Analyse

Was bei der Polen-Tochter der Commerzbank wirklich los ist

20. Februar 2020

Von Christian Kirchner

Als CEO Martin Zielke im September die Pläne für den Großumbau der Commerzbank vorstellte – da lautete die Frage, die sich alle stellten: Warum bloß will die Coba die mBank loswerden? Galt die Polen-Tochter nicht immer als Perle? Modern, digital, ertragsstark, profitabel, wachstumsstark. Die fleischgewordene Antithese zum Mutterhaus.

Nun indes wird plötzlich nicht mehr gefragt: Warum will die Coba die mBank loswerden? Sondern (jedenfalls nach allem, was momentan zu lesen ist): Warum tut sich die Coba so schwer, die mBank loszuwerden? Kann es sein, dass die Tochter aus Warschau vielleicht doch nicht die eierlegende Wollmilchbank ist, zu der sie immer gemacht wurde?

Rückblick: Im Herbst hatte die Commerzbank die Verkaufsabsichten (in unseren eigenen Worten ausgedrückt) wie folgt begründet: Die Erlöse seien nötig, um die anstehende Restrukturierung zu finanzieren, ohne dabei die Kapitalbasis zu schwächen.

Doch war das der einzige Grund? Oder wenigstens der entscheidende?

Wer das wahre Problem der mBank (jedenfalls aus Sicht der Commerzbank und aus Sicht potenzieller Bieter) auf die Spur kommen will, der sollte sich zunächst mal die folgende Grafik anschauen:

Operativer Gewinn (grün) und Bankenabgaben (rot) der mBank in Mio. Euro

Quelle: Quartalsberichte Commerzbank. 2014&2015 umgerechnet lt. Geschäftsbericht mBank

Man sieht: Auch wenn der operative Gewinn der mBank in den letzten Jahren ein wenig gelitten hat, so ist es doch ein Leiden auf hohem Niveau. Die 342 Mio. Euro aus 2018 entsprachen einer operativen Eigenkapitalrendite von 16,5%. Und die 289 Mio. Euro in 2019 brachten immerhin noch eine Rendite von 12,5%. Von solchen Zahlen kann die deutsche Mutter nicht mal träumen.

Indes: Ihnen wird vermutlich auch der rote Balken aufgefallen sein. Also der, der seit Jahren steigt und steigt. Dabei handelt es sich um das Aggregat aus europäischer und vor allem polnischer Bankenabgabe. Und wie unschwer zu erkennen ist, frisst dieser Posten einen immer größeren Teil des mBank-Gewinns einfach auf.

Nun wird es für die dramatische Erhöhung der polnischen Bankenabgabe sachliche Begründungen geben, darunter vor allem die 2016 eingeführte nationale polnische Bankensteuer (wir sind leider nicht tief genug in der Materie drin, um Ihnen das en detail aufdröseln zu können). In Frankfurt allerdings hat sich über die Jahre der Eindruck verfestigt, dass sachliche Begründungen allein nicht ausreichen, um die Verzehnfachung (!) der aggregierten Bankenabgaben zwischen 2014 und 2019 vollständig zu zu erklären.

Mit anderen Worten: Die Commerzbank sieht sich zunehmend hilflos dem Gängelband der polnischen Regulierer ausgesetzt. Was nützt es, dass die mBank die Zahl ihrer Retail-Kunden in den letzten fünf Jahren um 1,3 Millionen auf 5,3 Millionen gesteigert hat? Was bringt der schöne Ruf als digitale Vorzeigebank? Was nützt denn all der schöne Gewinn, wenn davon doch nichts übrig bleibt? Ginge es um einen Münzwurf, so hieße es für die Coba: Bei „Kopf“ gewinnt sie nichts. Und bei „Zahl“ verliert sie. Die Deutsche Bank jedenfalls stieg 2018 entnervt aus, verscherbelte das polnischen Privat- und Firmenkundengeschäft der Deutschen Bank Polska an die Santander Bank Polska.

