Exklusiv

Sparda München: 70-Mio.-Euro-Deal kaschiert GuV-Implosion

22. August 2021

Von Christian Kirchner und Thomas Borgwerth

Die Fälle, in denen deutschen Banken mit kruden Immobilien-Transaktionen ihre Gewinn- und Verlustrechnung retten, häufen sich. Nachdem Finanz-Szene in dieser Woche bereits das Beispiel der Privatbank Donner & Reuschel beschrieben hat, präsentieren wir Ihnen nun den nächsten Fall: die Sparda-Bank München. Diese nämlich – mit einer Bilanzsumme von 9,3 Mrd. Euro eines der größten süddeutschen Retailinstitute – verdankt rund 80% ihres jüngsten Jahresüberschusses (12,1 Mio. Euro) der bilanziellen Verschiebung ihres eigenen Hauptsitzes. Und zwar von einer neu gegründeten Tochtergesellschaft zur nächsten.

Das Motiv für die Transaktion? Offenbar tiefgreifende operative Schwierigkeiten. Die Sparda München leidet  augenscheinlich unter einem mittelschweren Ertrags- und einem tonnenschweren Kostenproblem (letzteres äußert sich darin, dass die Verwaltungs-Aufwendungen über die letzten fünf Jahr sukzessive um fast 20% gestiegen sind). Und nu? Die Sparda München lässt nichts unversucht, ihre strukturellen Probleme irgendwie zu überlagern. Indem sie die Gebühren erhöht. Und sie dann noch mal erhöht. Indem sie fast irrwitzige Prämien für neue Kunden auslobt. Indem sie wie wild neue Anteile emittiert. Und dann noch mehr neue Anteile emittiert. Und, wie gesagt, indem sie nun auch noch bilanziell zu kungeln anfängt.

Ist das noch Banking – oder bereits Harakiri?

Der Reihe nach.

Arnulf I verkauft an Arnulf II – für 69,6 Mio. Euro

Kurz vor Jahresschluss 2019 – genauer: am 4. Dezember 2019 – gründete die Sparda München gemeinsam mit der Sparda München Verwaltungs GmbH als persönlich haftender Gesellschafterin die „Sparda München Arnulf I GmbH & Co. KG“ (nennen wir sie kurz „Arnulf I“).

Eine gute Woche später – konkret: am 13. Dezember 2019 – gründete diese gerade erst ins Leben gerufene Arnulf I gemeinsam mit der Sparda München Verwaltungs GmbH als persönlich haftender Gesellschafterin die „Sparda München Arnulf II GmbH & Co. KG“ (kurz „Arnulf II“).

Der Sinn, gleich zwei „GmbH & Co. KGs“ zu gründen, die sich nur durch das römische I und II unterscheiden? Auf diese Weise kann Tochterfirma 1 mit Tochterfirma 2 Binnengeschäfte machen. Fällt dabei ein von Prüfern abgesegneter Gewinn an, lässt der sich anschließend bequem der Mutter zuschlagen.

So kam es dann auch. Schon Ende 2019 übertrug die Sparda München ihre Hauptverwaltung als Sacheinlage mit einem Betrag von 23,9 Mio. Euro auf die Arnulf I. Zum Buchwert, ohne einen Gewinn zu realisieren. Im nächsten Schritt dann bewertete die Arnulf I allerdings ihre schicke Innenstadt-Immobilie neu und stellte dabei freudig fest, dass diese erheblich mehr wert ist als der Buchwert. Es folgte die Veräußerung der Immobilie an die Arnulf II – zu einem stolzen Preis von 69,6 Mio. Euro (in deren Anlagevermögen wird das Gebäude inzwischen sogar mit 73,8 Mio. Euro bewertet). Natürlich nicht, ohne die Immobilie direkt wieder zurück zu mieten (Sale-and-Lease-Back). Resultat dieses Hin-und-Hers: ein Gewinn bei der Arnulf I in Höhe von 45,7 Mio. Euro!

Finanz-Szene.de bat die Sparda München um einen Faktencheck. „Sie haben die Transaktion (…) grundsätzlich richtig erfasst und wiedergegeben“.

