Deep Dive

Sparda Hessen: Eine Bank, die geführt wird wie ein Aktiendepot

Einlagen rein, Baufinanzierungen raus – das ist das Geschäftsmodell praktisch aller Sparda-Banken hierzulande. So kam bei einer Untersuchung von “Zielke Research” jüngst heraus, dass es unter den 20 größten Genobanken hierzulande die Sparda-Banken Baden-Württemberg (76%), West (70%), Südwest (65%) und München (58%) sind, die das stärkste Exposure gegenüber dem Immobilienmarkt aufweisen (bezogen auf den Anteil der Immobilienkredite am Gesamt-Exposure mit jeweils mindestens fünf Jahren Laufzeit).

Umso mehr verwirrt ein Vorgang, der dieser Tage für Erstaunen in der deutschen Baufi-Community sorgt: Wie Finanz-Szene vergangene Woche exklusiv berichtete, zieht sich ausgerechnet eine der größten Sparda-Banken, nämlich die aus Hessen, für den Rest des Jahres von sämtlichen Vermittlungs-Plattformen für Wohnbaukredite zurück. Angesichts der enormen Bedeutung dieser Portale für die Stimulierung des Neugeschäfts (siehe etwa hierhier oder hier) stellt sich nun die Frage: Wieso? Ist es wirklich so, dass die direkte Nachfrage nach Baufinanzierungen bei der Sparda Hessen dermaßen hoch ist, dass die Bank aufs Plattformgeschäft schlicht “verzichten” kann? So jedenfalls hatte es ein Sprecher auf Nachfrage erklärt.

Gönnen, keine Frage, würden man es der Sparda Hessen. Schließlich kassieren Portale wie Prohyp oder Europace für ihre Vermittlungsdienste üppige Provisionen. Indes: Ist die Vorstellung realistisch, dass bei der Sparda Hessen die Kunden wie anno dazumal in die Filialen pilgern, weil sie unbedingt bei ihr (und wirklich nur bei ihr) ihre Baufinanzierung abschließen wollen? Oder gibt es auf die Frage, was die Sparda Hessen da eigentlich treibt, womöglich auch andere Erklärungsansätze?

Der Vorstandschef argumentiert wie ein Privatanleger

Die entsprechende Spurensuche beginnt bei der Bilanz-PK am 27. Januar dieses Jahres. Und sie beginnt bei Markus Müller, seit 2017 Vorstandschef der Sparda Hessen. Der nämlich vollführte bei besagter Veranstaltung (siehe hier) nicht nur einige waghalsige argumentative Pirouetten (so drehte sich seine Präsentation unter anderem um eine “Förderleistung” in Höhe von 32 Mio. Euro, die die Bank erbracht habe – gemeint war damit kurioserweise die fiktive Höhe nicht erhobener Kontogebühren und Minuszinsen). Sondern Müller sagte auch den bemerkenswerten Satz: “Wir haben einfach unsere Strategie durchgesetzt, und die heißt ja schon seit Jahren: Dividenden sind der neue Zins und Volatilität ist kein Risiko.”

Ernsthaft, Herr Müller? Dividenden sind der neue Zins und Volatilität ist kein Risiko??? Dem Marketing-Verantwortlichen eines Fondsanbieters würde man den Satz vielleicht noch durchgehen lassen. Und, ja, es mag auch durchaus sein, dass eine fokussierte Dividenstrategie bei der privaten Geldanlage Sinn macht. Aber kann die Investment-Strategie eines Privatanlegers auch die Geschäftsstrategie einer Bank sein?

