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Kredite? Wellness! Die kunterbunte Bilanz der Maverick-Volksbank

Eine Volksbank, die irgendwann anfängt, Kredite an internationale Fußballklubs (Atletico Madrid!) zu vergeben. Die einen leibhaftigen Ex-Fußballer (Stefan Effenberg!) in ihr Management holt. Die sich schließlich mit der Aufsicht, mit ihrem Verband, mit den Wirtschaftsprüfern und gefühlt mit der halben Welt überwirft … Vielleicht würde dieser Plot sogar als Netflix-Produktion funktionieren, mit Matthias Brandt als VR-Bank-Chef Stefan Siebert und co-finanziert vom in Düsseldorf ansässigen Deutschland-Management einer internationalen Großbank.

Indes: Viel, viel, viel besser ist es natürlich immer, wenn das Leben solche Geschichte selber schreibt. Zumal: Noch ist die Story ja nicht zu Ende erzählt, sie entwickelt sich gerade erst. Was zum Beispiel noch völlig fehlt, ist eine zweite Erzählebene im Sinne von: Warum tut der Vorstand der VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden das, was er da tut? Wobei – bevor man diese Frage aufwirft, sollte man wiederum erst mal ein paar Basics klären: Was tut der Vorstand da eigentlich? Denn: Er vergibt ja nicht nur Fußballkredite. Und, wobei das eine Mutmaßung ist: Wären die Schmalkaldener jenseits der Fußballkredite die normalste Volksbank der Republik, dann würden sich womöglich auch die Menschen beim BVR nicht immer so über sie aufregen.

Wir haben uns also einfach mal den (vorläufigen) Geschäftsbericht vorgeknöpft.

1.) Die wesentlichen Eckdaten der Bank stimmen (vordergründig)

Worüber auch immer man bei Verband und Bafin zürnt – die wesentlichen Ertrags- und Rentabilitätsdaten der Bank stimmen und haben sich im Fünfjahresvergleich (bei sehr starkem Bilanzwachstum) deutlich verbessert.

in Mio. Euro 2016 2021 Delta
durchschnittliche Bilanzsumme 728 1.518 + 109%
Cost-Income-Ratio 84% 76% – 8 Ppte.
Ergebnis vor Bewertung (EvB) 5,9 16,3 + 176%
EvB in % der Bilanzsumme 0,81 1,07 + 32 Bpte.
Jahresüberschuss 1,7 6,4 + 276%
Gesamtkapitalquote 13,5% 14,7% + 1,2 Ppte.

Quelle: Geschäftsberichte

Bei einer mehr als verdoppelten Bilanzsumme haben sich Rentabilität und Kapitalisierung erhöht. Das Ergebnis vor Bewertung hat sich annähernd verdreifacht, der Überschuss fast vervierfacht. Bei der Cost-Income-Ratio (Aufwand zu Ertrag) segelt die VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden eG zwar inzwischen mit 76% deutlich schlechter durch die Welt als der Durchschnitt der Genobanken hierzulande (zuletzt: 67%). Dafür ist die Relation von Betriebsergebnis vor Bewertung zur Bilanzsumme mit 1,07% stark überdurchschnittlich – dort schafften Genossenschaftsbanken deutschlandweit laut letzten verfügbaren Daten nur 0,71%. Werte über 1 gelten als sehr stark und in der Ära der Niedrigzinsen als kaum noch darstellbar …

1.) Das bankferne Geschäft ist längst das eigentliche Kerngeschäft

… es sei denn natürlich, man hat mit dem ollen Zinsgeschäft aus “Einlagen einsammeln und als Kredit ausreichen” ohnehin kaum noch etwas zu tun.

