Exklusiv

Viele Banken verdienen an Minuszinsen mehr als sie verlieren

14. April 2021

Von Tom Fides*

Das Jammern über die Negativzinsen – bei den Bilanz-PKs zuletzt war es wieder regelmäßig zu vernehmen. Beispiel Sparkassen: Um 79,1 Mrd. Euro haben die Einlagen im vergangenen Jahr zugenommen, was allerdings kein Grund zur Freude sei, wie DSGV-Präsident Helmut Schleweis klarstellte: „Diese liebevolle Umarmung der Kunden nimmt uns unter Negativzins-Bedingungen zunehmend betriebswirtschaftlich die Luft zum Atmen.“

Indes – ist das wirklich so?

Der Reihe nach: Nein, wir wollen selbstverständlich nicht in Abrede stellen, dass das allgemein niedrige Zinsniveau der Kreditwirtschaft mächtig zusetzt. Und, nein, wir wollen Ihnen auch nicht wieder mit TLTRO kommen, das haben wir ja oft genug getan. Sondern  – was wir einfach mal gemacht haben: Wir haben uns von rund 20 stinknormalen Banken und Sparkassen die Geschäftsberichte der Jahre 2018 und 2019 geschnappt und nachgeschaut: Was haben diese Banken an Negativzinsen gezahlt (also für die eigenen Einlagen in erster Linie bei der EZB, aber teilweise auch bei Zentralinstituten wie der DZ Bank)? Und was haben sie umgekehrt an den Negativzinsen verdient, die den eigenen Kunden aufgebürdet wurden?

Das Ergebnis der Übung ist durchaus verblüffend. Denn: Exakt die Hälfte der untersuchten Institute haben mit den Negativzinsen als solches kein Geld verloren, sondern per saldo sogar Geld verdient – und manche nicht zu knapp!

Voilà:

Zunächst einmal: Ganz kurz zur Methodik

Warum zunächst zur Methodik? Weil wir uns der beschränkten Aussagekraft unserer Analyse bewusst sind. Denn: Bei vielen Banken sind die Erträge bzw. die Aufwendungen aus Negativzinsen gar nicht explizit ausgewiesen. Und selbst wenn sie es wären – die Mühe, uns sämtliche rund 1.700 hiesigen Kreditinstitute anzuschauen, hätten wir uns dann doch nicht gemacht.

Stattdessen: Haben wir uns auf 22 Banken beschränkt. Es handelt sich a) um solche Institute, bei denen die Negativzins-Erträge bzw. -Aufwendungen mit vertretbarem Aufwand zu finden waren. Und die b) zumindet in geographischer Hinsicht so etwas wie einen Spiegel der Banken-Republik darstellen. Konkret: Es handelt sich um Banken aus …

  • Kiel (und Umgebung) ganz im Norden
  • Garmisch ganz im Süden
  • Aachen tief im Westen
  • und Dresden weit im Osten –  und …
  • in den Metropolen Frankfurt und Berlin

Dabei wählten wir bewusst klassische Retailbanken aus: 5 Sparkassen, 6 Volksbanken, 5 Sparda-Banken und 6 PSD-Banken fanden wir vor. Diese sind alle vergleichbar in Sachen Geschäftsmodell, in ihren Bilanz- und GuV-Strukturen sowie in ihren Möglichkeiten, am Geld- und Kapitalmarkt aktiv zu werden. Ihre Bilanzsummen (2019) reichen von 680 Mio. Euro (PSD Bank Kiel) bis zu 19,8 Mrd. Euro (Frankfurter Sparkasse).

Doch nun zu den Ergebnissen …

Die größten Überraschungen im Überblick

  • 11 der untersuchten Institute – sprich die Hälfte! – machte im Jahr 2019 mit Negativzinsen ein Plus. Das heißt im Umkehrschluss zwar, dass die andere Hälfte tatsächlich Geld verlor – doch es ist keineswegs so, dass alle Banken landauf, landab per se unter den direkten Negativzinsen leiden.
  • Selbst über alle Banken im Sample hinweg schlagen die direkten Negativzinsen weniger schlimm zu Buche als die Branche gerne glauben macht. So deckten die erhaltenen negativen Zinsen im Jahr 2018 erstaunliche 89,2% der angefallenen negativen Zinsen ab. Im Jahr 2019 waren es immerhin noch 71,6%. Über beide Jahre betrachtet waren es 79,1%… Sie wollen es noch konkreter? Kein Problem. In Summe nahmen die 22 Häuser in den Jahren 2018 und 2019 rund 45,1 Mio. Euro mit Negativzinsen ein, dem standen 57,0 Mio. Euro gegenüber, die sie an Negativzinsen zu entrichten hatten.
  • Positiver Spitzenreiter in der Stichprobe war die Frankfurter Sparkasse, die 2019 mit Negativzinsen 7,3 Mio. Euro mehr einnahm als sie selbst zahlen musste. Dies war sowohl in absoluten Zahlen als auch gemessen am damaligen Zinsergebnis der mit Abstand größte Wert. So trug das Saldo stolze 3,5% zum Zinsergebnis von insgesamt 211 Mio. Euro bei!
  • Positiver Ausreißer im Sample war die PSD Bank München (die Garmisch nächstgelegene PSD-Bank): Dort überstiegen 2019 die erhaltenen Negativzinsen die gezahlten Negativzinsen um den Faktor 39! Konkret: 37.130 Euro, die sie einnahm, standen nur 802 Euro gegenüber, die ihre Zinserträge schmälerten.