Was man Müller lassen muss: Er zieht das mit der Dividenden-Strategie knallhart durch! Bei der Sparda Hessen …

  • … ist die Aktienanlage sowohl absolut als auch relativ zur Bilanzsumme die höchste aller elf Sparda Banken (siehe die erste der beiden Tabellen)
  • … lieferten die Aktienanlagen 2021 allen Ernstes einen größeren Ergebnisbeitrag als das Zinsgeschäft – vom Provisionsgeschäft ganz zu schweigen (siehe die zweite Tabelle und dort die laufenden Erträge)

Position Aktien* in Mio. Euro
Sparda Hessen 2.169
Sparda West 1.142
Sparda Südwest 1.344
Sparda Berlin 1.013
Sparda Nürnberg 754
Sparda Hannover 337
Sparda BW 331
Sparda Hamburg 753
Sparda Augsburg 284
Sparda Ostbayern 198
Sparda München 120

* und andere nicht festverzinsliche Wertpapiere, Brutto ohne Berücksichtigung möglicher Hedges, lt. letztem Geschäftsbericht


in Mio. Euro 2017 2018 2019 2020 2021
Zinsüberschuss 66,7 62,6 58,8 55,6 52,1
Laufende Erträge (insb. aus Aktien) 49 21,3 23,5 28,8 56,2
Provisions-Überschuss 16,1 15,7 18,2 16,8 17,8
Verwaltungs-Aufwand 70,8 69,6 78,9 82,1 82,6
Ergebnis der gewöhnl. Geschäfts-Tätigkeit 55,1 45 56,6 45,1 20
Überschuss 13,1 13,2 13,4 11,1 4,5
Dividende 2,50% 2,50% 2,50% 2,00% 0,50%

Zugespitzt formuliert: Die Sparda Hessen erinnert von ihrer Strategie her nicht nur an einen Privatanleger, sondern so ein bisschen auch an ein Family Office. Aber kann Herr Müller dann nicht trotzdem das tun, was praktisch alle vergleichbaren Banken hierzulande auch tun? Nämlich zumindest nebenbei auch noch ordentlich das Kreditgeschäft ankurbeln?

Die Einlagen steigen und steigen – und werden zu Aktieninvestments

Dazu muss man wissen: Genügend Mittel für all das wären da. Die Sparda Hessen ist ja keine ganz kleine Bank, im Gegenteil, sie verfügt über 361.000 Kunden und 36 Filialen, und weil sie keine Kontoführungsgebühren erhebt und keine Verwahrentgelte, ist sie auch die einzige der elf Sparda-Banken, die ihre Kundenbasis zumindest stabil zu halten vermag (siehe auch zuletzt unser Stück -> Sparda-Banken verlieren Monat für Monat 10.000 Mitglieder). Folge: Die Frankfurter haben ihren Einlagenbestand seit 2013 grob gesagt verdoppelt, allein im abgelaufenen Geschäftsjahr schwollen die Kundengelder um 17% auf 8,4 Mrd. Euro an.

Indes: Dieses Geld fließ schon seit Jahren vornehmlich eben nicht in Kredite. Sondern in die Eigenanlagen. So überschritt schon 2018 das in Wertpapiere investierte Vermögen erstmals die Summe der ausgereichten Kredite. Inzwischen liegen mehr als 4 Mrd. Euro in den Eigenanlagen, während das Kreditbuch bei rund 3 Mrd. Euro verharrt. Die Schere öffnet sich also immer weiter.

Um das Ganze mal in Relation zu setzen: Selbst bei den für ihre kreditarmen Bilanzen bekannten ostdeutschen Sparkassen (siehe unsere große Analyse hier) beträgt der Anteil der Kredite an der Bilanzsumme dann doch immerhin noch durchschnittlich 46% – bei der Sparda Hessen dagegen sind es nur noch 34%. Der feine Unterschied dabei:

  1. In manchen eher strukturschwachen ostdeutschen Regionen ist die Eigenanlage fast schon ein Muss (weil es schlicht zu wenig Kreditnachfrage gibt). Die Sparda Hessen agiert indes inmitten einer der wirtschaftsstärksten Räume des Landes, der Rhein-Main-Region um Frankfurt.
  2. Bei den meisten ostdeutschen Regionalbanken besteht das Depot A dann doch eher aus festverzinslichen Wertpapieren. Bei der Sparda Hessen hingegen? Von den gut 4 Mrd. Euro Eigenanlagen entfallen allein 2,2 Mrd. Euro (=23% der Bilanzsumme) auf Aktien und andere nicht festverzinsliche Wertpapiere. Also auf tendenziell riskante oder wenigstens schwankungsanfällige Papiere.

