Analyse

Sechs Muster, wie Corona die hiesige Bankenbranche verändert

27. Mai 2020

Von Christian Kirchner

Was ist da draußen eigentlich los? Da erzählt Christian Sewing, Chef der totgeglaubten Deutschen Bank, dass das noch viel totgeglaubtere Investmentbanking seines Instituts urplötzlich blendende Geschäfte macht. Oder Helmut Schleweis, der DSGV-Präsident. Haut mal eben raus, dass seine Sparkassen im April ihr Baufi-Geschäft um 12% zum Vorjahresmonat gesteigert haben. Oder: Haben Sie sich mal die Flatex-Aktie angeschaut. Nur noch 5% unterm Zwei-Jahres-Hoch! Während die Anteile der Aareal und der PBB in den letzten zehn Tagen um jeweils ein Drittel gestiegen sind, die Aktie der Deutschen Bank „YTD“ sogar 13% im Plus notiert …

Ein Verdacht drängt sich auf: Werden die Banken die Corona-Krise am Ende viel besser überstehen, als bislang vermutet? Weil die Regulierer die Kapitalregeln lockern … Bei Krediten eine regelrechte Sonderkonjunktur herrscht … Der Staat üppigste Garantien ausgesprochen hat … Die EZB die Nöte durch die Negativzinsen lindert … Die Börsenturbulenzen das Provisionsgeschäft treiben …?

Naja, ganz so einfach ist es nicht. Und doch schälen sich rund drei Monate nach Ausbruch der Corona-Krise immer klarerer (und zum Teil unerwartete) Muster heraus, wie die Pandemie die deutsche Bankenbranche verändern könnte. Sechs Thesen:

1.) Die Einlagenflut wird nochmals zunehmen

Das Kernproblem vieler hiesiger Banken ist ihr massiver Einlagenüberhang. Bislang gibt es keinerlei keine Hinweise, dass sich daran durch die Corona- Rezession etwas ändern wird. Im Gegenteil: Indizien deuten darauf hin, dass die Belastungen im Passivgeschäft sogar noch zunehmen könnten. In Krisen und bei drohenden Jobverlusten sparen Menschen mehr und konsumieren weniger.

Schon Prä-Corona schwollen die Einlagen privater Haushalte (ohne Bargeld) um rund 30 Mrd. Euro pro Quartal an. Zwar drohen die Einkommen wegen der Krise zu sinken. Dieser Effekt dürfte aber von einem deutlichen Anstieg der Sparquote deutlich überlagert werden: Für das erste Vierteljahr hat das Statistische Bundesamt eine Sparquote von 16,7% (!) des verfügbaren Haushaltseinkommens errechnet nach 9,7% im Vorquartal. Nun mag das in Teilen eine Funktion der Verfügbarkeit gewesen sein (wo soll man sein Geld ausgeben, wenn Läden und Restaurants geschlossen sind?). Dennoch rechnet z.B. die DZ-Bank  auch unter Berücksichtigung dieser Effekte mit einem Anstieg der Sparquote auf 12,5% in diesem Jahr. Hierdurch kommt letzten Endes ein deutlich zweistelliger Milliardenbetrag zusätzlich auf die Banken zu. Obendrein hat sich das Thema Fristentransformation mit negativen Renditen bei Bundesanleihen mit bis zu 30 Jahren Laufzeit auch erledigt.

2.) Starke Banken werden stärker, schwache schwächer

Je solider ein Unternehmen, desto besser kommt es durch die Krise. Sie dieser Chart hier, der die Aktienkursentwicklung von US-Unternehmen (nicht nur, aber auch Banken) unterschiedlichem Ratings zeigt:

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Man sieht: Aktien von Unternehmen mit Top-Bonität laufen gut.

In ihrem am Dienstag veröffentlichten Stabilitätsreport zu Europas Banken kommt die EZB zu exakt dem gleichen Schluss: Je riskanter ein Finanzinstrument einer Bank und je schlechter ihre Finanzposition, desto größer waren die Verluste in der Krise und um so stärker verteuerten sich Fremdkapitalkosten.

