Analyse

Warum die Debatte um negative Zinsen an der Realität vorbeigeht

21. November 2019

Von Christian Kirchner

Nein, wir wollen jetzt nicht auf „unschuldig“ plädieren. Schließlich war es unsere kleine Aggro-Website (www.finanz-szene.de), die am Montag als erstes Medium unter Verweis auf den Bundesbank-Monatsbericht herausposaunte, negative Zinsen auf Spareinlagen seien hierzulande viel, viel weiter verbreitet als bislang bekannt.

Indes: Für alles, was danach kam, übernehmen wir nicht die Verantwortung. Nicht für den Furor rund um die Volksbank Raiffeisenbank Fürstenfeldbrück („Sparschweinerei bei München“). Und erst Recht nicht für die Mutmaßung, Minuszinsen für Normalkunden könnten schon bald die Regel sein. Unsere These nämlich lautet vielmehr: Die Negativzins-Debatte hat sich in den letzten Tagen von der Negativzins-Realität ein Stück weit entkoppelt. Glauben Sie nicht? Hier ins Form von sechs Diagnosen die Fakten:

Diagnose 1: Auf bestehende Guthaben werden teils noch ordentliche Zinsen bezahlt

Die aufgeregten Meldungen über „Negativzinsen ab dem ersten Euro“ beziehen sich in der Regel auf neu eröffneten Konten bzw. neu angelegte Gelder – so auch im diese Woche hochgekochten Fall der Volksbank Raiffeisenbank Fürstenfeldbruck. Sie erhebt seit Anfang Oktober bei Tagesgeldkonten ein „Verwahrentgelt“ von 0,5% – wovon Bestandskunden allerdings explizit ausgenommen werden. Das hat das Institut nach dem medialen Hype der vergangenen Tage auch nochmals klargestellt.

Wie sieht es also bei bestehenden Einlagen aus? Gar nicht soooo schlecht, wie ein Blick in die MFI-Zinsstatistik der Bundesbank zeigt: Auf die Einlagen mit einer vereinbarten Laufzeit unter zwei Jahren kassieren Privatkunden im Schnitt immerhin noch 0,21% Zinsen. Für Einlagen mit Laufzeiten von mehr als zwei Jahren sind es sogar 1,15%. Kumuliert liegt in beiden Kategorien ein Sparguthaben von rund 278 Mrd. Euro.

Klar: Die Zinszahlungen decken nicht den Kaufkraftverlust. Aber es ist auch nicht so, dass die Zinsen flächendeckend verschwunden wären.

Was übrigens auch für neue Einlagen gilt.

Diagnose 2: Zinsen sind auch auf neue Einlagen drin – sofern sie nur nicht täglich verfügbar sind

Deutschlands Sparer haben bei der Neuanlage einen extremen Hang zur täglichen Verfügbarkeit ihres Guthabens. Das zeigt ein simpler Blick auf die Volumina: Die täglich fälligen Einlagen summieren sich auf 1505 Mrd. Euro und somit drei Viertel aller Sicht- und Spareinlagen. Für dieser Gelder weist die Bundesbank per Ende September einen effektiven Zinssatz über alle Neugeschäfte hinweg von nur noch 0,01% aus.

Verzichten die Sparer hingegen auf die tägliche Verfügbarkeit ihres Geldes, werden sehr wohl noch Zinsen gezahlt, wie sich unserer Tabelle entnehmen lässt (die übrigens die tatsächliche Durchschnittsverzinsung aller neu angelegter Gelder zeigt, also nicht nur Lockangebote abbildet):

Effektive Verzinsung neu angelegter Gelder privater Haushalte

täglich fällig 0,01
mit fest vereinbarter Laufzeit…
… < 1 Jahr 0,14
… 1-2 Jahre 0,50
… über 2 Jahre 0,63
mit Kündigungsfrist
bis 3 Monate („Sparbuch“) 0,12
über 3 Monate 0,25

Quelle: MFI-Zinsstatistik

Die Erkenntnisse der MFI-Zinsstatistik decken sich übrigens mit dem jüngsten Bundesbank-Monatsbericht. Der deckte diese Woche zwar auf, dass Negativzinsen gerade bei Firmenkunden längst die Regel sind. Aber: Geht es um Termineinlagen, sind die Einlagenbestände erst 10% der Banken im Durchschnitt negativ verzinst; im Privatkundengeschäft sogar erst bei 2 % (!).

