FAQ

Kostenexplosion! Wird unseren Banken das “Erfolgsjahr 2021” zum Verhängnis?

Alle Leserinnen und Leser mit Graecum einmal vortreten, bitte. Wie lautet von Jota der Plural: Jotas? Jotae? Joten? Wobei, vielleicht ist das auch völlig egal. Denn worauf es letztlich ja ankommt: Als der damalige Bafin-Chef Felix Hufeld im Jahr 2019 sein berühmt-berüchtigtes Bonmot prägte, wonach die Kostenbasis der deutschen Bankenbranche seit der Finanzkrise “nicht um ein Jota gesunken” sei – da hätte er sich vermutlich nicht träumen lassen, dass ebendiese Kostenbasis zwei Jahre später nicht nur nicht sinken würde. Sondern in beträchtlichem Umfang steigt!

Konkret: Um 5 Mrd. (!!!) Jotas bzw. Euro haben die Verwaltungsaufwendungen unserer Banken und Sparkassen im Geschäftsjahr 2021 über denen des unmittelbaren Vorjahres gelegen. Sagt wer? Die gestern veröffentlichte und über jeden Zweifel erhabene Ertragslage-Statistik der Bundesbank. 5 Mrd. Euro … Das muss man dann doch erst mal sacken lassen. Denn eigentlich war 2021 ja das Jahr, in dem etliche hiesige Banken ertragsmäßig und ergebnistechnisch endlich wieder in die Spur zu finden schienen (ein Eindruck übrigens, den die Buba-Statistik bestätigt). Und es war das Jahr, in dem kostentechnische Streberbanken wie die HCOB, die OLB oder selbst die HVB selbstbewusst erklärten, bei der Cost-Income-Ratio von nun an Werte von 50% und weniger anzustreben. Und nun das!

Klar, es wird Gründe für die Explosion geben. Vielerorts dürften Restrukturierungskosten in die Aufwendungen eingeflossen sein. Eine Rolle dürfte auch spielen, dass Kosten, die 2020 pandemiebedingt wegfielen (Geschäftsreisen, Fortbildungen …), nun halt zurückkehrten. Und fairerweise sei auch betont: Wo die Erträge hochgehen, dürfen auch die Kosten ein Stück weit steigen. Indes: Das alles erklärt nicht die 5 Mrd. Euro. Was war da los?

Unsere Analyse der Ertragslage-Statistik in zehn Punkten:

1.) Banken blicken auf das beste Jahr seit 2017

Die gute Nachricht vorab: 2021 war gemessen an den Gewinnen unter dem Strich ein starkes Jahr. Sowohl der grob verdoppelte Gewinn vor Steuern von 27,1 Mrd. Euro als auch der verdreifachte Überschuss von 17,3 Mrd. Euro der noch 1358 Institute stellten den höchsten Wert seit 2017 dar. Der Gewinn vor Steuern lag damit rund 50% über dem langfristigen Durchschnitt von 18 Mrd. Euro.

2.) Alle Bankengruppen steigerten ihren Gewinn – mit einer Ausnahme

Die Gewinne kletterten in der Breite über fast alle Bankengruppen. Einen Rückgang beim Überschuss gab es lediglich bei den Bausparkassen um 42% (die besonders unter der Zinslage litten). Bei den Großbanken stand indes trotzh Verbesserung zum Vorjahr noch immer ein Minus zu Buche, das davon geprägt ist, dass die hiesigen Großbanken in der HGB-Bilanzierung und dem Einzelabschluss, der den Bundesbank-Zahlen zugrunde liegt, in der Regel deutlich schlechter abschneiden als im IFRS-Standard. So war etwa die Commerzbank 2021 gemäß IFRS in den schwarzen Zahlen, erwirtschaftete aber im Einzelabschluss erneut einen HGB-Verlust von 1,4 Mrd. Euro.

in Mio. Euro 2020 2021 Delta abs. Delta in %
alle Banken 5.900 17.347 11.447 194%
Kreditbanken -4.959 2.413 7.372 -
davon Großbanken -6.944 -1.445 5.499 -
davon Regionalbanken & sonstige Institute 1.938 3.632 1.694 87%
davon Zweigstellen ausländischer Banken 2 226 224 11.200%
Landesbanken 353 964 611 173%
Sparkassen 4.245 5.496 1.251 29%
Genossenschafts-Banken 4.318 5.730 1.412 33%
Realkreditinstitute 147 565 418 284%
Bausparkassen 105 61 -44 -42%
Sonder- & Förderbanken 1.713 2.119 406 24%
Banken in Auslandsbesitz 1.354 1.848 494 36%

