Analyse

Warum die neue Commerzbank-Strategie an der Börse durchfällt

12. Februar 2021

Von Christian Kirchner

Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein: Die Commerzbank (oder wahlweise: die Deutsche Bank) stellt eine neue Strategie vor – und die Aktie fällt. So auch gestern. Um 6% auf 5,11 Euro. War denn wirklich so schlimm, was der neue Commerzbank-Chef Manfred Knof erzählt hat?

Eine Bestandsaufnahme in sechs Punkten:

1.) Der neue Commerzbank-Chef foult erst mal den alten

Übernimmt im Fußball ein neuer Trainer, lobt er üblicherweise „den außerordentlich guten konditionellen Zustand der Mannschaft“ – das gebietet die Höflichkeit gegenüber dem Vorgänger.

Beim FC Coba hingegen? Feuerte Neu-Coach Knof gestern erst einmal eine Breitseite gegen Ex-Coach Zielke ab. So ist auf der ersten inhaltlichen Folie des 72-seitigen Folien-Sets zur „Strategie 2024“ von einem „weak execution record“ und einem „lack of performance culture“ der Commerzbank die Rede. Zu deutsch: „Die können nicht mal gerade gegen den Ball treten.“

An Selbstbewusstsein mangelt es Knof (dessen Medientrainer ihm unserer Vermutung zufolge ein klein wenig zu viel empathischen Handeinsatz antrainiert hat) jedenfalls nicht. „Wer mich kennt, weiß, dass ich dabei sehr beharrlich sein werde, mit halben Sachen gebe ich mich nicht zufrieden“, gab es in der Bilanz-PK mit Blick auf die geplante Umsetzung der Strategie zu Protokoll.

2.) Die Commerzbank verspricht viel – sehr viel

7% Eigenkapitalrendite bis 2024. Dieses neue Kernziel wurde bereits letzte Woche postuliert. Gestern gab es weitere Vorgaben:

  • 2024 sollen es 2,7 Mrd. Euro Gewinn vor Steuern sein
  • Ab 2023 sollen wieder Dividenden fließen – wobei für 2023 und 2024 zusammen 3 Mrd. Euro für Aktienrückkäufe und Ausschüttungen zur Verfügung stehen sollen
  • Das Firmenkundengeschäft soll bei 9% EK-Rendite (vor Steuern) und 62% Cost-Income-Ratio landen, das Privat- und Unternehmenskundengeschäft bei 25% EK-Rendite und 59% Cost-Income-Ratio

Um das Bild von oben noch mal aufzugreifen:  Trainer Knof will den Abstiegskandidaten Commerzbank also nicht nur ins Mittelfeld, sondern gleich zur Deutschen Meisterschaft führen.

Oder anders ausgedrückt: Die Commerzbank will (ohne Investmentbanking …) annähernd die Rendite erzielen, die die Deutsche Bank bis 2023 ausgegeben hat. Wie? Kosten brutal senken. Allerdings ohne dabei Erträge zu verlieren. Quadratur. Kreis. Sie wissen schon.

In Zahlen: Im besten Geschäftsjahr der abgelaufenen Dekade – 2015 – betrug der Gewinn vor Steuern 1,9 Mrd. Euro, die Eigenkapitalrendite nach Steuern 3,8%. Und jetzt also 2,7 Mrd. Euro und 7,0%. Trotz Zinsverfall, trotz Covid, trotz allem. Und was die 3 Mrd. Euro an Kapitalrückflüssen angeht: Das ist knapp die Hälfte des aktuellen Börsenwerts.

Hätten die Investoren auch nur einigermaßen ernst genommen, was die Commerzbank ihnen da gestern vorgesetzt hat – die Aktie hätte explodieren müssen. Doch stattdessen …

3.) Die Investoren goutieren weder Zahlen noch Strategie

Die gestrigen „minus 6%“ passen ins Bild der vergangenen Wochen. Denn während der europäische Banken-Index in diesen Tagen an einem Sechs-Monats-Hoch kratzt, hatte die Commerzbank-Aktie schon vor dem gestrigen Kursrutsch binnen vier Wochen rund 15% eingebüßt.

Die wichtigsten Gründe des gestrigen Rückgangs lauten nun:

  • Die Commerzbank ist sehr vorsichtig beim kurzfristigen Ausblick auf ihre Ertragsentwicklung. So ist für 2021 von „stabil“ die Rede; Analysten waren von 3% plus ausgegangen
  • Von den 7.500 Stellen, die netto abgebaut werden sollen, sollen 80% bis Ende 2023 weggefallen sein. Manchen Investoren ist das offenbar zu langsam
  • Dass das Zinsergebnis zuletzt eingebrochen ist (siehe den nächsten Punkt), haben CEO Knof und CFO Bettina Orlopp gestern nicht wirklich überzeugend begründen/rechtfertigen können
  • Die Commerzbank prognostiziert für ihre Privatkundensparte Ertragsgewinne von 1% per annum. Um das aber zu erreichen, muss sie laut ihrer Strategiepräsentation das Kredit- und Wertpapiervolumen bei den Kunden Jahr für Jahr um 10% (!) steigern. Uff.

