Analyse

Ende einer Privatbank: Merck Finck und die „Tinder-Falle“

6. Juli 2020

Von Christian Kirchner

Dass bei Merck Finck die öffentliche Selbstdarstellung nichts mit den realen Geschäftszahlen zu tun hatte – das hatten wir letztes Jahr ja schon aufgedeckt. Wirft man indes einen Blick in die dieser Tage publizierten 2019er-Zahlen, dann muss man sagen: Das hat noch mal eine andere Qualität! 129% Cost-Income-Ratio (vorgenommen hatte man sich 115%). Ein 26,3 Mio. Euro tiefes Loch, das Quintet schließen musste (übrigens das vierte Jahr in Folge). Und das Eingeständnis einer „durchaus kritischen“ Gesamtlage.

Es scheint also folgerichtig, dass Merck Finck am vergangenen Freitag mitgeteilt hat, exakt 150 Jahre nach der Gründung die rechtliche Eigenständigkeit aufzugeben und in der luxemburgischen Quintet-Gruppe aufzugehen. Was bleibt? Sind viele Fragen. Unter anderem diese hier: Wie zeitgemäß ist heutzutage noch das im Private Banking übliche, bei Merck Finck in den vergangenen Jahren aber fast schon exzessiv betriebene „Wir heuern hier ein Team, wir verlieren dort ein Team, wir heuern dafür da drüben schon das nächste Team …“?

Dazu nur mal ein paar Meldungen aus den zurückliegenden 24 Monaten (die Quellen hierfür sind das „Private Banking Magazin“, „Bloomberg“ sowie Pressemitteilungen):

  • Merck Finck Privatbankiers hat gleich zehn neue Mitarbeiter an Bord geholt
  • Merck Finck holt zwei Senior Private Banker. [Der eine] stößt vom Bankhaus Sal. Oppenheim in Köln zu Merck Finck, [der andere] kommt von der Commerzbank in Köln.“
  • Merck Finck holt zwei Senior Private Banker. Der eine kommt von Donner & Reuschel, der andere war zuvor bei UBS tätig.
  • 20 neue Private Banker für Merck Finck. Die ersten drei neuen Kollegen sind schon [zu uns] gestoßen. Mindestens 17 weitere werden in den kommenden Monaten folgen, darunter auch ganze Teams.
  • Merck Finck Privatbankiers hat Sascha Veit von Donner & Reuschel geholt.
  • Die Privatbank Merck Finck hat Annette Gläsel an Bord geholt. [Sie] kommt von HSBC Trinkaus & Burkhardt.
  • Zwei Neuzugänge hat Merck Finck […] in der Niederlassung Frankfurt zu vermelden: [Sie] wechseln innerhalb der Mainmetropole von HSBC Trinkaus & Burkhardt zu Merck Finck.“
  • Merck Finck Privatbankiers treibt Personalausbau voran. Jetzt hat die Münchner Privatbank an den Standorten Köln und Aachen je einen Senior-Kundenberater von der Konkurrenz abgeworben.
  • Paukenschlag in Stuttgart: Zwölf Mitarbeiter aus dem Private Banking der Südwestbank wechseln zu Merck Finck Privatbankiers
  • Merck Finck holt vier ehemalige Warburg-Berater an Bord
  • Sönke Niefünd heuert bei Merck Finck an.
  • Die Münchener Privatbank Merck Finck hat für ihre Hamburger Niederlassung mehrere ehemalige Mitarbeiter der Hamburg Commercial Bank verpflichtet

Merck Finck stellte allerdings nicht nur wie verrückt ein. Sondern allem Anschein nach verlor das Traditionsinstitut auch andauernd Leute oder sogar ganze Teams. Mal ging der Investmentchef, mal der Essener Niederlassungsleiter, immer wieder mal war der vollendete oder angekündigte Abgang eines Vorstands zu vermelden (Gorny, Krume, Schellenberg …).

