Analyse

Sind die Deutsche-Bank-Zahlen wirklich so sensationell gut?

27. April 2020

Von Christian Kirchner

Muss die Geschichte von Corona und den Banken neu geschrieben werden? Denn: Bislang war ja nicht die Frage, ob die Bilanzen verwüstet werden. Sondern nur, wie heftig die Einschläge ausfallen. Von wegen Kreditausfälle, Wertpapier-Frist, noch niedrigere Zinsen und überhaupt.

Doch dann kommt die Deutsche Bank und haut in Form einer Ad-hoc (die eigentlich Zahlen kommen am Mittwoch) mal eben folgende Q1-Zahlen raus: 66 Mio. Gewinn nach Steuern (statt der von Analysten erwarteten knapp 400 Mio. Euro Verlust), 6,4 Mrd. Euro Erträge (statt der prognostizierter 5,7 Mrd. Euro). Und als Lohn ein Kursplus von 12,7%.

Wie kann das alles überhaupt sein? Unsere Analyse in fünf Thesen:

1.) Die massiv gestiegenen Erträge dürften eine Funktion von Kreditausweitung und gestiegener Zinsmarge sein

Die Analysten-Schätzungen um 0,7 Mrd. Euro zu übertreffen und dabei zugleich „nur“ 0,2 Mrd. Euro über den erwarteten Kosten zu liegen, ist eine fast unwirkliche Leistung. Die Formulierungen in der Ad-hoc legen nahe, dass es sich bei den Zuwächsen in erster Linie um eine Ableitung des Kreditgeschäfts handelt. In der Krise sei es „oberste Priorität der Deutschen Bank, an der Seite ihrer Kunden zu stehen“, steht da geschrieben. Bevor wenige Zeilen später die voraussichtliche leichte Verfehlung der Kapitalziele (12,5% für 2020) unter anderem damit begründet wird, dass  „die risikogewichteten Aktiva über mehrere Quartale steigen könnten, wenn die Bank ihr Kreditvolumen ausweitet, um ihre Kunden zu unterstützen“. Im Klartext: Der Kredithahn geht auf – und dürfte vermutlich auch schon weit auf sein.

Zwei weitere Aspekte bleiben zwar unerwähnt, dürften aber auch eine Rolle gespielt haben:

  1. Stark schwankende Märkte bescheren dem Investmentbanking zumindest kurzfristig hohe Umsätze (mittelfristig sieht die Sache wegen der zu erwartenden Zurückhaltung bei Primärmarkt-Emissionen und M&A-Deals) anders aus.
  2. Die jüngsten Zinsrückgänge (bei 10-jährigen Bundesanleihen sackte die Rendite zwischen Anfang Januar und Mitte März von minus 0,2% auf unter minus 0,8%) dürften ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Weil: Kurzfristig helfen sie, die Refikosten zu senken, während die Banken in der Weitergabe an die Kunden gern mal zögerlich sind (hier eine Analyse, wie sich (auch) dieser Effekt nebst Volumenzuwächse im vergangenen Sommer auf die Erträge deutscher Banken ausgewirkt hat).

2.) Die Erwartungen der Analysten sind immer noch tiefrot für 2020 …

Okay, jetzt könnte man sagen, dass die Analysten sich mit ihren Fehlprognosen fürs erste Quartal selbst in Abseits manövriert haben. Indes: Es gibt diverse Anhaltspunkte dafür, dass man ihre Prognosen fürs Gesamtjahr trotzdem ernst nehmen sollte, denn von einem kompletten „Turnaround“ kann noch keine Rede sein, ehe keine Details vorliegen.

Also:

Hier die pessimistischste, die durchschnittliche und die optimistischste Analysten-Schätzung bezogen aufs Gesamtjahr, einmal für den Gewinn vor Steuern und einmal für den Netto-Gewinn – wohlgemerkt vor der Gewinnüberraschung erhoben.

Optim. Schnitt Pessim.
Gewinn v. Steuern -0,1 Mrd. € -0,9 Mrd. € -3,4 Mrd. €
Netto-Gewinn -1,0 Mrd. € -2,1 Mrd. € -4,3 Mrd. €

Quelle: DB Consensus Report

Selbst wenn man angesichts der guten Q1-Zahlen die pessimistische Sichtweise mal außen vorlässt (und die gut 0,4 Mrd. Euro aufaddiert, die beim Gewinn nun höher waren), so sollte man doch von einem (vermutlich sogar kräftigen) Verlust in diesem Jahr ausgehen. Dabei belasten nicht nur die Risikovorsorge (dazu gleich mehr), sondern laut Konsens-Schätzungen auch folgende Posten das Ergebnis:

  • 280 Mio. Euro Kosten für Rechtsrisiken
  • 540 Mio. Euro Kosten für die Restrukturierung
  • 500 Mio. Euro Kosten für die „Transformation“

Trotz der positiven Überraschung dieser Woche sind diese Kostenblöcke nicht urplötzlich Makulatur. Die große Frage lautet also (und vielleicht gibt es hierauf am Mittwoch klare Hinweis), ob die Ertragszuwächse reichen, das auszugleichen. Denn nur dann wird die Deutsche Bank in der Lage sein, die Kosten einigermaßen zu kompensieren.

3.) Die Deutsche Bank profitiert von rasant gefallenen Erwartungen in den letzten vier Monaten

Analysten neigen eher dazu, die Lage zu optimistisch zu sehen. Davon konnte bei der Deutschen Bank zuletzt allerdings keine Rede sein. Hier warten die Prognosen zuletzt derart stark gesunken, dass das Institut fast nicht anders konnte, als die Erwartungen zu übertreffen (wobei freilich niemand damit gerechnet hat, dass sie so stark übertroffen werden).

