Deep Dive

Vom Untergang einer deutschen Bank. Das Greensill-Protokoll

18. März 2021

Von Christian Kirchner

Die Geschichte der Greensill Bank wird bislang wie folgt erzählt: Ulkiger australischer Bauernsohn kapert deutsche Banklizenz und hinterlässt milliardenschweren Müllhaufen. So ungefähr war’s ja tatsächlich. Bloß: Wird dieses Narrativ dem Sachverhalt gerecht? Muss man nicht auch die Historie in den Blick nehmen, um das Scheitern dieser Bank zu verstehen?

Denn: Wussten Sie, dass diverse Eigentümer der späteren Greensill Bank selber pleitegegangen sind? Dass aus dem Bremer Institut mal ein „Payment Service Provider“ à la Wirecard werden sollte? Dass die Bank eine Zeitlang sogar Campingplätze betrieb? Dass die Bafin in Bremen auch früher schon Dauergast war? Und: dass bei der nachmaligen Greensill Bank mal eine gewisse Robin Saunders mitgemischt hat? Genau: die Robin Saunders, die WestLB-Lady … Jedenfalls: An Allüren und Problemen hat’s dieser Bank nie gemangelt. Wohl aber schon sehr lange an einem Geschäftsmodell. Lesen Sie darum hier: Das Protokoll des Untergangs einer (mehr oder weniger) normalen deutschen Bank.

Prolog – Die ersten 80 Jahre

Gegründet 1927 als Norddeutsche Finanzierungs AG, wird die Nordfinanz Mitte der 50er-Jahre von der Sparkasse Bremen und der Bremer Landesbank übernommen. Im Laufe der Jahrzehnte wechseln immer mal wieder die Geschäftsmodelle (mal Konsumentenfinanzierung, mal Firmenkredite, mal Factoring, mal Leasing …) und irgendwann auch dann auch regelmäßig die Eigentümer.

1988 verkaufen die Sparkasse und Landesbank die „Nofi“ an einen privaten Investor. Nach mehreren weiteren Eignerwechseln landet die Bank schließlich 1994 im Besitz eines Münchener Finanzvermittlers, der 1996 wegen Betrugsverdachts festgenommen wird und seine Anteile wieder abtritt. Unter den Abnehmern: ein (später in die Privatinsolvenz geschlitterter) Bremer Senator und der damalige und langjährige Vorstandschef Hans-Jörg Kern.

Herr Kern, muss man dazu wissen, ist ein eingefleischter Fan des Fußballvereins 1860 München, was ein Grund dafür ist, dass im Jahr 2011 in der „Bild“-Zeitung ein Artikel mit folgender Überschrift erscheinen wird: „Krimi um die Löwen-Rettung. Scheichs, Wettfirma und Königs-Verwandter mischen mit.“

Wobei, dazu kommen wir später. Bis 2011 ist es ja noch ein bisschen hin. Denn vorher, genauer: im Jahr 2000, steigt bei der Nordfinanz erst einmal die Garant Schuh + Mode AG ein, Diese allerdings meldet (es scheint ein regelrechtes Muster zu sein …) bald darauf ebenfalls Insolvenz an. Und so übernimmt 2007 der britische Finanzinvestor E-Clear die Macht in Bremen.

Kapitel I – Die Bank, deren Mitarbeiter Campingplätze betreiben

Ob die Nordfinanz jemals ein funktionierendes Geschäftsmodell hatte? Ende der Nullerjahre hat sie jedenfalls keines. Wobei man Herrn Kern weißgott nicht vorwerfen kann, dass es dem Haus an Fantasie mangele. So beschäftigt die Nordfinanz im Jahr 2009 nicht nur 83 Mitarbeiter in der eigentlichen Bank, sondern auch 24 Mitarbeiter in einer Tochterfirma, die mehrere Campingplätze betreibt – sie sind der Bank im Zuge der Pleite eines Schuldners in Hände gefallen.

Einträglich scheint allerdings auch dieses Geschäftsfeld nicht zu sein. Die Nordfinanz erleidet in jenem Jahr einen Verlust von 9 Mio. Euro, das Eigenkapital schmilzt auf 10 Mio. Euro, die Bank muss melden, die Regeln der Solvabilitäts-Verordnung verletzt zu haben. Die Eigenmittel betragen gemessen an der Bilanzsumme nur noch 2,27%, ein Viertel des erforderlichen Werts.

