Also wirklich keine neuen Erkenntnisse? Von wegen!

Denn: Auch wenn das Ziel das gleiche bleibt, der Weg dorthin ändert sich gewaltig. So korrigiert die Deutsche Bank (weil weder die Private Bank noch die Corporate Bank die 2019er Vorgaben werden erreichen können) die Planwerte fürs Investmentbanking drastisch nach oben. Was auch bedeutet: Die Risiken steigen ein wenig, die Boni sowieso – und das Eigenkapital soll innerhalb des Investmentbankings jetzt auch wieder etwas stärker dorthin fließen, wo’s im Zweifel auch mal wehtut.

Die ganze Analyse:

1.) Die Deutsche Bank hält eisern an ihren Zielen fest

Seitdem die Deutsche Bank im Juli 2019 ihre neue Strategie verkündete, haben sich die Zielsetzung für das Jahr 2022 wie folgt entwickelt:

Juli 2019 Dez. 2019 Dez. 2020
Kosten (Mrd. Euro) 17 17 16,7
Cost-Income-Ratio 70% 70% 70%
Kernkapital-Quote (CET1) > 12,5% > 12,5% > 12,5%
Verschuldung (Leverage Ratio) < 5% < 5% < 4,5%
Eigenkapital-Rendite (Gruppe) 8% 8% 8%

Mithin, keine großem Änderungen – das größte deutsche Geldhaus hält an seinen (am Zustand der Bank Mitte 2019 gemessen) durchaus ehrgeizigen Zielen fest: Das Kostenziel wurde gestern sogar ein wenig nachgeschärft. Hier glaubt die Deutsche Bank nun, 2022 mit 300 Mio. Euro weniger auszukommen als ursprünglich geplant. Ein Grund: die Aussicht auf geringere Bankenabgaben.

Erstaunlich vor allem: Dass die Deutsche Bank bei der Eigenkapitalrendite kein Jota von ihrem 8%-Ziel abweicht. Analysten halten die Vorgabe längst für überambitioniert. Im Schnitt gehen sie 3,3%, selbst der größte Optimist unter den Analysten rechnet nur mit 5,0%.

2.) Bei den Erträgen bleibt die Deutsche Bank erstaunlich bullish …

Dass die Analysten der Deutschen Bank signifikant weniger Rendite zutrauen als diese sich selbst hat nichts mit den Kosten zu tun. Die entwickeln sich (s.o.) plangemäß oder gar besser. Der Dissens ist bei den Erträgen zu suchen.

Die Tücken – das zeigen die gestern vorgestellten Zahlen – liegen in den Ertragserwartungen der einzelnen Sparten.  Schauen wir zunächst, wie sich die Planungen für das Umsatzwachstum 2018-2022 pro Jahr entwickelt haben:

Strategie-Verkündg. 2019 Investorentag Dez. 2019 Investorentag 2020 (gestern)
Private Bank 2% 0% 0%
Corporate Bank 3% 3% 1%
Investment Bank 0% 2% 3%
Asset Management 2% 1% 2%

Man sieht: Vor einem Jahr gab die Deutsche Bank ihre Ertragswachstumsziele für die Privatbank auf; und nun passiert dasselbe in der Corporate Bank.

Den umgekehrten Weg nehmen die Ertragsschätzungen für das boomende Investmentbanking: 3% CAGR statt der ursprünglich im Juli 2019 angenommenen 0%.

In absoluten Zahlen: In der Corporate Bank geht die Deutsche Bank jetzt per 2022 von 400 Mio. Euro weniger Ertrag aus; in der Private Bank (wobei diese Korrektur, wie gesagt, schon seit einem Jahr gilt), sind es 700 Mio. Euro. Doch umgekehrt wurde die Prognose für die Investmentbank (jeweils gemessen an den ersten Zielen aus Mitte 2019) um 1 Mrd. Euro nach oben geschraubt.

Unterm Strich heißt das: Die Deutsche Bank rechnet (offiziell) weiterhin mit insgesamt 24,4 Mrd. Euro an Erträgen per 2022 – doch die Analysten trauen ihr im Schnitt nur 22,4 Mrd. Euro zu.

Wie man diese Lücke schließen wolle, fragte gestern ein Analyst. CEO Christian Sewing antwortete, der Trend stimme ja. Jetzt müsse nur noch der Gegenwind von der Zinsseite abflauen, und es gebe erste Hinweise, dass genau das passiere. Wovon dann insbesondere die Corporate Bank und Private Bank profitieren würden, so Sewing.

3.) … und bei der Rendite ebenfalls

  • Im wenig kapitalintensiven Asset Management geht die Deutsche Bank weiter von einer Eigenkapitalrendite von „mehr als 20%“ aus
  • Hingegen wurde das Ziel für die Corporate Bank von 12-13% Prozent auf 11-12% gesenkt. Ähnliches gilt für die Private Bank (8-9% statt 10-11%)
  • Dagegen im Investmentbanking 9,5 -10,5% nach zuvor 7-8%. Das ist satt!!!

