Was der plötzliche Zinsanstieg mit unseren Banken macht

8. Februar 2022

Von Christian Kirchner

Es sind turbulente Tage da draußen. Denn: Als wäre die Gemengelage (Ukraine, Omikron, China, Inflation, Tech-Crash) nicht schon explosiv genug, spielen jetzt auch noch die Zinsen verrückt – sofern man steigende Zinsen denn wirklich als etwas “Verrücktes” empfinden will, was den Jüngeren unter uns ja aber in der Tat so geht.

Jedenfalls: Während der Dax bröckelt, während Facebook vergangene Woche an einem einzigen Tag 240 Mrd. Dollar Börsenwert verloren hat, während die Paypal-Aktie um 5x% unter ihrem Höchstkurs aus dem vergangenen Sommer notiert … während also all das passiert, kennen unsere treudoofen deutschen Bankaktien seit Tagen nur eine Richtung: nach oben! So ist der Kurs der Deutschen Bank seit dem Montag vorvergangener Woche um 31% auf fast unheimliche 14,37 Euro gestiegen, ein Niveau, das zuletzt vor vier Jahren zu bestaunen war, als der Vorstandschef noch John Cryan hieß.

Die Commerzbank derweil im gleichen Zeitraum? Plus 27%! Womit klar wird: Wir haben es hier mit einem Branchenthema zu tun.  Die traditionell hohe Zinssensivität des deutschen Bankensektors, jahrelang eines seiner größten Probleme, ist plötzlich ein Kurstreiber. Wie, hypothetisch gefragt, hätte in den letzten zwei Wochen wohl die “Sparkassen-Aktie” performt, wenn es die denn gäbe? Wie die “Raiffeisen-Aktie”?

Höchste Zeit, sich die Dinge mal ein bisschen genauer anzuschauen: Was ist da die letzten Tage eigentlich genau passiert? Ist die faktische Zinswende schon im Tagesgeschäft angekommen (also bei Unternehmenskrediten, Baufinanzierungen, Tagesgeld etc.)? Welche Banken bzw. Geschäftsmodelle profitieren besonders, welche weniger? Was bedeuten steigende Zinsen für die Fintechs, wobei wir nicht nur an Neobanken und Neobroker denken, sondern z.B. auch an Raisin DS (“Weltsparen”)? Und nicht zu vergessen: Sollten die Zinsen zu schnell und/oder zu stark steigen – welche Risiken könnten der Branche hieraus erwachsen?

Unser FAQ:

1.) Was genau ist passiert?

Die Anleihenrenditen in Deutschland haben in den vergangenen Wochen einen deutlichen Anstieg vollzogen – der sich in den vergangenen Tagen noch deutlich beschleunigt hat. Über die meisten Restlaufzeiten hinweg, betrug der Anstieg einen Viertelprozentpunkt allein seit Anfang Februar.

Die Bewegung illustriert auch ein Blick auf die so genannte Zinskurve: Sie gibt das Renditeniveau der Bundesanleihen mit den verschiedenen Restlaufzeiten wieder, hier mit den Werten aktuell, vor einem Monat und vor einem Jahr…

... und das zeigt: Binnen nur eines Monats sind die Zinsen über alle Laufzeiten ab zwei Jahren hinweg um das gleiche Maß gestiegen wie zuvor in elf Monaten. Und: Die Zinskurve ist grundsätzlich steiler geworden, sprich die Anleihen am "kurzen Ende" mit sehr kurzen Restlaufzeiten (deren Renditeniveau man gemeinhin unter starker Kontrolle der EZB wähnt) haben sich kaum verändert, während die Renditen der längerfristigen Anleihen gestiegen sind. Eine Faustformel besagt: Je steiler die Zinskurve, desto leichter können Banken mit der klassischen Fristentransformation Geld verdienen (bei der kurzfristig aufgenommene Einlagen längerfristig verliehen werden).


2.) Warum steigen die Zinsen so plötzlich?