Die Bafin, die derselben Bank (wenn auch unter anderem Namen) zwölf Jahre später ein Moratorium auferlegen wird, zwingt die Nordfinanz, ihr Geschäft brutal zurückzufahren.

Kapital II – Das Wirecard des Nordens

Der neue Eigentümer, also der schon angesprochene Finanzinvestor E-Clear, hat große Pläne und lässt sich weder von Campingplätzen noch von der Solvabiliäts-Verordnung entmutigen. Aus der Nordfinanz soll ein „voll integrierter Payment Service Provider“ werden, das Wirecard des Nordens, sozusagen.

Es kommt anders: E-Clear fällt durch das Inhaber-Kontrollverfahren der Bafin. Die Aufsicht bestellt einen Treuhänder, der sich um das 97%-ige Aktienpaket der Briten kümmern soll.

Im Januar 2010 geht auch E-Clear pleite. Wie gesagt, ein Muster.

Kapitel III – Die City-Boys kommen

Es braucht ein paar Monate. Aber dann findet der Treuhänder tatsächlich Abnehmer für die E-Clear-Anteile. Die meisten, nämlich 49% des Gesamtkapitals, übernimmt ein gewisser Stefan Allesch-Taylor, der in der London City als Größe gilt und dessen umfänglicher Wikipedia-Eintrag heute (also im Jahr 2021) wie folgt beginnt:

Stefan Paul Allesch-Taylor CBE FKC is a British entrepreneur, philanthropist, broadcaster, and educator. He was appointed Commander of the Order of the British Empire (CBE) in the 2014 New Year Honours and was appointed as the first Professor of the Practice of Entrepreneurship by King’s College London in December 2016. He was made a Fellow of King’s College London in 2020.

Allesch-Taylor was named as one of London’s most influential people in both 2017 and 2018’s ‚Social Pillars: Charity and Philanthropy‘ section of the London Evening Standard’s Progress 1000 list.“

Man ahnt: Jemand wie Stefan Allesch-Taylor übernimmt die Nordfinanz nicht, weil er schon immer mal ein paar Campingplätze sein Eigen nennen wollte. Sondern: Auch er hat große Pläne. Genau wie sein Co-Investor Paul Hammett (37%) und ein weiterer Investor namens Andrew Joseph Ruhan, der 2011 in den Aktionärskreis stößt. Wobei: Die drei sind nicht allein …

Kapitel IV – Die WestLB-Lady kommt

Wäre sie keine Frau, auch Robin Saunders würde das Klischee des „City-Boys“ erfüllen. Im Jahr 2002 erschien über Saunders mal ein Porträt im Guardian, das den schönen Titel trug: „Beating the boys at their own game.“ (siehe hier).

Wobei es nicht nur das Geschlecht ist, das Robin Saunders von den City-Boys unterscheidet. Sondern: Finanzmanager wie Allesch-Taylor sind in Deutschland praktisch unbekannt. Saunders dagegen? War hierzulande mal kurze Zeit eine regelrechte Berühmtheit.

Man schrieb das Jahr 2003, als das damals schillerndste Geldhaus der Republik, nämlich die WestLB, einen krachenden Bauchplatscher hinlegte. Saunders arbeitete damals als Investmentbankerin für das Düsseldorfer Institut. Und galt als mitverantwortlich für jene milliardenschwere Transaktionen (eines der Stichwörter: Boxclever), die die Landesbank damals viel, viel Kapital und den Vorstandschef Jürgen Sengera das Amt kosteten.

2007 wird ein Verfahren gegen Saunders wegen Beihilfe zur Untreue gegen die Zahlung von 1 Mio. Euro eingestellt. Die ehemalige WestLB-Managerin ist zu dieser Zeit längst anderweitig tätig, als Mitgründerin des 2004 gelaunchten Londoner Risikokapitalgebers Clearbrook Capital, zu dessen Partnern ebenfalls gehören: Stefan Allesch-Taylor und Paul Hammett.

Und so feiert Robin Saunders im Schlepptau ihrer beiden Kompagnons keine zehn Jahre nach dem (ersten) WestLB-Debakel ein öffentlich unbemerktes Deutschland-Comeback. Konkret: 2011 hält Saunders plötzlich 3,8% an der Bremer Nordfinanz. Ein Jahr später sind es schon 6,1%.