Hier die Gewinn-Schätzungen aus dem Dezember 2019 verglichen mit den Schätzungen aus der vergangenen Woche:

Schätzungen Vorsteuergewinn Deutsche Bank 2020

in Mio. Euro Dez. ’19 April ’20 Veränderung
Private Bank 895 152 -83%
Corporate Bank 1221 474 -61%
Investmentbank 676 326 -52%
Asset Management 573 463 -19%
Leverage Ratio 4,3 4,2
CET1 Ratio 12,7 12,4

Man sieht übrigens: Die Experten hatten bereits damit gerechnet, dass die Bank bei der Leverage Ratio und bei der Kernkapitalquote die Ziele reißen würde. Insofern konnte die Ad-hoc in dieser Hinsicht gar nicht erst negativ überraschen.

4.) Alleine faule Kredite könnten die Deutsche Bank knapp 2 Mrd. Euro im laufenden Jahr kosten – mindestens

Vor Corona (genauer: im Dezember) gingen die Analysten im Schnitt davon aus, dass die Deutsche Bank in 2020 mit einer Risikovorsorge von 811 Mio. Euro auskommen würde. Nur ein minimaler Anstieg im Vergleich zu den 723 Mio. Euro im vergangenen Jahr und lächerlich wenig gemessen am Kreditbuch im Umfang von 434 Mrd. Euro.

Schon damals wirkte diese Schätzung ziemlich optimistisch. In Anbetracht der Corona-Krise ist sie nur noch was fürs Geschichtsbuch (bzw. die Mülltonne).

Tatsächlich gehen die Experten inzwischen fürs Gesamtjahr im Schnitt von 1,9 Mrd. Euro Risikovorsorge aus. Hier der Blick auf die Durchschnitts-Schätzungen:

in Mio. Euro alt (Dezember) neu (April) Differenz
Q1 2020 nicht erhoben 345
2020 811 1.854 1.043
2021 1.312 1.572 260
2022 1.026 1.160 134

Im Klartext: Die Risikovorsorge kostet die Bank vermutlich 1 Mrd. Euro mehr, als noch im Dezember erwartet worden war. Und dass die Analysten zumindest in dieser Hinsicht eher zu optimistisch waren, geht ebenfalls aus der Vorab-Mitteilung hervor: Mit 0,5 Mrd. Euro (die genaue Zahl folgt Mittwoch) liegt die Risikovorsorge im Q1 über dem Analystenkonsens von 345 Mio. Euro. Entweder hat die Bank also schon viel in das (sonst stark gelaufene) Q1 gepackt. Oder aber die Schätzungen über die Ausfälle müssen sogar noch ein wenig nach oben korrigiert werden.

5.) Die Privatkundenbank hat ganz viel Luft nach oben –  muss aber die größten Gewinne 2022 liefern

Aus der Tabelle bei „Punkt 3“ geht hervor, dass Analysten inzwischen der Privatkundenbank nur noch magere 152 Mio. Euro Vorsteuergewinn zutrauen nach noch 895 Mio. Euro im Dezember. Es ist aber gerade die Privatkundenbank, die im Jahr 2022 (dem „Zieljahr“ des aktuellen Umbaus) den höchsten Gewinnbeitrag liefern soll, nämlich 1,3 Mrd. Euro vor Steuern. Hier der Abgleich der durchschnittlichen Analysten-Schätzungen des Vorsteuergewinns 2022 aus dem Dezember (also Prä-Corona) und aktuell.

in Mio. Euro Schätzung Dezember Schätzung April Veränderung
Private Bank 1.675 1297 -23%
Corporate Bank 1.469 1165 -21%
Investmentbank 1.015 1097 +8%
Asset Management 671 526 -22%
Gesamtbank 3.712 2240 -40%
Leverage Ratio 4,5 4,2
CET1 Ratio 12,9 12,4

Quelle: DB Consensus Report, Gesamtbank inkl. der defizitären „Coporate & Other“ und „Capital Release Unit“ Einheiten

Über die Herausforderung insbesondere der Privatkundensparte hat Finanz-Szene.de in den vergangenen Wochen schon mehrmals geschrieben (siehe hier und hier). Hier zeigt sich besonders: Das Problem liegt den Analysten-Schätzungen zufolge eben nicht nur in der steigenden Risikovorsorge – sondern auch in den mutmaßlich sinkenden Erträgen. Siehe auch hier die doch deutlich veränderten Schätzungen für eben jene Erlöse für das laufende Jahr:

in Mio. Euro Dez. April Delta in Mio. in %
Private Bank Germany 5.215 4.838 -377 -7%
Private Bank Intern. 1.433 1.378 -55 -4%
Wealth Managem. 1.677 1.580 -97 -6%
Privatbank 8.325 7.802 -523 -6%

Gilt der von uns vermutete „Kredithahn auf“-Ansatz auch uns besonders fürs Privatkundengeschäft? Und war es womöglich ein kommunikativer Coup, Anfang Dezember stagnierende Erträge bis 2022 in der so wichtigen Privatbank in Aussicht zu stellen, um nun positiv zu überraschen? Auch diesbezüglich wird der Mittwoch spannend. Die zuletzt kollabierten Erwartungen bieten der Sparte immerhin Raum für positive Überraschungen, nachdem es nun seit Jahren abwärts geht und auch der Wechsel von Frank Strauß hin zu Manfred Knof als Chef der Sparte noch keine Spuren in den harten Zahlen hinterlassen hat.

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