Blicken wir dazu in die Gewinn- und Verlustrechnung 2021 im Vergleich zum Vorjahr:

in Tsd. Euro 2020 2021 Delta
Durchschnittliche Bilanzsumme 1.391.897 1.510.394 + 9%
Zinsergebnis 20.726 20.898 + 1%
Provisionsergebnis 11.656 12.723 + 9%
Rohergebnis aus Warenverkehr 5.390 3.863 – 28%
Personalaufwand 15.487 15.434 0
Sachkosten 14.843 18.250 + 23%
Abschreibungen 9.542 10.206 + 7%
Kosten gesamt 39.872 43.891 + 10%
Saldo sonstige betriebliche Erträge/Aufwendungen 20.807 22.667 + 9%
Betriebsergebnis vor Bewertung 18.707 16.261 – 13%
Bewertungsergebnis -1.480 -2.277 + 54%
Ergebnis nach Bewertung 17.227 13.984 – 19%
Fonds für allgemeine Bankrisiken 2.640 4.000 + 52%
Steueraufwand 5.456 3.558 – 35%
Jahresüberschuss 9.131 6.426 – 30%
Cost-Income-Ratio 72,1 76,3 + 4,2 Bp.
Gesamtkapitalquote 14,1 14,7 + 0,6 Bp.

Quelle: Jahresbericht

Im einzelnen:

  • Wesentliche Kennziffern wie die Cost-Income-Ratio, das Betriebsergebnis und der Überschuss zeigen nach unten, obwohl das Referenzjahr 2020 eigentlich das “Corona-Jahr” der hiesigen Banken war und es 2021 bislang vor allem deutliche Ergebnisverbesserungen zu vermelden gab.
  • Im Kerngeschäft einer Bank – dem Zins- und Provisionsüberschuss – erwirtschaftete die VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden im abgelaufenen Jahr 33,5 Mio. Euro, dem standen Personal- und Sachkosten von 33,7 Mio. Euro gegenüber. Zentral für das Ergebnis ist damit der “Saldo aus sonstigen betrieblichen Erträgen und Aufwendungen”, wo die Bank 22,7 Mio. Euro Ergebnis generierte.
  • Der Anstieg der Sachkosten von 23% kann als spektakulär bezeichnet werden. Eine Erklärung dafür hält der verkürzte Geschäftsbericht nicht bereit; die Cost-Income-Ratio hat sich binnen zwei Jahren um 11,7 Prozentpunkte verschlechtert.

Was sich überdies festhalten lässt: Die Bank, die kommunikativ stets sehr offensiv und selbstbewusst agiert, hat die eigenen Ziele für 2021 deutlich verfehlt. Das Kundenkreditgeschäft schrumpfte um 5%, statt wie angekündigt um 4% zu wachsen. Die Einlagen stiegen, statt wie prognostiziert zu fallen. Und beim Betriebsergebnis in Relation zur durchschnittlichen Bilanzsumme kündigte man im 2020er Geschäftsbericht einen Zielwert von 1,66% an – heraus kamen am Ende 1,07%.

Was zur Frage führt: Was machen die da eigentlich?

3.) Die Bank ist ein Gemischtwarenladen

Um es auf den Punkt zu bringen: Die VR-Bank Bad Salzungen hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Gemischtwarenladen entwickelt. Man betreibt laut letztem testierten Geschäftsbericht 2020 unter anderem ein Hotel, einen Baustoffhandel, eine Express-Reinigung, eine Gaststätte und weitere Aktivitäten in Eigenregie.

Zudem ist die Bank stark im Bereich erneuerbarer Energien mit eigenen Windkraftanlagen und Solarparks aktiv (daher führt sie auch das schlechtere Ergebnis 2021 unter anderem auf Windarmut zurück). Sie lässt darüber hinaus Gebäude errichten oder sanieren, die sie dann vermietet oder verkauft. Eine der Beteiligungen betreibt ein Wellness-Hotel.

Doch halt, tatsächlich: Kreditgeschäft betreibt das Institut ja auch noch! Ein Blick in das Kreditportfolio laut 2020er Abschluss: “Führend waren zum Bilanzstichtag die Branchen Grundstücks- und Wohnungswesen mit einem Anteil von 22,7%, gefolgt vom Baubewerbe mit 14,2%, Energie-, Wasser- und Landwirtschaft mit 9,7% und Sport (Fußball) mit einem Anteil von 9,3%.” Man betrachte “die Branchenverteilung trotz der bestehenden Branchenschwerpunkte als ausreichend granular”.