3) Der Klicker des Jahres 2021 war das Bewertungsergebnis

Die naheliegende Frage ist: Warum lief 2021 letztlich so stark, dass Banken den höchsten Gewinn seit 2017 erzielen konnten? Zerlegen wir dazu einfach die 12,8 Mrd. Euro, die letztlich zu einer annähernden Gewinnverdoppelung vor Steuern beitrugen (nämlich von 14,3 auf 27,1 Mrd. Euro) in die Bestandteile:

Das Ergebnis: 75% der Gewinnsteigerung haben ihren Ursprung in der Verbesserung des Bewertungsergebnisses. Nach minus 13,3 Mrd. Euro an dieser Position im Vorjahr betrug es zuletzt nur minus 3,6 Mrd. Euro, wobei die Großbanken knapp die Hälfte zu dieser Verbesserung beitrugen.

Der zweite wesentliche Bestandteil der Verbesserung ist das Plus beim Provisionsüberschuss von 5,8 Mrd. Euro (leicht erklärbar durch den Wertpapierboom), während die Kosten sich um 5 Mrd. Euro zum Vorjahr erhöhten und die Ergebnisveränderung entsprechend belasteten.

Die Bundesbank nennt als wesentliche Ursache für die Verbesserungen beim Bewertungsergebnis zwei Aspekte: Zum einen seien die zu Beginn der Corona-Pandemie befürchteten hohen Kreditausfälle "nicht zuletzt aufgrund der umfangreichen fiskal- und geldpolitischen Maßnahmen ausgeblieben". Zum anderen schätzten die Banken die Kreditrisiken weiterhin als niedrig ein, was an der gesamtwirtschaftlichen Lage sowie einem bis zum dritten Quartal rückläufigen Anteil notleidender Kredite am gesamten Kreditvolumen lag. Das, freilich, dürfte eine Momentaufnahme aus dem Vorjahr gewesen sein.

4.) Die Kosten explodierten

Es deutete sich schon im Jahresverlauf 2021 an, dass viele Banken ihre Ergebnisse vor allem über "Masse" bzw. das Volumen retten wollten – prominentestes Beispiel ist die Deutsche Bank, die ihr absolutes Kostenziel im Sommer strich, weil sie ein lukratives Geschäft witterte. Doch in der Breite ist die Veränderung der Kosten fulminant: Sie stiegen 2021 mit einem Sprung um 5 Mrd. Euro auf ein Rekordhoch von 92 Mrd. Euro.

Dabei verteilte sich der Anstieg zu annähernd gleichen Teilen auf zusätzliche Personalaufwendungen (plus 2,6 Mrd. Euro) und Sachkosten (plus 2,5 Mrd. Euro, Differenz rundungsbedingt). Auffällig ist auch, dass der Anstieg der Kosten fast alle Bankengruppen erfasste – mit einer Ausnahme: Bei den Sparkassen blieben die Kosten quasi unverändert bei 20,6 Mrd. Euro.

Wenn allerdings das saftige Gewinnplus deutscher Banken vor allem auf dem Bewertungsergebnis fußt und die Kosten deutlich gestiegen sind, verheißt dies wenig Gutes für 2022 und darüber hinaus. Schließlich hat sich der konjunkturelle Ausblick seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs massiv eingetrübt, eine Rezession gilt inzwischen als kaum noch zu vermeiden – allenfalls Dauer und Schwere des Wirtschaftseinbruchs sind fraglich. Das dürfte sich dann auch im Bewertungsergebnis niederschlagen, während die Kosten kaum wieder einzufangen sein dürften.

5.) Die Cost-Income-Ratio verschlechterte sich

Trotz gestiegener operativer Erträge hat sich die Wirtschaftlichkeit der deutschen Kreditinstitute tatsächlich verschlechtert. Das Plus von 5 Mrd. Euro bei den Kosten ließ die Cost-Income-Ratio gegenüber dem Vorjahr leicht um 0,6 Prozentpunkte auf 72,9 % klettern. Den langfristigen Schnitt gibt die Bundesbank mit 69% anb.


