Analyse

EZB-Goodie bringt deutschen Banken sattes Plus beim Ergebnis

27. Januar 2020

Von Christian Kirchner

Zu unseren liebsten Leserinnen und Lesern zählen zweifelsohne die Damen und Herren Kolak, Schleweis und Peters. Am Morgen des 12. September 2019 allerdings konnten wir nicht anders, als ebendiese drei geschätzten Leserinnen und Leser, nun ja, ein bisschen auf die Schippe zu nehmen. Was so kam: Tags zuvor hatte der Noch-EZB-Chef Draghi sein neuestes Maßnahmenbündel zur Rettung des Oxidents verkündet. Was den BdB-Chef Peters („Die EZB erinnert an einen Autofahrer, der falsch in eine Sackgasse abgebogen ist und dennoch weiter Gas gibt.“), die BVR-Chefin Kolak („Geldpolitik mit der Brechstange“) und den DSGV-Chef Schleweis („Positiven Effekte haben sich abgenutzt“) zur üblichen Draghi-Schimpfe veranlasste.

Wir indes waren abends auf eine Pictet-Studie gestoßen, die zu dem Ergebnis kam, dass der als Teil des EZB-Maßnahmenbündels beschlosse „Staffelzins“ den deutschen Banken eine fulminante Entlastung von 900 Mio. Euro (brutto) bringen würde. Und weil die Pictet-Zahlen unter den vielen Zahlen, die an jenem Abend zirkulierten, die mit Abstand plausibelsten waren, titelten wir also am nächsten Morgen: „Draghis 900-Mio.-Euro-Geschenk an die deutschen Banken.“ Was uns übrigens noch am selben Morgen einen geharnischten Leserbrief eines Ihnen möglicherweise bekannten Finanzmanagers einbrachte („Der EZB-Jubel von Finanz-Szene.de liegt auf BILD-Niveau“).

Jedenfalls: Inzwischen sind wir viereinhalb Monate weiter. Und auch, wenn es noch keinen definitiven Beweis gibt, dass das mit den 900 Mio. Euro stimmt – inzwischen gibt es diverse Indizien, dass die Zahl der Realität sehr nahe kommt und der EZB-Staffelzins den deutschen Banken tatsächlich eine sehr wahrnehmbare (und markant ergebnisrelevante) Entlastung bringt. Unsere Analyse:

1.) Die Ausgangslage

Europas Banken müssen bei der EZB für ihre Überschussliquidität negative Zinsen entrichten. Allein der deutschen Kreditwirtschaft entstand hieraus 2018 eine Belastung von rund 2,5 Mrd. Euro. Nachdem die EZB den Einlagenzins im vergangenen Jahr sogar von 0,4% auf 0,5% anhob, fürchteten die hiesigen Banken, dass sich die Belastung deutlich erhöhen würde.

2.) Der Staffelzins

Ausgenommen vom „Strafzins“ ist grundsätzlich die sogenannten Mindestreserve – das ist das Guthaben in Prozent der Einlagen, das die Banken zwingend bei der EZB hinterlegen müssen. Teil des weiter oben zitierten Maßnahmenbündels aus dem vergangenen Herbst war nun parallel zur Zinssenkung die Einführung eines „Staffelzinses“ (im Fachjargon „Tiering“ genannt). Dabei handelt es sich gewissermaßen um einen Freibetrag, bis zu dem Banken für ihre Überschussliquidität keinen „Strafzins“ zahlen müssen. Die EZB legte diesen Freibetrag auf das Sechsfache der Mindestreserve fest. Die Regelung gilt seit 1. November.

3.) Reserve, Freibetrag und Liquidität

Laut aktuellen Bundeszahl-Zahlen lag die aggregierte Mindestreserve deutscher Banken per Ende Dezember bei 37 Mrd. Euro. Multipliziert mit dem Faktor 6 ergibt das einen Freibetrag von 222 Mrd. Euro. Aus etwas älteren Bundesbank-Zahlen (Datenquelle hier) geht zudem hervor, dass die gesamten Überschussliquidität der deutschen Banken per Ende Oktober 490 Mrd. Euro betrug. Das alles heißt: Ohne Staffelzins wären nur maximal 37 Mrd. Euro aus der Überschussliquidität „strafzinsfrei“. Mit Staffelzins sind es (theoretisch) bis zu 222 Mrd. Euro. Nimmt man nun das Delta aus den 222 Mrd. Euro und den 37 Mrd. Euro (das sind 185 Mrd. Euro) und multipliziert diesen Wert mit dem EZB-Einlagenzins von minus 0,5%, dann erhält man ziemlich genau 900 Mio. Euro zusätzliche Entlastung, auf die Pictet bereits im September in seinen Hochrechnungen gekommen war. 500 Mio. Euro hielt selbst der Bankenverband BdB für plausibel.

