Exklusiv

Sparkasse Siegen verlangt für Girokonto 418,80 Euro im Jahr!

6. Mai 2021

Von Christian Kirchner

Liebe Bankvorstände, liebe Sparkassen-Managerinnen, liebe Pricing-Strategen – bevor Missverständnisse aufkommen: Selbstverständlich stehen wir als B2B-Medium auch weiterhin fest an Ihrer Seite. Gleichwohl, und diese Frage muss gestellt werden: Kann es sein, dass Sie es in den letzten Jahren dann doch ein Stück weit übertrieben haben?

Weil: Den Kunden zu belasten, das ist das eine. Ihn zu schröpfen, das ist etwas anderes. Nun wollen wir uns nicht anmaßen, die Grenze zwischen „Belasten“ und „Schröpfen“ zu definieren. Und schon gar nicht wollen wir so tun, als wüssten wir, was im Kopf von BGH-Richtern vorgeht. Aber: Kann es sein, dass das mittlerweile berühmte „Schweigen ist keine Zustimmung“-Urteil von vergangener Woche insgeheim auch ein „Bis hierhin und nicht weiter“-Urteil war? Denn – und jetzt, worauf wir heute Morgen eigentlich hinauswollen: Kennen Sie das neue 419-Euro-Konto der Sparkasse Siegen?

Einer unserer Leser-Reporter hat das Konto dieser Tage entdeckt. Wir vermuteten zunächst, es handle sich um einen Scherz. Doch nein – das Kontomodell gibt es wirklich, es trägt den Namen „S-Vita Exclusive“ und kostet 34,90 Euro pro Monat – also 418,80 Euro im Jahr. „Das ist laut unseren Tabellen klar das hochpreisigste Angebot am Markt“, urteilt Max Herbst, Inhaber der FMH Finanzberatung auf Nachfrage.

Schon länger ist klar, dass das kostenlose Girokonto – lange Zeit das goldene Kalb der Branche – ein Auslaufmodell ist. Angesichts niedrigster Zinsen und sinkender Einnahmen haben viele deutsche Finanzinstitute über die Jahre Gebühren für Girokonten eingeführt oder erhöht. Befeuert wurde diese Entwicklung anfangs durch die digitalen Neobanken, die als erste Premium-Konten wie „N26 Metal“ (16,90 Euro/Monat) einführten und zeigten: Es geht, die Kunden nehmen das an. Jedenfalls bis zu einem bestimmten Grad. Derart ermuntert, zogen die großen Privatbanken nach und erhöhten ihre Preise auf monatlich bis zu 12,90 Euro (Commerzbank), 13,90 Euro  (Deutsche Bank) und 14,90 Euro (HVB). Weitere Schritte zeichnen sich da und dort bereits ab (oder zumindest zeichneten sich ab, bevor dann letzte Woche das einschneidende BGH-Urteil kam, siehe unsere Berichterstattung hier, hier und hier).

Jedenfalls: Auch schon vor dem BGH-Urteil schien ein Betrag von 20 oder 25 Euro pro Monat für ein Premium-Konto das höchste der Gefühle zu sein. Nur ein Institut hatte es bisher gewagt, an der nächsten Marke zu kratzen: die Raiffeisenbank Hochtaunus. Ihr Sitz ist aber auch Bad Homburg, ihr Geschäftsgebiet einer der reichsten Landkreise der Republik – da schien es fast schon wieder nachvollziehbar, dass ihr „Full Service Konto“ seit 2019 genau 30 Euro pro Monat kostet.

Doch jetzt: Siegen, Geburtsstadt des Malers Peter Paul Rubens und in Sachen Pro-Kopf-Einkommen eher Mittelmaß. Eine Sparkasse mit 4,4 Mrd. Euro Bilanzsumme (2020) und aktuell rund 800 Mitarbeitern.

Siegen, Bad Homburg, Bühl – das sind die Spitzenreiter

Zur besseren Einordnung eine kleine Auswahl an Spitzenwerten aus der Welt der Sparkassen und Genossenschaftsbanken:

Bankname Produkt Grundpreis/Monat
Sparkasse Siegen S-Vita Exklusiv 34,90 €
Raiffeisenbank im Hochtaunus eG FullService-Konto 30,00 €
Sparkasse Bühl GiroPremium 27,00 €
Volksbank im Harz VR-Premium Plus 25,80 €
Sparkasse Arnsberg-Sundern GiroPremium 25,00 €
Sparkasse Bad Neustadt a. d. Saale PrivatGiro Comfort 25,00 €
Sparkasse Hanau GrimmPlatinum 25,00 €
Sparkasse Langen-Seligenstadt Giro platinum 25,00 €
Volksbank eG Südheide – Isenhagener Land – Altmark VR-PrivatKonto XL 22,50 €

Quelle: FMH Finanzberatung/eigene Recherche

Die Sparkasse Siegen will oder wollte ihr 35-Euro-Konto im Zuge eines Komplettumbaus ihrer Konto-Palette per 1. Juli 2021 einführen. Dabei sollten bzw. sollen sich auch die übrigen Kontotypen deutlich verteuern: Ruft die Bank bislang für das einfache, „S-Giro.de“ genannte Basisangebot 6 Euro pro Monat auf und für das „S Giro kompakt“ 10,50 Euro, so soll/te das neue Konten-Trio nun 9,90 Euro („S-Vita Basic“), 14,90 Euro („S-Vita“) und eben 34,90 Euro („S-Vita Exklusive“) kosten.

