Analyse

Warum die Sparkasse Bochum Kohle ohne Ende macht

2. Dezember 2019

Von Christian Kirchner

Eigentlich dachten wir, die beste deutsche Sparkasse sei die in Aachen. Aber da kannten wir die in Bochum noch nicht.

Moment mal, Bochum? Eine Stadt, die jedes Jahr rund 1.000 Einwohner verliert? Mit einer Arbeitslosenquote von 8,5%, rund dreimal so hoch wie der Bundesdurchschnitt? Da soll Deutschlands beste Sparkasse ihren Sitz haben?

Naja, zumindest ist uns noch keine bessere untergekommen!

  • Die Sparkasse Bochum arbeitet mit einer Cost-Income-Ratio von 55%, mithin also in einer Größenordnung nicht weit entfernt von einer ING Diba (47%) oder einer DKB (53%), die allerdings keine Filialen betreiben
  • Das Betriebsergebnis vor Bewertung gemessen an der durchschnittlichen Bilanzsumme – die wichtigste Rentabilitäts-Kennziffer einer Sparkasse – lag zuletzt bei 1,20 Prozent. Zum Vergleich: Die Sparkassen anderswo liegen hier bei 0,43% (Frankfurt), 0,49% (Berlin), 0,45% (Köln/Bonn) oder 0,74% (München). Nicht einmal Aachen (rund 1,0%) reicht da heran.

Das Beste aber: Das vergangene Jahr war mitnichten ein Ausreißer. Wir haben die Bilanzen bis 2013 zurückverfolgt – und in all den Jahren lag das Betriebsergebnis vor Bewertung konstant bei 82 Mio. bis  100 Mio. Euro, ein Wert, für den anderen Kommunalinstitute eine zwei- bis dreimal so große Bilanzsumme brauchen. Vermutlich geht das alles aber schon viel, viel länger so. Denn die Reserven der Sparkasse Bochum sind unglaublich:

  • Das Eigenkapital im engeren Sinne betrug zuletzt 400 Mio. Euro (!)
  • Hinzu kamen 680 Mio. Euro (!!!), die im „Fonds für allgemeine Bankrisiken“ lagern, den das Institut Jahr für Jahr mit fetten zweistelligen Millionenbeträgen füllt (zuletzt: 30 Mio. Euro)
  • Und die Kernkapitalquote? 24,2% (!!!!!)

Wie geht so was?

Unser erster Gedanke war: Kommt bei der Sparkasse Bochum womöglich dasselbe Phänomen zum Tragen wie bei vielen ostdeutschen Sparkassen (siehe unsere Analyse der Sparkasse Spree-Neiße dazu hier)? Nämlich: Die Region ist so strukturschwach, dass das Geld statt in Kredite ins Kreditersatzgeschäft fließt – und dort ganz wunderbar und zu niedrigsten Kosten rentiert? Aber nein, daran liegt es nicht, wie ein einfacher Kennziffern-Vergleich zeigt:

  • Bei der Spree-Neiße-Sparkasse kamen 2018 nur 35% der Zinserträge aus dem Kreditgeschäft.
  • Bei der Sparkasse Bochum hingegen waren es 86%.

Zweiter Gedanke: Haben wir es bei der Sparkasse Bochum vielleicht gar nicht mit einem lokalen, sondern mit einem regionalen Phänomen zu tun? Doch der Vergleich mit anderen Ruhrgebiets-Instituten zeigt: Allenfalls Dortmund kommt einigermaßen an Bochum ran – die Unterschiede zu Essen oder gar Oberhausen indes sind geradezu frappierend.

in Mio. € Ergebnis vor Bewert.
Bilanz-Summe /Mrd. € Über-Schuss CIR Ergebn. in % der Bilanz-Summe KK_-Quote
Sparkasse Bochum 82 6,7 17 55% 1,20% 24,3%
SSK Gelsenkirchen 24 3,2 4 71% 0,74% 19,2%
Sparkasse Dortmund 90 9,3 13 59% 1,00% 11,3%
SSK Oberhausen 9 2,4 5 86% 0,38% 14,7%
Sparkasse Essen* 44 8,3 12 69% 0,52% 14,7%
Sparkasse Duisburg 34 5,8 5 77% 0,59% 21,9%
*2017, Quelle: Geschäfts-Berichte

Was also macht die Sparkasse Bochum dann so besonders?

