Exklusiv

Deutsche HSBC verbeißt sich in den Fall Sino – aber wieso???

18. Mai 2022

Von Christian Kirchner

Wenn übernächste Woche die virtuelle Hauptversammlung der Düsseldorfer Sino AG steigt, könnte ein Stück Börsengeschichte geschrieben werden. Eine Dividende von 53 Euro steht zur Abstimmung – gemessen an einem Aktienkurs von gestern 86 Euro. Die Sino AG, die durch ihre Beteiligung am Milliarden-Fintech Trade Republic zu unverhofftem Reichtum gekommen war (siehe unsere Analyse hier und unseren Podcast hier), will also zwei Drittel ihrer gesamten Marktkapitalisierung ausschütten. Ein historisches Kuriosum.

Die Stimmung rund um die Sino AG müsste also eigentlich großartig sein. Auch bei der HSBC Deutschland, die 24,9% an dem Düsseldorfer Spezial-Broker hält. Doch stattdessen: Haben sich die hiesige HSBC und das Sino-Management offenbar heillos zerstritten.

Das Zerwürfnis hat eine Vorgeschichte. Schon vor einem Jahr waren die HSBC und der Sino-Vorstand bei der Besetzung des Aufsichtsrats über Kreuz geraten (siehe unsere damalige Berichterstattung). Wie es damals hieß, störte sich das Düsseldorfer Traditionshaus an einer möglicherweise zu große Nähe zwischen dem langjährigen Sino-Chef Ingo Hillen und den Kontrolleuren. Letzten Endes verständigten sich beide Seiten auf eine Kompromisslösung.

Lange hielt der Frieden nicht. Im August kündigte Sino an, bei der Abwicklung ihrer Transaktionen “perspektivisch” auf die Münchner Baader Bank zu setzen – statt auf die HSBC Deutschland, die bis dahin nicht nur der größte Gesellschafter der Sino AG gewesen war, sondern auch deren Depotbank. Um allzuviel Geschäft ging es dabei nicht. Denn: Die operativen Aktivitäten der auf “Heavy Trader” spezialisierten Sino AG sind von überschaubarer Größe, im ersten Quartal 2022 beispielsweise fielen gerade einmal 289.000 Trades an. Der Unternehmenswert von 202 Mio. Euro rührt in erster Linie aus dem Erlös bereits verkaufter Trade-Republic-Anteile (der nun 124 Mio. Euro Dividenden finanzieren soll) sowie aus jenen 2,8%, die Sino weiterhin an dem Berliner Vorzeige-Fintech hält.

Ob die Trennung wirklich von Sino ausging, oder ob der ursprüngliche Impuls womöglich von der HSBC kam – darüber kursieren unterschiedliche Erzählung. Vieles spricht jedenfalls dafür, dass die Stimmung schon damals vergiftet war. So merkte das Sino-Management in der Mitteilung vom vergangenen August spitz an, die Verantwortlichen der Baader Bank würden “unternehmerisch denken und handeln”. Was implizit bedeuten sollte, dass man das bei der HSBC Deutschland nicht tut.

Den vorläufigen Tiefpunkt erreichte die Beziehung im März dieses Jahres. Da teilte Sino mit, die HSBC Deutschland habe “den bestehenden Kooperationsvertrag nunmehr ordentlich zum 30.09.2022 gekündigt”. Zusatz: “Wir hätten uns eine einvernehmliche Beendigung der 24-jährigen Kooperation mit HSBC gewünscht.” Vermutlich hätte es diese Provokation nicht mehr gebraucht. Indes – ebenso vermutlich hätte man die Dinge damit vielleicht auch auf sich bewenden lassen können.

Stattdessen ging diese Tage nun die HSBC Deutschland zur Gegenattacke über.

Der Gegenantrag war kaum eingereicht, da sprang die HSBC schon drauf

Was ist passiert? Eigentlich sollte der amtierende Aufsichtsrat, bestehend aus der HSBC-Managerin Rabea Bastges, dem Juristen Thomas Dierkes sowie dem Wirtschaftsprüfer Marcus Krumbholz, bei der virtuellen HV in der übernächsten Woche wiedergewählt werden. Die Chancen hierfür schienen gut zu stehen – schließlich waren zwei der drei Kandidaten erst letztes Jahr auch auf Drängen der HSBC Deutschland in das Kontrollgremium eingezogen, nämlich die HSBC-Frau Bastges und der Jurist Dierkes.

Dann jedoch ging am 13. Mai bei der Sino AG ein Gegenantrag ein. Eingereicht von einem einzelnen Aktionär, der forderte, zwei der drei Aufsichtsräte (Dierkes und Krumbholz) durch den Rechtsanwalt Markus Linnerz sowie den Investor Ferdinand Kiechle zu ersetzen. Begründung? Gab es keine. Wohl aber prominente Unterstützung. Denn noch am gleichen Tag kündigte die HSBC Deutschland an, den Wahlvorschlag zu unterstützen – es roch nach einem abgekarteten Spiel.

Das heißt nun: Nachdem HSBC schon letztes Jahr für den Austausch von zwei Aufsichtsräten gesorgt hatte, soll sich das Spielchen nun offenkundig wiederholen. Aber warum?

Fest steht: Die HSBC Deutschland und die Sino AG stehen sich nun in offener Konfrontation gegenüber. Zu kitten scheint das Verhältnis nicht mehr. Und der Ausgang der Auseinandersetzung ist offen. Nicht auszuschließen, dass die Sache am Ende sogar den Gründer und CEO Hillen den Job kosten könnte. Legt’s die HSBC hierauf an? Oder ist es umgekehrt das Management, das den Konflikt eskalieren lässt, um der HSBC ihre Beteiligung zu verleiden?

Oder aber: Geht es – wofür manches spricht – in dem Konflikt letztlich um etwas ganz anderes, nämlich um den Umgang mit der Trade-Republic-Beteiligung? Es soll jedenfalls Investoren geben, die sich gewünscht hätten, dass das Management an den Trade-Republic-Anteilen länger festhält statt sie zu versilbern. Und einer der Aktionäre (Name: BGW Beteiligungsgesellschaft) fordert sogar, die Sino AG aufzuspalten in eine operative Gesellschaft einerseits und eine Beteiligungsgesellschaft andererseits.

Sieht man das bei der HSBC ähnlich? Und soll durch das neuerliche Revirement des Aufsichtsrats möglicherweise sichergestellt werden, dass die Sino AG zumindest am verbliebenen Trade-Republic-Stake festhält? Bei der Düsseldorfer Traditionsbank gab man sich gestern auf Anfrage ausweichend. Mit dem Ende der Depotbank-Kooperation sei die Sino AG für die HSBC Deutschland nur noch “eine Finanzbeteiligung”. Angesichts eines Anteils von weiterhin rund 25% sei man “verständlicherweise daran interessiert, einen Aufsichtsratsposten zu besetzen”.

Weiter nichts? Wozu dann der ganze Aufstand?

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing