Analyse

Von Coba bis DKB: Die 63 Lehren aus den Q1-Berichten

15. Mai 2020

Von Christian Kirchner

Für einen Augenblick so schien, als würde die hiesige Kreditwirtschaft inmitten der Corona-Krise ein wundersames Comeback feiern. Nämlich als die Deutsche Bank am 26. April, kurz vor Mitternacht, eine Ad-hoc-Mitteilung herausgab die überschrieben war mit: „Ergebnisse im ersten Quartal 2020 liegen über den Erwartungen.“ Worauf im ersten Absatz dann drei Zahlen folgten, die kaum jemand für möglich gehalten hätte: Vorsteuergewinn 206 Mio. Euro. Nachsteuergewinn 66 Mio. Euro. Und 6,4 Mrd. Euro Erträge, ein fast surreales Plus von 19% zum Vorquartal. Wow, dachte man da!

Indes: So schnell die Euphorie kam, so schnell verflog sie. Die ING-Deutschland-Zahlen waren ja noch sehr okay. Die von PBB und Aareal aber schon nicht mehr. Und dann – oh Gott – kam die Coba. Und gestern dann – ohgottohgott – die BayernLB inklusive DKB. Lesen Sie hier zu 9 der wichtigsten deutschen Banken jeweils 7 Erkenntnisse aus den Q1-Berichten.

BayernLB

  • Erster Satz in der Finanz-Szene.de-Redaktion nach dem ersten Blick auf die Zahlen: „Was ist denn da in der Firmenkundensparte los?“
  • Die Zahlen in einem Satz: So richtig gut lief es in keiner Sparte – selbst die DKB (siehe unten) schwächelt.
  • Das lief gut: Beim Zinsüberschuss (+1%) und beim Provisionsüberschuss (+2%) ging’s aufwärts zum Vorjahresquartal.
  • Das lief nicht gut: Ganz unten in der GuV steht ein Verlust von 151 Mio. Euro vor Steuern. Besonders arg: Das Segment „Corporates & Markets“. Denn die Zahlen waren derart rot (-89 Mio. Euro vor Steuern), dass sie selbst ohne Risikovorsorge „rot“ gewesen wären. Unter anderem, weil Zins- wie Provisionsüberschuss zum Vorjahresquartal sanken. Haben nicht andere Banken im Kreditgeschäft von einem sehr starken Jahresauftakt berichtet und von einer Corona-Kredit-Sonderkonjunktur im März?
  • Was sagt der Aktienmarkt? Glücklicherweise ist die BayernLB nicht börsennotiert.
  • Welchen Ausblick liefert die Bank? Keinen. „Eine belastbare Vorhersage für das Jahresergebnis 2020 ist derzeit weiterhin nicht seriös möglich.“
  • Darauf kommt es jetzt an: Zu beweisen, dass das Q1 nur ein Ausrutscher war – vor allem in der Firmenkundensparte.

Deutsche Bank

  • Erster Satz in der Finanz-Szene.de-Redaktion: „Was fällt denen eigentlich ein, die Zahlen Sonntags um 23.45 Uhr rauszuhauen?“
  • Die Zahlen in einem Satz: Oha!
  • Das lief gut: 622 Mio. Euro Vorsteuergewinn haben die Investmentbanker erwirtschaftet – und damit die Gesamtbank (vor Zinsen auf Nachranganleihen) in die schwarzen Zahlen und deutlich vor die Analystenerwartungen geschoben. In der Privatkundenbank gibt es zudem zarte Hinweise auf eine Wende bei den Erträgen.
  • Das lief nicht gut: Die Bank kassierte ihre Gewinnziele fürs Gesamtjahr. Das Gleiche galt für die Zielwerte zur Kernkapital- und Verschuldungsquote. Alles aber nicht wirklich dramatisch.
  • Was sagt der Aktienmarkt? Die Aktie ist seit Jahresbeginn 36 Prozentpunkte besser gelaufen als der Euro Stoxx Banks.
  • Welchen Ausblick liefert die Bank? Die Bank bekräftigt, ihre Kosten 2020 auf 19,5 Mrd. Euro zu drücken, warnt aber von Einbrüchen in praktisch allen Bereichen.
  • Darauf kommt es jetzt an: An das Q1 anzuknüpfen würde reichen.

Deutsche Pfandbriefbank

  • Erster Satz in der Finanz-Szene.de-Redaktion: „Das sieht übel aus“ (beim Blick auf den gestrigen Kursverlauf)
  • Die Zahlen in einem Satz: Kann es sein, dass die Börse aus den Zahlen mehr Negatives rausliest, als wirklich drinsteht?
  • Das lief gut: Das Q1 war (wenn auch denkbar knapp) „schwarz“ mit 2 Mio. Euro Nettogewinn. Das Neugeschäft hielt sich einigermaßen. Die Eigenmittelausstattung stimmt mit 16,3% Kernkapitalquote.
  • Das lief nicht gut: Was auch immer hinter den Zahlen und ihrem Ausblick steckt, hat die Bank ihren Investoren offenbar nicht hinreichend erklärt. Denn:
  • Was sagt der Aktienmarkt? „Hier stimmt was nicht.“ Von einem Rekordhoch noch im Februar ist die PBB-Aktie jetzt um 67% abgestürzt (allein gestern -10%). Die breite Erholung seit Mitte März lief völlig an dem Wert vorbei.
  • Welchen Ausblick liefert die Bank? Sie wagt einen Ausblick nur für die „operative Entwicklung des Zinsergebnisses“ (stabil) wie für die Kosten (stabil), aber nicht für das Neugeschäft in Q2 und den Gewinn. Auch zu den sonstigen nicht-operativen Belastungen sagt die PBB nichts. Was man auch salopp mit „Wir haben auch keine Ahnung, was kommt“ übersetzen könnte.
  • Darauf kommt es jetzt an: Den Kursverlust stoppen, damit es keine Abwärtsspirale gibt.

DKB

  • Erster Satz in der Finanz-Szene.de-Redaktion nach dem ersten Blick auf die Zahlen: „Mhmh, wie passen denn Service-Investitionen zu einer halbierten Hotline-Erreichbarkeitszeit?“
  • Die Zahlen in einem Satz: 28 Mio. Euro operativer Gewinn sind ganz schön wenig nach noch 96 Mio. Euro im Vorjahr. Zumal (siehe weiter unten) verglichen mit den beiden Hauptkonkurrenten ING Deutschland und Comdirect.
  • Das lief gut: Wenn die Cost-Income-Ratio in einem „mauen“ Quartal immer noch bei 76% liegt, macht eine Bank vieles richtig. Und: Die Kundenzahl wächst weiter.
  • Das lief nicht gut: Der Ertragstrend stimmt nicht: Das Zinsergebnis sinkt (-4%), die Kosten steigen (+17%). Auch wenn die DKB immer sagt, die Kosten kämen halt aus Investitionen in die Digitalisierung.
  • Was sagt der Aktienmarkt? Nichts, die Bank ist wie die Mutter BayernLB nicht börsennotiert
  • Welchen Ausblick liefert die Bank? Keinen dezidierten in Sachen Ergebnis – angepeilt ist aber offiziell ein „starkes Ertragswachstum durch angestrebte Verdopplung der Kundenzahl auf acht Millionen.“
  • Darauf kommt es jetzt an: Wenn die DKB weiterhin als „Cashcow“ der BayernLB verteidigen will, sollte das Ergebnis rasch wieder besser werden.

HVB

  • Erster Satz in der Finanz-Szene.de-Redaktion: „Die sind auch mitten in Corona unkaputtbar.“
  • Die Zahlen in einem Satz: 50 Mio. Euro Sondereffekt beim Zinsüberschuss retten die Bank gerade so in die schwarzen Zahlen (7 Mio. Euro Gewinn vor Steuern)
  • Das lief gut: Die HVB hat – wie schon in den Vorjahren – ihre Kosten im Griff. Und ohne die Corona-Effekte in der Risikovorsorge ist die operative Ertragslage gerade für eine Filialbank (Cost-Income-Ratio Q1: 69%) unverändert stark.
  • Das lief nicht gut: Eine Quote notleidender Kredite von 1,8% (brutto) und 0,9% (netto) ist für deutsche Verhältnisse und dieser sehr frühen Phase des Konjunktur-Zyklus (wir reden noch vom Q1!) nicht gerade schmal.
  • Was sagt der Aktienmarkt? Die Aktie der Mutter Unicredit notiert auf einem Mehrjahrestief. Wofür die HVB aber eher wenig kann.
  • Welchen Ausblick liefert die Bank? Keinen – das ist nicht Teil der Segmentberichterstattung.
  • Darauf kommt es jetzt an: Zu klären, ob die Bank bei der Risikovorsorge ähnlich konservativ vorgegangen ist (also Rückstellungen ins Q1 reingepackt hat) wie bei den Restrukturierungskosten für das konzernweite Umbauprogramm „Team 23“. Diese waren bekanntlich noch in die 2019er Bilanz gewandert.

Commerzbank

  • Erster Satz in der Finanz-Szene.de-Redaktion: „Den Ausblick muss ich noch paar mal lesen, bis ich ihn verstehe.“
  • Die Zahlen in einem Satz: Corona trifft auf renditeschwache Bank – macht 295 Mio. Euro Nettoverlust.
  • Das lief gut: Das Neukundenwachstum (10.000 Kunden pro Woche im Q1 – sagt die Bank) geht weiter, und „ex Corona“ hätte das Kerngeschäft mit Privat- und Unternehmenskunden kumuliert 300 Mio. Euro Gewinn erzielt – sagt die Bank.
  • Das lief nicht gut: Ein Verlust ist ein Verlust ist ein Verlust. Operativ (minus 277 Mio. Euro) wie netto (minus 295 Mio. Euro) – beides einen Deut höher als erwartet.
  • Was sagt der Aktienmarkt? Der YTD-Einbruch (-45%) fällt nicht höher aus als im Schnitt europäischer Bankaktien (-48%). Aber Rekordtief ist Rekordtief ist Rekordtief (2,96 Euro gestern).
  • Welchen Ausblick liefert die Bank? Reichlich verklausuliert, dass man 2020 vergessen kann, denn die Prognose stabiler Erträge und leicht sinkender Kosten gilt nur unter der Maßgabe, dass sich alles V-förmig erholt im 2. Halbjahr.
  • Darauf kommt es jetzt an: De Commerzbank Strategie „5.0“, gelinde gesagt, ein wenig nachzuschärfen

