Analyse

Die sechs wichtigsten Schlüsse aus den Q2-Zahlen der Coba

4. August 2021

Von Christian Kirchner

Operativ 32 Mio. Euro verdient, unterm Strich 527 Mio. Euro verloren – das sind die zwei zentralen Zahlen aus dem Bericht fürs zweite Quartal, den die Commerzbank gestern vorgelegt hat. An der Börse gab es dafür ordentlich Dresche: Mit einem Minus von 5,8% gehörte die Aktie zu den großen Tagesverlierern.

Sind die Ergebnisse wirklich so mau? Nicht unbedingt. Eine Analyse:

1.) Das Tagesgeschäft wurde nicht eingestellt

Klingt zunächst einmal banal, auch angesichts der enttäuschten Börsenreaktion – ist es aber nicht. Denn die Commerzbank begann erst im Februar mit der Umsetzung ihrer (halbwegs) neuen „Strategie 2024“ und damit auch mit einem massiven Stellenabbau von brutto 10.000 Arbeitsplätzen. So etwas kann lähmen und die Prioritäten verschieben, zumal nach den ganzen personellen Querelen der letzten zwölf Monate auf Vorstands- und Aufsichtsratsebene.

Im ersten vollen Quartal nach der Präsentation der Strategie im Februar ist es, so gesehen, durchaus achtbar…

  • die Analysenerwartungen halbwegs zu treffen (bzw. nur leicht darunter zu liegen) und
  • die Prognose zu bestätigen, samt Kostenziel (6,5 Mrd. Euro), Ertragsziel (eine Steigerung gegenüber 2020) und Gewinnziel (operativ eine schwarze Null im laufenden Jahr). Bei der Kernkapitalquote peilt die Bank zum Jahresende nun gar 13% statt wie bisher 12,5% an.

Wer das anders sieht, sollte einfach mal bei Google nach „Commerzbank“ und „Chaos“ suchen. Zahl der Treffer: 2,8 Millionen! Dennoch: die Erwartungen waren offenbar höher am Kapitalmarkt.

2.) In der Firmenkundensparte wird (wieder) Geld verdient

Die größte positive Überraschung ist der operative Gewinn von 244 Mio. Euro bei den Firmenkunden (was auch zu einer Eigenkapitalrendite der Sparte von 9,9% führte, deutlich oberhalb des Spartenziels für 2024 von 9%). Erwartet hatten die Analysten im Durchschnitt: weniger als 100 Mio. Euro.

Klar, das ist die Momentaufnahme eines Quartals, in der es beim Risikoergebnis sogar einen kleinen positiven Ergebnisbeitrag gab. Dennoch muss dieses Quartalsergebnis im Kontext der jüngeren Vergangenheit gesehen werden: So hat die Commerzbank mit ihrem Firmenkundengeschäft im vergangenen Jahr nicht nur, aber auch wegen der Corona-Pandemie knapp eine halbe Milliarde Euro Verlust erwirtschaftet. Der Firmenkunden-Vorstand und Ex-ING-Deutschland-Chef Roland Boekhout war nach nicht mal einem Jahr Ende 2020 schon wieder weg. An seine Stelle trat Eigengewächs Michael Kotzbauer, zuvor Bereichsvorstand Mittelstandsbank Mitte/Ost und in seinem Berufsleben noch nie außerhalb der Commerzbank unterwegs.

Schon länger gärt es bei den Firmenkunden operativ, immer wieder gibt es bedauerliche „Einzelfälle“, wo etwas gehörig schief geht (siehe unsere Analysen aus 2019 hier oder aus 2020 hier). Hat der Bereich jetzt die Kurve gekriegt? Für ein solches Urteil ist es noch zu früh, zumal die Bank auch Geschäftsbeziehungen beendet hat, die nicht profitabel waren. Aber wie für den Gesamtkonzern gilt: Das Tagesgeschäft läuft weiter, trotz Umbau, trotz Personalquerelen – das ist keineswegs selbstverständlich.