Weil die Inflationsraten rund um den Globus seit vergangenem Frühjahr Monat für Monat steigen. In den USA betrug sie zuletzt 7,0%, in der Eurozone 5,3%, in Deutschland 4,9%. Bis Ende des vergangenen Jahres gingen Ökonomen und Notenbanker noch davon aus, dass es sich dabei um temporäre Effekte handelt, begründet in den Störungen der internationalen Lieferketten und vor allem den deutlich gestiegenen Energiepreisen. Doch seit einigen Wochen wachsen bei ihnen die Zweifel, ob die Preisanstiege tatsächlich nur vorübergehender Natur sind. Die US-Notenbank hat jedenfalls die ersten Leitzinsanhebungen für den März signalisiert. Und die EZB schließt nicht länger aus, dass sie diesen Schritt noch im laufenden Jahr wählt.

Eine Gewissheit stellt die Zinswende nicht dar. So sehen die Prognosen der EZB selbst wie auch die Vorhersagen der von ihr befragten "professionellen Marktteilnehmer" für das nächste Jahr schon wieder einen Rückgang der Inflationsrate auf unter 2% in Aussicht – nach einem Anstieg auf 3% im laufenden Jahr. Gleichwohl genügen bereits die Ängste, dass die Teuerung nicht temporär bleiben könnte, um die Marktzinsen in Bewegung zu setzen.


3.) Sind die Zinsveränderungen schon im Tagesgeschäft angekommen?

Bei den Immobilienkrediten: ja. Bei den Einlagengeschäften: nein. Womit präzise illustriert ist, warum die Zinsveränderungen im Prinzip extrem hilfreich für die hiesigen Kreditinstitute sind: Bei den Einlagen zögern die Banken eher, sie weiterzugeben, zudem haben sich die Zinsen am dafür relevanten "kurzen Ende" der Zinskurse bislang kaum verändert (siehe Grafik oben), anders als bei den für Kredite relevanten mittel- und langfristigen Zinsen.

Um es konkret zu machen: Laut dem Verbraucherportal FMH beträgt der gewichtete Durchschnittszins bei Tagesgeldkonten 0,02%. Das ist der gleiche Wert wie vor einem Jahr. Fast unbeweglich ist auch der Durchschnittszins für Festgeldkonten: Er beträgt für einjähriges Festgeld 0,08% – fünf Basispunkte weniger als vor einem Jahr.

Eine deutliche Bewegung gibt es hingegen etwa für Immobiliendarlehen, bei denen die Zinsen für die nächsten zehn Jahre festgeschrieben sind. Dafür ermittelt FMH aktuell einen Durchschnittszins von 1,11% – das sind 21 Basispunkte mehr als noch Mitte Dezember, knapp ein halber Prozentpunkt mehr als vor einem Jahr und insgesamt ein Dreijahreshoch.

Auch die Unternehmenskredite werden teurer: Der von Barkow Consulting berechnete Corporate Credit Index (also der Durchschnittszins von Firmenkrediten mit fünf Jahren Laufzeit, siehe auch hier) liegt aktuell bei 2,07% und damit auf einem Sechs-Jahres-Hoch. Sein wöchentlicher Anstieg betrug zuletzt 0,34%, das ist der höchste Wert seit zwölf Jahren.


4.) Was würde ein starker Zinsanstieg mit den GuV's deutscher Banken machen?

Einen spannenden Datenpunkt für die Antwort auf diese Frage liefert der zuletzt 2019 publizierte Bundesbank-Stresstest für die so genannten LSIs, die Less Significant Institutes – das sind jene rund 1400 Institute hierzulande, die nicht wie die Großbanken unter der Aufsicht der EZB stehen. Heißt vor allem: Sparkassen und Genossenschaftsbanken.

Seinerzeit wollte die Bundesbank wissen, wie sich die Gewinne der hiesigen Banken in den folgenden Jahren laut Plan sowie in fünf verschiedenen Szenarien entwickeln. Der klare Zusammenhang: Ein leichter Zinsanstieg lässt die Rentabilität bei unveränderter Bilanz leicht, ein starker Anstieg lässt sie sogar sehr deutlich steigen – wobei ein Plus von 200 Basispunkten bei den Zinsen unterstellt wurde.

