Exklusiv

Trickste die Greensill Bank mit falschen Kreditversicherungen?

25. März 2021

Von Christian Kirchner

Neue Wendung in der „Causa Greensill Bank“: Laut Informationen von Finanz-Szene.de mutmaßen Aufseher und Ermittler, die Bremer Pleitebank könnte mit nachträglich erstellten oder gar gefälschten Nachweisen sogenannter Warenkredit-Versicherungen getrickst haben. Der Verdacht fußt auf der der forensischen Sonderprüfung, welche die Bafin im September 2020 bei KPMG in Auftrag gegeben hatte. Schwerpunkt der Untersuchung war das Exposure der Greensill Bank gegenüber der Firmengruppe des indischen Stahlindustriellen Sanjeev Gupta.

Den Finanz-Szene-Informationen zufolge stießen die KPMG-Prüfer bei ihrer Prüfung auf ein Papier, das eine von der Greensill Bank gegen einen Forderungsausfall abgeschlossene Versicherung dokumentieren sollte – aber angeblich erst nachträglich erstellt worden war. Das jedenfalls erklärten Vertreter der Bafin am Donnerstag in einer nicht-öffentlichen Sitzung des Finanzausschusses auf Nachfrage des Abgeordneten Fabio de Masi (Linkspartei).

Dabei gibt es sogar Mutmaßungen, die Greensill Bank könnte auch noch in anderen Fällen gegenüber Aufsehern getrickst haben: Laut Finanz-Szene.de vorliegenden weiteren Dokumenten soll die Greensill Bank unter dem Namen „Projekt Delta“ auch direkte Darlehen an die Gupta-Firmengruppe vergeben haben. Solche direkten Darlehen waren laut Geschäftsmodell nicht vorgesehen und den Aufsehern mindestens zeitweise nicht bekannt.

Die Greensill Bank hat ihre Bilanz zwischen 2017 und 2020 massiv um den Faktor 12 ausgebaut. Die Bafin und der für die Integrität der Einlagensicherung zuständige Prüfungsverband der deutschen Banken ließen das Institut gewähren – allerdings auch, weil die Greensill Bank stets beteuern konnte, dass ja kaum Kreditrisiken bestünden, weil  die aufgekauften Engagements durch Warenkredit-Versicherungen abgesichert werden. Die Existenz und Gültigkeit dieser Versicherungen waren mithin zentral für das gesamte Geschäftsmodell. Laut einer Finanz-Szene.de vorliegenden, BMF-Chronologie der Ereignisse nahmen Bafin und Prüfungsverband an der steten Ausweitung des Kredit-Exposures lange Zeit kaum Anstoß. Erst im Januar und Februar 2020 scheinen den Aufsehern bzw. Prüfern erste Zweifel am Geschäftsgebaren der Greensill Bank und Konzentrationsrisiken gekommen zu sein (die gesamte Chronologie finden Sie hier).

Dass die Kontrollinstanzen die Greensill Bank so lange gewähren ließen, hatte allem Anschein nach vor allem zwei Gründe: Zum einen schoß die australische Muttergesellschaft Greensill Capital Pty im Frühjahr 2019 rund 400 Mio. Euro Eigenkapital in das Bremer Geldinstitut – das wirkte wie ein Vertrauensbeweis. Und zum anderen konnte die Greensill Bank zur ungefähr gleichen Zeit neue Kreditversicherungen vorlegen, durch welche sich die risikogewichteten Aktiva dramatisch verringerten – nämlich alleine im Geschäftsjahr 2019 um 2,6 Mrd. Euro auf 0,9 Mrd. Euro. Auch in einem damaligen Report Ratingagentur Scope aus dem August 2019 zur vergebenen Ratingnote „A-“ heißt es:  „Die Kreditversicherungen, die das Ausfall- und Veritätssrisiko abdecken, sind ein wichtiger Ratingfaktor.“

Die Bafin und das BMF sehen in der Anerkennung der Kreditausfall-Versicherungen im Frühjahr 2019 offenbar kein Problem und deklariert sie zu einem rein formalen Akt. „Sofern die formellen Voraussetzungen nach CRR [Anm. der Red.: Das Kürzel steht für die „Capital Requirement Regulation“ und bezieht sich auf die EU-Eigenmittel-Verordnung gemäß Basel III]  erfüllt sind, bestehen seitens der Aufsicht keine Eingriffsmöglichkeiten“, heißt es in der BMF-Antwort auf eine schriftliche Frage des Abgeordneten de Masi. Eine „Begrenzung hinsichtlich des Einsatzes von Garantien und damit auch von Kreditversicherungen“ gebe es grundsätzlich nicht. Zudem, so hieß es gestern zudem im Finanzausschuss, habe die Greensill Bank die Anforderung an die Kapitalausstattung angeblich auch ohne die Kreditversicherungen erfüllt.

Wie allerdings diese Variante zu den Geschäftsberichten der Jahre 2015-2018 und zu der weiter oben bereits erwähnten „aufsichtlichen Chronologie“ des Falls passt, ist unklar. „Zum Bilanzstichtag war (…)  eine Abdeckung der wesentlichen Risiken aufgrund der ausgesetzten Anwendung der Kreditrisikominderungsinstrumente nicht gegeben“, heißt es etwa im 2016er-Geschäftsbericht; und im Abschluss für das Geschäftsjahr 2018 heißt es zwar: „Die Forderungen aus dem Supply-Chain-Finance-Geschäft sind vollständig mit Warenkreditversicherungen besichert“. Dennoch spricht die Greensill Bank 2018 erneut von der „ausgesetzten Anwendung der Kreditrisikominderungsinstrumente in Form von Warenkreditversicherungen“, ohne allerdings zu präzisieren, auf wessen Betreiben hin und warum die „Anwendung“ ausgesetzt ist.

In der besagten Chronologie wiederum steht mit Datum 11. März 2021: „Untersagung der Berücksichtigung bestimmter Sicherheiten (Kreditausfallversicherung und Barsicherheiten) als Kreditrisikominderungstechnik auf Basis der Erkenntnisse der Sonderprüfer und Sonderbeauftragten, um diesbezügliche Verstöße gegen aufsichtsrechtliche Bestimmungen zu unterbinden.“ Nach Einschätzung von Finanz-Szene.de belegt dieser Satz: Die im Herbst 2020 von der Bafin mandatierten KPMG-Sonderprüfer und die im Januar 2021 in die Bank entsandten Bafin-Sonderbeauftragten hatten offenbar deutliche Zweifel an der Validität der Kreditausfallversicherungen. Und:  Der Satz illustriert, dass ebenjene Kreditausfallversicherungen offensichtlich zu Verstößen gegen die „aufsichtlichen Bestimmungen“ beigetragen haben.

Erstaunlich ist an diesem chronologischen Eintrag derweil auch das Wort „Barsicherheiten“ – denn beinahe liest es sich so, als könnte Zweifel an der schieren Existenz dieser Sicherheiten geben. Auf eine entsprechende Nachfrage, ob es die ausgewiesenen Barsicherheiten – womit auch Eigenkapital einschließlich des Einschusses im Frühjahr 2019 gemeint sein könnte – überhaupt sicher gebe, antworteten Vertreter des Finanzministeriums gestern jedenfalls laut Teilnehmern ausweichend. Zwar bezweifle niemand, dass es zu der damaligen Kapitalerhöhung tatsächlich gekommen sei. Aber: Die Werthaltigkeit der bestehenden „Barsicherheiten“ werde momentan ebenfalls geprüft.

Finanz-Szene.de bat auch KPMG und die Bafin um eine Stellungnahme. Beide wollten sich nicht äußern.

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