Kapitel V – Wie Londoner Geld die Löcher einer deutschen Bank stopft

Der Trupp aus London will aus der Nordfinanz eine „Mittelstandsbank“ mit einem Schwerpunkt auf Leasing, Kreditgeschäft und Forderungsaufkauf machen. Das Kalkül dahinter: Wegen der nach der Finanzkrise verschärften Eigenkapital-Anforderungen könnten sich andere Banken aus genau solchen Bereichen zurückziehen.

Zunächst müssen aber mal die Altlasten abgetragen werden. Denn die „Nofi“ betreibt nicht nur besagte Campingplätze. Sie ist auch ansonsten mannigfaltig unterwegs, unter anderem als Hausbank des Fußballvereins 1860 München, also jenem Klub, dem der Zu-diesem-Zeitpunkt-immer-noch-Vorstandschef Hans-Jörg Kern die Daumen drückt (bemerkenswerterweise finden übrigens sämtliche Zeitzeugen, mit denen wir für die Chronik hier gesprochen für haben, für diesen Herrn Kern, „Nofi“-Chef von 1988 bis 2011, sehr lobende Worte, er habe letztlich einen chaotischen Laden unter Inkaufnahme hoher persönlichen Risiken zusammengehalten…).

Das Problem: 1860 München, gewissermaßen die WestLB des deutschen Profifußballs, ist zu jenem Zeitpunkt wieder mal klamm. Und so müssen sich die City-Boys und Frau Saunders, die doch eigentlich eine norddeutsche „Mittelstandsbank“ aufbauen wollen, unter anderem auch um die Rettung eines süddeutschen Fußballvereins und diverse andere, größere Baustellen kümmern.

Kapitaleinschüsse werden in dieser Zeit zur Regel. 2010, 2011 und 2012 müssen Eigenmittel nachgelegt werden, hinzu kommen diverse Nachranganleihen. Insgesamt summieren sich die Maßnahmen auf einen zweistelligen Millionenbetrag, und doch wird die 2010 erstmals aufgepolsterte Kapitaldecke in den nächsten Jahren nicht etwa dicker – nein, sie wird wieder dünner:

in Mio. Euro 2010 2011 2012 2013
Bilanzsumme 202 197 213 207
Spareinlagen 19 21 21 20
Andere Verbindlichkeiten ggü. Kunden 158 156 174 169
Forderungen an Kunden 149 154 166 162
Eigenkapital 18 13 7 5
Bilanzverlust -12,3 -4,6 -7,8 -9,9

Und was sagt die Bafin zu alldem? Die hat den neuen Eigentümern zwar den Weg geebnet. Was aber nicht bedeutet, dass sie ihnen freie Hand lässt. Stattdessen erlässt die Bafin im April 2012 „Maßnahmen nach § 46 Abs. 1 KWG gegen die Bank“.

Härter geht es kaum.

Kapitel VI: Die Bafin, der BdB, Frau Saunders und der „Maßnahmen bei Gefahr“-Paragraf.

Im Dezember 2012 bekommt die Nordfinanz einen neuen Vorstandschef an, der dies bis 2018 bleiben wird. Sein Name: Danyon Lloyd.

Der startet mit denkbar brutalen Rahmenbedingungen. Denn der § 46 KWG, also jener Paragraf, den die Bafin auf die Nordfinanz anwendet, ist in Fachkreisen bekannt als „Maßnahmen in Gefahr“-Paragraf. Besagter „Absatz 1“ beginnt wörtlich:

Besteht Gefahr für die Erfüllung der Verpflichtungen eines Instituts gegenüber seinen Gläubigern, insbesondere für die Sicherheit der ihm anvertrauten Vermögenswerte, oder besteht der begründete Verdacht, das eine wirksame Aufsicht über das Institut nicht möglich ist (§ 33 Absatz 2), kann die Aufsichtsbehörde zur Abwendung dieser Gefahr einstweilige Maßnahmen treffen.“

Und genau das tut die Bafin damals. Sie ordnet „einstweilige Maßnahmen“ an, darunter die Begrenzung der Einlagen und des Neugeschäft und die Auflage, weiteres Kapital nachzuschießen. Es ist, wenn die unfachliche Ausdrucksweise erlaubt ist, so etwas wie ein „Moratorium light“, dass die Bafin über die Nordfinanz verhängt.

