Branchen-Umfrage

Krise! Und nun? Wie geht es mit Deutschlands Banken weiter?

16. März 2020

Von Heinz-Roger Dohms und Christian Kirchner

Deutschlands Banken betreten dieser Tage „Terra incognita“. Und je unübersichtlicher die Lage ist, umso mehr tut Orientierung Not. Wir haben deshalb sechs Branchenexperten gebeten, uns ein wenig Orientierungshilfe zu geben. Sind unsere Banken für die Krise gerüstet? Wen trifft es besonders hart? Welche Sofortmaßnahmen braucht es? Und wie wird es nach der Krise weitergehen?

Ein Überblick:

Wie gut sind die deutschen Banken auf den zu erwartenden Abschwung vorbereitet?

„Die Banken sind eigentlich besser vorbereitet als vor der Finanzkrise. Allerdings ist die Situation eine andere. Während die Entwicklung 2008 die Geschäftsmodelle vieler Banken in Frage gestellt hat, sind im Moment die kompletten Operations in Gefahr. Die Banken müssen– genau wie die Politik, die Verwaltung, Unternehmen und  jeder einzelne – noch lernen, was gerade passiert. Nicht so sehr die Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus sind das Problem, sondern die extreme Unsicherheit, wie es weitergeht.“ (Max Flötotto, McKinsey)

„Was die Eigenkapitalbasis geht, sind die deutschen Banken besser aufgestellt als noch vor wenigen Jahren – nicht jedoch auf der Kostenseite. Insbesondere die Effizienz in kundennahen Prozessen und im Backoffice wurde in den vergangenen Jahren zugunsten der Regulatorik aber auch einer ungesteuerten Digitalisierung vernachlässigt.“ (Sven Sixt, Crossconsulting)

„Existenzielle Krisen übersteigen die Möglichkeiten normaler Geschäftsbanken. Wenn wesentliche Kreditklassen abrupt ausfallen, sich Liquidität stark verteuert oder gar komplett versiegt und es zeitgleich zu einem großen Vertrauensverlust kommt – dann könnte das kein Institut überstehen. Indes: Das BMF hat vergangene Woche ja bereits Kreditgarantien von bis zu 460 Mrd. Euro zugesichert. Zudem haben sich auf europäischer Ebene im Zuge von Finanz- und Eurokrise wirkungsvolle Mechanismen gebildet, um kurzfristige Schocks über die Zentralbankbilanz und über die Staatsfinanzen zu absorbieren. Die einzelne Bank ist also nicht vorbereitet. Das Banken- und Finanzsystem in Summe allerdings schon. (Torsten Stuska, Moonroc)

Welche Banken bzw. Bankentypen (z.B. eher große oder kleine, eher Online oder Filiale usw.) sind besonders gefährdet, insbesondere in puncto Profitabilität?

„Am stärksten wird es Universalbanken treffen, die ein sehr ausgeprägtes Firmenkreditgeschäft haben. Dagegen dürften die unmittelbaren Folgen für die Direktbanken weniger gravierend ausfallen. Dasselbe gilt für digital gut aufgestellten Private-Banking-Spezialisten, sofern es ihnen gelingt, ihre Kunden überzeugend in dieser Krise zu begleiten.“ (Ralph Hientzsch, Consileon)

„Wer a) gut kapitalisiert ist, b) risiko-resilient profitabel arbeitet (d.h.: mit einer Cost-Income-Ratio, die auch bei gestiegenen Risiko- und Refi-Kosten noch Gewinne erlaubt), und das c) auf Basis eines weitestgehend transformierten, nachhaltigen Geschäftsmodells sowie d) ohne das für diesen Abschwung kritisches Exposure (z.B. Touristik.) –  der ist weniger verwundbar und wird diesen Abschwung zum Ausbau seiner relativen Marktposition nutzen können.“ (Hans Kraus, Deloitte)

Die nächste Krise wird gerade jene treffen, die in den vergangenen Jahren auf der Jagd nach den letzten profitablen Nischen im deutschen Markt ihr Kreditbuch massiv ausgebaut haben. (Max Flötotto)

Was sind die wichtigsten Sofortmaßnahmen, die von Banken jetzt ergriffen werden müssen?

„An der physischen Kundenschnittstelle geht es um die größtmögliche Reduktion der physischen Nähe und somit Ansteckungsmöglichkeit, beispielsweise durch Abstandsregeln und Spuckschutzhauben. Darüber hinaus kommt es darauf an, eine operative Redundanz sicherzustellen – und zwar physisch und virtuell. Das gelingt zum Beispiel durch die Aufteilung von Einheiten in Home-Office und Office-Aktive.“ (Sven Sixt)

„1.) Die operative Stabilität des eigenen Geschäftsbetriebs sicherstellen, zum Beispiel durch ‚Split Teams‘. 2.) Die eigenen Kunden auf Basis einer umfassenden Betroffenheits-Analyse entschlossen und gezielt unterstützen. Hierbei liefert zum Beispiel das Maßnahmen-Paket der Bundesregierung wertvolle Ansatzpunkte. 3.) Planungen für eine langfristig anhaltende Krise angehen.“ (Thomas Schnarr, Oliver Wyman)

„Taktische Verwundbarkeiten, die bislang durchaus tolerierbar galten (zum Beispiel Exposure-Konzentrationen) müssen schnellstmöglichst identifiziert und proaktiv eliminiert werden. Das heißt: Die Banken werden mittelfristig nicht zögern, alle Assets, die plötzlich zu Bad Assets zu werden, vom restlichen Geschäft abzukapseln, zum Beispiel durch die Bildung von Non-Core-Einheiten.“ (Hans Kraus)

Welche Trends in der Bankenindustrie werden sich durch die Corona-Krise beschleunigen, welche werden gebremst?

