Analyse

Mandels OP: Fünf Diagnosen zum Retailgeschäft der Coba

9. September 2020

Von Christian Kirchner

Michael (ehemals: „Magic“) Mandel ist einer der große Verlierer der letzten Monate. Jahrelang galt der Privatkundenchef der Commerzbank als potenzieller, wenn nicht sogar als natürlicher Erbe von Vorstandschef Zielke. Nun indes, da das Zielke-Erbe tatsächlich zu regeln ist, spielt der Name „Mandel“ so was von keine Rolle, dass einem nicht mal mehr auffällt, dass er keine Rolle spielt. Mandel? War das nicht der mit den Filialen? Ist der überhaupt noch da?

Um es kurz zu machen: Mandel ist noch da. Doch wie lange noch? Die Demontage läuft. Am Freitag berichtete zunächst „FinanzBusiness“, gestern dann „Bloomberg“ von wachsender Kritik aus dem AR und vonseiten großer Investoren. Da wirkt es fast wie eine Verzweiflungstat, wenn Mandel laut „SZ“ nun plötzlich den Abbau von 60% (!) aller Filialen vorschlägt. Muss die Lesart also lauten: Mandel, der große Filial-Freund, wird jetzt zum Filial-Feind, um sein Job zu retten? Oder ist die Wahrheit nicht doch ein bisschen komplexer? Fünf Diagnosen zum Zustand des Coba-Privatkundengeschäfts:

1.) Man mag von Mandel halten, was man will — seine Zahlen stimmen

Als Zielke noch Privatkundenchef war, war Mandel sein Bereichsvorstand; als Zielke Chef vom Ganzen wurde, wurde Mandel sein Privatkundenchef; und überhaupt: Die beiden sind seit einem Vierteljahrhundert dicke. Darum ist klar: Nachdem Zielke von gewichtigen Stakeholdern als Teil des Problems identifiziert (und damit in den Rücktritt gedrängt) wurde, kann Mandel schlechterdings nicht die Lösung sein.

Diese machtpolitische Gemengelage sollte allerdings nicht den Blick auf die Zahlen versperren. Denn: Die stimmen grosso modo, seit Mandel Ende 2010 zunächst „Bereichsvorstand Private Kunden“ und Mitte 2016 schließlich Privatkundenvorstand wurde. Und das wohlgemerkt in einem Jahrzehnt, in dem es (Stichworte: Zinstief, Digitalisierung) schwerer und schwerer wurde, im Retailgeschäft noch Geld zu verdienen.

Ob sich das Coba-Privatkundengeschäft nun trotz oder wegen der 1000 Filialen ganz ordentlich entwickelt und gehalten hat die letzten zehn Jahre – das ist für die Diagnose zunächst einmal unerheblich.

Hier Mandels Zahlen:

2.) Das ganz große Problem der Commerzbank waren zuletzt eher nicht die 1000 Filialen

Beim Blick auf die Commerzbank haben sich in den letzten Monaten ein paar Fehlwahrnehmungen eingeschlichen.

  • Eine dieser Fehlwahrnehmungen, siehe oben, lautet: Wenn Mandel jetzt nicht die Lösung ist – dann muss er zurückblickend ja wohl irgendwie Teil des Problems gewesen sein
  • Eine andere lautet: Wenn sich die öffentliche (und offenbar auch: interne) Debatte über die Zukunft der Commerzbank dermaßen auf die 1000 Filialen kapriziert, dann müssen die 1000 Filialen ja wohl das ganz große Problem der Commerzbank sein

Mal ganz blöd gefragt: Ist das ganz große Problem wirklich die Sparte, deren operativer Gewinn seit 2016 von 1,1 Mrd. Euro auf 850 Mio. Euro gefallen ist (Analysten-Konsens für dieses Jahr: 500 Mio. Euro Gewinn). Oder nicht eher die Sparte, deren operativer Gewinn von 1,3 Mrd. Euro auf 300 Mio. Euro gesunken ist (Analystenkonsens für dieses Jahr: sogar 300 Mio. Euro Miese!!!)

3.) Nur weil sich die Filialstrategie spätestens seit „Corona“ überholt hat, war sie nicht grundsätzlich falsch

Vieles spricht dafür, dass die Commerzbank im Jahr 2020 (und erst Recht im Jahr 2025 …) keine 1000 Filialen mehr braucht. Das heißt aber nicht, dass die 1000 Filialen auch schon, sagen wir, 2015 falsch waren.

Mandel zufolge (und wir gehen einfach mal davon aus, dass er hier die Wahrheit sagt) generierte die Commerzbank zeitweise 60-70% ihrer Neukunden über die Filiale. Nun werden wir hier von Finanz-Szene.de nicht müde zu betonen, dass sich…

  1. die Neukunden-Strategie für den Moment ein wenig totgelaufen hat, und zwar nicht nur bei der Commerzbank (siehe z.B. hier und hier). Und …
  2. Empirische Belege dafür, dass sich erfolgreiche Neukunden-Akquise in besseren Ergebnissen niederschlagen, fehlen (siehe hier).

Aber: Zumindest hat die Mandel’sche Neukunden-Fixierung dazu geführt, dass die Commerzbank heutzutage über eine deutliche gesündere Kundenstruktur verfügt als mancher Konkurrent (siehe unsere große Analyse hier). Und selbst wenn man die 60-70% für übertrieben halten mag – dass die Filialen zu diesem Erfolg nun gar nichts beigetragen hätten, wird niemand ernsthaft behaupten.