Eine spannende Randnotiz: Der ursprünglich für 2020 geplante Stresstest wurde wegen der Corona-Pandemie verschoben. Im 2021er Test wurde dann das positive Zinsszenario gar nicht mehr getestet, sondern lediglich ein Szenario des "lower for longer". Man darf aber annehmen, dass die 2019 ermittelten Tendenzen grundsätzlich weiter gelten. Genaueres ist im Herbst zu erwarten, wenn die Ergebnisse des neuen Tests voraussichtlich vorgestellt werden.


5.) Profitieren alle Banken gleichermaßen vom Anstieg der Zinsen?

Nein, das hängt vom Geschäftsmodell ab. Grob vereinfacht lässt sich sagen: Besonders stark profitieren Finanzinstitute, ...

  • die naheliegenderweise überhaupt eine starke Abhängigkeit vom Zinsgeschäft haben,
  • die sich zu einem großen Teil aus Retail-Einlagen refinanzieren und ausgegebene Kredite nicht sogleich wieder verbriefen oder anderweitig weiterreichen und / oder
  • keine massiven Derivate-Positionen halten, die auf ein langjähriges, sehr niedriges Zinsniveau abstellen.

Zu den Profiteuren dürften damit insbesondere die sehr stark retail-finanzierten Sparkassen und Genossenschaftsbanken zählen. Weniger spannend ist die Entwicklung für stark mit Verbriefungen arbeitende Finanzierer von Gewerbeimmobilien (wie Deutsche Pfandbriefbank und Aareal Bank) oder auch viele Landesbanken.

Klare Profiteure wären hingegen auch die börsennotierten Großbanken. Die Deutsche Bank und die Commerzbank haben bereits präzisiert, welchen Einfluss Zinsveränderungen auf ihr Geschäft haben. So erwartet die Commerzbank bei einem parallelen Anstieg des Zinsniveaus um 100 Basispunkte über alle Laufzeiten hinweg im Jahr eins 600 bis 650 Mio. Euro zusätzlichen Zinsüberschuss und im Jahr zwei rund 1 Mrd. Euro. Wie groß der Einfluss an welchem Ende der Zinskurve wäre, schlüsselt das Geldhaus nicht auf.

Die Deutsche Bank ist sogar noch optimistischer. Sie reklamiert, schon im laufenden Jahr bei unverändertem (!) Zinsniveau ein Plus von 900 Mio. Euro bei den Erträgen zu erwarten, versus 750 Mio. Euro "Gegenwind" im vergangenen Jahr. Sprich: Bereits ohne Zinswende soll sich die Ertragslage automatisch aufhellen. Ein Zinsanstieg von 25 Basispunkten bringe in der Eurozone weitere 150 Mio. Euro auf kurze Sicht und zusätzlich 225 Mio. Euro auf lange Sicht (nach vier Jahren). Anders gesagt: 100 Basispunkte Zinsanstieg würden ein zusätzliches Plus von 600 Mio. Euro im ersten Jahr und 900 Mio. Euro im vierten Jahr nach der Zinsveränderung bedeuten.


6.) Was bedeutet der Zinsanstieg für Neobanken und andere Fintechs?

Das ist schwierig zu verallgemeinern und hängt noch stärker als bei Banken vom individuellen Geschäftsmodell ab. Hier eine grobe Orientierung:

