Analyse

Sparkassen schaffen ihren KPI ab. Ist’s wirklich sooo schlimm?

11. März 2021

Von Heinz-Roger Dohms

Im Fußball? Geht es um Tore. Bei Wahlen? Geht es um Mehrheiten. Und bei den Sparkassen? Geht es um das „Betriebsergebnis vor Bewertung in % der durchschnittlichen Bilanzsumme (DBS)“.

Seit Jahr und Tag gilt den Sparkässlern die etwas sperrige Kennziffer als das, was neumodische Nicht-Sparkässler als „Key Performance Indicator“ bezeichnen würden, also als wesentliche Erfolgskennzahl. Anders ausgedrückt: Ein sattes „Betriebsergebnis vor Bewertung in % der durchschnittlichen DBS“ diente den deutschen Sparkassen stets als Nachweis, dass sie eben nicht nur Gedöns (=öffentlicher Auftrag) können – sondern auch Geschäft!!! Doch dann? Kam Mittwoch, der 9. März 2021, und der Sparkassen-Präsident Helmut Schleweis sprach, als er sich anlässlich der DSGV-Jahres-PK endlich dem Thema „Rentabilität“ zuwenden wollte, folgenden Satz:

„Für alle Freunde der DBS-Betrachtung möchte ich eine wichtige Information vorausschicken: Bei einer pandemieverursachten enormen Steigerung der Bilanzsumme von 7,1% – das  ist das höchste Bilanzwachstum seit über 20 Jahren – ist diese Sichtweise wenig aussagefähig.“

Und also: Klammerte Schleweis die DBS-Betrachtung einfach aus. Wie ein Politiker, der bei steigender Wahlbeteiligung verkündet, es komme jetzt nur noch auf die absolute Zahl der für ihn abgegebenen Stimmen an. Kann man so machen. Aber provoziert natürlich die Frage: Sind die relativen Zahlen denn wirklich sooooo schlecht? Antwort: Nein, sind sie nicht. Gleichwohl verweist der Schleweis’sche „Absolutismus“ auf das vielleicht größte Problem unserer  Sparkassen: Volumen können die Roten immer noch. Aber Marge immer weniger. Ein kurzer Ritt durch die Zahlen:

1.) Was sagen denn nun die Volumina?

Die deutschen Sparkassen haben im (ersten) Corona-Jahr Kreditgeschäft ohne Ende gemacht. Dass Unternehmen und Selbständigen neue Kredite in Höhe von 106,4 Mrd. Euro (plus 14,1%) zugesagt wurden … – okay, damit hat man ja noch irgendwie rechnen können. Stichwort KfW-Kredite. Aber dass es auch in der Baufinanzierung noch einmal signifikant nach oben ging, nämlich um 13,7% (!) auf 67,0 Mrd. Euro Neugeschäft … – da bleibt einem fast die Spucke weg.

2.) Was hat das mit dem Zinsergebnis gemacht?

… das ist ja das Traurige: nicht viel! Beziehungsweise: Obwohl die Sparkassen ihre Kreditgeschäft Jahr für Jahr immer noch weiter und noch weiter ausdehnen, kommt unterm Strich immer weniger dabei herum. So sank der Zinsüberschuss um gut 650 Mio. Euro auf nur noch 19,6 Mrd. Euro.

Zitat Schleweis:

„Ohne das hervorragende Baufinanzierungsgeschäft wäre der Rückgang noch deutlicher gewesen“

Und falls jetzt irgendwer fragt, ob die Zugewinne beim Provisionsgeschäft die Rückgänge im Zinsgeschäft nicht ausgleichen? Nö, natürlich nicht. Nicht einmal prozentual wuchs das Provisionsergebnis (+2,6%) so stark, wie das Zinsergebnis (-2,7%) zurückging. Und in absoluten Zahlen? Plus 197 Mio. Euro im Provisionsgeschäft versus die besagten (hier nun exakt) minus 662 Mio. Euro im Zinsgeschäft.

3.) Und schuld hat die Einlagenflut, wie Herr Schleweis gestern postulierte?