Diagnose 3:  Die Diskrepanz zwischen Firmenkunden und Privatkunden ist immens

Firmenkunden (von der Buba  „nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften“ genannt) sind in dramatisch größerem Umfang von Negativzinsen betroffen als Privatkunden (bzw. „private Haushalte“, wie es in der Buba-Terminologie heißt):

Effektive Verzinsung neu angelegter Gelder von Unternehmen

täglich fällig -0,04
mit fest vereinbarter Laufzeit…
… < 1 Jahr -0,22
… 1-2 Jahre -0,33
… über 2 Jahre zu wenige Daten

Selbst bei der effektiven Verzinsung bestehender Einlagen bleibt das Vorzeichen negativ. Sie liegt im Schnitt bei minus 0,04%.

Diagnose 4: Einige wenige Kunden und Konten verzerren die Statistik  massiv

… das lässt sich den Tiefen der nur alle drei Jahre stattfindenden Vermögensbefragung der Bundesbank entnehmen.

Entscheidend für den Durchschnittszins (und also auch für die Tabellen, die Sie weiter oben gesehen haben) sind nämlich die Volumina – und die werden nicht von der breiten Masse der Haushalte, sondern von den wirklich Vermögenden bestimmt.

In Zahlen: Das Finanzvermögen der reichsten 10% der privaten Haushalte ist rund siebenmal höher als das Vermögen der mittleren 20% der Haushalte (also der Mittelschicht im klassischen Sinne). Und das Guthaben auf Girokonten ist immerhin noch 5x und das auf Sparkonten 2,5x höher. Der Schnitt des kumulierten Kontoguthabens der Haushalte „oberen 10%“ beträgt rund 100.000 Euro.

Diagnose 5: Die Zählung, wie viele Banken schon Negativzinsen erheben, ergibt keinen Sinn

150 von 1300 untersuchten Bank erheben bereits negative Zinsen – die Meldung (Urheber: das Portal „Biallo“ ging Anfang des Monats durch unzählige Medien. Dank des diese Woche veröffentlichten Bundesbank-Monatsbericht weiß man: Die Erhebung ist (genau wie manche andere zu dem Thema) wertlos. Denn negative Zinsen beruhen in vielen bzw. vermutlich sogar den meisten Fällen auf „individuellen Vereinbarungen“ mit den Kunden. Das heißt: In den Preislisten und also in den vielzitierten Erhebungen tauchen sie nicht auf.

Diagnose 6: Freibeträge für Privatkunden werden die Regel bleiben – und nicht zur Ausnahme werden

Was folgt aus den ersten fünf Diagnosen? Am ehesten dies hier: Wenn eine Bank von, sagen wir, 1 Mio. Euro Einlagen runterkommen will – dann sucht sie logischerweise eher das Gespräch mit einem „Millionär“, als dass sie sich mit 200 Kunden auseinandersetzt, die jeweils 5000 Euro bei der Bank deponiert haben. Oder wie es die Buba in ihrem Monatsbericht schreibt: “ Laut Aussagen der meldepflichtigen Institute führen vor allem großvolumige Einlagen zu den negativen volumengewichteten Durchschnittswerten auf Institutsebene.“

Genau deshalb sind …

  1. Einlagen von Firmenkunden zweieinhalb mal so häufig von Negativzinsen betroffen wie Einlagen von Privatkunden und genau deshalb liegen …
  2. die effektiven Verzinsungen im Neugeschäft bei Firmenkunden deutlich unter denen bei Privatkunden.

Angesichts des harten Wettbewerbs im deutschen Retailbanking wird es sich jede Bank sehr, sehr gut überlegen, ob sie wirklich ein „Verwahrentgelt“ für private Bestandseinlagen ab dem ersten Euro verlangen sollte.

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