Analyse

Sind die deutschen Banken so schlecht, wie die EZB-Statistik sie macht?

9. April 2020

Von Christian Kirchner

Auf die Veröffentlichung der EZB-Bankenstatistik diese Woche hätte die Deutsche Kreditwirtschaft vermutlich gut verzichten können – hielt das Zahlenwerk doch gleich eine Reihe besorgniserregender Superlative parat: Die deutschen Banken wiesen demnach 2019 die niedrigste Eigenkapitalrendite aller Euro-Staaten (nämlich 0,08%), die höchste Cost-Income-Ratio (84%) – und den höchsten Verschuldungsgrad (Leverage Ratio/4,5%) auf. Unter dem Strich stand für die 21 von der EZB beaufsichtigten deutschen Institute (darunter Großbanken, Landesbanken sowie große Sparkassen und Geno-Banken) ein lumpiger Nettogewinn von 182 Mio. Euro zu Buche.

Nun hatten wir bereits vor drei Monaten aufgearbeitet (siehe hier), dass das schlechte Abschneiden der deutschen Kreditwirtschaft in der EZB-Statistik vordergründig einen simplen Grund hat: die massiven Sondereffekte der Deutschen Bank, die das Gesamtergebnis mit rund 5 Mrd. Euro belasten. Entwarnung also?

Nein.

Denn blickt man auf die Entwicklung der vergangenen vier Jahre (so lange gibt es die fortlaufende EZB-Statistik) bei deutschen Banken …

in Mio. Euro 2016 2017 2018 2019
Zinsüberschuss 35.179 31.712 33.000 32.526
Provisions-Überschuss 20.548 19.867 18.726 19.898
andere Überschüsse 10.700 8.227 6.673 3.923
operativen Erträge 66.427 59.806 58.399 56.347
Kosten 53.648 47.631 47.547 47.265
operatives Ergebnis 12.779 12.175 10.852 9.082
Abschreibungen, Rückstellungen etc. 9.048 5.445 4.389 5.053
Gewinn vor Steuern 5.618 7.932 6.814 5.015
Steuern 3.357 4.832
Nettogewinn 3.039 3.965 3.457 182

* Steuern nicht ausgewiesen 2016/2017, Quelle: EZB/SSM

… und gleicht sie mit der Branchenentwicklung der gesamten Euro-Zone ab …

in Mio. Euro 2016 2017 2018 2019
Zinsüberschuss 263.032 259.893 266.953 271.989
Provisions-Überschuss 130.503 136.266 140.964 145.306
andere Überschüsse 68.830 58.777 47.944 47.272
operativen Erträge 462.365 454.936 455.860 464.567
Kosten 304.360 292.915 299.990 305.720
operatives Ergebnis 158.005 162.021 155.870 158.847
Abschreibungen, Rückstellungen etc. 101.235 70.267 51.664 65.094
Gewinn vor Steuern 68.018 110.983 118.060 111.881
Steuern 22.799 29.445 28.552 32.239
Nettogewinn 45.224 85.244 89.538,35 79.641

 

… lassen sich diverse wenig schmeichelhafte  Schlüsse ziehen. ZUnd zwar mindestens fünf:

1.) Die Abhängigkeit vom Zinsgeschäft in Deutschland steigt – und das Jahr für Jahr

Das Provisionsgeschäft müsse den Druck auf das Zinsergebnis kompensiere, heißt es gern. Das dürfte in Zeiten der Corona-Panik unmöglich sein – zumal es schon vorher nicht funktioniert hat. Betrachten wir dazu schlicht das

Zinsergebnis in Prozent der Gesamterträge

Deutschland Eurozone
2016 53% 57%
2017 53% 57%
2018 57% 59%
2019 58% 59%

Man sieht: Die Abhängigkeit vom unter Druck stehenden Zinsergergebnis ist zuletzt in Deutschland nicht kleiner geworden, sondern am „Vorabend“ der Corona-Krise (und trotz des herausragend guten Börsenjahres 2019 mit entsprechend zu vermuteten Sondereffekten für das Provisionsergebnis) gestiegen.

Das Provisionsergebnis stieg zwar (siehe große Tabelle oben) bei den deutschen Banken um gut 1 Mrd. Euro, lag aber immer noch unterhalb des Überschusses von 2016. Das deckt sich – so sehr sich die Berechnungen von Bundesbank und EZB stellenweise unterscheiden (siehe hier) – auch mit der Diagnose der Bundesbank in deren Bankenstatistik.