Die PSD-Banken sind besonders erfolgreich

Vor allem die PSD-Banken fallen ins Auge: 5 der 6 Häuser wiesen einen positiven Saldo aus! Den meisten scheint dies geradezu peinlich. So findet sich gleich bei mehreren ein erklärender Satz im Jahresabschluss: „Positive Zinsen aus Kundeneinlagen in unserem Haus haben wir nicht generiert“, schreibt die PSD Bank Kiel. Andere formulieren ähnlich, fast bis aufs Wort – gibt es dafür etwa schon eine interne Sprachregelung, lieber PSD-Banken? Auf jeden Fall wird meist noch ergänzend darauf verwiesen, dass die positiven Zinsen aus Einlagen institutioneller Kunden oder anderer Banken resultieren, so etwa bei der PSD Bank West. Möge nur ja keiner auf die Idee kommen, dass sich die Häuser an der sparsamen Oma gütlich halten!

Und die anderen Bankengruppen? Bitte schön:

  • Bei den Sparkassen kamen 2019 immerhin 3 von 5 Instituten auf ein positives Saldo, konkreter: die Frankfurter Sparkasse (7,3 Mio. Euro), die Sparkasse Aachen (2,1 Mio. Euro) und die Kreissparkasse Dresden (52.382 Euro) – geht doch, Herr Schleweis!
  • Bei den Genossenschaftsbanken kamen 2019 noch 2 von 6 auf ein positives Saldo, die Kieler Volksbank (258.868 Euro) und die VR Bank Weidenfels (mit immerhin noch 63.766 Euro).
  • Schlusslicht waren die Sparda-Banken – hier gelang es 2019 unter den 5 untersuchten Häusern nur der Sparda-Bank Hamburg, unterm Strich ein Plus zu erwirtschaften, genauer: 411.755 Euro.

Zur ganzen Wahrheit gehört: Bis auf die Sparkassen in Frankfurt und Aachen hielt sich der positive Saldo 2019 in Grenzen, bei den meisten bewegt er sich im sechs- oder gar nur fünfstelligen Bereich und machte maximal nur etwa 1% des Zinsergebnisses aus. Aber immerhin!

In Berlin fressen die Negativzinsen 8,1% des Zinsergebnisses

Daneben wollen wir natürlich nicht verschweigen, dass die Negativzinsen bei der Hälfte der 22 untersuchten Banken, die 2019 tatsächlich draufzahlten, teils massiv ins Kontor schlugen. So zahlte die Sparda-Bank Berlin in dem Jahr unterm Strich 4,1 Mio. Euro mehr an Negativzinsen als sie selbst erhielt, und das bei einem Zinsergebnis von 50,2 Mio. Euro! Gemessen daran, machte der Negativsaldo ganze 8,1% aus – damit war das Institut das negative Pendant zum positiven Spitzenreiter Frankfurter Sparkasse.

Ähnlich mies die Zahlen bei der Sparda-Bank West: Dort betrug der Negativsaldo 2019 gut 6,4 Mio. Euro, bei einem Zinsergebnis von 96 Mio. Euro! Somit macht er im Verhältnis 6,7% aus. Das sind Größenordnungen, die den Zinsüberschuss signifikant drücken, keine Frage.

Ja, ja, wir wissen, das ist alles nur ein Schlaglicht. Nur eine Stichprobe! Nix repräsentativ! Ohne Zahlen für 2020! Und ganz sicher übersehen wir Zahlen oder Zusammenhänge, die zur Bewertung des großen Ganzen essenziell sind. Aber irgendwo müssen wir ja mal anfangen.


Tom Fides* ist freier Mitarbeiter von Finanz-Szene.de und soll in den nächsten Monaten regelmäßig seine Beobachtungen und Analysen zur deutschen Banken- und Fintech-Branche mit den Leserinnen und Lesern teilen. Er tut dies unter Pseudonym, weil er beruflich für ein Unternehmen aus dem Bankenumfeld tätig ist und diese Tätigkeit von seiner publizistischen trennen möchte. Herr Fides schreibt für Finanz-Szene nicht über Themen, die sein direktes berufliches Wirkungsfeld betreffen oder bei denen es zu sonstigen Interessenkonflikten kommen könnte.

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