2020 schüttete Arnulf I dann 10 Mio. Euro Gewinn aus

Der Sinn des Manövers – die Reserven zu heben – wurde schon im 2019er Abschluss skizziert: Im Jahr darauf sollten die Gewinne der Arnulf I – Überraschung – an die Sparda Bank München ausgeschüttet werden.

Gesagt, getan: Seine operativen Probleme konnte das Institut im Geschäftsjahr 2020 durch einen Anstieg der laufenden Erträge von 4,4 Mio. Euro auf 12,4 Mio. Euro halbwegs kompensieren. Und zwar auf folgendem Wege, Zitat aus dem Geschäftsbericht:

Die positive Entwicklung der laufenden Erträge resultiert aus der Steigerung der Erträge an Anteilen an verbundenen Unternehmen. Ursächlich hierfür ist eine Gewinnausschüttung der Sparda München Arnulf I GmbH & Co. KG in Höhe von 10,0 Millionen Euro, welche auf die Übertragung der Hauptstelle der Sparda-Bank München eG an die Sparda München Arnulf II GmbH & Co. KG im Jahr 2019 zurückzuführen ist.“

Im Klartext: Einmal hausinternes Ringelpiez, und zack – der Überschuss (siehe oben: 12,1 Mio. Euro) stimmt einigermaßen.

Was unklar bleibt: Ist aus dem Deal womöglich noch viel mehr herauszuholen? Weil: Die „Arnulf I“ hatte, wie beschrieben, ja einen Gewinn von 45,7 Mio. Euro kreiert generiert, schüttete zunächst aber nur 10 Mio. Euro an die Muttergesellschaft aus. Der Jahresabschluss gibt dazu keine Auskunft, die Sparda München präzisiert es ebenfalls nicht.

Operativ schafft es die Sparda München kaum über die Null-Linie

Fest steht: Die 2020er-Zahlen sind erst einmal gerettet. Was bitter nötig war. Denn das „differenzierte“ Ergebnis, von dem die Bank im Mai in einer Mitteilung sprach, ist in Wirklichkeit ein äußerst maues. Die Sparda München hat offenkundig handfeste Schwierigkeiten in ihrem operativen Geschäft.

So sank der Zinsüberschuss (der >80% des kombinierten Zins- und Provisionsergebnis ausmacht) im vergangenen Jahr um 5%. Dagegen stieg der Provisionsüberschuss zwar um 6,8 Mio. Euro auf nunmehr 22,1 Mio. Euro,  ein stolzes Plus von 44%. Allerdings war der Anstieg allein auf die Einführung der Kontoführungsgebühr im April 2020 zurückzuführen. Bereinigt man den Provisionsüberschuss indes um die Kontoentgelte, ergibt sich ein Wert von nur 13,2 Mio. Euro betragen, 14% weniger als ein Jahr zuvor – trotz eines nie da gewesenen Wertpapierbooms und generell guter Absatzlage im Genossenschaftslager.

Was übersetzt so viel heißt wie: Die Sparda München konnte überhaupt nicht von der Sonderkonjunktur im Wertpapiergeschäft profitieren. Tatsächlich stiegen die Erträge dort trotz einer (angesichts von mehr als 300.000 Kunden) sehr niedrigen Ausgangsbasis gerade mal um 400.000 Euro auf 8,4 Mio. Euro. Und das kleine Plus wurde von einem kleinen Minus bei der Vermittlung von Versicherungen sowie von höheren Kosten mehr als aufgefressen.

