Exklusiv

Flatex-Manager kassieren riesigen Bonus (trotz schwachem Aktienkurs)

Es ist zweifellos beeindruckend, mit welch penibler Akribie der Flatex-Großaktionär Bernd Förtsch in den letzten Wochen seine Vorwürfe über CEO Bernd Niehage und AR-Chef Martin Korbmacher ausgekübelt hat. Allein das Anfang Mai verschickte „Ergänzungs-Verlangen“ zur Tagesordnung der Hauptversammlung am 4. Juni füllt 13 (!) eng beschriebene Seiten und wimmelt nur so von verbalen Aufwärtshaken.

Da wird der Vorstandschef als „ungeeignet“ qualifiziert und mangelnder Zuverlässigkeit geziehen. Gleich an drei Stellen taucht – mal als Verb, mal als Nomen – der Vorwurf des „Verschleierns“ auf, zuzüglich zweier weiterer Passagen, in denen Förtsch beziehungsweise seine Anwälte einen kühnen Ausflug ins Metaphorische wagen und Sachverhalte zur Abwechslung mal nicht „verschleiert“, sondern „unter den Teppich gekehrt“ werden. Auch an Ausrufezeichen besteht kein Mangel, gleich dreimal in rhetorisch ambitioniert Verbindung mit einem Gedankenstrich und dem Wort „Fehlanzeige“ (exemplarisch: „Eine kritische Selbstreflexion oder gar die Andeutung einer internen Aufarbeitung dieses Vorgangs – Fehlanzeige!“), und wenn man als neutraler Leser schließlich durch ist mit den 13 Seiten, fragt man sich eigentlich nur noch: Gibt es eigentlich auch irgendwas, was Förtsch nicht kritisiert?

Um es kurz zu machen: Ja, gibt es. Ein Thema hat hat Förtsch bei all seinen medialen und sonstigen Attacken seit Ende März tatsächlich ausgespart – nämlich die Vergütung. Dabei wirft gerade die doch einige Fragen auf.

So zeigen exklusive Recherchen von Finanz-Szene: Die sieben Top-Führungskräfte von Flatex-Degiro haben im Geschäftsjahr 2023 einen Bar-Bonus in Höhe von 30,6 Mio. Euro erhalten –  das Zwölffache ihrer Fixvergütung. Nur mal zum Vergleich: Der gesamte Vorstand der Commerzbank kam zuletzt auf eine Gesamtvergütung von knapp 18 Mio. Euro, obwohl die Frankfurter Großbank gemessen an der Bilanzsumme 140-mal größer ist als der ebenfalls in Frankfurt beheimatete Online-Broker und im Geschäftsjahr 2023 gemessen am Nettogewinn gut 30-mal so viel Geld verdient hat.

Wie aus einem offiziellen Dokument hervorgeht, kassierten zwei Flatex-Manager jeweils einen Bonus von „mehr als 8 Mio. Euro“. Laut unseren Informationen dürfte es sich dabei um Niehage und den Ende letzten Jahres ausgeschiedene Finanzvorstand Muhamad Chahrour handeln. Ein Sprecher von FlatexDegiro wollte sich dazu nicht äußern.

Hintergrund dieser gigantischen Bonifikationen ist eine vor vier Jahren eingeführte Vergütungs-Regelung, die den Namen  „SARS Plan 2020“ trägt. Dieser Plan berechtigt die teilnehmenden Flatex-Manager über sogenannte „Stock Appreciation Rights“ (SAR) zu einer Barvergütung, die sich an der Entwicklung des Aktienkurses und der Veränderung des Gewinns je Aktie richtet. Niehage und Chahrour wurden als damals noch alleinige Vorstände schon bei Auflage des Vergütungsplans vor vier Jahren ziemlich üppig mit diesen „Stock Appreciation Rights“  bedacht. Konkret hatten ihre damaligen SARs einen bilanziellen Zeitwert von 5,4 Mio. Euro. Zum Vergleich: CTO Stephan Simmang und CFO Benos Janos, die erst Anfang letzten Jahres in den Vorstand aufgestiegen waren, erhielten für das Geschäftsjahr 2023 lediglich „Stock Apprection Rights“ im bilanziellen Wert von zusammen 72.000 Euro.

Bemerkenswert an alldem ist unter anderem, dass sich der Kurs der Flatex-Aktie (also eines der beiden Erfolgskriterien) seit Verabschiedung des „SARS Plan 2020“ im Mai 2020 und dem Ausscheiden Niehages Ende April eher schleppend entwickelt hat. Die Papiere notierten zu diesem Zeitpunkt verglichen mit damals zwar 61% im Plus – eine simple Anlage im Deutschen Aktienindex Dax entwickelte sich im gleichen Zeitraum mit 74% plus indes besser.

Ebenfalls bemerkenswert: Im 2023er-Vergütungsbericht von Flatex fehlen die tatsächlich geflossenen Summen. Das Konvolut nennt für Niehage lediglich eine Gesamtvergütung von 1,323 Mio. Euro bzw. für Chahrour von 664.000 für Ex-CFO-Chahrour. Lediglich in einer Fußnote findet sich der Hinweis: „Ausgenommen in der Darstellung sind mögliche Zuteilungen aus dem SAR Plan 2020.“ Begründung: Durch die Auslassung wollen man „eine bessere Vergleichbarkeit“ erreichen. Ein von Finanz-Szene befragter Vergütungsexperte sagt, eigentlich hätten die variablen Zahlungen in Höhe von 30,6 Mio. Euro auch im Vergütungsbericht aufgeschlüsselt werden müsse – so sieht es Artikel 450 der „Capital Requirements Regulation“ eigentlich vor. Stattdessen finde sich lediglich die Summe in einem anderen Offenlegungs-Dokument.

Wichtig zu wissen: Am „SARs Plan 2020“ haben viele Investoren und Analysten in den letzten Jahren wiederholt Kritik geäußert. Hintergrund: Allein im Geschäftsjahr 2021 hatte Flatex für das Programm fast 60 Mio. Euro Rückstellungen bilden müssen – gemessen an einem Konzernergebnis von 51 Mio. Euro im selben Jahr. Speziell bei der Hauptversammlung 2022 zeigte sich der Ärger über die Saläre des Management. Damals sag die Tagesordnung erstmals die Billigung des Vergütungsberichts vor – doch 33% des vertreten Kapitals lehnten dies ab. Flatex-Degiro baute zwar im Anschluss das Vergütungssystem um und senkte die maximal mögliche Gesamtvergütung für Vorstände. Die Neuerungen betrafen allerdings nicht den bereits 2020 eingeführten SARs-Plan.

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