3.) Die Privatkundensparte überzeugt nur vordergründig …

Irgendwoher muss die Enttäuschung der Börse ja kommen. Und hier ist die Privatkundensparte hauptverdächtig. Denn: Geht es nach den Analysten, wird die Privatkundensparte 2024  – im Zieljahr der neuen Strategie – knapp 80% des Vorsteuergewinns beisteuern müssen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, zumindest lag der operative Gewinn der Sparte im vergangenen Quartal um 13% unter dem Durchschnitt der Erwartungen. Unterm Strich lieferte das Privatkundengeschäft – auch beeinflusst von zahlreichen Einmaleffekten – 138 Mio. Euro ab.

Zwar stieg der Provisionsüberschusses der Sparte im reinen Privatkundengeschäft um 14% gegenüber dem Vorjahresquartal (was einem Minus von 13% im Vergleich zum Q1 dieses Jahres gleich kam). Doch Zweifel sind angebracht, dass die Commerzbank hinreichend ausgeschöpft hat, was „da draußen“ gerade los ist in Sachen Wertpapiere. Inzwischen gehört ihr ja auch vollständig die Marke Comdirect samt des Finanzportals Onvista mit ihren jeweils stark handelsaffinen Kunden.

Zudem sind die Aktienmärkte deutlich gestiegen, sowohl zum Vorquartal als auch zum Vorjahresquartal. Da sollte im Provisionsgeschäft doch eigentlich etwas mehr drin sein. Zumal die Filialschließungen noch gar nicht begonnen haben, von den 800 Filialen waren immerhin 600 geöffnet; nur 200 waren dicht – pandemiebedingt.

Eine weitere Kennziffer stützt die These, dass der Provisionsüberschuss durchaus höher sein dürfte: Die Commerzbank verzeichnete nur 3 Mrd. Euro Nettomittelzuflüsse im Q2, bei einem nunmehr 203 Mrd. Euro großen Wertpapiergeschäft. Zum Vergleich: Die Deutsche Bank – die im Privatkundengeschäft nur 50% größer ist als die Commerzbank – trieb im Q2 mit 7 Mrd. Euro mehr als doppelt so viele neue Mittel ein. Und die genossenschaftliche Fondsgesellschaft Union Investment warb im ersten Halbjahr allein bei Privatkunden rund 10 Mrd. Euro für Anlagezwecke ein – und deren Kundschaft hat nun wirklich wenig Affinität zu Anlagen und Handel.

4.) … und die Baufinanzierung erlebt einen Wachstumsknick

Wenn auf eines Verlass war in den vergangenen Jahren, dann darauf, dass die Commerzbank das Volumen ihrer Baufinanzierung Quartal für Quartal massiv ausweitet. Allein im Q1 kamen 3,3 Mrd. Euro hinzu. Wäre es so weiter gegangen, hätte die Commerzbank vermutlich noch im Q2 die Marke von 100 Mrd. Euro geknackt. Es ging aber nicht so weiter.

Privates Baufinanzierungsvolumen Commerzbank (Summe und Veränderung)

in Mrd. Euro Periodenende Nettozuwachs
2018 81 5,8
2019 86,6 5,6
2020 95,1 8,5
Q1/21 98,4 3,3
Q2/21 99,1 0,7

Quelle: Unternehmensangaben

Nur noch 0,7 Mrd. Euro netto betrug der Zuwachs im Q2 (wofür brutto dennoch ein Vielfaches neu abgeschlossen werden musste, um die ständigen Tilgungen zu kompensieren). Auch hier gilt: Das ist eine reine Momentaufnahme. Allerdings sollten die weiter rasant steigenden Immobilienpreise doch auch einen gewissen Basiseffekt auf die Kreditvolumina haben, oder? Wenn Käufer und Bauherren mehr finanzieren müssen, sollten sie doch auch größere Kredite benötigen. Eigentlich.