Schauen wir uns einfach mal die wichtigsten Kennziffern über die zurückliegenden fünf Jahre an:

in Mio. € 2014 2015 2016 2017 2018 Veränderung 18 vs. 14
Zinsergebnis 156 163 155 153 144 -8%
Provisionsergebnis 32 33 34 37 39 22%
Personalkosten 62 62 63 63 65 5%
Verwaltungskosten 31 32 31 32 34 10%
Summe Kosten 93 94 94 95 99 6%
Bilanzsumme Mrd. € 5,9 6 6,5 6,7 6,7 14%
Betriebsergebnis 91 100 92 92 82 -10%
Cost Income Ratio 52 52 53 53 55 6%
Erg. % Bilanzsumme 1,48 1,43 1,33 1,26 1,2 -19%
Überschuss 16 17 18 16 17 6%

Welche Eindrücke gewinnt man?

  1. Die Kosten sind nicht nur extrem niedrig (was sich an der Cost-Income-Ratio zeigt) – sie sind vor allem über die vergangenen Jahre nicht sonderlich gestiegen.
  2. Das könnte auch damit zu tun haben, dass die Personalkosten je Mitarbeiter rund ein Fünftel niedriger sind als bei anderen Großsparkassen, etwa bei der Haspa.
  3. Der Rückgang beim Zinsergebnis ist moderat. Das liegt auch daran, dass die Sparkasse Bochum augenscheinlich nicht mit Ersparnissen zugeschüttet wird. Zwar stiegen die Einlagen seit 2014 um 10% an; im gleichen Zeitraum stieg das Kreditgeschäft allerdings um 15%.
  4. Der Sparkasse Bochum gelingt, was nur wenigen Banken hierzulande gelingt – nämlich den fast unvermeidlichen Rückgang beim Zinsergebnis (-12 Mio. Euro seit 2014) durch Zugewinne beim Provisionsergebnis (+7 Mio. Euro seit 2014) einigermaßen zu kompensieren.

Doch wo kommt dieser satte Anstieg (22%) beim Provisionsergebnis her, wo das Institut doch im Sommer noch betonte, die Preise für private Girokonten seien 17 Jahre lange nicht angehoben worden? Kann es sein, dass die Sparkasse Bochum beim Vertrieb sehr viel, sagen wir mal, „aktiver“ ist als vergleichbare Banken? Ist nur eine Spekulation. Aber lesen Sie mal, was Mitarbeiter des Instituts beim Jobportal Kununu.com so von sich geben:

  • „Die meisten Kollegen (haben) inzwischen verinnerlicht, dass die vertriebliche Ausrichtung nicht nur notwendig ist, sondern auch Freude bei der Arbeit bereiten kann.“
  • „Ja es gibt eine vertriebliche Ausrichtungen, aber die Ziele sind human und realistisch“
  • „Bei der Sparkasse Bochum erhält man die (…) vertrieblichen Kniffe für sämtliche Themenbereiche.“
  • „Natürlich gibt es im Vertrieb eine Zielkarte. Aus meiner Sicht ist eine Erfüllung der Ziele, bei entsprechender Termintaktung, in einem Arbeitstag von 9-5 locker machbar.“
  • „Umgang mit älteren Kollegen: pro(b)lematisch, wenn man im Vertrieb nicht mehr mithalten kann“

Was unterm Strich für ein Eindruck bleibt? Vielleicht muss eine Sparkasse  weder in einer besonders prosperierenden Region beheimatet noch besonders groß sein, um sehr gute Ergebnisse zu erzielen.  Vielleicht reicht es am Ende, wenn sie ihre Kosten im Griff hat und die Dinge beherrscht, die eine Retailbank beherrschen sollte. Also Kredite, Einlagen, Vertrieb … – die vermeintlich einfachen Dinge.

Mit uns reden wollte die Sparkasse Bochum Übrigens nicht. Was ihr gutes Recht ist. Schließlich werden die Vorstände letztlich für andere Dinge bezahlt. Bei aller Kostenkontrolle übrigens nicht schlecht. Zwei Manager, nämlich Vorstandschef Jürgen Hohmann und sein Kollege Dirk Ziegler, knackten 2018  die Millionenmarke. Aber damit sind sie ja im Sparkassensektor bekanntlich nicht allein.

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