4.) Die Investmentbank wird die Deutsche Bank nicht allein retten können

In unserer Groß-Analyse „Wie die Deutsche Bank wieder zur Investmentbank mutiert“ sowie in unserem Klein-Analyse „Warum heuert die Deutsche Bank jede Woche 45 Investmentbanker?“ hatten wir’s ja neulich beschrieben: Die DBank wird wieder zur IBank – zumindest  bewegt sich wieder weg von ihrem 2019 formulierten Kernziel, bis 2022 in erster Linie von sicheren und stabilen Erträgen zu leben, die 70% der Gewinne beisteuern sollen.

Genau das hat die Deutsche Bank gestern also bestätigt. Grob überschlagen landet sie hier allenfalls bei 55% auf Basis der gestrigen Prognosen.

Wobei: Dass die Ziele für die Corporate Bank (und letztes Jahr für die Private Bank) gesenkt werden, heißt nicht, dass diese Ziele jetzt leichter zu erreichen wären. Die Private Bank zum Beispiel muss bis 2022 noch 300 Mio. zusätzliche Erträge auftun (8,3 Mrd. Euro in 2022 verglichen mit 8.0 Mrd. Euro in 2020).

5.) Das Kapital geht jetzt wieder in Richtung riskante Geschäfte

Upps, der Bereich „Sales and Trading“ (der sich über Investmentbankings und die als „Capital Release Unit“ bezeichnete interne Bad Bank erstreckt) soll per Ende 2022 plötzlich 31% des gesamten Eigenkapitals benötigen. Dabei hatte es letztes Jahr noch geheißen: 25%. Warum? Wurde gestern nur oberflächlich beantwortet. Allerdings meinte Finanzchef James von Moltke unverblümt, innerhalb der Investmentbank würden – ohne den Anteil der Investmentbank an der Gesamtbank zu erhöhen – mehr „Ressourcen“ in Bereiche mit „höheren Erträgen“ allokiert. Ein Chiffre für ein riskanteres, aber auch rentableres Geschäft. Logische Schlussfolgerung: Dafür braucht’s das Kapital, auch wenn die Allokation für’s Investmentbanking insgesamt nicht verändert werden soll.

Fast noch interessanter (zumal vor dem Hintergrund dieses sehr lesenswerten SZ-Artikel diese Woche). Die „Capital Release Unit“ soll nun 8% Eigenkapital binden. Statt der eigentlich vorgesehenen 5%. Unter anderem, weil per Ende 2022 das Leverage Exposure nun doch 51 Mrd. Euro betragen soll statt wie einst geplant 10 Mrd. Euro. Der Begründung der Bank: Statt Assets zu verkaufen, will sie sie „hedgen“ und in der Bilanz lassen. Das sei besser für Aktionäre. Die „Capital Release Unit“ bindet nun doch mehr Kapital als gedacht. Eine hübsche Pointe.

Entsprechend weniger Kapital bleibt für die anderen Bereiche „übrig“:

alt neu
Asset Mgmt. 5% 4%
Private Bank 25% 24%
Investment Bank 45% 44%
Corporate Bank 20% 19%
Capital Release Unit 5% 8%

(Willkommener?) Nebeneffekt: Private Bank, Corporate Bank und Asset Management werden sich so natürlich etwas leichter tun, ihre (siehe Punkt 3,)) Renditeziele bezogen aufs Eigenkapital zu erreichen. Wobei natürlich der Hebel steigt. Beispielhaft: In der Corporate Bank würde der geplante Gewinn identische von 1,2 Mrd. Euro jetzt einer EK-Rendite von 12,6% entsprechen – statt 12.0% mit den alten Allokationen des Eigenkapitals. Nicht die Welt. Aber es sind eben die vielen kleinen Schräubchen, die die Bank dreht und das Gesamtbild zeichnen: Die Verantwortung des Investmentbankings steigt, die Bank zu ihren 2022er Zielen zu tragen.

6.) Und sonst so? Die Splitter

  • Am Aktienmarkt löste der Investorentag wenig aus: Die Deutsche Bank schloss gestern mit einem Minus von 1,6% bei 9,30 Euro
  • Mit Blick auf die Corona-Pandemie blieb das Geldhaus sehr vage. Die „Execution Risks“ seien aufgrund der makroökonomischen Unsicherheiten gestiegen. Was man dazu wissen muss: Sämtliche Planzahlen der Banken beruhen auf der Annahme einer deutlichen wirtschaftlichen Erholung. Heißt: 4,1% Wachstum in 2021 sowohl national als auch auf Deutschland bezogen.
  • Die Prognose der Kreditausfälle verschlechterte sich zumindest nicht
  • Die Privatkundenbank will auf dem Gas bleiben und plant mit 6% Kreditwachstum pro Jahr
  • Zugleich verschieben sich einige der erhofften Effekte aus der Postbank-Integration auf 2023. So sollen die Postbank-Systeme nun sechs Monate später abgeschaltet werden als eigentlich geplant
  • CEO Christian Sewing machte seine Unterstützung für höhere Boni deutlich, da er „zum Commitment stehe, dass wir für Performance bezahlen“. Und: „Wir hatten eine gute Performance und eine sogar verbesserte Performance, und wir werden das honorieren“, so Sewing mit Blick auf die Investmentbanking-Sparte in einem Bloomberg-Interview am Rande des Investorentags.

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