In den damaligen Verhandlungen zwischen der Bafin, dem Prüfungsverband und Verantwortlichen in Bremen sind laut Aussagen mehrerer mit den Vorgängen vertrauter Personen auch der Großaktionär Stefan Allesch-Taylor auch und die Nicht-ganz-so-groß-Aktionärin Robin Saunders involviert. In Aufsichtskreisen wird betont, dass allen Beteiligten selbstredend die Biografie der vormaligen WestLB-Managerin bekannt gewesen sei. Ein Problem stellt deren Engagement dem Vernehmen nach nicht dar – zumal Saunders stets unter der Anteilsschwelle von 10% bleibt, ab der die Bafin ein Inhaber-Kontrollverfahren einleiten müsste. Ein solches muss stattdessen Allesch-Taylor (also der mit dem Wikipedia-Eintrag) über sich ergehen lassen. Er besteht alle sogenannten „2c-Eignungsprüfungen“ ohne Probleme.

Und in der Tat: Dass die Londoner Clique der Nordfinanz irgendeinen Schaden zugefügt hätte, lässt sich nicht erkennen. Im Gegenteil, die City-Boys hielten die Bank mit ihrem Geld am Leben und forcierten allem Anschein nach die Umstrukturierung. Die Idee aber mit der „Mittelstandsbank“ indes – sie zündet damals genauso wenig wie die Idee mit dem „Payment Service Provider“.

Mal wieder ist ein Eigentümer an der Nordfinanz gescheitert.

Kapitel VII – Der Übergang von der Londoner Clique auf Greensill Capital

Der nächste Eigentümerwechsel steht an. Es wird auch der letzte sein. Ende 2013 steigt eine gewisse Greensill Capital ein und baut ihren Anteil schnell aus. Ende 2014 wird die Eigentümerstruktur eine gänzlich andere sein als ein Jahr zuvor …

Ende 2013 Ende 2014
AktionärIn Anteil AktionärIn Anteil
Andrew J. Ruhan 29,95% Greensill Capital  87,78%
Greensill Capital  26,61% Stefan Allesch-Taylor 5,55%
Stefan Allesch-Taylor 19,74% Paul Hammett 3,96%
Paul Hammett 14,09% Robin Saunders 1,56%
Robin Saunders 5,55% Georges Raphael 0,72%
Georges Raphael 2,57%
sechs weitere Aktionäre 1,49% sechs weitere Aktionäre 0,43%

Mit dem neuen Eigner kommt ein neuer Name. Aus der schrulligen „Nofi“ wird 87 Jahre nach ihrer Gründung die „Greensill Bank AG“. Im September 2014 werden das Wertpapier- und Depotgeschäft, das Kontokorrent-Geschäft sowie der Kassenverkehr eingestellt, Girocards verlieren ihre Gültigkeit, „der Geldausgabeautomat“ (man beachte den Singular im Geschäftsbericht) wird stillgelegt. Die neuen Macher stellen das Kundengeschäft ein, auch die Idee mit der „Mittelstandsbank“ wird nicht weiter verfolgt. Stattdessen wird aus dem Bremer Geldinstitut eine Ein-Säulen-Bank (so steht das wirklich auch im Geschäftsbericht), und diese Säule heißt: Supply Chain Finance.

Während der Neustart in deutschen Medien keinerlei Widerhall auslöst, ist das Thema der britischen „Times“ ein paar Zeilen wert. Von einem Kaufpreis in Höhe von 25 Mio. australischen Dollar ist die Rede, umgerechnet damals rund 16 Mio. Euro. Ob die Zahl stimmt, lässt sich nicht verifizieren.

Kapitel VIII – Eine Bank wird von der Kette gelassen. Oder doch nicht?

Ein Charakteristikum der alten Nordfinanz war das Misstrauen, das die Bafin und der Prüfungsverband dem Institut notorisch entgegenbrachten.

Indes: Nachdem Greensill Capitall das Bremer Geldhaus 2014 und 2015 rekapitalisiert hat (die Eigenmittel steigen in jener Zeit von 5,1 Mio. auf 28,9 Mio. Euro), finden sich im Geschäftsbericht 2015 erstmals seit Jahren keinerlei Hinweise mehr auf irgendwelche Restriktionen seitens der Bafin. Und seitens des Prüfungsverbands?

Wir zitieren wörtlich aus dem 2015er-Abschluss:

„Der Wegfall der bisherigen harten Begrenzungen der Einlagensicherung [sic!] Ende 2015 war ein Meilenstein für die Bankentwicklung und stellt die Basis für die starke Ausweitung des Supply-Chain-Finance-Geschäftes.“

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätten Bafin und Prüfungsverband die Greensill Bank schon damals von der Kette gelassen. Tatsächlich beginnen auch Einlagen und Bilanzsumme langsam zu klettern – die Bank ist nun auch erheblich kapitalstärker.