4.) 2020 kamen die Gewinne vor allem aus Verkäufen

Weil die VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden bislang nur eine verkürzte Bilanz für 2021 vorgelegt hat, blicken wir schlicht in das Jahr 2020, um ein Bild davon zu bekommen, wie sich die Ertragslage darstellt. Konkret erwirtschaftete das Institut 2020 16,2 Mio. Euro Betriebserergebnis nach Bewertung. Darin enthalten sind allerdings laut Anhang 4,6 Mio. Euro Erträge aus dem Verkauf von Sachanlagen und 7,9 Mio. Euro aus dem Verkauf sonstiger Vermögensgegenstände und Immobilien. Heißt im Ergebnis: Bereinigt um die Einmaleffekte, ergibt sich ein Betriebsergebnis nach Bewertung aus dem laufenden Geschäft von nur noch 3,7 Mio. Euro. Das hätte dann 0,31% der Bilanzsumme entsprochen. Kurzum: Vor allem bankferne Tätigkeiten müssen für das Ergebnis sorgen.

Nun ist das natürlich nichts Verbotenes, ganz im Gegenteil: Dem Vernehmen nach goutieren Aufseher den Ausbau bankferner Erträge. Ein Blick in die 2021er Zahlen offenbart dann allerdings auch eine erstaunliche Dynamik im “bankfernen” Geschäft.

5.) 2021 prägten massive Zukäufe das Bild

Blicken wir in die von der Bank für das vergangene Jahr präsentierten “Wesentlichen Zahlen der Bankbilanz”, wird es zunächst etwas unübersichtlich, …

in Tsd. Euro 2020 2021 Delta
Barreserve 91.875 153.296 67%
Forderungen an Kreditinstitute 107.973 111.040 3%
Forderungen an Kunden 740.903 701.611 -5%
Schuldverschreibungen & andere festverzinsliche Wertpapiere 92.775 84.408 -9%
Aktien / andere nicht festverzinsliche Wertpapiere 15.871 7.605 -52%
Warenbestand 3 11 267%
Beteiligungen/Guthaben bei Genossensch. 25.976 33.981 31%
Anteile an verbundenen Unternehmen 8.585 8.595 0
Treuhandvermögen 2.582 3.398 32%
Immaterielle Anlagewerte 63 44 -30%
Sachanlagen 279.460 264.953 -5%
Sonstige Vermögensgegenstände 67.506 143.499 113
Rechnungsabgrenzungsposten 2.252 2.329 3%
Aktive latente Steuern 1.926 3.602 87%
Summe Aktiva 1.437.752 1.518.373 6%
Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten 279.234 286.181 2%
Verbindlichkeiten gegenüber Kunden 968.022 1.018.066 5%
Treuhandverbindlichkeiten 2.582 3.398 32%
Sonstige Verbindlichkeiten 7.876 8.196 4%
Rechnungsabgrenzungsposten 194 114 -41%
Rückstellungen 6.021 7.741 29%
Nachrangige Verbindlichkeiten 18.332 23.252 27%
Fonds für allgemeine Bankrisiken 25.540 29.540 16%
Eigenkapital 129.951 141.885 9%
Summe Passiva 1.437.752 1.518.373

Quelle: Geschäftsberichte

… doch bei näherem Hinsehen gibt es erneut Auffälligkeiten:

  • Der Bestand an Aktien und anderen nicht festverzinslichen Wertpapieren hat sich 2021 auf mehr als 7,6 Mio. Euro mehr als halbiert. Offenbar hat die VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden 2021 Kasse gemacht mit den angeschafften Aktien und mutmaßlich am Superbullenmarkt auch einen hübschen Gewinn eingestrichen. Die naheliegende Frage: In welchem Maß hat dieser Verkauf das Ergebnis (konkret: das saldierte und zum Vorjahr unveränderte Bewertungsergebnis) verbessert? Die VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden ließ eine Nachfrage dazu unbeantwortet.*
  • Der Bestand an Sachanlagen sank um 15 Mio. Euro. Auch da liegt natürlich die Frage nahe: Handelt es sich um Verkäufe, die (wie in den Vorjahren) das Bewertungsergebnis beeinflusst haben, wenn ja, in welcher Höhe? Die VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden ließ eine Nachfrage dazu unbeantwortet.*
  • Die weitaus stärkste Dynamik sah 2021 allerdings der Bilanzposten “Sonstige Vermögensgegenstände“. Er stieg nach einem Zuwachs von bereits knapp 50% im Vorjahr nunmehr um schwindelerregende 113%, respektive um 76 Mio. Euro auf 143 Mio. Euro per Ende 2021. Was genau “sammelt” die VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden da? Laut des 2020er Abschlusses entfiel seinerzeit knapp die Hälfte dieses Bilanzpostens auf  “Grundstücke und Gebäude mit Veräußerungsabsicht” und ein weiteres Fünftel auf “Kaufpreisforderungen für Grundstücke und Gebäude”. Die VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden ließ eine Nachfrage dazu unbeantwortet.*

Nun ist auch dazu anzumerken, dass ein starkes Engagement im Immobilien- und Grundstückswesen nicht per se schlecht und riskant sein muss, erst Recht nicht in einem immer noch laufenden Zyklus steigender Preise. Eine derartige Ausweitung des Bestands ist allerdings doch sehr auffällig, zumal der Geschäftsbericht keinen Aufschluss darüber gibt, was genau die Bank da eigentlich kauft und hält.

Gerne hätten wir auch aufgedröselt, wie sich das Betriebsergebnis 2021 bereinigt um Verkäufe darstellt. Leider fehlt uns dafür im Moment noch der tiefere Einblick in die Details des vergangenen Jahres, denn noch liegt kein testierter, vollständiger Geschäftsbericht vor.

6.) Genossenschaftsanteile bis zu 100.000 Euro

Dass viele Banken des Genossenschaftssektors seit einiger Zeit sehr fleißig neue Geschäftsanteile und sonstiges Nachrangkapital einsammeln – darüber hatten wir verschiedentlich berichtet, zuletzt in Zusammenhang mit der Raiffeisenbank im Hochtaunus (bei erstaunlichen Parallelen zur VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden: viel bankfernes Geschäft und bislang sehr hohe Profitabilität). Die Hochtaunusbanker lassen bekanntlich den Eintracht-Frankfurt-Fußballer Sebastian Rode dafür werben, bis zu 25.000 Euro in Geschäftsanteile anzulegen – zweitweise waren es bis zu 50.000 Euro.

Diesbezüglich scheint die VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden nun allerdings noch einen draufzusetzen. “Gerne können Sie jetzt auch bis zu 800 Geschäftsanteile zeichnen”, heißt es auf ihrer Homepage unter einem Werbebanner, dem zufolge es auch für das laufende Jahr 3% Dividende auf die Geschäftsanteile gibt. Da ein Geschäftsanteil der VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden aktuell 125 Euro kostet, ergibt sich eine Anlagemöglichkeit für bis zu 100.000 Euro – in haftendes Eigenkapital einer Bank, die ihrem Ruf als “Maverick-Bank” auch kommunikativ alle Ehre macht.


*Hinweis: Finanz-Szene konfrontierte die VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden mit einer Reihe von Fragen und Bitten um Faktenchecks und räumte eine angemessene Zeit zur Beantwortung ein. Auf Wunsch wurde die Frist sogar noch einmal verlängert. Letztlich lehnte das Institut es allerdings ab, sich in schriftlicher, telefonischer oder “virtueller” Weise (etwa: per Videocall) zu äußern. Voraussetzung für die Beantwortung von Fragen sei ein persönliches Treffen vor Ort am Sitz der Bank16, sagte ein Sprecher. Eine solche Bedingung widerspricht sämtlichen Usancen – wir sind daher nicht darauf eingegangen.

Finanz-Szene geht ab Oktober hinter die Paywall ...

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