Comdirect

  • Erster Satz in der Finanz-Szene.de-Redaktion: „Warum nicht früher so?“
  • Die Zahlen in einem Satz: Im ersten Quartal mehr operativer Gewinn (78 Mio. Euro) als im gesamten Vorjahr (76 Mio. Euro).
  • Das lief gut: Die heftigen Trading-Aktivitäten der Kunden vor allem im volatilen Börsenmonat März bescherten der Comdirect ein mehr als verdoppeltes Provisionsergebnis von 110 Mio. Euro gegenüber dem Vorjahresquartal.
  • Das lief nicht gut: Nichts. Zumindest nichts, was wir gefunden hätten.
  • Was sagt der Aktienmarkt? Dass die Comdirect-Aktie nahezu unverändert zum Jahresbeginn bei gut 13 Euro steht, ist ein Signal der Stärke. Auch wenn man in Rechnung stellen muss, dass der Kurs durch die Übernahmesituation besonderen Einflüssen unterliegt.
  • Welchen Ausblick liefert die Bank? Den hat sie mit den Quartalszahlen wegen der Trading-Aktivitäten der Kunden erhöht: 2020 sollen es 130 bis 150 Mio. Euro werden nach zuvor 100 bis 120 Mio. Euro.
  • Darauf kommt es jetzt an: Der Mutter die Hand halten.

ING Deutschland

  • Erster Satz in der Finanz-Szene.de-Redaktion nach dem ersten Blick: „Diese Risikovorsorge ist unfassbar niedrig, wie kann das sein?“
  • Die Zahlen in einem Satz: Auf einem weiterhin irrsinnig effizienten Niveau mit 47% Cost-Income-Ratio steigen die Erträge (+3%) immer noch etwas schneller als die Kosten (+2%).
  • Das lief gut: Der eigentliche Knaller – wie gesagt – ist die bei über 120 Mrd. Euro Kreditbuch aberwitzig geringe Risikovorsorge von zusätzlichen nur 20 Mio. Euro im Q1.
  • Das lief nicht gut: Der Vorsteuergewinn der Firmenkundensparte ging zum Vorjahresquartal um 35% zurück und liegt mit 92 Mio. Euro auf dem niedrigsten Wert seit zwei Jahren – ein Luxusproblem bei > 15% Eigenkapitalrendite.
  • Was sagt der Aktienmarkt? Nichts, die deutsche ING ist nicht börsennotiert, aber die niederländische Mutter taumelt alleine seit Jahresbeginn um 57% in die Nähe ihres Elf-Jahres-Tiefs. („Das Elftal“ statt „die Elftal“, sozusagen)
  • Welchen Ausblick liefert die Bank? Es gibt keinen gesonderten Quartalsausblick der deutschen ING – aber für 2020 steht das Ziel im Raum, die Marke von 10 Mio. Kunden zu erreichen.
  • Darauf kommt es jetzt an: Mit dem Einstieg in die Beratung die Abhängigkeit vom Zinsgeschäft zu senken – und den richtigen Moment abzupassen, um zu erklären, dass es mit dem eigentlich schon mal für 2019 ausgegebenen und auf 2020 verschobenen Ziel von 10 Millionen Kunden auch dieses Jahr nichts wird.

Aareal

  • Erster Satz in der Finanz-Szene.de-Redaktion nach dem ersten Blick: „War vielleicht doch ganz gut, dass die die Dividenden behalten mussten.“
  • Die Zahlen in einem Satz: Nach allem Corona- und Nachrang-Gedöns landet das Nettoergebnis bei 2 Mio. Euro.
  • Das lief gut: Dass man nach allem Corona- und Nachrang-Gedöns (und angesichts des starken Exposures gegenüber Corona-Problem-Branchen) überhaupt „schwarz“ war – und es beim Neugeschäft gar ein kräftiges Plus zum (schwachen) Vorjahresquartal auf 1,3 Mrd. Euro gab.
  • Das lief nicht gut: Die Bank hat viel zu lange gebraucht, ehe sie sich der dringenden Empfehlung der Aufseher angeschlossen hat, die Dividende auszusetzen. Bockig.
  • Was sagt der Aktienmarkt? 54% Verlust seit Jahresbeginn.
  • Welchen Ausblick liefert die Bank? Das Ziel schwarzer Zahlen 2020 ist „mit Blick auf die schwer abschätzbare Intensität und Dauer der Krise mit erheblichen Unsicherheiten behaftet“. Man könnte auch sagen: Es ist eher nicht zu erreichen.
  • Darauf kommt es jetzt an: Genau wie die Deutsche Pfandbriefbank irgendwie durchzukommen durchs Jahr.

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