5.) Die Einlagenflut ist gestoppt

Bis zu 1,7 Millionen Kunden netto dürfte die Commerzbank verlieren, weil sie sich auf profitable Kundenbeziehungen konzentrieren und Leistungen neu bepreisen will – so gab es CEO Manfred Knof im Februar kund. Bislang hat die Commerzbank netto aber nur 100.000 Kunden verloren. Das sei weniger als erwartet und habe auch weniger Ertrag gekostet als erwartet, erklärte die Bank gestern. Dass das Aufräumen des Kundenstamms nur so zögerlich startet, dafür gibt es vor allem zwei Gründe: Erstens gab es im Q2 netto noch keine Filialschließungen (siehe oben), zweitens hat die Neubepreisung von Leistungen nach dem Ende des Q2 ja überhaupt erst begonnen (nachdem sie wegen des BGH-Urteils zeitweilig gestoppt war).

Trotz des nur geringen Rückgangs der Kundenzahl gelang es der Bank, die Einlagenflut gegen den Branchentrend zu stoppen, ja sie sogar umzukehren: Aktuell verwaltet sie „nur“ noch 148 Mrd. Euro statt 150 Mrd. Euro an Einlagen wie zuletzt. Auf der Suche nach einer Erklärung landen wir bei einem kleinen Verdacht: Waren unter den netto 100.000 Kunden, die gingen, womöglich vor allem solche mit hohen Einlagen? Auffällig ist jedenfalls, dass es der Commerzbank gelungen ist, nunmehr Einlagen von insgesamt 13 Mrd. Euro statt wie bisher 10 Mrd. Euro zu bepreisen, ein Plus von 3 Mrd. Euro. Die unbepreisten Guthaben über 100.000 Euro sanken hingegen um 4 Mrd. Euro, also stärker. Das klingt ein wenig danach, als hätten der Druck, hohe Einlagen zu bepreisen, etliche Kunden in die Flucht geschlagen.

Insgesamt hat die Commerzbank im laufenden Jahr bislang 6 Mrd. Euro an Privatkundeneinlagen neu bepreist. Zugleich hat sie aber annähernd 2,5 Mal so viel, nämlich 14 Mrd. Euro an Einlagen jenseits der 100.000 Euro, verloren. Entweder hat die Kundschaft das Delta von 8 Mrd. Euro tatsächlich in Wertpapieranlagen gesteckt (was allenfalls auf einen Bruchteil zutreffen dürfte) oder die Kunden haben es zu einer anderen Bank getragen, sei es freiwillig oder weil die Commerzbank die Kundenbeziehung beendet hat.

Im Übrigen darf nicht vergessen werden: Wenn die Commerzbank netto 100.000 Kunden verloren hat, dürften es brutto deutlich mehr gewesen sein, schließlich gewinnt die Bank ja auch immer wieder Kunden (nehmen wir jedenfalls an).

6.) Fintechs bringen Cash, bleiben aber eine Black Box

CommerzVentures, der Arm der Coba für Beteiligungen an Fintechs, steuerte im Q2 stolze 100 Mio. Euro zum Ergebnis bei. Laut Bank sollen dafür zwei Unternehmen verantwortlich gewesen seien: der im vergangenen Quartal an die Börse gegangene Payment-Konzern Marqeta (siehe auch hier) sowie der britische Tierversicherer Bought By Many. Der Großteil des Ertrags dürfte dabei aus dem IPO von Marqeta stammen.

Nun würden wir gerne wissen, wie es um die genaue Beteiligungshöhe und Bewertung der übrigen Fintechs aus den zwei Fonds von CommerzVentures aussieht, zumal sich darin mit Mambu und eToro weitere Unicorns befinden, sprich Startups mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar. Doch Details will die Commerzbank dazu nicht nennen. Womöglich sollen die Fonds auch einen kleinen Puffer bilden, um hier und da mal ein schlechtes Quartal auszugleichen. Stattdessen gibt es einen Überblick der Beteiligungsunternehmen (siehe hier) – und die Ankündigung, es werde bald ein dritter Fonds folgen.

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