Exklusiv

Volksbanken kassieren heftige Schelte von der Bafin

12. Mai 2020

Von Christian Kirchner

Der einmal jährlich vorgelegte Tätigkeitsbericht der Bafin ist normalerweise eher etwas für Connaisseure („Seit Inkrafttreten von EMIR 2.2 ist ein neues, bei ESMA angesiedeltes CCP Supervisory Committee für die Aufsicht über die Drittstaaten-CCPs zuständig“). Wer sich in der gestern vorgestellten 2019er-Ausgabe allerdings bis zu Seite 70, Unter-unter-unter-Punkt 1.3.1.4.4 durchgekämpft hatte – der fand dort Aussagen, die so prägnant waren, dass selbst wir von Finanz-Szene.de sie auf Anhieb verstanden!

  • Von einem Geschäftsmodell, dass „immer stärker belastet“ werde, war da die Rede.
  • Von einem „Rückzug aus der Fläche“, durch den „Kenntnisse der regionalen Märkte verloren“ gingen.
  • Von neuen Geschäftsfeldern, die „neue Risiken mit sich“ brächten.
  • Von Maßnahmen, bei denen „fraglich“ sei, ob sie „ausreichen werden“.
  • Von Veränderungen, die „eng begleitet“ würden.
  • Und von der Gefahr, dass sich „die Rentabilität bis zum Jahr 2023 halbieren“ könnte.

Nun hat sich die Bafin im sogenannen „Lagebericht“ ihres Tätigkeitsbericht auch früher schon als kritischer Geist positioniert. So deutlich wie diesmal fiel die Kritik aber selten aus. Wobei die eigentliche Sensation nicht einmal in den Formulierungen also solchen lag. Sondern darin, dass die Sätze allesamt einer einzigen Bankengruppe galten. Nämlich den Volks- und Raiffeisenbanken.

Während der Bafin die übrigen Instituten in demselben Bericht mit Glacéhandschuhen anpackte:

  • Die kritischste Feststellung zu den Sparkassen lautete, dass „der Spielraum für Filialschließungen begrenzt“ sei.
  • Zu den Privatbanken fiel der Bafin nichts kritischeres ein, als dass sie aufgrund fehlender alternativer Ertragsquellen zum Zinsgeschäft „unverändert unter Druck“ stünden.
  • Und die schärfste Kritik an den Auslandsbanken erschöpfte sich in ein paar Anmerkungen zu möglichen Problemen beim Risikocontrolling und Risikomanagement infolge der Brexit-Verlagerungen.

Da passte ins Bild, dass die Bafin festhielt, sie habe bei zwei Volks- und Raiffeisenbanken wegen mangelnder Eignung die Abberufung von Geschäftsleitern verlangt. Und die meisten Sonderprüfungen musste wer über sich ergehen lassen? Natürlich ebenfalls die Genossenschaftsinstitute (auch wenn man dies mit der schieren Anzahl der Volks- und Raiffeisenbanken erklären mag).

Was ist da los?

Dass wir von Finanz-Szene.de mal wieder alles überinterpretieren – diese Deutung scheidet diesmal aus. Ein „Abberufungsverlangen“ gehört zu den schärfsten Schwerten der Finanzaufseher überhaupt. Und wenn die Bafin vor einer Halbierung der Renditen warnt, dann tut sie das nicht, weil ein paar subalternen Referatsmitarbeitern im Home-Office so ein bisschen der Gaul durchgegangen ist.

Dasselbe gilt für Formulierungen wie „eng begleiten“. Wenn man im „Bafin-Deutsch, Deutsch-Bafin“-Wörterbuch nachschlägt, was denn „eng begleitet“ bedeutet, dann steht dort als Übersetzungshilfe: „auf die Finger schauen“ oder gar „an die Kandare nehmen“. Bemerkenswert ist auch, in welcher Detailtiefe sich die Aufsicht zu den Genobanken äußert. So wird in Tätigkeitsbericht explizit erwähnt (und implizit kritisiert?), dass es da draußen Volks- und Raiffeisenbanken gibt, die auf der Suche nach neuen Ertragsquellen in den Betrieb von Windanlagen oder in die Vermietung von Studentenwohnheimen einsteigen.

Kann es sein, dass die Bafin den Genossenschaftssektor neuerdings so richtig auf dem Kieker hat? Ein Verdacht, der sich ja schon aufdrängte, als sich die Aufsicht vor einiger Zeit mittels einer Sonderprüfung bei einem norddeutschen Ortsinstitut den genossenschaftlichen IT-Dienstleister Fiducia & GAD vorknöpft – siehe die Berichterstattung des „Handelsblatts“ (Paywall) aus dem vergangenen Dezember.

Auf eine explizite Nachfrage bei der Bafin haben wir gestern verzichtet. Schließlich hat die ja gesagt, was sie zu sagen hatte. Stattdessen haben wir beim BVR nachgefragt, was der denn von der Watschn für den eigenen Sektor hält. Wenig überraschend versucht man dort, den Vorfall herunterzuspielen.

  •  „Solche Aussagen im Jahresbericht der BaFin sind – auch auf Gruppenebene – weder neu noch ungewöhnlich.“
  • „Ohne auf alle Punkte einzeln einzugehen, die Sie zitieren, möchte ich darauf hinweisen, dass unsere Banken ihre Risiken in aller Regel gut einschätzen können und mit dem Risikomanagementsystem VR-Control ein solides Hilfsmittel zur Hand haben, das bei kleinen und mittleren Banken in anderen Ländern Europas oft nicht in vergleichbarer Qualität vorhanden ist.“
  • „Jenseits der individuellen Verantwortung jeder Bank für ihre Risiken und Kapitalpuffer untersucht die BVR-Sicherungseinrichtung sehr genau, ob sich bei einzelnen Banken oder in unserer Gruppe unvertretbare Risiken aufbauen.“

Alles halb so wild also? Schön wär’s. Allein, uns fehlt der Glaube. Finanz-Szene.de wird die weitere Entwicklung jedenfalls „eng begleiten“.

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