In Wirklichkeit allerdings wendet sich das Blatt bald wieder. Zwar kauft die Greensill Bank 2015 den ersten von insgesamt vier Geschäftsreiseflugzeugen, die sogleich nach Australien weiterverleast werden – ein Vorgang, den sich wohl kaum ein Institut „an der Kette“ erlauben kann. Dennoch: im 2016er-Geschäftsbericht ist plötzlich von einer „ausgesetzten Anwendung“ in Bezug auf „Kreditrisikominderungs-Instrumente“ die Rede (zu diesen „Instrumenten“ gleich mehr); im 2018er-Geschäftsbericht findet sich die „ausgesetzte Anwendung“ erneut.

Es lässt sich nicht mit 100%iger Sicherheit sagen, wer der Greensill Bank damals veranlasst hat, die „Anwendung“ besagter Instrumente „auszusetzen“. Bei Lichte betrachtet kann es sich aber eigentlich nur um die Bafin handeln (die sich zu diesem Komplex auf Anfrage nicht äußern will). Viel wichtiger als die „Aussetzung“ in 2016 und 2018 ist allerdings ein Vorgang im Mai 2019. Da nämlich darf die Greensill Bank die „Instrumente“ urplötzlich wieder einsetzen

Kapitel IX – Der Urknall. Und die Rolle der Kreditversicherungen

Wer unsere bisherige Berichterstattung zur Greensill Bank verfolgt und insbesondere unser „Podcast Spezial“ am vorvergangenen Montag gehört hat, der wird die Vorgänge, um die es an dieser Stellen nun geht, bereits kennen. Um die „Alles-Leser“ nicht zu langweilen, zugleich aber die „Normal-Leser“ bei der Stange zu halten, wollen wir versuchen, die Dinge so knapp wie möglich darzustellen.

Also:

Exklusiv: Die fatale Greensill-Entscheidung der Bafin

Warum also hat man den „Urknall“ zugelassen? Wurde die Solidität der Kreditversicherungen seitens der Aufseher möglicherweise überschätzt?

Die weitere Aufklärung des Falles wird diese Frage hoffentlich beantworten. Woran es allerdings schon jetzt kaum einen Zweifel geben dürfte: Die Ausweitung der Bilanzsumme und die Rolle der Kreditversicherungen standen in unmittelbarem Zusammenhang zueinander. Wie im 2019er-Offenlegungsbericht nachzulesen ist, war durch die „Risikominderungs-Instrumente“ aus einer ursprünglichen Risikoposition von fast 4 Mrd. Euro eine „Positionswert“ von nur noch 900 Mio. Euro geworden. Der Geist hatte die Flasche verlassen, die Linie der Bank gegenüber Aufsehern, Prüfungsverband und Ratingeagenturen war: Ein Kredit- und damit Ausfallrisiko bestehe nicht bei den ganzen aufgekauften Forderungen, denn die seien ja gegen einen Ausfall versichert.

Kapitel X: Und wer trägt jetzt die Verantwortung?

Mitte 2019 überlegt eine (uns namentlich bekannte) größere deutsche Stadt, einen Teil ihrer Liquidität bei einem damals nahezu unbekannten Bremer Geldinstitut anzulegen – bei der Greensill Bank AG.

Anders als all die Monheims und Eschborns und Pöckings (und all die anderen kommunalen, privaten und institutionellen Anleger, die sich allzu bereitwillig von den überschaubaren, aber immerhin nicht negativen Zinsen der Greensill Bank locken ließen) will diese Kommune allerdings etwas genauer wissen, was dieses unbekannte Bremer Geldinstitut eigentlich macht und ob man diesem sein Geld anvertrauen kann. Deshalb geben die Verantwortlichen beim Schweizer Analysehaus „Independent Credit View“ ein Kurzgutachten in Auftrag.

