Exklusiv

Mitarbeiter stellen deutscher HSBC verheerendes Zeugnis aus

25. März 2021

Von Christian Kirchner

Frustrierte Belegschaft, moppernder Betriebsrat: Bei der HSBC Deutschland wächst laut Recherchen von Finanz-Szene.de die Angst vor weiteren Restrukturierungs-Schritten. Während eine jüngst durchgeführte Mitarbeiter-Befragung (die uns auszugsweise vorliegt) ein bedenkliches Bild der Lage zeichnet, droht parallel Stunk wegen der jüngst angekündigten Sparmaßnahmen. So strebt der Betriebsrat intern eine Prüfung der Vergütungskürzungen auf Basis des Betriebsverfassungsgesetzes an.

In der „Snapshot“ genannte Befragung werden die HSBC-Mitarbeiter regelmäßig aufgefordert, ihren eigenen Arbeitgeber, die Karriereoptionen, das Vertrauen, die Produktivität und weitere Aspekte der Unternehmensführung und -kultur zu bewerten. Die Finanz-Szene vorliegende jüngste Befragung offenbart eine massive Kluft zwischen der konzernweiten Beurteilung der Lage – und der Stimmung bei der Düsseldorfer Tochter.

Konkret liegt die HSBC Deutschland in allen neun ermittelten Indexwerten sehr deutlich unterhalb des weltweiten Schnitts (und auch unterhalb des Schnitts für die EU). Besonders auffällig sind die auf einer Skala von 0 bis 100 ermittelten Indexwerte für die Kategorien „Produktivität“, „Karriere“, „Strategie“ und „Arbeitgeberengagement“. Hier landet die deutsche Einheit bei Werten unter 40%, was teilweise nur gut der Hälfte der konzernweit üblichen Ergebnisse entspricht. Dass Deutschland hier schlechter abschneidet, sei in der Vergangenheit zwar auch schon vorgekommen, heißt es aus der Belegschaft – dass die auf einer Skala von 0 bis 100 ermittelten „Index-Werte“ so weit auseinanderklaffen, ist aber neu.

Ein Sprecher von HSBC Deutschland bestätigte die Authentizität der Befragungsdaten, wollte aber keine Stellung dazu nehmen.

Laut den Finanz-Szene.de-Recherchen sind es vor allem zwei Dinge, die zur Verunsicherung der Mitarbeiter beitragen: Die unklare Perspektive der deutschen Einheit innnerhalb der angestrebten neuen europäischen HSBC-Struktur – und die Tatsache, dass die britische Mutter selbst in starken Geschäftsjahren noch Restrukturierungsbedarf sieht und Boni kürzt. Intern hatte die HSBC Deutschland bereits 2019 ein Effizienzprogramm eingeleitet, das im vergangenen Jahr dann nochmals verschärft wurde.

Nach der Vollübernahme von HSBC Deutschland durch die britische Mutter (der Minderheitseigner LBBW wurde im Frühjahr 2020 herausgekauft, siehe hier) befürchten viele Mitarbeiter, die laufende Restrukturierung könnte noch weitreichender ausfallen, als bislang bekannt. So ist häufig von der Sorge vor einem „Durchregieren“ die Rede. Hintergrund sind nicht zuletzt die laufenden Planspiele, die kontinentaleuropäischen HSBC-Einheiten neu zu organisieren.

Konkret wird befürchtet, wenn in Paris – wie es momentan im Raum steht – eine neue Europa-Holding angesiedelt wird, dann könnten Teile des Düsseldorfer Geschäfts womöglich zur einfachen Niederlassung heruntergestuft werden. Dabei sei nicht auszuschließen, dass weitere Jobs abgebaut oder in Service-Einheiten im polnischen Krakau oder an andere günstige Standorte verlagert werden könnten, heißt es.

Aktuelle Überlegungen dazu hatte die nun scheidende (siehe hier) Vorstandschefin Carola von Schmettow bereits im Oktober 2020 in einem Interview mit der Börsen-Zeitung umrissen. Addiert (und brutto) sollen den Planungen in Deutschland 22% der Stellen zum Opfer fallen. „Die Coronakrise hat die Situation ganz klar verschärft. Der entscheidende Punkt ist aber, dass wir als 100 %-Tochter von HSBC die Off-Shoring-Möglichkeiten der Gruppe ganz anders nutzen können. Das Gros der Jobs, die in Deutschland wegfallen, wandert in Service Center der Gruppe ins Ausland ab“, sagte von Schmettow seinerzeit, aber auch:  „Saldiert werden wir bis Ende 2022 für den deutschen Markt nur 8 % weniger Mitarbeiter haben.“

Noch laufen die Gespräche, welche Stellen konkret vom Abbau betroffen sind und ist auch noch keine finale Entscheidung über die europäischen Strukturen gefallen – was die Mitarbeiter verunsichert. Auch auf dem Job-Bewertungsportal Kununu häuften sich zuletzt sehr kritische Bewertungen. Bereits im vergangenen Jahr hatte Finanz-Szene.de exklusiv von Standortschließungen hierzulande berichtet (siehe hier).

Der Sinn der Restrukturierung und die damit einhergehenden Kürzungen bei Gehältern und Boni erschließen sich zudem nicht allen Mitarbeitern – denn: Operativ brummt das Geschäft: 2020 erwirtschaftete die HSBC Deutschland bereinigt um die Umbaukosten ein Gewinnplus von 40%. Selbst unbereinigt stieg der Nettogewinn verglichen mit dem Vorjahr um 29% auf 187 Mio. Euro. Dennoch sanken die Personalkosten (2020: minus 3%) und die Boni (in unbekannter Höhe), unter anderem auch, da der britische Mutterkonzern insgesamt einen Gewinnbeinbruch um fast die Hälfte verkünden musste.

Gegen die Kürzungen will der Betriebsrat nun vorgehen. Ziel der Prüfung gemäß Betriebsvergütungsgesetz ist es, einen Gehalts-Nachschlag für 2020 durchzusetzen. Auch dazu wollte ein Sprecher keine Stellung nehmen.

Die grundsätzliche Gemengelage: Aus Düsseldorfer Sicht hat die HSBC Deutschland ein starkes Jahr hinter sich. Aus britischer Perspektive wurden die internen Renditevorgaben hingegen trotzdem verfehlt. Die HSBC Deutschland verdiene ihre Kapitalkosten nicht. Konzernweit strebt die Bank für 2022 in jedem Marktumfeld eine Eigenkapitalrendite von 10-12% an; dagegen kam die Düsseldorfer Tochter letztes Jahr nur auf 7,7%.

Unklar ist, ob der vorvergangene Woche verkündete überraschende Rücktritt der langjährigen HSBC-Trinkaus-Chefin Carola von Schmettow, die der Bank seit 2015 vorsteht, in Zusammenhang mit der hausinternen Unruhe und den Ergebnissen der Mitarbeiterbefragung steht. Auf von Schmettow folgt zum 1. Mai der bisherige Firmenkundenchef Nicolo Salsano. Ein Zusammenhang wird in Unternehmenskreisen heftig dementiert. Von Schmettow wolle sich schlicht eine „Auszeit“ nehmen – eine Version, der innerhalb der Belegschaft eine gewisse Plausibilität zugebilligt wird.

HSBC-Hammer: Von Schmettow scheidet aus, Salsano folgt

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