Und trotz – zugegeben – völlig unterschiedlicher Geschäftsmodelle und zahlreichen Sondersituationen gibt es auch im deutschen Bankenmarkt klare Belege, dass stark kapitalisierte Banken mit niedrigen Kosten gut durch die Krise kommen könnten: Bei der ING Deutschland zum Beispiel stieg der Gewinn im Q1, bei der HVB stand immerhin eine schwarze Null. Die Commerzbank hingegen, die sich schon vor der Krise schwertat, ihre Kapitalkosten zu verdienen? Tiefrot, laut Analysten auf dem Weg zu knapp einer halben Mrd. Euro Verlust 2020. Defizitär im Q1 waren auf die DZ Bank, die BayernLB und Nord/LB. Und auch die Beispiele der Haspa und der Fraspa deuten an: Wer sich schon in Vor-Corona-Zeiten eher so durchwurschtelte – für den könnte es jetzt richtig dicke kommen.

3.) Die Zeiten von „Viel hilft viel“ (vor allem bei der Baufi) sind im Kreditgeschäft vorbei

Trotz des allgemeinen Zinsgestöhnes ging es mit dem Zinsüberschuss vieler Banken (und den Zinsmargen) im Jahr 2019 immer noch nach oben. Exemplarisch zeigte sich das an der Deutschen Bank und der Commerzbank. Und selbst branchenweit reichte es für sämtliche von der EZB beaufsichtigten Banken noch zu einem kumulierten Überschuss von 32,5 Mrd. Euro – nur ein minimaler Rückgang im Vergleich zu 2018 (33,0 Mrd. Euro).

Wie war das möglich trotz Dauerzinskrise? Man spielt ein wenig an den Margen (siehe u.a. unsere Analyse hier). Und vertraute dem Prinzip „Viel hilft viel“: Um 5,1 % steigerten die deutschen Banken hierzulande ihre Kreditvolumen, bei Firmenkrediten waren es gar 5,9%.

Und nun, in der Corona-Krise? Lassen sich mit dem „Viel hilft viel“-Ansatz weiterhin die Ergebnisse pushen – oder könnte (wegen steigender Risiken) sogar ein gegenteiliger Effekt auftreten?

  • Zwar boomt (Stichwort: Sonderkonjunktur …) bei vielen Banken das Firmenkundengeschäft. Laut der jüngsten Befragung durch die Bundesbank rechnen die Geschäftsbanken jedoch mit einem Rückgang der Nachfrage nach Baufinanzierungen (Erklärung und Details siehe hier). Bei den Konsumentenkrediten wiederum zeigt sich in den Zahlen des statistischen Bundesamts bereits ein merklicher Rückgang. Mit anderen Worten: Die Banken könnten im Kreditgeschäft schlicht in eine fehlende Nachfrage hineinlaufen. Und dass eine Rezession eher für eine sinkende Zahl an Menschen sorgt, die fremdfinanziert ins Eigenheim können, versteht sich von alleine – die entsprechenden Effekte dürften aber erst in einen Monaten sichtbar sein.
  • Hinzu kommen die Ausfallrisiken. In ihrem Stabilitätsbericht von Dienstag sagt die EZB: Während die Nachfrage nach Wohnimmobilien parallel zum Abschwung sinke, steige die Gefahr von Preiskorrekturen. Keine guten Nachrichten etwa für die Sparkassen mit ihrer Immokredit-Sause im April (siehe oben). Oder für Institute wie der Sparda-Bank München, die (siehe unsere News-Schau von Dienstag) 2019 das Volumen frisch begebener Baufi-Darlehen um 19% nach oben trieb.

4.) Bei der Risikovorsorge kommt’s wohl doch nicht so schlimm wie befürchtet

Glaubt man den Prognosen, dann wird die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr um 7% bis 10% schrumpfen. Gemessen daran (und gemessen an ausstehenden Krediten von zusammen 654 Mrd. Euro) wirkt es verkraftbar, wenn Analysten für die Deutsche Bank  und die Commerzbank für 2020 gerade mal von 2,3 Mrd. Euro zusätzlicher Risikovorsorge ausgehen. Oder, anderes Beispiel: Bei der ING Deutschland betrug die zusätzliche Risikovorsorge im Q1 schlappe 20 Mio. Euro bei einem Kreditbuch von mehr 120 Mrd. Euro.