Die Pandemie könnte zu einer – ungewollten – Beschleunigung der Digitalisierung führen. Das gilt sowohl in Bezug auf das Kundenverhalten (weniger Filialbesuche, mehr Nutzung von Telefon- Online- und mobilene Kanäle), als auch, was die interne Aufstellung der Banken angeht.  Das „Remote“ Arbeiten wird zunenehmen, die Abhängigkeit von manuellen Tätigkeiten sinken. (Thomas Schnarr)

„Das hängt von der Dauer und Qualität der Entwicklung ab. Hält die gesundheitliche Verunsicherung länger an, dann wird die Digitalisierung der Kundenbeziehung einen erheblichen Schub erfahren. Denn, beispielhaft gesprochen: Bei einem Robo-Advisor kann ich mich nicht anstecken. Sollte es überdies zu einer konjunkturell-rezessiv bedingten Verzögerung bei der Transformation wichtiger Banken kommen, dann wird das einen strategischen Impact auf die betroffenen Institute haben. Wer bei der Transformation seiner Organisation jetzt zurückgeworfen wird, hat bei der Konsolidierung der europäischen Bankenbranche – die sich mittelfristig beschleunigen wird – eine schlechtere Ausgangsposition.“ (Hans Kraus)

„Die Digitalisierung von Bankdienstleistungen wird sich beschleunigen, weil Kunden den jetzt wegfallenden physischen Kontakt nach dem Abklingen der Krise nicht wieder im alten Umfang suchen werden. Fernkontaktmöglichkeiten werden in Zukunft für das tägliche Geschäft die Regel sein – auch in der Breite der Kundschaft.“ (Sven Sixt)

„Die politisch verordnete Einschränkung der sozialen Kontaktpunkte wird dazu führen, dass Themen wie Video-Beratung, Hybride Beratung, „Do it yourself“-Banking, Call Center oder Chatbots weiter an Bedeutung gewinnen werden. Das gilt natürlich auch für Online- Banking bzw. Mobile Banking ganz generell. Manchen Dienstleistungen werden sich hingegen kurz- und mittelfristig nicht mehr vermitteln lassen. Dazu gehört zum Beispiel der von Banken bewusst induzierte Push von Normalkunden in Kapitalmarktprodukte.“ (Torsten Stuska)

„Wo über flexible Arbeits- und Organisationsmodelle bislang vor allem geredet wurde, dürften sie jetzt auch umgesetzt werden. Zudem wird sich im Privatkunden-Geschäft die „Omni Channel“-Beratung durchsetzen. Das heißt: Digitale Services und Informationen sind in die Beratung integriert, der Kunde erhält diese als Trigger und Alerts von seiner Bank proaktiv.“ (Ralph Hientzsch)

„Corona wird zu einer massiven Beschleunigung von Kostensenkungen und weiterer Konsolidierung führen. Das wird auch die Fintech-Branche treffen, wo sich einige wenige Anbieter mit klarem Geschäftsmodell, robustem Operating Model und starker Finanzierung durchsetzen können.“ (Max Flötotto)

Lassen sich der Krise auch positive Aspekte für die Bankenbranche abgewinnen – und wenn ja, welche?

„Nach einer langen Zeit werden Banken auf einmal wieder ‚gebraucht‘. Das könnte langfristig zu einer angepassten Wahrnehmung der Rolle und Bedeutung von Banken für die Gesellschaft führen.“ (Thomas Schnarr)

„Die Branche spricht viel davon, Kunden im berüchtigten „moment of truth“ begeistern zu wollen. Wir steuern sehr schnell auf diesen Moment zu – in Ausnahmesituationen kann das Vertrauen der Kunden sehr schnell gewonnen werden. Aber eben auch für immer verloren gehen.“ (Max Flötotto)

„Ein höheres Finanzierungsrisiko rechtfertigt ein höheres Kreditzinsniveau und damit auch einen verbesserten Margenspielraum. Im nach wie vor gegebenen Niedrigzinsumfeld kann das etwas helfen.“ (Hans Kraus)

Welcher Gedanke umtreibt Sie im Spannungsfeld von Corona/Krise/Banken sonst noch?

„Die Krise hat das Potential, stark verändernd auf unser zukünftiges Wirtschaftsleben zu wirken. Je nach Ausmaß könnte der Veränderungsvektor sogar beträchtlich ausfallen. Möglicherweise ändern sich die Muster, wie wir Geschäfte betreiben, wie wir arbeiten, wie wir reisen grundlegend. Genauso wahrscheinlich ist allerdings, dass – sollten bald Medikamente oder gar ein Impfstoff gefunden werden – wir recht rasch wieder in den bekannten Arbeitsmodus zurückschalten würden.“ (Torsten Stuska)

„Diese Krise stellt die Banken vor die Herausforderung, ihre eigenen Organisationsmodelle dynamisch zu organisieren. Jetzt wird sich zeigen, welche Banken neben der klassischen Organisation ein ‚zweites Betriebssystem‘ entwickelt und gelegt haben, wie es führende Change Experten wie John Kotter und schon in den 1990er Jahren Peter Senge empfohlen haben.“ (Ralph Hientzsch)

„Durch die Krise könnten Karten komplett neu gemischt werden und bisher für sicher gehaltene Wahrheiten auf den Kopf oder zumindest in Frage gestellt werden. Was passiert mit dem Skalenvorteil internationaler Banken, wenn die Krise zu einer Deglobalisierung führt? Was wäre, wenn durch Corona das Primat des ökonomischen Paradigmas deutlich geschwächt wird und andere Themen wie Nachhaltigkeit/ Resilienz der Menschheit stärker in den Vordergrund treten?“ (Thomas Schnarr)

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