4.) Die Commerzbank hat (wie die Deutsche Bank) ein massives Problem beim Zinsergebnis

Im Prinzip gilt für die Commerzbank das Gleiche wie für die Deutsche Bank. Lange Zeit war es mit Zinsergebnis und Zinsmarge – eher kontraintuitiv – nach oben gegangen. Umso härter werden die beiden Institute jetzt erwischt …

Kurz gesagt: Die 13% in Q4 sind der Hammer. Auch wenn Orlopp auf quartalsweise Schwankungen hinwies und nahelegte, dass Q4 das „Tief“ gewesen sein könnte. Für die Zukunft verheißen die gestrigen Zahlen jedenfalls nichts Gutes. Zumal die Commerzbank ja ihr Zinsergebnis in den letzten Jahren extrem übers Volumen gepusht hat – eine Strategie, die sich so nicht wird aufrecht erhalten lassen.

Interessant wird nun, ob sich die Commerzbank Ende März für das neue TLTRO-Programm der EZB qualifizieren wird (zur Erläuterung: Die Höhe der bei TLTRO zu zahlenden Zinsen hängt auch davon ab, ob man das Kreditvolumen insgesamt senkt oder ausweitet). Daran hängen laut Commerzbank nicht weniger als 160 Mio. Euro mehr oder weniger beim Zinsergebnis 2021.

5.) Die Commerzbank hat heute nicht einen Kunden mehr als 2012 (!!!)

Zur Neukunden-Politik der Commerzbank haben wir uns oft genug geäußert …

… darum wollen wir es heute kurz machen:

  • Als die großen Neukunden-Offensiven 2012 begannen, hatte das Institute 11 Mio. Kunden
  • 2020 wollte man zwischenzeitlich bei 14,1 Mio. Kunden sein
  • Dass dieses Ziel nicht mehr zu erreichen sein würde, war spätestens seit 2019 klar. Denn da rückte die Commerzbank nicht nur von ihrer Neukunden-Obsession ab, sondern sie begann auch, sich ehrlich zu machen und ihre Zählweise umzustellen (siehe oben der dritte Link, also der mit der „Wahrheit“ …)
  • Summa summarum ging man daher davon aus, dass die Commerzbank per Ende 2020 nicht bei den einstmals angepeilten 14,1 Mio. Kunden gestanden hätte, sondern etwa bei 12 Mio. Kunden

… doch weit gefehlt. Es sind nämlich nur 11 Mio. Kunden, wie Finanz-Szene.de in den gestrigen Präsentationen entdeckt hat. Die Commerzbank hat nämlich zum zweiten Mail nach 2019 eine Bereinigung um „inaktive“ Kunden vorgenommen (340.000). Weitere 500.000 Kunden sind „verschwunden“, weil die Commerzbank diese bis dato offenbar doppelt gezählt hatte (sprich: Kunden, mit denen sowohl die Commerzbank als auch die Comdirect Geschäfte macht).

Das Wort „Neukunden“ kommt in den gestrigen Präsentationen übrigens gar nicht mehr vor.

6.) Der Ausblick beim Risikoergebnis bleibt überraschend neblig

Als die Commerzbank Anfang Januar „Kitchen Sinking“ betrieb – also noch mal möglichst viel Aufwand in die 2020er Bilanz packte -, kündigte sie an, dass die Risikovorsorge vor allem wegen Corona letztlich 1,7 Mrd. Euro betrage (statt wie zuvor angekündigt 1,3 bis 1,5 Mrd. Euro). Damit, so heiß es damals, habe man bereits 500 Mio. Euro an zusätzlicher Vorsorge für im Jahr 2021 zu erwartende Corona-bedingte „Sachverhalte“ gebildet und die erwarteten Auswirkungen des „zweiten Lockdowns“ antizipiert.

Irgendwie klang das nach: Für 2021 sind wir jetzt safe. Doch stattdessen: Nun nannte die Commerzbank gestern für 2021 beim Risikoergebnis eine Prognose von 0,8 Mrd. bis 1,2 Mrd. Euro. Das ist nicht nur per se „viel“ (das „normalisierte“ Risikoergebnis ohne Corona läge bei 0,7 Mrd. Euro, so die Bank). Sondern: Es ist vor allem eine ziemlich große Spanne. Safe? Von wegen. Es herrscht Unsicherheit!

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