2.) Bei den Kosten passierte zuletzt so gut wie nichts

Eine ganz simple Rechnung: Zwischen 2017 und 2019 haben die deutschen Institute 3,5 Mrd. Euro an Zins- und Provisions- und sonstigen Überschüssen (etwa dem Handelsergebnis) verloren, im gleichen Zeitraum aber nur 0,4 Mrd. Euro Kosten gesenkt. Woran lag’s? Der Regulierung? Den Investitionen? Dem Wettbewerb? Dazu hat jedes Institut seine eigenen Theorien. Aber Tatsache ist: Auch ganz ohne das „Gedöns“ aus Abschreibungen und Restrukturierungen ist ein zentraler Punkt für die schwache und sinkende Profitabilität, dass die Kosten schlicht nicht in dem Tempo sinken wie die Erträge.

3.) „Irgendwas ist immer“ gilt auch für die Wettbewerber der Euro-Zone

Vordergründung ist, wie oben beschrieben, die Lage klar: 2019 hat der massive Sondereffekt der Deutschen Bank der Gesamtbilanz den entscheidenden Hieb versetzt. Das Prinzip „Irgendwas ist immer“ ist allerdings keine deutsche Spezialität. Setzt man Abschreibungen und Rückstellungen in Bezug zu den operativen Erträgen, stellt man fest: „Irgendwas ist immer“ gilt für die Banken der übrigen Eurozone noch viel stärker als für die deutsche Kreditwirtschaft:

Abschreibungen und Rückstellungen in Prozent der operativen Erträge

Deutschland Eurozone
2016 14% 22%
2017 9% 15%
2018 8% 11%
2019 9% 14%

4.) Die (schwachen) Ergebnisse kamen mit einer extrem niedrigen Kreditausfallquote zustande

Eigentlich eine Binse – aber dennoch interessant, sie von der EZB noch einmal schwarz auf weiß zu bekommen: Die Kreditausfallquote der 21 größten und wichtigsten deutschen Banken per Ende 2019 extremst niedrig, unterboten nur von der in Luxemburg.

NPL Ratio
Luxembourg 0,78%
Deutschland 1,21%
Finnland 1,42%
Estland 1,53%
Belgien 1,81%
Niederlande 1,86%
Österreich 2,26%
Frankreich 2,49%
Malta 3,03%
Irland 3,23%
Spanien 3,23%
Slowenien 3,70%
Lettland 3,75%
Italien 6,67%
Portugal 7,17%
Zypern 16,95%
Griechenl. 35,15%
Slowakien k.A.
Litauen k.A.

Das ist an sich eine gute Nachricht ist. Wirft aber Frage auf, was denn mit der ohnehin niedrigen Profitabilität passiert, wenn diese Quote von hier an deutlich ansteigt – was mit Sicherheit passieren wird in Corona-Zeiten.

5.) Der Anteil schwer bewertbarer Vermögensgegenstände in deutschen Bankbilanzen ist sehr hoch

Es ist ein Nerd-Thema – und doch von Relevanz gerade in unsicheren Zeiten: Wie genau ist es um die Qualität der Vermögenswerte in den Bilanzen unserer Banken bestellt? Dazu gibt es eine simple Klassifizierung: Level-1-Assets für simpel zu bewertende Vermögenswerte, weil es einen Marktpreis gibt, etwa einen fortlaufenden ermittelten Kurs einer gehaltenen Aktie oder Anleihe. Level-2-Assets, wo aufgrund fehlender Märkte die Bewertung schon schwerer fällt – und schließlich die Level-3-Assets, meist notleidende Kredite, exotische Derivate oder ähnliches, deren Wertermittlung sehr schwierig ist.

Hier die Übersicht, wie sich die kumulierten Level 2 und Level 3-Assets zu allen Vermögenswerten in der Bilanz verhalten, absteigend sortiert:

Assets Gesamt Level 1 Level 2 Level 3 Summe L2+ Level 3 L2+ L3 in % aller Assets
Deutschland 3970 279 853 58 912 23
Frankreich 7650 628 1471 69 1540 20
Spanien 3338 261 281 13 294 9
Irland 392 33 26 3 29 7
Niederlande 2230 116 155 8 163 7
Belgien 661 26 34 12 45 7
Italien 2426 267 127 14 141 6
Griechenld. 247 17 12 1 13 5
Portugal 217 34 2 7 9 4
Luxembourg 154 3 5 1 6 4
Österreich 522 30 13 4 18 3
Slowenien 22 3 0 0 1 3
Malta 21 1 1 0 1 3
Lettland 10 0 0 k.A. 0 1
Finnland 700 42 k.A. 3 3 0
Estland 31 0 0 0 0 0
Zypern 42 2 0 k.A. 0 0
Litauen 17 1 k.A. k.A. k.A. k.A.
Slowakei k.A. k.A. k.A. k.A. k.A. k.A.

Noch kein Grund zur Panik. Aber auch nichts, worüber man freudig pfeifend hinwegsehen sollte. Denn wenn die Kapitalmärkte sich (wie zuletzt zu beobachten) sogar schwertun, eigentlich hochliquide Wertpapiere wie Staatsanleihen zu bewerten – wie sieht das dann erst mit illiquiden Vermögensgegenständen aus?

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