Blickt man auf die Effizienz der einzelnen Bankengruppen, zeigt sich: Die Wirtschaftslichkeit der Sparkassen sank trotz Kostendisziplin leicht, die der Genossenschaftsbanken verbesserte sich indes ein bisschen. Den Top-Wert erreichten die Zweigstellen ausländischer Banken mit nur 46% Cost-Income-Ratio – eine Funktion auch des Brexits und einer Ausweitung des Geschäfts vieler Auslandsbanken, wobei Assets und Gewinne schneller gestiegen sind als die Kosten.

Cost-Income-Ratio
in % 2020 2021
Zweigstellen ausl. Banken 53,2 46,2
Förder- & sonstige Banken 56,2 55,5
Genossenschafts-Banken 67,2 65,9
Landesbanken 75,9 70,6
Sparkassen 70,1 70,8
Kreditbanken 77,7 79,9
Bausparkassen 91,4 93,6

6.) Die TLTRO-Bilanz: 4 Mrd. Euro Zusatzerträge (plus X)

Mit 2,8% lag der Zuwachs der Bilanzsumme etwas über dem langfristigen Schnitt von 2% pro Jahr. Allerdings dürfte dieser Zuwachs zum großen Teil der Bilanzausweitung durch die TLTRO-Geschäfte geschuldet sein, bei dem sich Banken Geld bei den Notenbanken zu bis zu -1,0% leihen und gleich wieder in der Einlagenfazilität zu -0,5% anlegen konnten. Der Zuwachs der Bilanzsummen um absolut 262 Mrd. Euro ist jedenfalls nur zu knapp der Hälfte (genauer: 114 Mrd. Euro) mit dem Kreditwachstum zu erklären, der Löwenteil der anderen Hälfte entfällt somit vermutlich auf die TLTRO-Geschäfte.

In einer Fußnote präzisierte die Bundesbank dabei interessanterweise, welche Implikationen die Negativverzinsung hatte. So mussten Banken einerseits insgesamt 4,8 Mrd. Euro an Negativzinsen auf die Einlagenfazilität bei der EZB zahlen, verdienten andererseits aber an der TLTRO-Nutzung 4,0 Mrd. Euro zusätzlich. Das heißt: Unter dem Strich und ohne Berücksichtigung des Kundengeschäfts waren die Negativzinsen der Notenbanken trotz TLTRO-Erleicherungen ein kleines Verlustgeschäft. Allerdings bleibt in dieser Betrachtung außen vor, dass die Banken die Belastungen aus den Negativzinsen meist in Form von Verwahrentgelten weitergereicht haben, während die TLTRO-Gewinne in der Kundenkommunikation stets unerwähnt blieben. Zum Vergleich: Alleine die deutsche Bank hat 2021 über eine halbe Milliarde Euro an Zusatzerträgen aus Negativzinsen erwirtschaftet.

7.) Sparkassen und Genossenschaftsbanken steigerten die Provisionsergebnisse nur langsam

Der Anstieg der Provisionsergebnisse um 5,8 Mrd. Euro bzw. 18% war (siehe oben) nach dem Bewertungsergebnis der zweitwichtigste Treiber für die Ergebnisverbesserung deutscher Banken. Fächert man die Veränderung des Provisionsergebnisses auf über die Bankengruppen, ist auffällig, dass hier das Wachstum bei den Sparkassen (plus 7%) und Genossenschaftsbanken (plus 9%) zwar achtbar war, aber eben auch klar unterm Marktdurchschnitt. Ein möglicher Grund: Sparkassen wie Genossenschaftsbanken profitierten eher verzögert vom Wertpapierboom, konnten aber auch (siehe auch unsere Kurzanalyse hier) die guten Absatzzahlen etwa von Investmentfonds auch noch ins Jahr 2022 retten.

in Mio. Euro 2020 2021 Dela abs. Delta in %
alle Banken 32.137 37.904 5.767 18%
Kreditbanken 15.439 19.719 4.280 28%
davon Großbanken 9.311 11.124 1.813 19%
davon Regionalbanken. & sonstige Institute 6.015 8.506 2.491 41%
davon Zweigstellen ausländischer Banken 113 89 -24 -21%
Landesbanken 1.147 1.326 179 16%
Sparkassen 8.660 9.239 579 7%
Genossenschafts-Banken 5.663 6.146 483 9%
Realkreditinstitute -123 -144 -21 17%
Bausparkassen -493 -389 104 -21%
Sonder- & Förderbanken 1.844 2.007 163 9%
Banken in Auslandsbesitz 4.639 6.025 1.386 30%

