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EZB-Entscheid: Die Zins-Kakophonie innerhalb der deutschen Kreditwirtschaft

Der beste Indikator für die Zinsentscheide der EZB ist vermutlich dieser hier: Es kommt immer so, wie Helmut Schleweis es sich gerade nicht wünscht … Jahrelang hatte der deutsche Sparkassen-Präsident zunächst Herrn Draghi und ab 2019 dann Frau Lagarde gemahnt, doch bitte endlich, endlich, endlich die Zinsen zu erhöhen – erhört allerdings wurde er nie, jedenfalls nicht, bevor die Zinswende vor zwei Jahren unausweichlich wurde. Und diesmal? Hatte Schleweis nach dem letzten Zinsentscheid Ende Juli einen bemerkenswerten Positionswechsel vollzogen („eine Zinspause erscheint möglich und angeraten“). Doch wieder tat die EZB genau das, was Schleweis eben nicht empfohlen hatte: Sie erhöhte den Leitzins gestern tatsächlich noch einmal um 25 Basispunkte auf nunmehr 4,5% (und den Einlagenzins für die Banken entsprechend auf 4,0%).

Die Folgen dieser Entscheidung für die Kreditwirtschaft liegen, was den grundsätzlichen Mechanismus angeht, auf der Hand: Banken und Sparkassen können jetzt abermals höhere Zinsen für ihre Kredite verlangen (wenn sie diese Konditionen denn gegenüber den Kunden durchgesetzt kriegen); zugleich müssen sie aber fürchten, dass die Kunden ihrerseits höhere Zinsen für ihre Einlagen verlangen. Das Problem ist hierbei: Mehr oder weniger alle gängigen Barometer (die Baufi-Zahlen für den Juli, das Kredit-Neugeschäft insgesamt, das jüngste Bank Lending Survey) deuten aktuell drauf hin, dass die positiven Zinseffekte auf der Aktivseite mangels Neugeschäft einstweilen begrenzt bleiben – während sich zugleich die Nullzinspolitik gegenüber den eigenen Einlegern immer schwieriger begründen lässt, die (potenziell) negativen Zinseffekte auf der Passivseite also virulent zu werden drohen.

Die Kommunikations-Abteilung des DSGV ist jedenfalls aktuell um ihren Job nicht zu beneiden. Denn: Noch Mitte Juni hatte sich Schleweis als überzeugter Falke gegeben („Die EZB darf keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass es ihr Ernst ist, zur Inflations-Zielmarke von 2% zurückzukehren“). Doch inzwischen: Gibt es offenbar einige Sparkassen da draußen, denen die mutmaßliche Verwundbarkeit ihrer eigenen Bilanz größere Sorgen bereitet, als es die Inflation tut. Und so liest sich die gestrige DSGV-Mitteilung zur EZB-Entscheidung wie ein einziger Eiertanz: „Die EZB zeigt Entschlossenheit gegen die Inflation“ – „Sie darf aber nicht mit weiteren Zinserhöhungen überziehen“ – „Sie muss achtgeben, nicht über das Ziel hinauszuschießen“.

Was an alldem besonders auffällt: Aus den Reihen der privaten Banken kamen gestern gänzlich andere Töne – und zwar pro EZB. So ist in der Stellungnahme des BdB von einem „starken Signal“ und einem „wichtigen Beitrag“ die Rede und davon, dass sich „die Konjunktursorgen im Euroraum derzeit am besten über eine weiter sinkende Inflation bekämpfen lassen“. Sieht also ganz so aus, als hätten Herr Sewing und Herr Knof, ganz im Gegensatz zu Herrn Schleweis, überhaupt keine Probleme mit weiter steigenden Zinsen. Ihre Investoren übrigens auch nicht: Die Aktien der Deutschen Bank stiegen gestern um 1,8%, die der Commerzbank um 1,1%.

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