Nun gibt es natürlich bei der mBank auch hausgemachte Probleme. Das sind vor allem die berühmten Franken-Kredite, die die mBank im großen Stil an polnische Häuslebauer ausgereicht hatte – eine Strategie, die zum Desaster wurde, weil sich, je teuer der Franken wurde, auch die Tilgungen immer weiter verteuerten. Aus einem Zinssparmodell wurde ein fettes Draufzahlgeschäft. Und zwar für Bank und Kunden gleichermaßen.

Das Franken-Desaster indes führte nicht nur zu unmittelbaren Belastungen. Sondern in der Folge verschärften die polnischen Aufseher auch die Eigenmittel-Vorschriften, wie folgende Tabelle zeigt. Und das tut noch sehr viel mehr weh als die Steuer, weil es die Kapitalrückflüsse blockiert, die man im Commerzbank-Turm so gerne hätte:

durchschnittliches  gebundenes Eigenkapital der mBank in Mio. Euro
2014 1.589
2015 1.699
2016 1.669
2017 1.718
2018 2.049
2019 2.261

Quelle: Commerzbank Quartalsberichte

Seit 2014 stieg das in der mBank (bis 2016: Coba-Geschäftsbereich „Central & Eastern Europe“) gebundene Eigenkapital um fulminante 670 Mio. Euro an. Das ist das 13-Fache der Dividendensumme dieses Zeitraums – denn eine Dividende gab es seit 2013 in einem einzigen Jahr: 2017, umgerechnet 1,20 Euro je Aktie. In den anderen ging, meist erzwungen von den Aufsehern, erst mal Eigenkapitalstärkung vor Ausschüttung.

Im Grunde ist die Gemengelage nun so: Läuft bei der mBank irgendetwas operativ (zum Beispiel, dass die Franken-Kredite nochmal richtig in die Bilanz reinschlagen) – dann ist es das Problem des Instituts. Läuft es bei der mBank hingegen trotz der Franken-Kredit-Probleme operativ weiterhin gut – dann steigen Abgaben und Kapitalvorschriften. Das dürfte auch erklären, warum die Aktie der mBank zuletzt bei nur noch umgerechnet 86 Euro notierte. Anfang 2014 waren es noch 130 Euro gewesen.

Vor diesem Hintergrund wird plötzlich verständlicher, warum die Commerzbank die mBank loswerden wollte. Allerdings könnten genau das auch die Gründe sein, weshalb die potenziellen Bieter zumindest nicht Schlange zu stehen scheinen. Was vor allem für mögliche Interessenten aus dem Ausland gelten könnte. Und was ist mit der Pekao Bank? Also mit der Bank, die angeblich als einzige ernsthaft um die mBank buhlt? Nun: Pekao ist ein polnisches Institut. Und Großaktionär ist der polnische Staat.

Klar dürfte sein: Wo es nur einen echten Bieter gibt – da ist der Verkäufer in einer schlechten Position.

Andererseits hat die ganze Geschichte in den letzten Tagen eine weitere, sehr interessante Wendung genommen. Denn: Wie die Commerzbank in ihrem Analysten-Call am vorigen Donnerstag mitteilte, kann sie sich inzwischen vorstellen, die ganze Transaktion auch einfach abzublasen. Begründung: Nachdem sich zuletzt andeutete, dass die neuen europäischen Kapitalvorgaben (also die Kapitalvorgaben für die Coba selber …)  laxer ausfallen als befürchtet, müsse man die mBank gar nicht mehr verkaufen, um den Konzernumbau zu finanzieren.

Was natürlich eine neue Verhandlungsgrundlage wäre. Denn wenn Verkäufer gar nicht mehr verkaufen muss – dann ist plötzlich der Bieter in einer schlechten Position.

Wobei man natürlich auch fragen kann: Wenn sie nicht muss – will die Commerzbank die mBank denn überhaupt noch verkaufen? Falls nein, dann müsste sie das ihren Investoren nach dem Hin und Her der letzten Monate allerdings gut erklären. Die medial über Jahr strapazierte Mär von der polnischen Perle jedenfalls – die kann sie niemandem mehr verkaufen.

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