Wobei, wie sagte Vorstandschef Müller bei der Bilanz-PK im Januar doch noch gleich: “Volatilität ist kein Risiko.” Ach ja, stimmt.

Die inzwischen frappierende Abhängigkeit der Sparda Hessen von ihrem Aktienbestand zeigt sich, wenn man vom kombinierten Zins- und Provisionsüberschuss (also quasi von den bankoriginären Erträgen) die Personalkosten sowie die sonstigen Verwaltungsaufwendungen abzieht. Bis 2018 war die Differenz noch deutlich positiv. Inzwischen ist sie signifikant negativ (wobei die Kapital- und Risikokosten hier ja noch gar nicht eingerechnet sind) …

… Sprich: Ohne die zuletzt 56 Mio. Euro aus den laufenden Erträgen (siehe weiter oben die untere der beiden Tabellen) hätte die Sparda Hessen nicht mal mehr den Hauch eines Geschäftsmodells.

Wenn alles so toll läuft, warum sinkt dann das Ergebnis?

Nun könnte man natürlich sagen: Hat er doch alles richtig gemacht, der Herr Müller. Denn während sich Hunderte von Sparkassen, Volksbanken, Privatbanken, Sparda-Banken und PSD-Banken da draußen auch noch um den kapitalschwächsten Häuslebauer kloppen (und sich dabei gegenseitig die Margen zertrampeln), hat die Sparda Hessen (Dividenden sind der neue Zins!!!) mit schönstem Timing in einen der größten Aktienbooms der zurückliegenden Jahrzehnte hinein investiert. Und tatsächlich: Die Aktienanlagen tätigt sie schon länger, bereits vor zehn Jahren lag eine gute Milliarde in Aktien.

Bloß:

Wenn alles so toll ist, warum ist dann 2021 (Dax: plus 16%) das Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit bei der Sparda Hessen von zuvor 45,1 Mio. Euro auf nur noch 20,0 Mio. Euro (minus 56%) eingekracht und wurde die eigene Dividende für Genossenschaftsmitglieder auf 0,5% geviertelt? Und warum findet sich in der Position “Abschreibungen und Wertberichtigungen auf Forderungen und bestimmte Wertpapiere sowie Zuführungen zu Rückstellungen im Kreditgeschäft” ein sattes Minus von gut 19 Mio. Euro, wo die Bank doch ein Jahr zuvor die gleiche Position noch mit +/- Null ausgewiesen hatte?

Was nun die Abschreibungen bzw. Wertberichtigungen in 2021 angeht, bleibt die auf der Website einsehbare Kurzfassung des Geschäftsberichts vage. So ist in Bezug auf den Jahresüberschuss von 4,5 Mio. Euro lediglich allgemein von “Sondereffekten” die Rede. Auf Nachfrage von Finanz-Szene teilt das Institut mit: “Der Zinsanstieg, besonders zum Jahresende, hat sich über das Bewertungsergebnis negativ auf den Jahresüberschuss ausgewirkt. Zum anderen anderen war der Steueraufwand gegenüber dem niedrigen Vorjahreswert erhöht.”

Aha, also das Bewertungsergebnis (zu dem ja auch die Position mit den minus 19 Mio. Euro gehört). Aber wie kann denn eine Bank, die erklärtermaßen eher Dividenden- als Zinsgeschäft betreibt, derart unter dem Zinsanstieg leiden? Zumal die Zinswende vor dem Jahreswechsel ja eine noch eher embryonale Gestalt hatte.

In Zahlen: Der maximale Renditeanstieg zehnjähriger Bundesanleihen im zweiten Halbjahr 2021 belief sich auf gerade mal 0,3 Prozentpunkte. Dagegen sind’s bzw. waren’s im ersten Halbjahr 2022 bislang 1,5% Prozentpunke. Was soll denn dann das erst mit dem Bewertungsergebnis machen? Die Sparda Hessen sagt dazu: “In Bezug auf den Zinsanstieg handelt es sich um eine temporäre Wertminderung, die sich bei Rückzahlung ausgleicht. Im handelsrechtlichen Anlagevermögen wirken sich diese Kurswertminderungen nicht notwendigerweise aus.” Details? Bleiben offen. Im Geschäftsbericht steht immerhin so viel: “Aufgrund unserer Geschäftsstruktur entstehen höhere Zinsänderungsrisiken üblicherweise bei steigenden Marktzinsen in Form von Barwertverlusten unserer zinstragenden Geschäfte.”

