Analyse

Horror-Szenario: Deutschen Banken droht Deflationsschock

10. März 2020

Von Christian Kirchner

Liebe Banken, was für ein Clusterfuck, nicht wahr? Wir wollen ja nicht schon wieder „Lehman“ bemühen. Aber welcher andere Vergleich wären angemessen, um zu auch nur einigermaßen fassbar zu machen, was da gestern passiert ist?!

Wo anfangen? Sinnigerweise mit den Zahlen: Die Aktie der Deutschen Bank hat gestern weitere 12% verloren, seit Mitte Februar sind damit 9 Mrd. Euro Börsenwert futsch. Die Commerzbank? Auf den ersten Blick dasselbe: 13% Tagesverlust. Minus 46% seit Mitte Februar. 4 Mrd. Euro vernichtet. Es ist der reinste Horror!

Tagesverlust gestern (9.3.) seit Jahresbeginn
Commerzbank -13% -34%
PBB -13% -27%
Deutsche Bank -12% -15%
Aareal -9% -13%
DWS -9% -11%
Hypoport -8% -10%
Wirecard -7% -2%
Deutsche Börse -3% 1%
Creditshelf 1% -5%
Comdirect 1% 7%
zum Vergleich
Euro Stoxx Banks (Euro-Zone-Banken) -13% -23%
Stoxx Banks (Banken Europa) -11% -29%

Quelle: Comdirect

Nun haben wir ja schon öfter beschrieben, wie sich die Corona-Panik in die Bilanzen von Banken und Sparkassen zu fressen droht. Wer indes verstehen will, warum den jüngsten Mini-Crashs gestern nun der große Crash gefolgt ist: Das hat mit dem ultimativen Schreckens-Szenario tun, das unseren Banken (auch wegen des parallelen Ölpreis-Schocks) nun droht – die Deflation. Hier unsere Analyse in fünf Thesen.

1.) Banken wären die großen Verlierer des drohenden deflationären Schocks

Die ökonomische Großlage seit Jahren ist, dass es den Notenbanken kaum gelingt, die Inflation in Richtung von knapp unter 2% zu treiben, einer Marke, die gemeinhin als „preisstabil“ gilt und von der genügend Luft zur gefürchteten „Nulllinie“ ist. Denn gegen überschießende Inflation haben Notenbanken viele Werkzeuge zur Hand – nicht aber gegen eine Deflation. Die Menschen dazu zu bewegen, doch mehr Geld auszugeben oder Kredite aufzunehmen, ist enorm schwierig, wenn sie das Gefühl haben, dass die Güter künftig billiger werden oder ihr Geld an Kaufkraft gewinnt.

Seit gestern ist die Gefahr eines solchen deflationären Schocks dramatisch gestiegen. Denn in der ohnehin fragilen weltwirtschaftlichen Lage (Stichwort: Corona-Virus …) führte ein Streit zwischen Saudi-Arabien und Russland über die künftige Strategie der Erdöl-Exportlobby Opec zum stärksten Ölpreis-Absturz seit 1991. Der Ölpreis gab zum Handelsstart um 30%  nach und beendete den Tag mit einem Minus von 24%.

Ein solcher Einbruch droht nicht nur zu einer Pleitewelle in der Öl- und Zuliefererindustrie zu führen (samt entsprechenden Ausfällen bei den Anleihen von Energiekonzernen und den Krediten von Banken). Er verbilligt auch Waren in einem Umfang, der die künftige Teuerungsrate (temporär) regelrecht kollabieren lässt und allen Verbrauchern vor Augen führt, dass Abwarten womöglich eine kluge Strategie sein könnte. Das aktuelle Problem auf der Angebotsseite (etwa über unterbrochene Lieferketten) spränge auf die Nachfrageseite über.

Für Banken ist das Deflations-Szenario der Horror schlechthin, ganz egal, ob es um die Deutsche Bank oder um eine Sparkasse oder Volksbank in der Provinz geht. Denn in diesem Umfeld würden Investitionen (egal ob private oder unternehmerische, egal  ob cash- oder kreditfinanziert) immer länger hinausgezögert. Was alles nur noch schlimmer macht: In den letzten Jahren war es die klare Strategie vieler Banken wie etwa der Commerzbank oder auch etlicher Sparkassen, über immer mehr Neugeschäft bei Krediten den Gewinnverfall zu stoppen. Eine Deflationsspirale könnte diese Strategie obsolet machen.

2.) Das Kapitalmarktgeschäft über Emissionen sowie der Bedarf nach Fusionsberatung brechen ein

Auch wenn das Problem nur Banken trifft, die dieses Geschäft überhaupt noch betreiben – vor allem also die Deutsche Bank, die Landesbanken sowie spezialisierte Wertpapierhandelshäuser: Die Chancen auf erfolgreiche Platzierungen von Aktien und Unternehmensanleihen unterhalb absoluter Top-Bonität dürfte auf Wochen, wenn nicht Monate nahe Null sein. Erst wenn sich die Kapitalmärkte signifikant beruhigt haben, werden Investoren wieder offen für Primärmarkt-Transaktionen sein. Besorgniserregend: Die Analysten von JP Morgan machen bereits Risse im Reich der Unternehmensanleihen aus (siehe hier). Und: In Krisen werden strategische Fusionen & Übernahmen meist auf Eis gelegt, es kommt bestenfalls zu Not-Fusionen. Kurz: Ganze Investmentbanking-Abteilungen könnten – wie schon 2008-2010 – monatelang beschäftigungslos werden.