Mithin verteuern sich die bisherigen Modelle um jeweils rund 50%, die Premium-Version kommt hinzu. Erstaunlich: Eine Charge-Kreditkarte ist in den günstigeren zwei Varianten nicht enthalten (sondern eine Co-Badge Girocard), wer eine Charge-Kreditkarte haben will, muss dort weitere 8 Euro pro Monat blechen. Und: Die alten Modelle soll(t)en abgeschafft werden, die Kunden also in ein neues Modell gezwungen werden.

Begründet wurden der Umbau und die höheren Gebühren – wie bei vielen anderen Instituten auch (siehe unsere Analyse hier) – mit der Einführung von Mehrwertdiensten vor allem im Nicht-Banking-Bereich. Dazu gehören Cashback-Angebote in Online-Shops und Versicherungen, ein Zugriff auf Online-Artikel der Lokalzeitung und die Nutzung von Cloud-Speicherdiensten für sensible Daten. Auf Nachfrage teilt die Sparkasse Siegen zudem mit, dass „zukünftig ausschließlich Pauschalmodelle angeboten werden, bei denen der Kunde volle Kostentransparenz hat, da keine Preise für Einzelleistungen abgerechnet werden.“

Eine weitere Besonderheit des Siegener Premium-Modells für 34,90 Euro: Es enthält eine Mastercard Platinum, die einige weitere Annehmlichkeiten bereithält, etwa einen Concierge-Service oder den Zugang zu diversen Lounges. Allerdings kostet diese Kreditkarte bei anderen Banken „nur“ 8 bis 17 Euro pro Monat, sprich: Den Rekordpreis allein hiermit zu rechtfertigen, geht also nicht. Die Sparkasse Siegen verweist zudem auf „ein umfangreiches Versicherungspaket, Lounge-Zugang, Golfcommunity, ein Gepäckfundservice, ein Rabatt auf ein Zweitgirokonto sowie ein vergünstigter Sollzins für Dispositionskredit-Inanspruchnahmen.“

Die Bank profitiert, selbst wenn keiner das teure Konto nimmt

Selbst wenn die Kunden das neue Konto (wenn es denn tatsächlich kommt) verschmähen, so könnte erfüllt es pricingtechnisch betrachte doch seinen Zweck erfüllen. Denn gerade bei Girokonten und ihren Preismodellen kommen zwei verhaltensökonomische Effekte zum Tragen. Da ist zum einen die Tendenz der Menschen zur „Wahl der Mitte“: Haben sie drei Modelle, drei Preise zur Auswahl, entscheiden sich viele intuitiv für den Mittelwert. Im konkreten Fall Siegen heißt dies, dass sie tendenziell dazu neigen werden, das Girokonto „S-Vita“ für 14,90 Euro im Monat zu wählen. Dessen Preis liegt aber keineswegs im Mittelfeld, wenn man einmal auf den Gesamtmarkt blickt: Im Durchschnitt kostet ein Girokonto in Deutschland trotz aller Verteuerung der letzten Jahr immer noch etwas weniger als 5 Euro im Monat – so haben es zum Beispiel Portale wie Check24 oder Biallo ermittelt.

Der zweite Effekt, der Banken bei solchen Preismodellen zugute kommt, ist der so genannte „Ankereffekt“ des hohen Preises. Das funktioniert ähnlich wie beim ersten, extrem hohen Preis, den ein Händler auf dem Basar aufruft, und wiegt den Kunden in Sicherheit, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Selbst wer das teuerste Modell für 34,90 Euro ignoriert, freut sich unterbewusst, mit seinem Modell weit unter dem „teuersten“ zu liegen – und glaubt, Geld gespart zu haben. Unabhängig davon, ob das im Vergleich zum Markt stimmt oder nicht. Und unabhängig davon, ob sich überhaupt jemand für das teuerste Modell entscheidet.

Ob die Sparkasse Siegen an ihrem 419-Euro-Konto und auch den übrigens Zwangs-Umstellungen bei den einfacheren Kontomodellen im Lichte des jüngst ergangenen BGH-Urteils festhält? Vorerst sind die Planungen nach dem BGH-Urteil jedenfalls nicht gestoppt. „Ob sich hieraus Auswirkungen für die AGB der Sparkasse ergeben, muss zunächst analysiert werden. Diese Auswertung kann jedoch erst erfolgen, wenn die Urteilsgründe vorliegen. Diese werden nach der beim BGH geübten Praxis voraussichtlich erst einige Wochen nach der Verkündung des Urteils veröffentlicht. Selbstverständlich werden wir das zum AGB-Änderungsmechanismus ergangene BGH-Urteil, soweit es einschlägig ist, berücksichtigen“, heißt es bei der Sparkasse Siegen auf Anfrage.

Ihre AGBs hat die Sparkasse Siegen jedenfalls nach dem BGH-Urteil rasch geändert und per 27. April bereits den Passus der Zustimmungsfiktion gestrichen.

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