Wobei – das ist ja nur der zinstragende Teil des Geschäfts. Was ist mit den Aktien? Denn das erste Halbjahr 2022 war ja nicht nur durch die sich abzeichnende Zinswende geprägt – sondern auch durch merkliche Verluste an den Aktienmärkten (Dax: minus 17%). Hierzu formuliert der Geschäftsbericht der Sparda Hessen einen Satz, der in dezentem Widerspruch zur “Volatilität ist kein Risiko”-Losung ihres Vorstandschefs steht: “Verstärkte Volatilität an den Finanzmärkten kann zu deutlich niedrigeren Aktienkursen und Spreadausweitungen (…) führen und damit ungünstigen Einfluss auf die Bewertung unserer Eigenanlagen nehmen.”

Der Sprecher teilt hierzu von uns befragt mit: “Als langfristig orientierter Anleger sind kurzfristige Entwicklungen für uns nicht entscheidend. Bei den Aktien verhält sich der Rückgang verglichen mit dem Einbruch zu Beginn der Pandemie in Grenzen. […] Die Risikotragfähigkeit wird nicht überschritten. Das ist – Stand jetzt – auch nicht im laufenden Jahr zu erwarten.”

Die Sparda löst üppigst Reserven auf. Weil sie kann – oder weil sie muss?

Was ist da los bei der Sparda Hessen? Sitzt sie nach Jahren des Aktienbooms womöglich auf stillen Reserven, die derart hoch sind, dass ihr die jüngsten Turbulenzen an den Aktienmärkten wirklich nichts ausmachen? Ist der Ausstieg aus dem Baufi-Plattformgeschäft womöglich auch der Ausdruck einer “Brot- und Buttergeschäft hat bei uns eh keine Priorität mehr”-Mentalität? Oder steckt hinter all dem ganz was anderes?

Die bilanziellen Schwingungen jedenfalls waren auch schon in zurückliegenden Jahren frappierend. So finden sich im 2020er-Bewertungsergebnis Zuschreibungen in Höhe von satten 24 Mio. Euro, im 2019er-Bewertungsergebnis sogar Zuschreibungen von noch satteren 30 Mio. Euro – beides Vorgänge, die offenbar (hierauf deuten Formulierungen in den jeweiligen Abschlüssen) in Zusammenhang mit der großvolumigen Auflösung von Rücklagen gemäß 340f stehen.

Warum löst die Sparda Hessen in solchen Umfängen stillen Reserven auf (um sie dann offenbar in die offenen Rücklagen gemäß 340g umzuleiten)?

  • Tut sie das, weil sie es kann (und andernfalls die Geldspeicher überlaufen würden)?
  • Oder tut sie es, weil sie es tun muss, weil ansonsten das bilanzielle Kernkapital (zu dem ja auch 340g gehört, 340f aber nicht) nicht mehr mit dem üppigen Aktivgeschäft mithalten könnte?

Nach außen jedenfalls gibt sich die Sparda Hessen kraftstrotzend. Zwei Wochen nach der Bilanz-PK Ende Januar und entsprechend auch zwei Wochen vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine tätigte das Institut den Spatenstich für den 124 Meter hohen “Sparda-Tower” im Frankfurter Europaviertel. Eigner, Investor und Nutzer: die Sparda Hessen selber. Geschätzte Investitionssumme030: ein signifikant dreistelliger Millionenbetrag.

Jetzt also neben Aktien auch noch Immobilien. Und warum das? In einem Werbeclip der Sparda zu besagtem Bauvorhaben heißt es, da die Einlagen stärker stiegen als die Nachfrage nach Krediten, sei es “Zeit zu handeln”. Da ist er wieder, der Privatanleger im Bankchef.

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