3.) Im Provisionsgeschäft dürften sich Privatanleger nun (womöglich über Monate) auf ihre Hände setzen

Das kleine, schlecht gehütete Geheimnis der deutschen Banken ist seit Jahren, dass ihnen die steigenden Kurse von Aktien, Anleihen und auch Immobilien steigende Provisionserträge bescheren, ohne auch nur ein einziges Produkt neu zu vertreiben. Denn Depotgebühren, All-In-Fees für das Wertpapiergeschäft oder die Bestandprovisionen für die gut 1100 in Publikumsfonds angelegten Milliarden klettern automatisch mit den Kursen.

Zwei Betrachtungen sollen das ganze illustrieren:

  • Seit Ende 2015 betrug die Netto-Vertriebsleistung an Publikumsfonds in Deutschland 120 Mrd. Euro, aber das verwaltete Vermögen stieg um 200 Mrd. Euro
  • In den letzten vier Quartalen laut Bundesbank-Statistik (also Q3-2018 bis Q3 2019, neuere Daten folgen im April) haben private Haushalte netto Aktien und Fonds für 36 Mrd. Euro erworben. Das ist überschaubar in Relation zum rund 6300 Mrd. Euro großen Geldvermögen der privaten Haushalte. Inklusive Wertzuwachs stieg aber das Geldvermögen in Aktien und Fonds annähernd doppelt so schnell wie die Nettozuflüsse.

Und das ist seit Jahren die Regel. Denn es geht von zwischenzeitlichen Korrekturen abgesehen seit nunmehr März 2009 mit dem Wert der meisten Vermögenswerten stramm nach oben, entsprechend erhöht sich die (provisionstragende) Vermögensbasis der Kunden von Privatbanken, Geno-Banken und Sparkassen. Selbst ein Online-Broker wie Flatex hat erkannt, wie leicht das Geldverdienen damit ist und kündigte im Dezember eine volumenabhängige Depotgebühr an.

Die Kehrseite: Brechen die Märkte ein (wie jetzt), trifft das das Provisionsgeschäft der Banken doppelt: In Krisen hat außer den kurzfristigen Spekulanten kaum ein Kunde Lust auf Neuanlagen, wartet lieber ab. Alleine gestern verloren die 30 Dax-Aktien zusammen rund 80 Mrd. Euro an Börsenwert, seit Mitte Februar sind es rund 250 Mrd. Euro.

Der Einbruch am Kapitalmarkt dürfte auch den Kritikern einer umfangreicheren staatlichen Förderung kapitalgedeckter Vorsorge Auftrieb geben. Die Hoffnung auf mehr Geschäft durch mehr Förderung dürfte erst einmal dahin sein.

4.) Die Zinsen nehmen eine katastrophale Entwicklung sowohl in Deutschland …

Zweijährige Bundesanleihen rentieren nach einem Minus von allein gestern 0,15 Prozentpunkten bei -1,02%, zehnjährige Bundesanleihen nach einem Rutsch um fast 0,2 Prozentpunkte bei -0,88%. Die Zinskurve ist damit so flach, wie sie flacher kaum sein könnte – und dürfte trotzdem bald noch flacher werden, denn dass die EZB noch einmal de ohnehin extrem niedrigen kurzfristigen Zins von minus 0,4% senkt – womöglich sogar vor Donnerstag – gilt als ausgemachte Sache. Die Lage ist Gift für künftige Zinserträge. Das klassische Geschäft der Fristentransformation scheint tot, die Zinsspannen verengen sich.

5) …. als auch in allen anderen für unsere Banken wichtigen Ländern und Segmenten

Am gestrigen Montag gesellten sich drei weitere dramatische Entwicklung an der Zinsfront hinzu:

  • Zwar fallen die Renditen „sicherer“ Bundesanleihen. Aber die Zinsen in Italien klettern, da das Land aufgrund seiner massiven Quarantäne-Maßnahmen und der vielen Corona-Toten als riskanter wahrgenommen wird. Höhere Zinsen verschärfen aber die Lage Italiens zusätzlich. Auch die Zinsen in anderen Euro-Peripheriestaaten steigen
  • Abwärts mit den Kursen und aufwärts mit den Renditen geht es den Ramschanleihen – was als Menetekel auch für drohende Kreditausfälle bei Unternehmenskrediten gesehen werden kann. Die Rendite des sogenannten itraxx-High-Yield-Crossover-Index – einer Auswahl von Euro-Ramschanleihen – sprang gestern kurz über die Marke von 500 Basispunkten, ein Wert, der lediglich einmal kurz 2015 erreicht wurde.
  • Auch in den USA und damit am wichtigsten und liquidesten Anleihenmarkt der Welt taumeln die Renditen nun in Richtung Nulllinie. Der US-Markt galt gewissermaßen als letzte Fluchtburg für alle, die überhaupt noch positive Zinsen erwirtschaften wollen. Gestern sackte die Rendite zweijähriger US-Staatsanleihen auf 0,3%, die von 30jährigen Papieren auf 0,95% weg. Für letztere gab es vor einem Jahr noch über 2%. Durch die sinkende Zinsdifferenz zwischen den USA und Europa steigt der Euro immer weiter gegenüber dem Dollar – was die Lage für Banken in der Eurozone zusätzlich verschärft. Denn mit einem aufwertenden Euro sind Euro-Exportgüter global weniger wettbewerbsfähig

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