Mmmhh. Dass den Sparkassen mehr Geld zuströmt, als sie sinnvollerweise gebrauchen können, daran dürften wenig Zweifel bestehen. Doch in Heller und Pfennig ist der unmittelbare Effekt durch den negativen EZB-Einlagenzins dann doch überschaubar. 120 Mio. Euro waren’s Schleweis zufolge. Was nicht einmal einem Fünftel des Rückgangs beim Zinsüberschuss entspricht. Vorsichtig formuliert: Kann es sein, dass die Sparkassen im Zinsgeschäft jenseits der Negativzinsen verglichen mit früheren Zeiten ein Margenproblem haben, das sie in abgemiderter Form auch dann hätten, wenn das Zinsniveau so wäre, wie es früher einmal war?

4.) Was machen die Kosten?

Die sinken! Personalaufwand minus 1,4%, Sachaufwand minus 1,2%. Brav, liebe Sparkassen! Wiewohl der Rückgang in einer zur Verfügung gestellten Präsentation wie folgt begründet wird:

„Niedrige Tarifabschlüsse und geringerer Aus- und Fortbildungsaufwand im Zuge der Pandemie“

Das klingt dann nicht mehr nach großer Trendwende, sondern eher so ein bisschen nach Einmaleffekten.

5.) Was ist mit der (Risiko-)Vorsorge und den Kreditausfällen?

Die gebildete Risikovorsorge stieg im Vergleich zum Vorjahr um knapp 800 Mio. Euro auf rund 1,3 Mrd. Euro. Klingt üppig. Ist mit 14 Basispunkten gemessen am Kreditbuch aber nicht so wahnsinnig viel (zum Vergleich: Bei der „Großsparkasse“ Commerzbank waren es 34 Basispunkte).

Allerdings: Daneben bildeten die Sparkassen 2,7 Mrd. Euro an allgemeinen „Vorsorgereserven“ (womit 340e-f gemeint ist, liebe Connaisseure). Ist also nicht so, als würden die Kommunalinstitute nicht vorbeugen.

Zur Höhe der Kreditausfälle in 2020 machte Schleweis keine Angaben. Allerdings gab er eine interessante Indikation für 2021. Und zwar lautete die Aussage dem Sinn nach wie folgt:

„Was wir dieses Jahr in die Vorsorgereserve gesteckt haben, das sollte reichen, um die in 2021 erwarteten Kreditausfälle zu absorbieren.“

Sprich: Die Sparkassen rechnen mit maximal 2,7 Mrd. Euro an Kreditausfällen. Das wären maximal 30 Basispunkte gemessen am Kreditbestand per Ende 2020.

6.) Und, ist’s jetzt soooo schlimm oder ist es das nicht?

Nein, sooo schlimm ist es keineswegs. Nach ihrer eigenen Definition haben die Sparkassen trotz allem immer noch 9,4 Mrd. Euro Gewinn (gemeint ist das Betriebsergebnis vor Steuern) bzw. 1,6 Mrd. Euro Gewinn (gemein ist das Nachsteuerergebnis gemacht).

Wir selber würden den Gewinn mit 6,8 Mrd. Euro angeben, das ist das Vorsteuerergebnis zuzüglich der gebildeten Vorsorgereserven (also grob gesagt die Gewinndefinition der Bundesbank).

Zur Einordnung:

  • Die 9,4 Mrd. Euro bedeuten zum Vorjahr einen Rückgang um etwa 2%
  • Die 1,6 Mrd. Euro bedeuten zum Vorjahr einen Rückgang um ganz grob 10% (genauer kriegt man’s aufgrund von Rundungseffekten nicht hin)
  • Und die 6,8 Mrd. Euro bedeuten einen Rückgang um etwa 7%

Also alles andere als dramatisch. Und übrigens, das „Betriebsergebnis vor Bewertung in % der durchschnittlichen DBS“ (also jene Zahl, die Schleweis partout nicht in den Mund nehmen wollte) findet sich in den Unterlagen, die der DSGV zur Verfügung gestellt hat, sehr wohl. Der Wert liegt bei 0,70% – verglichen mit 0,76% ein Jahr zuvor. Das ist nicht grandios (zumal in besseren Zeiten mal ein Wert von mindestens 1,0% angestrebt wurde). Aber, lieber Herr Schleweis: Das ist auch nichts, wofür man sich in Zeiten wie diesen schämen müsste.

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