  • Auch für große Neobanken ist der Einlagenüberhang in den vergangenen Jahren zunehmend zum Problem geworden. N26 und bunq behalfen sich zuletzt damit, diese Einlagen in hypothekenbesicherte Anleihen zu investieren (siehe auch hier und hier). Für sie wäre es grundsätzlich hilfreich, stiegen die Zinsen vor allem am kurzen Ende an. Denn dann ließe sich perspektivisch womöglich wieder mit den unverzinsten oder gar negativ bepreisten Kundeneinlagen risikolos Geld verdienen, indem sie zu Notenbanken geschleppt oder einfach in sichere Staatsanleihen investiert werden. Ausgerechnet am kurzen Ende aber bewegen sich die Zinsen (noch) nicht. Unterm Strich allerdings dürften die Effekte eines weiteren Zinsanstiegs für Neobanken klar positiv sein.
  • Das gilt auch für Akteure im Einlagengeschäft wie Raisin DS (Weltsparen), denn in der Vergangenheit schlug dort ein Anbieter nach dem anderen auf der Nullinie des Zinsmarktes auf. Das dürfte sich nun ändern und noch mehr Menschen dazu bringen, Zinsvergleiche anzustellen.
  • Für die Neobroker und Robo Advisor, also den Scalable Capitals oder Trade Republics dieser Welt, ist der Fall etwas komplizierter. Im Prinzip könnte auch ihnen ein Zinsanstieg helfen, um sich mit der (meist unverzinsten) Kundenliquidität neue Ertragspools zu eröffnen – das ist genau das, womit Robinhood jahrelang signifikante Erträge generierte. Ihr Geschäftsmodell fußt jedoch stark darauf, dass Menschen ständig handeln und neue Gelder anlegen – das wiederum ist traditionell eine Größe, die stark von der Börsenlage abhängt. Und es erscheint einigermaßen illusorisch, dass die Aktienmärkte weitere deutliche Zinsanstiege oder dauerhaft hohe Inflationsraten einfach so abschütteln, ohne dass die Aktienkurse in der Breite deutliche Abschläge erleiden. Und ein Kernargument für die Beschäftigung mit rentabler Geldanlage – die Negativzinsen – fiele ja womöglich bald weg.
  • Für die B2B- und Technologie-Fintechs dürfte sich wenig ändern, da ihr Geschäftsfeld wenig mit der Zinslage zu tun hat – sieht man einmal davon ab, dass klassische Kredithäuser als potenzielle Kooperationspartner und Auftraggeber künftig vielleicht unter einem geringeren Sparzwang als bisher stehen und sich die Entspannung bei den Zinsen bei ihnen als Brustlöser für dringend nötige digitale Investitionen erweisen könnte.

7.) Stecken im Zinsanstieg auch Risiken?

Ja. Allerdings vor allem solche, die sich a priori nicht oder nur sehr schwer identifizieren lassen. So ergab der LSI-Stresstest der Bundesbank von 2019, dass ein Zinsschock eines Anstiegs um 200 Basispunkte zwar die Profitabilität über Jahre erhöhen würde. Im ersten Jahr danach halbierte sich aber in der Simulation deutscher Banken zunächst die Eigenkapitalrentabilität, ehe sie dann in den Folgejahren über das ursprüngliche Niveau kletterte. Denn tatsächlich bergen Zinsanstiege auch Risiken:

  • ... für das Kreditbuch und die Risikovorsorge, wenn Schuldner bei einer Refinanzierung einen Zinsanstieg nicht auf der Rechnung hatten;
  • ... für die GuV (und hier vor allem das Bewertungsergebnis), wenn das Institut auf eine andere Zinsentwicklung gesetzt hat mittels Terminmarktgeschäften – ein starker Zinsanstieg kann einzelne Institute dann zunächst einiges kosten, ehe die positiven Effekte greifen; und
  • ... für hauseigene Versicherungen wie etwa die DZ-Bank-Tochter R+V im Genossenschaftsssektor oder diverse Versicherungen der Sparkassen. Der Grund: Sanfte Zinsanstiege sind für Versicherungen per se gut, sehr schnelle allerdings auch gefährlich. Ein plötzlicher und sehr starker Zinsanstieg lässt den Wert der niedrig verzinsten Anleihen in den Beständen, die in den vergangenen Jahren zur Deckung künftiger Zahlungsverpflichtungen massenhaft erworben wurden, zunächst fallen.

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