Analyse

Was hinterm HVB-Beben steckt. Und warum Beumer gehen muss

31. Oktober 2021

Von Heinz-Roger Dohms

Als die Belegschaft der Hypo-Vereinsbank am Freitagmorgen zum digitalen Townhall zusammenkam – da hielt sich die Überraschung über das, was verkündet wurde, in Grenzen. Schließlich hatte am Mittwoch bereits die Bank Austria kundgetan, das Geschäft mit Mittelständlern einerseits und Großkonzern andererseits zusammenzulegen. Die Bank Austria, muss man dazu wissen, gehört wie die Hypo-Vereinsbank zur italienischen Unicredit.

Und so wurde am Freitag also verkündet: Ähnlich wie in Wien wird auch in München die “Unternehmerbank” mit der “Corporate Bank” verschmolzen. Vorstand der neuen Sparte wird der bislang für die “Corporate & Investmentbank” verantwortliche Jan Kupfer – während das produktbezogene Investmentbanking separiert wird und einen neuen Chef bekommt. Und Markus Beumer, bislang als Vorstand für die “Unternehmerbank” zuständig? Der geht. Und zwar per sofort. Was viele Mitarbeiter deutlich mehr überraschte als die Zusammenlegung der beiden Sparten. Doch dazu später.

Die Parallelität die Ereignisse in München und Wien legt nahe, dass der Beschluss zur Neustrukturierung nicht vor Ort, sondern in Mailand gefällt wurde, also bei der Mutter Unicredit. Zumal deren neuer Chef Andrea Orcel (der seit kurzem auch dem HVB-Aufsichtsrat vorsitzt) seit seinem Amtsantritt Mitte April wie ein Irrwisch durch die Organisation fährt und deren “Komplexität” beklagt. Den erweiterten Vorstand hat Orcel von 27 auf nur noch 15 Mitglieder zusammengeschrumpft, das für die Unicredit charakteristische Ausschusswesen hat der frühere UBS-Manager gleich mal beschnitten. Von den zuvor 44 Ausschüssen innerhalb des verzweigten Großbank blieb nicht mal mehr die Hälfte übrig. “Orcel will eine neue Kultur einziehen. Weniger Gremien, weniger Teilnehmer, schlankere Prozesse. Dazu passt dann eben auch der jetzige Umbau”, sagt ein Insider.

Was die Zusammenlegung von Investmentbanking und Unternehmerbank bedeutet

Die halboffizielle Darstellung im Umfeld der Hypo-Vereinsbank ist ein bisschen eine andere. Demnach wurde die Neustrukturierung des Firmenkundengeschäfts in München angestoßen – und von dort die gesamte Unicredit hineingetragen. Wie auch immer: Im Kern läuft der Umbau jedenfalls darauf hinaus, die Firmenkunden nicht mehr entlang ihrer Größe zu sortieren, sondern entlang ihrer Sektoren. Oder anders gesagt: Der große Automobilkonzern soll aus der gleichen Sparte heraus betreuet wie der kleinen Zulieferer. „Mit der strategischen Weiterentwicklung kommen wir der Kundennachfrage entgegen und ergänzen unser Angebot“, sagte HVB-Chef Michael Diederich. Orcel wiederum spricht von einem “wichtigen Schritt, um die Bedürfnisse unserer Firmenkunden sowohl auf lokaler als auch auf gesamteuropäischer Ebene zu erfüllen.”

Dieser Schritt ist mutig. Originell ist er nicht. Im Gegenteil: Fast jedes größere Geldinstitut hierzulande hat in den vergangenen Jahren sein Firmenkundengeschäft mindestens einmal in die oder andere Richtung umstrukturiert. Die Deutsche Bank zum Beispiel trennte vor zwei Jahren die Corporate Bank von der Investmentbank; die BayernLB ging gewissermaßen den entgegengesetzten Weg und verschmolz ihre “Corporate & Mittelstand”-Sparte mit dem Kapitalmarktgeschäft. Erst vor wenigen Monaten verkündete die NordLB die Zusammenlegung ihrer beiden Firmenkundenbereiche. Und – eine ziemlich bittere Ironie: Vor fünf Jahren hatte die Commerzbank entschieden, die Betreuung großer Mittelständler mit dem Corporate-Geschäft und den Resten der Investmentbank zu verschmelzen. Der Vorstand, der im Zuge dieser Umstrukturierung seinen Job verlor, hieß: Markus Beumer.