Und noch etwas ist in diesem Zusammenhang wichtig: Mandel gehörte (jedenfalls haben wir das damals so vernommen) innerhalb der Commerzbank im letzten Frühjahr zu den eifrigsten Befürwortern eines Zusammenschlusses mit der Deutschen Bank. Das Kalkül dieser Fraktion lautete: Bei einer blau-gelben Fusion beschränken sich mögliche Synergieeffekte nicht auf ein paar hundert Filialen mehr oder weniger. Sondern: Dann kann es an Strukturen, Marken (Deutsche Bank, Postbank, Norisbank, Commerzbank, Comdirect, Maxblue etc. pp-) und also ans Eingemachte gehen.

Zwischenfazit:

  • War Mandels Filialstrategie falsch? Nicht zwingend
  • Ist Mandel ein unverbesserlicher Bewahrer? Sein Eintreten für „Blau-Gelb“ spricht nicht für diese These
  • Hält Mandel immer noch an seinem Filial-Mantra fest? Offenkundig nicht, siehe der SZ-Bericht
  • Hat er zu lange daran festgehalten? Vermutlich

4.) „Gelb-Gelb“ ist „Blau-Gelb“ im Kleinen

Ob „Blau-Gelb“ funktioniert hätte, wird man nie erfahren. Stattdessen muss die Commerzbank nun den Beweis antreten, dass sie in der Lage ist, die Verschmelzung der Comdirect auf die Mutter gewinnbringend umzusetzen.

Was hieran interessant ist: In der aktuellen Wahrnehmung war die im vergangenen Herbst verkündete „Commerzbank 5.0“-Strategie vor allem die Strategie, die nur (NUR!!!!!) den Wegfall von 200 Filialen vorsah. Was dagegen fiel weniger präsent ist: Im gelb-gelben Verschmelzungsvertrag wurde explizit die „digitale Weiterentwicklung mit dem Fokus auf ‚Mobile first‘ ein wesentliches strategisches Ziel der Integration“ genannt. Anders gesagt: mehr Comdirect wagen.

Schaut man, was in den letzten Monaten passiert ist (wobei das natürlich niemand vorhersehen konnte), dann bleibt festzuhalten: Der Comdirect wird in diesem Jahr regelrecht explodieren, die aktuelle Analysen-Schätzung liegt bei 180 Mio. bis 210 Mio. Euro Gewinn vor Steuern — gemessen an rund 500 Mio. Euro, die die Commerzbank laut Analysten-Konsens im Privatkundengeschäft verdienen wird. Sprich: Die „Mehr Comdirect wagen“-Prämisse ist erst einmal aufgegangen.

Ist das Mandels Verdienst? Nö. Aber zumindest hat sich die „5.0“-Strategie in Bezug aufs Privatkundengeschäft zumindest nicht als völliger Quark entpuppt – auch wenn in der öffentlichen Debatte dieser Eindruck vorherrscht.

Oder anders formuliert: Wenn es der Commerzbank gelingen sollte, die „Mehr Comdirect wagen“-Prämisse dauerhaft erfolgreich umzusetzen – dann ist das viel entscheidender als die Frage, ob das Filialnetz letztlich auf 400 oder auf 600 Standorte schrumpft.

5.) Die Commerzbank hat vermutlich zu viele Filialen. Ganz sicher aber hat sie zu viele Leute

Mal unabhängig davon, ob das die Schuld von Zielke, Mandel oder Orlopp ist oder ob’s einfach nur an den Verhältnissen liegt: Das, was der Commerzbank in der Kundenstruktur gelungen ist (nämlich für eine gewisse Vitalisierung zu sorgen), ist ihr in der Mitarbeiterstruktur nicht gelungen. Bestes Indiz: Zuletzt (2019) verlor die Coba genauso viele Unter-30-Jährige wie sie gewann in der Gesamtbelegschaft.

Heißt: Es kommen keine Jungen mehr dazu. Und die Älteren werden immer älter. So sind inzwischen 58% der Mitarbeiter seit mindestens 20 Jahren in der Bank.  Wie will so eine Belegschaft fit für die digitale Zukunft werden? Von der digitalen Gegenwart ganz zu schweigen …

Die Altersstruktur hat freilich — aus Sicht des Managements — auch ihr Gutes. Denn: Die vermeintlich ambitionierten Pläne zum Jobabbau erweisen sich bei genauerem Hinsehen als gar nicht soooo ambitioniert. Weil nämlich permanent „neue“ Mitarbeiter dem Ruhestand oder Vorruhestand entgegensegeln.

Indes, in den nächsten Jahren wird man die sozialen Härten vermutlich nicht länger umschiffen können. Denn nicht zu Unrecht fordern die Investoren, dass die Commerzbank, will sie überleben, ihre Sparbemühungen noch einmal deutlich verstärken muss. Das Problem hieran freilich: Auch Sparen kann teuer werden. Die Leute abzufinden, wird immer teurer. Und die Mittel hierfür immer knapper – zumal angesichts des chronisch schwachen Aktienkurses momentan auch keine Kapitalerhöhung möglich scheint. Und, letzter Gedanke: Die Zeit, zu warten, bis die weitere Fluktuation den Beschäftigungsstand signifikant senken wird, hat die Commerzbank angesichts ihrer Ertragslage womöglich auch nicht mehr.

Sollte man Michael Mandel überhaupt wünschen, dass er seinen Job behält?

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