Das heißt freilich nicht, dass es einzelne Häuser nicht brutal treffen wird. Vor allem solche, deren Kunden in Bereichen wie Gastronomie, Hotellerie, Retail, Tourismus, oder Automobil engagiert sind. Beispiel: Aareal und PBB,  die viele Büros, Hotels und den Einzelhandel finanziert haben.

5.) Fast könnte man meinen, die Landesbanken fahren ihr Geschäft zur schlechtesten Zeit wieder hoch

Es ist keine Neuigkeit, dass die Landesbanken seit den Nullerjahren einen gewissen Bedeutungsverlust erfahren haben. Ein Skandal hier, eine Schieflage da … und so kam es, dass die Kreditvergabe der Landesbanken seit 2012 in handgezählt 84 Monaten in Folge bis gesunken ist. Und zwar von einst 460 Mrd. Euro ausstehendem Volumen Ende 2012 auf nur noch 276 Mrd. Euro Ende 2019.

Ausgerechnet jetzt scheinen es die Landesbanken aber wieder wissen zu wollen, wie diese kleine Tabelle des Kreditvolumen der Landesbanken an Nichtbanken (plus jeweilige Veränderung zum Vorjahresmonat) zeigt:

in Mrd Veränderung zum Vorjahr
Nov 19 280,1 -12%
Dez 19 276,1 + 4%
Jan 20 277,8 + 3,8%
Feb 20 280,1 + 5,6%
Mär 20 283,5 + 7,1%

Zufall? Statistisches Flackern? Oder können die Landesbanken die Risiken plötzlich viel besser einschätzen als ihre Wettbewerber, schließlich wachsen ihre Kredite nach sieben Jahren nun plötzlich deutlich schneller als der Gesamtmarkt (März 2020: +4,5%).

Aufklärung dann bei der Bilanzvorlage 2020.

6.) Das Wertpapiergeschäft könnte alte Muster durchbrechen

Kurseinbrüche sind ein Fest für die Wertpapiererträge – zumindest kurzfristig. Denn wenn’s an der Börse raucht, animiert das die Anleger zum Handel. Folge: Sowohl Flatex als auch die Comdirect erlebten von Januar bis März das stärkste Quartal ihrer Geschichte, der Onlinebroker aus Quickborn verdiente in den drei Monaten sogar mehr Geld als im gesamten Vorjahr.

In der Vergangenheit waren Umsatzexplosionen dieser Art eher kurzlebiger Natur. Die Handelsaktivität fiel nach vergangenen Crashs in der Regel unter das alte Niveau – auch weil viele Anleger der Börsen dauerhaft den Rücken kehrten (ausführlich haben wir die Zusammenhänge in unserer Analyse „Gibt der Corona-Krise dem Wertpapiergeschäft den Rest? beschrieben).

Indes: Es gibt starke Anzeichen, dass die Dinge diesmal anders laufen könnten. Vielleicht nicht gut. Aber besser als nach früheren Crashs. Denn: Zwar nahmen die Handelsaktivitäten zuletzt schon wieder ab (die Comdirect verzeichnete im April ein Viertel weniger Trades als im März). Es gibt aber auch Indizien, die für dauerhaft besseres Provisionsgeschäft sprechen:

  • Den von uns vielfach beschriebene Run auf ETF-Sparpläne hält an: Im April  vermeldeten die Direktbanken in Deutschland den Abschluss von 107.000 neuen Plänen – exakt dreimal so viele wie im Jahresschnitt 2019.
  • Dazu passend stiegen auch die Assets  bei den Robo Advisorn nach dem Crash rasch wieder auf Vor-Krisen-Niveau.
  • Auch bei den Neo-Brokern boomt das Geschäft. Sp vermeldete der Berliner Anbieter Trade Republic mitten in der Krise ein 40-Mio.-Euro-Funding (siehe hier), der US-Rivale Robinhood schraubte seine Bewertung auf rund 8 Mrd. Dollar. Klar: Mit ihrem „Kostenlos-Konzept“ erzeugen die Gratisbroker Druck auf die gesamte Branche. Aber das Kalkül der Banken dürfte lauten: Besser so,  als wenn die Generation der 18- bis 39-Jährigen den Bezug zum Wertpapier-Geschäft völlig verliert.

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