Für den bedeutete das Ausscheiden aus der Commerzbank damals einen veritablen Karriereknick. Immerhin hatte Beumer ja mal als Kronprinz des damaligen Commerzbank-Chefs Martin Blessing gegolten. Als Blessing allerdings ging, erhielt der Privatkundenchef Martin Zielke den Vorzug vor dem Firmenkundenchef Beumer – der dann auch noch mitansehen musste, wie seine Sparte aufgespalten und die wichtigsten Teile (siehe oben) dem Investmentbanking-Chef Michael Reuther zugeschlagen wurden. Stattdessen heuerte Beumer Mitte 2017 als Vorstand bei Oddo-BHF an – und ging anderthalb Jahre später zur Hypo-Vereinsbank.

Dass Beumer underperformt hätte – dafür gibt es keine Hinweise

Dass er dort underperformt hätte, dafür gibt es von außen betrachtet keine Hinweise. Die “Commercial Bank Germany” (die sich aus dem Privatkundengeschäft sowie Beumers “Unternehmerbank” zusammensetzt) lieferte in den vergangenen Jahren meist sehr ordentliche Ergebnisse ab – siehe etwa hier, hier, und hier. Für die großen Schlagzeilen sorgten diese Erfolge allerdings selten. Was auch daran lag, dass die Gewinne eher über die Kosten- als über die Ertragsseite gesichert wurden. Charakteristisch: die Abwicklung der hauseigenen Leasing-Einheit (siehe -> Wie und warum die HVB ihre Leasing-Tochter sterben lässt) und das Abschieben kreditsuchender Gewerbekunden an die DZ Bank (-> HVB vermittelt Gewerbekunden an DZ-Tochter VR Smart Finanz). Beide Maßnahmen fielen in die Zuständigkeit Beumers.

Nach Informationen von Finanz-Szene.de soll Markus Beumer bei der Hypo-Vereinsbank über einen langfristigen (weil: zwischenzeitlich verlängerten) Vertrag verfügt haben. Besagte Verlängerung dürfte aber noch in die Zeit von Orcels Vorgänger Jean-Pierre Mustier gefallen sein – und stellte dementsprechend eine zwar finanzielle, aber keine karrieretechnische “Lebensversicherung” dar. Im Umfeld der HVB wird betont, dass Beumer den jetzigen Umbau nicht nur mitgetragen, sondern gemeinsam mit Diederich und Kupfer sogar forciert habe. Dass für die Führung der neuen Großsparte letztlich Kupfer (der die Verantwortung für das produktbezogene Investmentbanking dafür Christian Reusch weiterreicht, siehe hier) auserkoren wurde? Habe damit zu tun, dass dessen “Profil” besser gepasst hätte. Nun denn.

Die Umstände des Umbaus deuten jedenfalls darauf, dass die Entscheidungen unter ziemlichen Zeitdruck gefallen sein müssen. Wie aus der Belegschaft verlautet, blieb das Management, was die genaue Ausrichtung der neuen “Corporates”-Sparte angeht, am Freitag eher vage. Nach Informationen von Finanz-Szene sollen die Details in den kommenden Wochen in Arbeitsgruppen erarbeitet und erst beim Strategietag Anfang Dezember vorgestellt werden. Die grundsätzliche Botschaft an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lautete: Die Maßnahme sei offensiv, nicht defensiv zu interpretieren; Arbeitsplätze stünden durch den Umbau keine zur Disposition. Beumer übrigens wählte beim Townhall am Freitag Teilnehmern zufolge offenherzige Abschiedsworte. Er hätte die Führung der neuen Sparte durchaus gern übernommen, wird der Manager zitiert.

Es ist anders gekommen.

Hypo-Vereinsbank baut um. Firmenkundenchef Beumer geht

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