4.) Liquiditäts-Schubserei

Die 222 Mrd. Euro sind insofern erst mal nur ein theoretischer Wert, als der Freibetrag nicht für das (deutsche) Bankensystem als Ganzes gewährt wird. In der Praxis gibt es aber nun auf der einen Seite etliche Institute (und Länder, etwa Deutschland) mit extrem hoher Überschussliquidität. Vorderhand profitieren diese Institute vom Staffelzins nur sehr bedingt, weil der Freibetrag nur einen kleinen Teil ihres Überschusses bei der EZB ausmacht. Auf der anderen Seite gibt es nun Banken, die keine Überschussliquidität besitzen. Diese Institute profitieren vom Freibetrag auf den ersten Blick noch viel weniger (oder gar nicht) – eben weil sie ihn gar nicht ausschöpfen können.

Tatsächlich aber ist auf den zweiten Blick alles dann doch ganz anders. Denn wie uns aus verschiedenen Ecken zugetragen wird, schubsen die deutschen (und europäischen) Banken seit Bekanntgabe von Staffelzins und Freibeträgen in erheblichem Ausmaß Mittel hin und her – immer mit dem Ziel, die rechnerische Überschussliquidität innerhalb der Branche so zu verteilen, dass die Freibetragsgrenzen möglichst überall ausgeschöpft werden. Wie das en detail funktioniert? Wenn wir es richtig verstehen, soll es aber angeblich so sein, dass insbesondere die Großbanken und die Spitzeninstitute der beiden großen Verbünde wie Katalysatoren funktionieren, die dafür sorgen, dass das Geld von den Hochliquiditäts-Banken zu den Niedrigliquiditäts-Banken kommt.

Übrigens: All das passiert unter Billigung der EZB. Oder anders ausgedrückt, nach allem, was wir hören, heißt die Notenbank die Liquiditäts-Schubserei sogar gut.

5.) Die Belege

Dafür, dass die Geschichte so stimmt, wie sie erzählt wird, gibt es seit dieser Woche zwei starke Indizien:

  • Der Finanzanalyst Peter Barkow von Barkow Consulting hat anhand von EZB-Daten errechnet, dass bereits im Oktober 2019 – also dem Monat zwischen der EZB-Ankündigung (September) und der Einführung des Staffelzinses (November) – massive Verschiebungen der Überschussliquidität eingesetzt haben: Italien flossen auf Länderbasis 58 Mrd. Euro zu, aus Deutschland 25 Mrd. Euro ab. Hintergrund: Hierzulande sitzen tendenziell eher die Hochliquiditäts-Banken, in Südeuropa hat man noch Kapazitäten bei den Freibeträgen.
  • Die ECB hat in ihrem Economic Bulletin bereits im Dezember ebenfalls bestätigt, dass die Reserven sich massiv verschoben haben (Link zum Tweet mit Grafik)
  • Wie die „Wirtschaftswoche“ dieser Tage auf Basis einer Bundesbank-Auskunft schrieb, mitteilte, lag die EZB-Negativzins-Belastung der deutschen Banken 2019 bei „nur“ noch 2,4 Mrd. Euro im Vergleich zu den (siehe oben) 2,5 Mrd. Euro aus 2018. Das heißt, die Belastung ist trotz ungünstigerer Zinsen (-0,5% statt -0,4% seit September) und steigender Überschussliquität (siehe die Buba-Zahlen) nicht etwa gestiegen, sondern gesunken! Und das, obwohl der Staffelzins lediglich in zwei Monaten – November und Dezember – gegriffen hat. Von Finanz-Szene.de grob überschlägig gerechnet, müsste der Staffelzins den deutschen Banken in den zwei Monaten 0,2 bis 0,3 Mrd. Euro gespart haben.

Auf Basis all dessen gehen wir davon aus, dass die deutschen Banken einen beträchtlichen Teil der theoretisch möglichen 900 Mio. Euro in der Praxis tatsächlich einsparen.

Nun wollen wir uns hier nicht zur These versteigen, die Negativzinsen und die flache Zinskurve seien angenehm für die Banken. Worum es hier geht, ist lediglich eine Entlastung von einer Belastung – keine Extra-Gewinne. Aber der Staffelzins dürfte einigen Instituten gerade im Q4 dann doch sehr zupass gekommen sein, zumal der kumulierte Überschuss aller deutschen Banken nach Steuern 2018 auch „nur“ bei 10 Mrd. Euro lag. Obendrein ist die Geschichte mit den Negativzinsen bei der EZB den Kunden bekannt – die Staffelzinsen hingegen kaum. Da kann man also praktisch mit dem Verweis auf die EZB die Negativzinsen „weiterreichen“ (und die Sache mit den Freibeträgen unter dem Tisch lassen).

6.) Ausblick

Dieser Tage hat der BdB ein „Positionspapier“ zur EZB-Geldpolitik veröffentlicht. Auf den ersten Blick liest es sich wie die übliche Mäkelei:

  • Der Staffelzins sei „sehr spät“ gekommen
  • Die damit verbundene Entlastung sei „entschieden zu zaghaft“
  • Weniger als die Hälfte der  Überschussliquidität sei vom negativen Einlagezins von minus 0,5% freigestellt
  • Hier seien „bereits kurzfristig weitere Korrekturen der EZB nötig“

Indes, was sich wie eine Mäkelei liest, sind vermutlich eher die ersten Suchterscheinungen: Schon nach wenigen Wochen Staffelzins sind die deutschen Banken so angefixt, dass sie gleich mal nach einer Erhöhung der Dosis rufen.

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