Jahresrückblick

Was unsere Banken und Sparkassen aus 2019 für 2020 lernen

19. Dezember 2019

Von Christian Kirchner

Also gut, binden wir’s ab: Wenn Sie ein Jahr lang rein gar nichts mitbekommen haben – was muss man in Sachen Banken über das Jahr 2019 wissen? Und was lernen wir daraus für die Zukunft? Der große Finanz-Szene.de Banken-Rückblick in acht Lehren:

1.) Im Retailbanking gehören IT-Pannen (und entsprechende Shitstorms) jetzt zum Alltag

Egal ob Postbank, Commerzbank, Sparkassen oder N26  – schwerwiegende IT-Pannen gehörten in diesem Jahr zum Alltag im deutschen Retailbanking. Kunden kamen oft tagelang nicht in ihre Online-Konten, kämpften mit Lastschriften, mussten auf Gutschriften warten. Die Hotlines? Völlig überlastet.

Haben wir es lediglich mit einer gefühlten Häufung zu tun (weil Portale wie „Allestörungen“ oder Shitstorms bei Facebook eine andere Aufmerksamkeit erzeugen, als das früher der Fall war …). Nein. Die Ausfälle nehmen tatsächlich zu, hören wir aus der Branche, und auch Bafin-Statistiken dokumentieren eindeutig eine Häufung.

Die Gründe? Dem einzelnen Fall liegt meist eine Verkettung individueller Pannen zugrunde, sagen uns Insider. Die Summe der Fälle deutet allerdings darauf hin, dass das wahre Problem woanders liegt. Die IT-Systeme sind veraltet und überlastet. Und jahrelange Sparmaßnahmen haben dafür gesorgt, dass es mitunter auch an Expertise und vor allem Manpower fehlt, um Probleme rasch in den Begriff zu bekommen.

Unterm Strich hat man bei manchen Banken inzwischen das Gefühl, sie lassen die Dinge halt geschehen. Wer käme schon auf die Idee, die Hotline so zu besetzen, dass sich auch Spitzenlasten abfedern lassen? Viel zu teuer. Im Zweifel verliert man dann halt lieber ein paar Kunden. Die Frage ist: Was, wenn aus ein paar Kunden immer mehr Kunden werden? Banken mit leistungsfähigen Systemen und niedrigen Ausfallquoten (Übersicht hier) dürften in den nächsten Jahren über einen klaren Wettbewerbsvorteil verfügen.

2.) Das Zinsgeschäft lief erstaunlich gut. Eine Renaissance? Eher das letzte Aufbäumen

Was sollen eigentlich die Klagen über die Zinsen? Bei Deutscher Bank und Commerzbank sind die Zinsüberschüsse in den ersten neun Monaten gestiegen; bei anderen Banken sah es zumindest auf Halbjahresbasis ähnlich aus. Und in einer EZB-Umfrage berichteten hiesige Kreditinstitut jüngst von nachlassendem Wettbewerbsdruck und höheren Margen. Das deckt sich mit unserer Diagnose, dass die deutschen Banken in diesem Jahre ein kleines Zinswunder vollbracht haben, übrigens nicht nur im Kreditgeschäft, sondern auch auf der Einlagenseite (siehe unsere Analysen hier, hier, hier und hier).

Eine Renaissance? Ein letztes Aufbäumen! Tendenziell fressen sich die niedrigen immer tiefer in die GUVs – und dieser Trend wird anhalten. Warum sonst setzt die (einlagenstarke und zinsabhängige) Commerzbank zum Totalumbau an und äußert sich kaum noch zu künftigen Erträgen. Und bei der deutschen ING ist der Zinsüberschuss zuletzt (Q3) zum Vorjahr sogar leicht gesunken. Die Oranje-Bank kann das verkraften. Für viele, viele andere Institut ist die Zeit des Durchmogelns vorbei.

