Warum die Deutsche-Bank-Zahlen schlechter sind als dargestellt

31. Januar 2020

Von Christian Kirchner

Die Deutsche Bank hat am Donnerstag ihr Ergebnis für das Jahr 2019 präsentiert. Wir analysieren das Zahlenwerk in zehn Fragen und Antworten:

1.) Wie kommen 5,7 Mrd. Euro Verlust zustande?

Das ist noch am leichtesten zu erklären. Die Bank hat ins abgelaufene Geschäftsjahr 3 Mrd. für Umbaukosten, Abschreibungen, Restrukturierungs-Aufwendungen und Abfindungen gebucht. Weitere 2,8 Mrd. Euro entfielen auf eine veränderte Bewertung von Steueransprüchen. Macht 5,8 Mrd. Euro. Analysten übrigens hatten lediglich mit 5,0 Mrd. Euro Verlust gerechnet.

2.) Warum ist die Aktie dann um 4% gestiegen?

Weil die Investoren den „bereinigten“ Zahlen  und dem optimistischen Ausblick, man werde seine Ziele erreichen, mehr Bedeutung beimessen. Dazu muss man wissen, dass das Wort „Bereinigt“ bzw. „Adjusted“ in der Präsentation zum Ergebnis gleich 82-mal vorkommt, Sondereffekte 47-mal. Wobei die Bereinigungen aus unserer Sicht nicht unbedingt für mehr Klarheit sorgen. So führen die Adjustierungen letzten Endes dazu, dass der Vorsteuergewinn der Kernbank (also ohne die Abbaubank und nicht fortgeführte Geschäfte) laut Rechnung der Bank um 7% auf 2,8 Mrd. Euro gestiegen (!) ist. Doch gibt diese Zahl die Lage wirklich besser wieder?

Denn:

  • Dass die „normalen“ Kosten sinken, wenn tausende Jobs gestrichen und sämtliche hierfür anfallende Kosten ausgeklammert werden – das versteht sich von selbst
  • Und dass die Profitabilität der Kernbank steigt, wenn die problematischen Geschäfte allesamt in die Abbaubank wandern, das ist auch logisch.

3. Wie läuft’s in den Sparten?

Ordentlich im Asset Management, versöhnlich in der Investmentbank, übel in der Unternehmensbank und fast noch übler in der Privatkundensparte.

Betrachten wir hierzu einfach einmal Erträge und Kosten – und verwenden, der Argumentation des Managements folgend, bei den Kosten den „bereinigten“ Wert nach Restrukturierungs- und Transformationskosten:

  • Unternehmensbank: Erträge unverändert, bereinigte Kosten plus 7%
  • Investmentbank: Erträge minus 6%, Kosten minus 7%
  • Asset Management: Erträge plus 1% (den Grund finden Sie hier), Kosten minus 1%
  • Privatkundenbank: Erträge minus 5%, Kosten minus 4%.

Man sieht: Selbst wenn wir die Kosten im Sinne der Bank rechnen, fallen – Basiseffekte außen vor – die Kosten nur in zwei Sparten etwas deutlicher als die Erträge

4.) Was machen die Erträge?

Die simpelste aller Wahrheiten lauten: Schon seit 2015 fallen bei der Deutschen Bank die Erträge (minus 7 Mrd. Euro) schneller als die Kosten (minus 5 Mrd. Euro). Punkt.

Die gestern vorgelegte Bilanz liefert allenfalls vage Hinweise, dass dieser Trend gestoppt werden kann. Denn: Die Bank verlor – bezogen auf den Gesamtkonzern – erneut 2,2 Mrd. Euro Erträge und senkte die Kosten selbst bereinigt um Restrukturierungs- und Transformations-Kosten nur um 1,2 Mrd. Euro.

5.) Sind die Kosten also auch ein Problem?

Wir denken: ja! Auch wenn die Bank sagt, sie habe ihre Ziele erreicht.

Schauen wir genau hin: Die Deutsche Bank redet gerne von ihrer Kernbank. Das sind die vier obigen Sparten ohne die Geschäfte, die abgebaut werden. Betrachtet man nur diese Kernbank, sanken die Erträge konzernweit um 2% zum Vorjahr.

Bei den Kosten indes kommt es nun auf die Definition an. Im weitesten Sinne? Sind sie um 8% gestiegen. Ohne Abschreibungen, Restrukturierungs-Aufwendungen und Rechtskosten? Ist es weiterhin ein Plus von 1%. Erst wenn man darüber hinaus auch die Transformations-Kosten (quasi: die Ausgaben für den  Strategieschwenk) rausnimmt, fallen die Kosten zumindest so stark wie die Erträge, nämlich um 2%. Kurz: Am alten Problem, dass die Erträge zu schnell fallen (oder die Kosten nicht schnell genug), hat sich wenig verändert.