Einmal las es sich bei „Citywire“ sogar so, als habe man es mit einer Meldung aus der fünften Jahreszeit zu tun („Kölner Urgestein verlässt Merck Finck nach 18 Jahren“) – wobei diese Nachricht natürlich gar nichts war gegen das, was 2018 das „Private Banking Magazin“ schrieb: Nicht weniger als 14 neue Leute habe die Frankfurter Bankgesellschaft eingestellt – „und alle kommen, bis auf Sattelberger, unmittelbar von Merck Finck.“

Ein Jahr später übrigens ließ wiederum das „Private Banking Magazin“ seine Leser wissen, die Merck-Finck-Niederlassung in Hamburg habe „fünf Mitarbeiter verloren“. Kurz darauf wurde der Branchen-Dienst aber bereits von den Ereignissen überholt: „Update: Weitere vier Hamburger Berater werden oder haben die Merck-Finck-Niederlassung verlassen.“

Jedenfalls: Ist der Untergang des Traditionsinstituts nicht auch eine Folge dieser Drehtür-Mentalität, wie sie natürlich nicht nur bei Merck Finck, sondern bei vielen deutschen Privatbanken seit Jahr und Tag zu beobachten ist?

Oder anders ausgedrückt: Der deutsche Private-Banking-Sektor befinden sich in einer tiefen strukturellen Krise, wie Finanz-Szene.de letztes Jahr in einer großen Artikel-Serie (siehe hier, hier und hier) nachgewiesen hat. Die Ursachen hierfür liegen auf der Hand, sie tragen unschöne Namen wie „Digitalisierung“, „Niedrigzins“, „Regulierung“ und „Margendruck“. Was ist die Antwort der Branche auf diese Herausforderungen? Dass auch weiterhin die Bank A der Bank B (oder umgekehrt) das Team C abjagt in der Hoffnung, das Team C werde dann die vermeintliche superlukrativen Kunden D, E, F und G mitbringen?

Doch zurück zu Merck Finck. In den vergangenen 24 Monaten veranstaltete das Münchner Geldhaus einen medialen Wirbel, wie es ihn in dieser Form selten gegeben hat. Ständig war von „Expansion“, „Wachstum“, „Übernahmen“, „Verdopplung“, „Ausbau“ und „Neueinstellungen“ die Rede. Dagegen die tatsächliche Lage, so zeigen Recherchen von Finanz-Szene.de: In jedem der zurückliegenden vier Geschäftsjahre musste die Muttergesellschaft Quintet bzw. KBL einen sogenannten „Ertragszuschuss“ in jeweils zweistelliger Millionenhöhe leisten, um Merck Finck auf eine schwarze Null zu hieven.

Ist das der Preis für die „Noch ein Neuzugang, und noch ein Neuzugang, und noch ein Neuzugang“-Strategie? Oder anders: Was ist die Kehrtwende bei den „Assets under Management“ (sie stiegen 2019 von 8,5 Mrd. Euro auf 9,5 Mrd. Ende 2019, was trotz jahrelanger Börsenrally aber gerade mal dem Niveau von 2015 entsprach), wenn sie allem Anschein nach extrem teuer erkauft wurde?

Nun lässt sich der Einfluss der tinder-artigen Personalpolitik auf die Geschäftszahlen natürlich nicht exakt quantifizieren. Indes: Dass die seit Jahren desaströse Cost-Income-Ratio …

Cost Income Ratio in %
2014 104
2015 106
2016 112
2017 101
2018 120
2019 129

auch mit den vielen Neueinstellungen zu tun hat, dürfte auf der Hand liegen. Und dass umgekehrt die letzten Endes seit 2015 stagnierenden Assets auch eine Folge regelmäßiger Abgänge sind – auch dieser Verdacht liegt nahe.