3.) Niemand hat die Absicht, eine große Übernahme zu stemmen (und schon gar nicht grenzüberschreitend)

Die Commerzbank verfügt über rund 29 Mrd. Euro Eigenkapital, wird an der Börse aber lediglich mit 7 Mrd. Euro bewertet. Sagt das nicht alles? Wenn selbst bei diesem Super-Schnäppchen (nochmal: Wir reden hier von einer Bank mit defensivem Geschäftsmodell, überschaubaren Bilanzrisiken und einem Kurs-Buch-Verhältnis von 0,24!!!) niemand zugreift …

Anders gesagt: Über große Bankenfusionen wird zwar seit Jahren viel fabuliert, wenn sich jemand aber doch mal die Mühe macht, das Ganze durchzurechnen (siehe: Deutsche/Coba), dann kommt am Ende raus, dass es die Risiken nicht lohnt. Und was national gilt, das gilt grenzüberschreitend umso mehr – oder hat, sagen wir, der omnipräsente ING-Hamers wirklich mal erkennen lassen, dass er die Commerzbank wirklich haben will?

Mindestens drei Gründe sprechen dagegen:

  • Eine grenzüberschreitende Fusion wäre regulatorisch extrem herausfordernd
  • Eine Bank, die sich auf Jahre hinaus schwertun wird, ihre Kapitalkosten zu verdienen (also z.B. die Commerzbank) ist nicht wirklich billig, selbst wenn sie billig aussieht
  • Eine blau-gelbe Fusion hätte enorme Kostensynergien versprochen. Wenn sich aber nicht mal eine solche nationale Fusion rechnet – wie soll sich dann eine internationale mit deutlich niedrigeren Kostensynergien rechnen?

4.) Private Banking lohnt nicht mehr. Jedenfalls nicht für die Privatbanken

Wenn man uns eines nicht vorwerfen kann – dann, dass wir uns in diesem Jahr nicht liebevoll um unsere Privatbanken gekümmert hätten. Sie unsere Einzelanalysen zu …

….. und siehe schließlich unseren großen Überblick  aus dem Oktober. Drei Viertel der untersuchten Banken schrieben 2018 gerade mal so etwas wie eine schwarze Null. Und selbst dass bisweilen nur mithilfe von irgendwelchen Immobilien-Deals und/oder sonstigen Einmalerträgen.

Das Problem, auf den Punkt gebracht, sind die Kosten. Die nämlich fallen bei der Mehrzahl der Institute deutlich langsamer als die Erträge. Bzw.: Dort, wo die Erträge überhaupt steigen, klettern die Kosten meist schneller. Was unter dem Strich über alle von uns untersuchten 2018er-Bilanzen hieß: Erträge plus 150 Mio. Euro, aber Kosten plus 300 Mio. Euro über die letzten fünf Jahre.

Immerhin, leichte Besserung ist in Sicht. Denn die verwalteten Vermögen (und damit die Provisionsbasis) sind dieses Jahr durch die haussierenden Aktienmärkte gestiegen, die 2019er-Ergebniss könnten daher teilweise ganz gut ausfallen. Bloß, die Melange aus …

  • immensen liquiden Vermögen (im Zinstief)
  • Regulierungsdruck
  • und laufend steigenden IT-Anwendungen

… ist ein diabolischer Mix für künftige Erträge. Heißt für 2020: Konsolidierung wahrscheinlich. Schließungen nicht ausgeschlossen.

5.) Von den hiesigen Auslandsbanken lernen, heißt siegen lernen – auch im Firmenkundengeschäft

Warum gilt viele von dem, was für die hiesigen Banken gilt, eigentlich nicht für die hierzulande tätigen Auslandsbanken?

  • Die BNP Paribas wächst wie hulle und verdient damit gutes Geld, gerade im Firmenkundengeschäft (siehe hier).
  • Die deutsche ING stanzt Quartal um Quartal bei Cost-Income-Ratios unter 50% einen Vorsteuergewinn von 350 bis 400 Mio. Euro und wächst munter weiter, übrigens auch sie vor allem im Firmenkundengeschäft (siehe hier).
  • Selbst bei der vermeintlich heruntergesparten HVB passen Eigenkapitalrendite (>10%) und Cost-Income-Ratio (<70%) so einigermaßen. Jedenfalls sind das Werte, bei denen Commerzbank und Deutsche Bank nicht mal dann landen werden, wenn bis 2022 bzw. 2023 die großen Strategiepläne aufgehen.
  • Beim Kreditgeschäft wachsen Auslandsbanken schneller als alle anderen Bankengruppen (siehe hier).
  • Und die Zahl der ausländischen Institute hierzulande stieg im Vorjahr in einem stark schrumpfenden Gesamtmarkt um 4 auf 119 (okay, das war auch dem Brexit geschuldet).