8.) Landesbanken erlebten ein Comeback

2021 haben die Landesbanken kumuliert ein Ergebnis von 1,7 Mrd. Euro vor Steuern erwirtschaftet – das ist der höchste Wert seit 2015, als es mit 1,8 Mrd. Euro noch ein wenig mehr war. Allerdings hat sich auch der Berechnungskreis der Landesbanken seit 2015 verändert: Die HSH Nordbank (heute: HCOB) wurde 2018 zu den sonstige Kreditbanken umgehängt und die Landesbank Berlin zur Bankengruppe der Sparkassen, was die absoluten Gewinne in der Summe belastet.

Setzt man daher den Gewinn in Relation zur Bilanzsumme, haben die Landesbanken das beste Jahr seit einer Dekade hinter sich; beim Betriebsergebnis im Verhältnis zur Bilanzsumme kam man hier auf einen Wert von 0,26%, beim Überschuss nach Steuern in Prozent der Bilanzsumme auf 0,11%.

9.) Die Zinswende hilft erstmal nicht allen Banken

Welche Wirkung die laufende Zinswende auf die GuV von Banken hat, ist von vielerlei Faktoren abhängig: Wie stark hagelt es ins Bewertungsergebnis hinein, wenn gehaltene Anleihen an Wert verlieren? Wie schnell können Banken steigende Zinsen beim Passivgeschäft weitergeben (oder müssen es gar aufgrund von Zinsbindungen)? Wie schnell fliegen niedrig verzinste Altkredite raus und können mit höher verzinstem Neugeschäft ersetzt werden? Und natürlich: Wie schlimm wird es bei Kreditausfällen?

Die Bundesbank hat dazu untersucht, wie sich denn die Zinsmarge (also der Zinsüberschuss in Prozent der Bilanzsumme) bei einem unterstellten Zinsschock eines Anstiegs von 2 Prozentpunkten nach oben entwickelt – ein vor dem Hintergrund der Zinsveränderungen der letzten knapp 12 Monate gar nicht einmal unplausibles Szenario.

Das Ergebnis: Obwohl die Zinsmarge im ersten Jahr nach der Zinserhöhung um 0,08 Prozentpunkte steigen dürfte, wird dieser Anstieg von einigen wenigen Häusern getragen. Denn bei 60% der Institute dürften die Zinsmargen im ersten Jahr sogar sinken (!) und bei knapp 30% der Institute "sogar stärker ausfallen als der Rückgang der aggregierten Zinsmarge im von der Coronavirus- Pandemie geprägten Geschäftsumfeld des Jahres 2020", wie die Bundesbank schreibt. Und weiter: Die Heterogenität der kurzfristigen Auswirkung einer Zinswende zeigt sich demnach auch innerhalb Bankengruppen: Bei drei Vierteln der Kreditgenossenschaften und zwei Dritteln der Sparkassen sei mit zunächst sinkenden Zinsmargen zu rechnen. Erst ab dem zweiten Jahr verbessert sich die Zinsmarge marktbreit im "ZInsschock"-Szenario.

10.) Die Renditekönige sind erneut die Genossenschaftsbanken

Die Banken haben insgesamt wieder eine Eigenkapitalrendite nach Steuern von 3,2% verdient – nach nur 1,1% im Vorjahr. Es ist die wieder höchste Eigenkapitalrendite seit 2017. Die höchste Rentabilität aller Bankengruppen wies dabei die Gruppe der Genossenschaftsbanken auf mit 6,2% nach Steuern (versus 5,0% im Vorjahr, was auch 2020 der höchste Wert war). Die Rendite wäre noch höher ausgefallen, hätten nicht die Genossen auch beim Eigenkapital kräftig zugelegt – und zwar um 6,4%. Ohne diesen Zuwachs wäre die Eigenkapitalrendite nochmals ein Drittel höher ausgefallen, analysiert die Bundesbank.

 

Finanz-Szene geht ab Oktober hinter die Paywall ...

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