Und tatsächlich finden sich in den Geschäftsberichten der vergangenen Jahre einige entlarvende Passagen:

  • So hat sich der Aufsichtsrat „in 2019 insbesondere über die Abweichungen der tatsächlichen Ertragslage von den ursprünglich geplanten Ertragszielen unterrichten lassen, die hauptsächlich durch die unerwartete Kündigung eines Kundenberaterteams Ende 2018 hervorgerufen wurde.“
  • Zudem wird quantifiziert, dass der Abgang besagten Kundenteams Abflüsse in Höhe von rund 800 Mio. (!) Euro verursacht habe – also fast ein Zehntel des verwalteten Vermögens
  • Zugleich stieg im gleichen Jahr aber die Mitarbeiterzahl (gemessen als Vollzeit-Äquivalente) um 6% auf 276 an …
  • … weil: „Im Laufe des Geschäftsjahres konnte die Bank 31 neue Berater gewinnen“.

Die Folgen (auch) dieser Politik: Bei Merck Finck klettern Cost-Income-Ratio und nötige Ertragszuschüsse – aber bei den Personalkosten setzt man dann doch nicht an. Die liegen heute 4% höher als noch 2014. (Statistischer Hinweis: bis 2015 sind es Zahlen der Merck Finck & Co. oHG, ab 2016 jene der verschmolzenen Merck Finck Privatbankiers AG)

Wobei Merck Finck damit kostenseitig nicht einmal ein Außreißer ist. Im Gegenteil (wir haben immer die aktuellsten verfügbaren Personalkosten mit denen von 2014 – also vor fünf Jahren – verglichen):

  • Lampe? Plus 13%
  • Bethmann Bank? Plus 9%.
  • Berenberg? Plus 32%
  • Hauck & Aufhäuser? Plus 33%
  • Metzler? Plus 16%

Nun mag man bei Berenberg, Hauck und Metzler sagen: Die können es sich ja auch leisten. Das trifft aber wahrlich nicht auf alle zu. Und nicht mal auf die meisten Privatbanken. Und hier und da wuchsen die Banken auch anorganisch, was natürlich die Kosten trieb.

Aber nochmal sei an unsere Artikel-Serie (hier) aus dem letzten Jahr erinnert, die belegt, dass es eben auch „unter dem Strich“ nicht stimmt: Da waren wir zum Schluss gekommen, dass die kumulierten Überschüsse der 13 größten und wichtigsten Privatbanken in Deutschland in der Fünfjahresperiode zwischen 2013 und 2018 trotz mancher Einmaleffekte um 64% gesunken sind. Auch weil im gleichen Zeitraum die Kosten um ein Fünftel stiegen. Klar, das liegt auch an der Regulierung. Aber eben auch daran, dass am Ende Gehälter Assets holen und halten – oder verlieren. Schön für die Berater. Nicht so schön für die Bilanzen der Banken.

Finanz-Szene.de bat natürlich auch Merck Finck um eine Stellungnahme, ob die Verschmelzung ein Ergebnis der über Jahre hohen Cost-Income-Ratio und steigenden Ergebniszuschüssen der Mutter sei. Dazu teilte Merck Finck mit: „Was sind die Gründe für die neue Strategie? Diese basiert nicht auf alten Zahlen von Merck Finck. Treiber des Projekts ist vielmehr unser neues Management-Team, das paneuropäisch denkt und die neue Wealth-Management-Strategie entsprechend skalieren möchte.“

Zu Frage nach dem branchentypischen Wechselreigen antwortete Merck Finck nicht, sondern teilte mit: „Wir sehen vielmehr die Herausforderung der kleinen Größe, weshalb wir uns in diesem Punkt und beim Angebot breiter aufstellen. Wir verfolgen nun eine Geschäftsstrategie, die aufgrund des verwalteten Kundenvermögens von mehr als 80 Milliarden Euro auf Gruppenebene einen grundsätzlichen neuen Hebel und zusätzliche Chancen bietet“.

Klarer ist da schon der 2019er-Abschluss von Merck Finck: „In einem dynamischen Markt und im Rahmen der operativen Neuausrichtung [können] weitere Abgänge für die Zukunft nie ausgeschlossen werden.“.

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