Die Finanz-Szene.de vorliegende Ausarbeitung trägt das Datum des 19. August 2019, ist nur eine (freilich eng beschriebene) Seite lang, und sie basiert augenscheinlich komplett auf öffentlichen Quellen. Gleich oben links steht die Note, „BB-“, also Ramschniveau. Im schriftlichen Urteil ist von einem „extrem einseitigen Geschäftsmodell“ die Rede und davon, dass die Greensill Bank ein mutmaßlich „höheres Risikoprofil“ aufweise, als es die offiziellen Ratingberichte aussagen. Begründung: „Wir vermuten, dass die Versicherungsprämien von GCUK [Anm. der Red.: also von der britischen Greensill Capital] bezahlt werden und damit ausserhalb der Kontrolle von GB liegen [Anm. der Red.: also außerhalb der Kontrolle der Bremer Greensill Bank].“

Wohlgemerkt: Wenn das Gutachten aus dem Sommer 2019 stammt, dann muss es auf Basis des Geschäfts- und des Offenlegungsberichts aus dem Jahr 2018 erstellt worden sein. Das heißt: Schon vor der Explosion der Bilanzsumme hatten die Analysten von „Independent Credit View“ die mutmaßliche Achillesferse des Greensill-Bank-Modells identifiziert.

Wenn eine kleine Schweizer Ratingfirma so etwas sieht – hätten das andere nicht auch gekonnt?