6.) Was ist in der Privatkundensparte los?

Das ist die wichtigste Frage von allen. Denn: Die tendenziell stabile Privatkundengeschäft ist essentiell für die Deutsche Bank in ihrer neuen Struktur. Die Privatkundenbank soll laut Analystenkonsens 2022 absolut (1,6 Mrd. Euro) wie relativ (45%) die höchsten Gewinnbeiträge aller vier Bereiche zum Gewinn vor Steuern liefern.

Davon jedoch ist bislang nichts, aber auch gar nichts zu sehen. Die Sparte verliert im deutschen Retail-Geschäft besorgniserregend viele Erträge, und das sogar in steigendem Maße. In Q2 betrug das Minus gemessen am Vorjahresquartal 2%, in Q3 waren es 5%, in den gestern veröffentlicen Q4-Zahlen wird nun sogar ein Rückgang 7% ausgewiesen. Das wirft die Frage auf, was eigentlich gerade los ist in den Filialen zwischen Flensburg und Garmisch.

Christian Sewing hatte darauf gestern keine wirklich spannende Antworten, verwies darauf, das Geschäft verlaufe „operativ zufriedenstellend“ und auf Einmalerträge 2018, die den Vergleich verzerrten. Die waren aber im Q4 2018 nicht auffindbar für Finanz-Szene.de, sondern fielen im Wealth Management an.

Dazu führte er eine quasi gänzlich neue Kennziffer ein – nämlich die um die Zinskosten bereinigten bereinigten Erträge. Diese, so meinte Sewing,  seien im Privatkundengeschäft gestiegen. Darüber hinaus verwies Sewing auch noch aufs Kreditwachstum (das es 2019 bei fast jeder Retailbank gegeben haben dürfte) und auf die (marktbedingten!) Wertzuwächse der DB-Privatkunden. Nicht wirklich überzeugend.

7.) Der Brief von Manfred Knof

De facto hat die Privatkundensparte 263 Mio. Euro verloren – obwohl Analysten einen Gewinn erwartet hatten. Den Gewinn gab es dann tatsächlich. Wenn auch nur in einem Finanz-Szene.de vorliegenden Brief von Deutschland-Chef Manfred Knof an seine Mitarbeiter. Was so kommt: Knof erklärt die Kosten für Restrukturierung, IT und Abschreibungen schlichtweg zu Sondereffekten. Und auch er lässt die „Zinseffekte“ einfach weg und kommt so auf ein „operatives Ergebnis“, das um 245 Mio. Euro zum Vorjahr gestiegen sei.

Ein Ergebnis vor Zinseffekten? Das dürfte in der 150-jährigen Geschichte der Bank ein Novum sein.

8.) Haben am Ende also die Zinsen das Ergebnis verhagelt?

Genau das ist – zu allem Überfluss – nicht einmal klar. Denn: Guckt man auf die wichtigsten Zins-Kennziffern. hat man nicht das Gefühl, das größte Probleme seien die Zinsen gewesen. Der Zinsaufwand sank in Q4 um satte 28%. Der Zinsüberschuss stieg aufs Gesamtjahr um 4%. Und die Zinsmarge wurde von 1,4% auf 1,5% ausgeweitet.

9. Und wo bleibt das Positive?

Die Asset-Management-Tochter DWS hat die Erwartungen klar geschlagen (Analyse hier), ihre Aktie kletterte gestern um 6% auf den höchsten Stand seit dem Börsengang Anfang 2018. Die von vielen Skeptikern genau beobachtete Kernkapitalquote verbesserte sich von 13,2 auf 13,6%, die Verschuldungsquote sank. Beides hatten Analysten nicht auf dem Zettel. Und natürlich stieg auch die Deutsche-Bank-Aktie um weitere 4%.

10. Wie fällt der Ausblick aus?

Das Management präsentierte sich gestern optimistisch und zufrieden – so, als würde man den eigenen Zahlen wirklich glauben.

Um stattdessen noch einmal daran zu erinnern, worum es wirklich geht: Bis 2022 sollen die Kosten um fast 5 Mrd. Euro auf 17 Mrd. Euro fallen – bei stabilen Erträgen. Überzeugende Argumente, dass dieses Husarenstück gelingen kann, hat die Bank gestern nicht geliefert.

Immerhin schreibt Knof in seinem Brief.

„Die Geschäftsentwicklung in den ersten Wochen des neuen Jahres stimmt mich (…) sehr zuversichtlich. Beide Marken (Anm.: Deutschen Bank und Postbank) haben das Jahr 2020 sehr gut begonnen: mit dem besten Jahresstart im Wertpapiergeschäft seit 2008, einem gelungenen Auftakt bei der Vorsorge und einem starken Neugeschäft in der Baufinanzierung.“

Es wäre der Deutschen Bank zu wünschen, dass es wirklich so ist – und dann am besten auch so bleibt.

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