Kurz gebloggt

Warum unseren Banken nach Corona ein Kernkapital-Schock droht

1. April 2021

Von Christian Kirchner

Wie stünden der europäische (und damit auch der deutsche) Bankensektor da, hätte es seit Beginn der Corona-Pandemie nicht eine regelrechte Kaskade an regulatorischen Erleichterungen gegeben? Genau dieser Frage ist im Auftrag des Europaparlaments das Frankfurter SAFE-Institut nachgegangen (hier das Original). Und kommt zu hochspannenden und beängstigenden Ergebnissen:

(Hinweis: Wir geben die Erkenntnisse in den nun folgenden Bullet-Points der Lesbarkeit halber im Indikativ wieder, auch wenn es nicht unsere eigenen Erkenntninsse sind und wir sie uns auch nicht zu Eigen machen):

  • Die ausgewiesenen Kernkapitalquoten (CET1) von zuletzt im Schnitt gut 15% verschleiern die wahre Solvenz der europäischen Kreditwirtschaft. Realistisch liegt der Wert erheblich tiefer
  • Schon in einem Rezessionsschock ähnlich dem der Finanzkrise 2009 – und der aktuelle könnte sogar noch langwieriger ausfallen – würden die Kernkapitalquoten bei einer Rückkehr zu alten Standards deutlich unter das regulatorische Minimum fallen
  • EZB-Maßnahmen wie die geduldete Nutzung bankeneigener Makro-Prognosen verunsichern die Investoren und halten unterkapitalisierte Banken am Leben. Weil, vereinfacht gesprochen: Einige Banken agieren viel zu optimistisch – und bilden deshalb momentan kaum Risikovorsorge. Folgt nun ein ökonomischer Schock, könnten die Prognosen und und Risikomodelle ins Gegenteil ausschlagen und die Risikovorsorge prozyklisch explodieren lassen
  • Die Nachsicht bei der Verlustvorsorge verzerrt die Bilanzen der Banken so deutlich, dass die aufsichtlichen Lockerungsmaßnahmen am Ende womöglich das Gegenteil dessen bewirken, was sie bewirken sollten. In der Folge sind Finanzmarktstabilität und wirtschaftliche Erholung gefährdet

Viel Aufmerksamkeit widmen die Forscher auch der Aufweichung von „IFRS 9“. Hintergrund: Die Bilanzregel sollte die Banken – als Lehre aus der Finanzkrise 2008 – eigentlich zu einer rascheren und umfangreicheren Anerkennung riskanter und fauler Kredite bewegen. Die Gefahr einer allzu strengen Anwendung dieser Regel liegt allerdings darin, dass Banken in Krisen womöglich prozyklisch agieren und bei steigenden Kreditausfällen ihre Mittel beisammenhalten, um nicht durch Kreditverluste in Solvenzprobleme zu geraten.

In der Corona-Krise geht es den Aufsehern nun aber erklärtermaßen nicht nur darum, dass die Banken bitteschön solvent sein sollen – sondern auch Banken, dass sie Unternehmen und Privathaushalte mit Krediten zur Seite stehen. Auch deshalb wurden schon im März letzten Jahren Ausnahmen von „IFRS 9“ gemacht. Auch hierbei spielten wieder (siehe oben) die bankeneigenen Makro-Prognosen bei der Bewertung von Kreditrisiken eine entscheidende Rolle.

Für ihre Studie simulierten die Forscher, wie sich die Kapitalaustattung der deutschen Banken schlimmstenfalls entwickeln könnten, würde man IFRS streng anwenden. Resultat: Die Kernkapitalquote rutscht von 17,3% vor der Krise auf nur noch 8,5% in einem Stresszenario.

Was die Bankenbranche jetzt benötige, das sei eine „schnellstmögliche Rückkehr zu einer den tatsächlichen makroökonomischen Entwicklungen entsprechenden Anwendung der Rechnungslegungsstandards“, so das SAFE-Team. Ein guter Anlass hierfür sei zum Beispiel der in diesem Jahr anstehende EZB-Stresstest.

Banken, die nach der Corona-Frise die Kapitalanforderungen nicht erfüllen können, sollten abgewickelt werden, fordern die Forscher. Für die übrigen Institute könnte ein supranationaler, Covid-spezifischer Fonds nach dem Vorbild des US-amerikanischen „Troubled Asset Relief Program“ (TARP) für eine Rekapitalisierung sorgen.


Hier die Studie zum Download

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