  • Die Rolle des Aufsichtsrats und des Wirtschaftsprüfers: Wenn eine Bank binnen eines Jahres ihre Bilanzsumme versechsfacht, kurz darauf in die Insolvenz rutscht und der Verdacht betrügerischen Verhaltens im Raum steht – dann stellt sich logischerweise die Frage, was die beiden unmittelbaren Kontrollorgane, nämlich der Aufsichtsrat (besetzt u.a. mit Herrn Kieser) und der Wirtschaftsprüfer (Ebner Stolz) gesehen oder auch nicht gesehen haben. Was den WP angeht – hier soll die Bafin ja mitterweile die Prüferaufsicht Apas ermutigt haben, sich die Sache mal ein bisschen genauer anzusehen. Und was den AR angeht – hier dürfte nicht zuletzt ein Vorgang aus interessant werden, über den die „Financial Times“ zuletzt berichtete. Nämlich: Im Sommer 2020 soll (mit mutmaßlicher Zustimmung des Aufsichtsrats …) noch ein Kredit über 110 Millionen Euro die Greensill Bank in Richtung Greensill Capital verlassen haben. Greensill-Aufsichtsratsmitglied Kieser wollte sich auf Anfrage von Finanz-Szene.de auch diesmal nicht äußern.
  • Die Rolle der Ratingagentur Scope: Bekanntlich ließ sich die Greensill Bank von keiner der drei großen Bonitätswächter (also von S&P, Moody‘s oder Fitch) bewerten – sondern von Berliner Anbieter Scope. Dessen Urteile klangen im Detail durchaus kritisch, so wurde zum Beispiel explizit die „komplette Abhängigkeit von Greensill Capital, um Geschäft zu machen und [das] Kreditrisiko abzusichern“ betont. Indes: In der Bewertung spiegelte sich diese Skepsis nicht wider, die Bewertung lautete  „A-“, also Investmentgrade. Nun wollen wir hier nicht die Uralt-Debatte eröffnen, ob es sinnig ist, wenn Ratingagenturen von den Emittenten bezahlt werden. Aber die Verbindungen zwischen der Greensill Bank und Scope waren auffällig eng. So zeigen Recherchen von Finanz-Szene.de, dass das Bremer Geldinstitut sich bei der „Ermittlung der Risikotoleranz auf Kreditnehmer- und Portfolioebene“ ab 2019 unter anderem auf Risiko-Scores der „Scope Risk Solutions GmbH“ aus Frankfurt zurück griff – eine Tochter  von Scope. Im Klartext: Scope ratet nicht nur die Greensill Bank, was für das Haus entscheidend ist, um von Kämmerern als sichere Bank wahrgenommen zu werden. Scopes Produkte halfen auch bei der Wahl der aufgekauften Forderungen. Dazu erklärt Scope: „Die Scope Risk Solutions GmbH, eine eigenständige Tochtergesellschaft der Scope Group, hat im Einklang mit sämtlichen Governance-Vorgaben und Kontrollmechanismen („Chinese Walls“) für die Greensill Bank Risiko-Assessments zu einzelnen Unternehmen, Industrien, oder Ländern durchgeführt. Gemäß den Bestimmungen der Ratingagentur-Regulierung stehen die von der Scope Risk Solutions GmbH erbrachten Dienstleistungen in keinem Verhältnis zum und hatten keinen Einfluss auf den Ratingprozess der Scope Ratings GmbH. Sie wurden von separaten Kreditanalysten erstellt.“ Dass der Greensill-Bank Aufsichtsratschef Maurice Thompson im Advisory Board der Berliner Ratingagentur sitzt – das hatte jüngst ja schon die „BÖZ“ (Paywall) berichtet. ­
  • Die Rolle des Prüfungsverbands: Bei einer zwischen April 2019 und März 2020 durchgeführten Einlagensicherungs-Prüfung (der Vorgang zog sich tatsächlich über zwölf Monate hin …) irritierten den Prüfungsverband die Konzentrationsrisiken der Greensill Bank  gegenüber Unternehmen der Gupta Family Group (GFG). Der Verband forderte das Geldinstitut auf, die Geschäfte mit der Gruppe zurückzufahren und informierte die Bafin. Sind die Prüfer ihrer Verantwortung damit gerecht geworden? War es im März 2020, die Bilanzsumme längst weit über 4 Mrd. Euro, nicht fast schon zu spät? Und waren die Konzentrationsrisiken überhaupt das Problem? Die Rolle der BdB-Prüfer bleibt bislang nebulös. Zumal weiterhin die Frage im Raum steht, warum im Greensill-Bank-Aufsichtsrat ausgerechnet der langjährige Prüfungsverbands-Vorstand Kieser saß und inwieweit diese Gemengelage womöglich die Sicht auf die Bank beeinflusst haben könnte. Aus einer Antwort des BMF auf eine parlamentarische Anfrage ging dieser Tage hervor, die Greensill Bank habe aus Sicht des Bankenverbands die gemachten „Auflagen eingehalten“. Zudem sei für „einen substantiellen Teil des Portfolios“ der „Nachweis einer vollumfänglichen Kreditversicherung“ erbracht worden – kurzum, die Version, die die Greensill Bank allen Ratern und Prüfer erzählte, sie verfing: dass ja gar keine Kreditausfallrisiken bestünden, denn die seien ja versichert. Im Umfeld des Prüfungsverbandes heißt es gleichwohl, die Greensill Bank habe fortwährend Auflagen und Selbstverpflichtungen gehabt, auch in den Jahren 2018 bis 2020. Aber die Bank habe ja nun mal 2019 eine massive Eigenkapitalzufuhr von rund einer halben Mrd. Euro von der Mutter Greensill Capital erhalten – ein Vorgang, der ihr deutlich mehr Spielräume gegeben und durchaus vertrauensbildend gewesen sei. Ferner habe sich die Bank schlicht nicht an Zusagen gehalten.
  • Die Rolle der Bafin: Die Bonner Behörde erklärt, „bereits im ersten Halbjahr 2020 eigene weitergehende Untersuchungen angestellt, eine forensische Sonderprüfung initiiert und schon in Folge erster Erkenntnisse aus der Prüfung umfangreiche eigene Maßnahmen erlassen“ zu haben. Bei diesen Maßnahmen habe es sich unter anderem um ein Einlagenverbot, ein Kreditverbot und die Bestellung von Sonderbeauftragten gehandelt. Zudem – so ergibt sich wiederum aus der bereits angesprochenen BMF-Antwort – hat die Bafin nach eigenen Aussagen am 16. Juli 2020 „ein so genanntes gravierendes Schreiben (letzte Stufe vor einer Verwarnung der verantwortlichen Geschäftsleiter) der Bank zugestellt“. Darin seien das Konzentrationsrisiko, die fachliche Eignung der Geschäftsleiter sowie mögliche Governance-Verstöße durch die Geschäftsleitung adressiert worden.

Auch hier stellt sich gleichwohl die Frage: Kam das alles nicht zu spät?

Im Jahresverlauf 2020 wuchs die Bilanzsumme jedenfalls weiter; zum Zeitpunkt des Moratoriums wurden sie von der Bafin sogar mit 4,5 Mrd. Euro beziffert versus den 3,8 Mrd. Euro Ende 2019. Und nicht zu vergessen: Noch Anfang März 2021 konnten Kommunen über Einlagenvermittler und Zinsjäger über Portale wie Check24, Zinspilot oder Weltsparen ihre Ersparnisse ungehindert und mit wenigen Mausclicks online zur Bremer Greensill Bank tragen.

Zu früh ist die Greensill Bank f.k.a. Nordfinanz jedenfalls nicht gestoppt worden.

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