Exklusiv

Kreditbremse: Auslandsbanken kriegen es mit der Angst zu tun

24. Februar 2020

Von Christian Kirchner

Drosseln die hierzulande tätigen ausländischen Banken nach Jahren aggressiven Wachstums urplötzlich das Geschäft? Zumindest gibt es für diese These starke Indizien. So zeigt eine exklusive Auswertung von Bundesbank-Zahlen durch Finanz-Szene.de, dass das Kreditvolumen der sogenannten Auslandsbanken an Unternehmen und Selbständige sowohl im dritten als auch im vierten Quartal zum jeweiligen Vorquartal gesunken ist auf zuletzt noch 163 Mrd. Euro. Zwei Quartale in Folge mir einem Rückgang hatte es zuletzt 2013 gegeben. Lediglich ein starkes erstes Halbjahr rettet das Gesamt-Plus zum Jahresende.

Dieser Befund enthält aufgrund der Stichtagsbezogenheit zwar gewisse Unschärfen, denn die Bundesbank-Statistik enthält lediglich Stichtagsdaten, die durch das Auslaufen alter Kredite, die Neuvergabe sowie Umgruppierungen in der Statistik punktuell leicht verzerrt sein können. Er deckt sich indes mit den jüngst vorgestellten Geschäftszahlen zwei anderer starker ausländischer Player am deutschen Markt, nämlich der ING Deutschland und der HSBC Deutschland (auch wenn beide in den Buba-Statistiken nicht nur als „Auslandsbanken“, sondern ebenfalls in der Obergruppe der „Regionalbanken“ geführt werden). Die Oranje-Bank hat ihr hierzulande jahrelang brutales Wachstum des ausstehenden Firmen-Kreditvolumens 2019 auf praktisch Null zurückgefahren, um sich stattdessen „auf die Marge“ zu konzentrieren, wie es  bei der Bilanz-PK hieß. Bei der hiesigen HSBC wiederum lag das Kreditvolumen per Ende letzten Jahres nur noch um 1% über dem von Ende 2018.

Gleichwohl ist die These von der Vollbremsung alles andere als eindeutig und offenbar eine Besonderheit der Unternehmenskredite. So wuchs das Kreditvolumen von Auslandsbanken an inländische Unternehmen und Privatpersonen generell dank einer stark expansiven Kreditvergabe in den ersten sechs Monaten auf Jahressicht immer noch mit 6,6% im Vergleich zum Vorjahr – und damit knapp ein Drittel schneller als der deutsche Markt insgesamt (plus 5,1%). Bei den sogenannten „Zweigstellen ausländischer Institute“, die nochmals separat in der Buba-Statistik geführt werden, betrug das Plus sogar fulminante 18,7%. Die Institute der Sub-Gruppe der „Zweigstellen“ (zu denen etwa die BNP Paribas, Dankse Bank, Société Générale oder die jüngst expansive Standard Chartered gehören) benötigen im Zweifel keine eigene Zulassung, sondern betreiben hier über das so genannte „Passporting“ Geschäfte.

Veränderung der Kreditvolumina an Unternehmen und Privatpersonen per Ende 2019 zum Vorjahr, in Prozent

Veränderung in %
Zweigst. ausl. Banken 18,7
Auslandsbanken 6,6
Realkredit-Institute 6,5
Genossenschaften 6
Bausparkassen 5,5
Großbanken 5,2
insgesamt 5,1
Sparkassen 5
Förderbanken 2,9
Regionalbanken 2,8
Landesbanken 1,8

Quelle: Bundesbank Bankenstatistik; Banken sind in mehreren Segmenten zugleich klassifiziert

Tatsächlich wachsen die Auslandsinstitute bzw. ihre Zweigstellen schon seit Jahren deutlich stärker als der Markt (bzw.: Zumindest war dies bis Mitte 2019 so) …

Veränderung der Kreditvolumina an Unternehmen und Privatpersonen zum Jahresende in Prozent (2015-2019)

…. wobei dieses Wachstum nicht nur vom Volumen her, sondern auch von den relativen Zunahmen her ganz klar aus dem Firmenkundengeschäft kommt. Kein Wunder, dass die ausländischen Banken (inklusive der Zweigstellen) inzwischen auf einen Marktanteil von 12% an allen Krediten hierzulande kommen. Und in diese Zahl sind wohlgemerkt die ING Deutschland und die HSBC Deutschland (siehe oben) noch gar nicht eingerechnet.

Veränderung in % Gesamtmarkt Auslandsbanken insges. Zweigst. ausl. Banken
Unternehmenskredite 5,9 9,1 17,4
Kredite an Privatpersonen 4,9 5,7 26,8

In der Tat konterkarierten Banken wie die BNP Paribas und Co. in den letzten Jahren die gängige These, wonach der deutsche Markt „overbanked“ sei – und es der scharfe Wettbewerb durch das dreigliedrige Bankensystems fast umnöglich mache, nachhaltig Gewinne zu erwirtschaften. Zugleich warfen hiesige Banker hinter vorgehaltener Hand den Auslandsbanken vor, bei der Kreditvergabe extrem aggressiv vorzugehen und dafür künftig mit entsprechend hohen Ausfällen zahlen zu müssen.

Um diese Theorie zumindest einmal „anzutesten“, überprüfte Finanz-Szene.de die Bundesbank-Kreditstatistik auch in Bezug auf einzelne Branchen. Dabei schauten wir uns vor allem das Baugewerbe, die Wohnungsbauunternehmen sowie die privaten Immobiliendarlehen an. Diese drei Kategorien gelten aufgrund des Baubooms und der Wettbewerbsintensität als besonders riskant (siehe hierzu auch den Buba-Finanzstabilitätsbericht 2019, Seite 65ff).

Das Ergebnis: Stärker als der Markt wachsen die Auslandsbanken lediglich bei den Krediten an Wohnungsbauunternehmen. Hier wuchs die Kreditvergabe um 9,1% (Auslandsbanken) bzw. 17,4% (Zweigstellen). Bei den Krediten an das Baugewerbe insgesamt waren Auslandsbanken dagegen vorsichtiger (5,5% Wachstum vs. 7,2% insgesamt über alle Banken hinweg), bei Krediten an Privatpersonen für den Immobilienbau sogar deutlich vorsichtiger (4% Wachstum vs. 5,6% über alle Banken hinweg).

Fragt sich: Wo wachsen dann Auslandsbanken stattdessen? Die Kreditstatistik legt es offen: vor allem in zyklischen Bereichen:

Wachstum Kreditvolumen (sektoral) Ende 2019 vs. Ende 2018 in %

Deutschland insgesamt Auslandsbanken Zweigstellen ausl. Banken
Verarbeitendes Gewerbe 5,2 12,5 10,6
Dienstleistung 6,3 19,3 10,1
Maschinen-/Fahrzeugbau * 4,5 10,7 19,3
Verkehr/Nachrichtenübermittlg -0,7 8,2 31,3
Energie/Wasser 2,2 7,5 11,1

Quelle: Bundesbank, * = Teilbereich des Verarbeitenden Gewerbes

Vollgas oder Vollbremsung? Die nächsten Monate werden es zeigen. In jedem Fall zeigt sich schon früh im Jahr, dass die hierzulande tätigen Banken (also nicht nur die ausländischen, sondern auch die einheimischen) momentan offenbar höchst unterschiedliche Strategien mit Blick auf ihr Kreditvolumen fahren.

  • Die Commerzbank weitete im Firmenkundengeschäft das Kreditvolumen 2019 um 7% aus, im Privatkundengeschäft gar um 8%.
  • Die ING hat, wie schon gezeigt, in ihrem zuvor jahrelang rasant wachsenden Firmenkundengeschäft das Wachstum des Volumens 2019 völlig gestoppt und sich nach eigenen Angaben auf „Marge“ konzentriert
  • Bei der Deutschen Bank wuchsen die Kredite 2019 in der Unternehmensbank um 5%, in der Privatkundenbank um 4%
  • Bei HSBC Deutschland (ex HSBC Trinkaus) wuchs das Kreditvolumen zwar im Jahresschnitt um 15%. Stichtagsbezogen (also im Maßstab aller obigen Zahlen) waren es, siehe oben, dagegen nur 1%.
  • Der Ostdeutsche Sparkassenverband berichtete letzte Woche, das Kreditvolumen habe Ende 2019 um 9,2 Prozent über dem Vorjahresniveau gelegen.

Wer macht es richtig – und wer riskiert hohe Abschreibungen? Die nächste Rezession wird es offenlegen.

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