Die Liste ließe sich (z.B. um die Targobank) fortsetzen. Was aber immer noch nicht die Frage nach dem „Warum“ erklärt? Könnte es sein, dass die Auslandsbanken schlicht viel radikaler denken als die hiesigen Institute?

6.) Die Kosteneffekte von Filialschließungen nehmen ab – die Risiken indes zu

Liebe Bankerinnen und Banker  – bevor Sie nach Lektüre von „Lehre 5“ nun plötzlich auf die Idee kommen, ganz radikal zu werden und noch mehr Filialen dichtzumachen … Lesen Sie bitte noch dies hier:

Zu den spannendsten Studien, die wir 2019 auf dem Tisch hatten, zählte eine vom UBS-Research durchgeführte Analyse der Banken-Filialnetze in Deutschland. Das Ergebnis, grob zusammengefasst: Weitere Filialschließungen würden (zumindest im Großbanken-Sektor) gar nicht mehr viel bringen. Denn die Netze sind im Hinblick auf Überlappungen und Standortqualität schon weitgehend optimiert (siehe hier).

Erstaunlich daher, dass sowohl die Commerzbank (200 von 1000 Filialen) als auch die Deutsche Bank (grübelt noch, laut gestrigem „MM“: 200-300 der noch 1300 Standorte) nochmals Hand an ihre Filialnetze anlegen wollen. Und noch erstaunlicher, dass die Radikalmaßnahmen nun auch im Sparkassen- und Genolager ankommen: Die kundenstärkste Genossenschaftsbank, die Sparda West, macht nicht weniger als die Hälfte ihrer Filialen dicht, die Sparkasse KölnBonn jede fünfte. Insgesamt hat sich schon 2018 das Tempo der Filialschließungen (-7%) beschleunigt. Neuere Zahlen kommen zwar erst im September. Sparkassen-Präsident Schleweigs hat allerdings schon stark sinkende Filialzahlen angekündigt (siehe hier). Was, liebe Sparkässler und Volksbanker, habt Ihr außer Eurer Kundennähe, denn überhaupt noch zu bieten?

7.) Finanzinvestoren verlieren die Lust an deutschen Finanzdienstleistern

Es ist nicht allzu lange her, da galt in Deutschland jedes Institut mit suboptimalen Kapitalrenditen als potenzielles Übernahmeziel von Finanzinvestoren. Und tatsächlich: Cerberus stieg 2017 bei Deutsche Bank und Commerzbank ein, Apollo übernahm ebenfalls 2017 die Oldenburgische Landesbank (um diese mit weiteren hierzulande akquirierten Banken zu verschmelzen), Cerberus und JC Flowers angelten sich 2018 die HSH Nordbank.

Und 2019? Nichts. Stattdessen zog sich Cerberus vollständig aus dem Südwestbank-Eigner Bawag zurück. Und die NordLB ging nicht, wie zwischendurch erwogen, an Finanzinvestoren, sondern wurde mit staatlichen Milliardenhilfen gerettet (vielleicht ja auch, weil die PE-Firmen nicht genug Geld auf den Tisch legten). Noch ein Beispiel gefällig: Warum stockt Cerberus sein Engagement bei „Blau“ und „Gelb“ nicht auf, wo doch die Preise beständig fallen?

Relativ einfach:

  • Die Hoffnung, mit den hohen Einlagenüberhänge deutscher Banken risikolose Zinsmargen zu verdienen, hat sich erledigt.
  • Solange es keine Bankenunion gibt, geht auch das alternative Kalkül, mit den hiesigen Einlagen halt im Ausland Geschäft zu machen, nicht auf.

8.) Die Super-Landesbank ist und bleibt ein Luftschloss

Was nochmal war der große Schleweis-Plan? Ach ja, eine Super-Sparkassen-Landesbank. Und was ist davon geblieben? Die Helaba und die Deka haben sich durchgerungen, eine „vertiefte Zusammenarbeit zu prüfen“. Das muss allerdings nicht heißen, dass der arme Herr Schleweis grundsätzlich auf dem Holzweg wäre. Vielleicht ist es ja auch einfach so, dass es manchen Bankern (gerade im roten Sektor) immer noch sehr gut geht.

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