Auf Nachfrage teilt die Sparda München mit: „Gerne verweisen wir hinsichtlich der Veränderungen des Provisionsergebnisses – insbesondere durch Erträge aus Kontoführungsgebühren und der Aufwendungen für Kreditvermittlungen – auf unseren Geschäftsbericht. Wie Sie sicher wissen, betreibt die Sparda-Bank München das Depot B Geschäft nicht selbst; wir bieten ausschließlich Fonds des Kooperationspartners Union Investment an.“

In ihrer Not zieht die Sparda München alle Register

Mit hoher Wahrscheinlichkeit liefert diese Entwicklung  den Grund für den seltsamen Immobiliendeal des Instituts. Wie auch für den außergewöhnlichen Schritt, den die Sparda München dieser Tage geht: Die Bank schreibt ihre Kunden nicht nur an und fordert infolge des BGH-Urteils die Zustimmung zu früheren Entgelterhlhungen („… um unsere Geschäftsbeziehung mit Ihnen fortführen zu können“). Nein, parallel kündigt das Institut auch eine Preiserhöhung von mehr als 100% für das online geführte Konto an, lapidar begründet mit „veränderten Marktbedingungen“ (siehe hier). Ach ja, und ein Verwahrentgelt für private Einlagen ab 100.000 Euro führt sie auch noch ein. Ferner wirbt sie derzeit auch mit aggressiven Cash-Prämien um neue Kunden (siehe hier).

Dazu teilt die Bank bei der Bitte um Stellungnahme mit: „Mit den Schreiben zum BGH-Urteil verfolgen wir das Ziel, die Geschäftsbeziehung mit unseren Kunden  wieder auf ein rechtssicheres Fundament zu stellen. Auf Basis der Rückmeldung des Kunden  prüfen wir ggf. vorhandene Ansprüche auf Erstattung und erfüllen diese. Basis für die unveränderte Fortführung der Geschäftsbeziehung ist die Zustimmung zu den zukünftigen Entgelten sowie die Anerkennung der Geschäftsbedingungen.“

Auffällig zudem: Wie viele andere Sparda-Banken war die Sparda München in den vergangenen Jahren sehr aktiv im Vertrieb neuer Geschäftsanteile. Deren Zahl stieg binnen fünf Jahren um 55%. Allein 2020 betrug der Zuwachs 17% zum Vorjahr, gut 500.000 neue Anteile á 52 Euro konnte das Institut begeben. Locken lassen sich die neuen Mitglieder vor allem durch die (relativ) ansehnliche Verzinsung. So beschloss die Vertreterversammlung der Sparda München Ende Juni die Ausschüttung einer Dividende auf Geschäftsanteile von 1,75% – insgesamt 3,1 Mio. Euro.

2021 erwartet das Institut ein rückläufiges Ergebnis

Zum Schluss ein Blick auf die Entwicklung der wichtigsten Kennziffern der Sparda München in den vergangenen fünf Jahren:

2016 2017 2018 2019 2020
Bilanzsumme 7,2 7,6 8,2 8,9 9,3
Zins-Überschuss 111,0 114,0 112,0 107,0 101,0
Provisions-Überschuss 10,7 12,6 15,2 15,3 22,1
Verwaltungs-Aufwand 83,1 86,1 94,3 98,1 99,3
Bewertungs-Ergebnis -1,0 -5,6 0,0 4,4 -3,1
operatives Ergebnis 36,8 36,0 31,0 33,0 33,0
Jahres-Überschuss 15,6 16,2 13,9 13,3 12,1

Quelle: Geschäftsberichte

Mit einem Satz: Der Zugewinn bei den Provisionen gleicht den Rückgang bei den Provisionen aus – doch schauen sie mal auf die Kosten … Was ist da denn los???

Ist zumindest für das laufende Jahr operativ Besserung in Sicht? Hier ist der Geschäftsbericht dann doch eindeutig:

„Wir erwarten für das betrachtete Geschäftsjahr ein leicht rückläufiges Ergebnis, da der Rückgang des Zinsergebnisses aufgrund des anhaltenden Niedrigzinsniveaus, insbesondere im Kundengeschäft, nicht vollständig durch den Ausbau des Provisionsergebnisses und durch Kosteneinsparungen kompensiert werden kann.“

Und auf Nachfrage bleibt die Sparda München maximal abstrakt. „Die Ertragslage der Finanzbranche wird von den Negativzinsen, den permanent steigenden regulatorischen Anforderungen sowie der Rechtsprechung belastet. (…) Dieser Entwicklung begegnen wir fortlaufend mit Ertrags- und Aufwandsoptimierungsmaßnahmen.“

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