Analyse

Welche Motive umtreiben Banken und Fintechs bei den KfW-Hilfen?

24. März 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Eines, liebe Banker und liebe Fintech-Manager, muss man Euch lassen: Chuzpe habe ihr! Die einen, also die Banker: Sitzen auf Kreditbüchern, in die es bald schon fürchterlich hineinregnen wird. Und strotzen vor Selbstbewusstsein („Nur Sparkassen und Genossenschaftsbanken sind in der Lage, ein solches Programm flächendeckend in Deutschland umzusetzen.“). Die anderen, also die Fintech-Manager: Besitzen nicht mal ein Kreditbuch. Und erklären der KfW, wie die ihre Milliarden-Hilfen für die deutsche Wirtschaft zu verteilen hat. Stark!

Fragt sich nur: Was steckt dahinter? Ist es die staatsbürgerliche Verantwortung, die Banken wie Fintechs antreibt? Ist es das Gefühl, endlich wieder gebraucht zu werden (die Banken) bzw. urplötzlich relevant zu sein (die Fintechs)?  Oder spielen womöglich auch andere, weniger edle Motive eine Rolle? Ein FAQ:

1.) Bei welchen Hilfen kommen Banken (und evtl. Fintechs) überhaupt ins Spiel?

Das Hilfspaket von Bund und Ländern unterteilt sich in 1.) die KfW-Kredite für Großunternehmen und KMUs, 2.) den Wirtschafts-Stabilisierungs-Fonds und 3.) das Hilfspaket für Kleinunternehmer und Solo-Selbständige. Für uns geht es um 1.) und 3.).

  • Die KfW-Kredite (Höhe: theoretisch unbegrenzt) werden über die Hausbanken an die Unternehmen geleitet. Dabei übernimmt der Staat via KfW 80% (Konzerne) bzw. 90% (KMUs) des Ausfallrisikos. Bei Kredithöhen bis zu 3 Mio. Euro reicht die Kreditprüfung durch  Bank oder Sparkasse; die sonst übliche zusätzliche Prüfung durch die KfW entfällt. Kreditanträge dürfen seit gestern eingereicht werden.

Für alle, die es genauer wissen wollen (oder es aus beruflichen Gründen müssen), haben wir hier die vier Informationsblätter verlinkt, die Banken und Sparkassen in den vergangenen Tagen seitens der KfW zugegangen sind: KfW-Info Banken 11/20 (PDF); KfW-Info Banken 12/20 (PDF), KfW-Info Banken 13/20 (PDF), KfW-Info Banken 14/20 (PDF)

  • Die Direkthilfen (als Zuschuss, nicht als Kredit) liegen bei 9000 Euro für Betriebe mit bis zu fünf Beschäftigten bzw. 15.000 Euro bei bis zu zehn Beschäftigten. Wie dieses Geld verteilt werden soll, ist noch unklar, weil es – anders als bei den KfW-Krediten – kein eingeübtes Verfahren gibt, an dem man sich orientieren könnte. Diverse Fintechs hoffen, vom Bund bzw. den Ländern mandatiert zu werden. Ob es wirklich so kommt, ist allerdings nicht gesagt.

2. ) Warum sind Banken und Sparkassen so erpicht darauf, am KfW-Programm teilzunehmen? …

… immerhin holen sie sich mit den neuen Krediten ja auch neue Risiken in die Bücher – selbst wenn die KfW sie von 80% bis 90% des Haftungsrisikos freistellt

Also:

  • Banken und Sparkassen  sind sich bewusst, dass sie in der jetzigen Gemengelage gar nicht anders können, als sich in den Dienst der großen Sache zu stellen. Eher früher als später wird diese Krise auch eine Krise der Banken werden. Die Krise wird Löcher in die Kreditbücher fressen, sie wird vermutlich auch dafür sorgen, dass bei dem ein oder anderen Institut das Eigenkapital knapp wird. Spätestens dann wird die Kreditwirtschaft die Politik bzw. den Staat brauchen. Drum jetzt: in Vorleistung gehen.
  • Banken und Sparkassen müssen sich nicht nur der Politik gegenüber von ihrer besten Seite zeigen, sondern auch ihren Unternehmenskunden gegenüber. Es gilt: Wann, wenn nicht jetzt? Denn: Auch wenn viele dieser Kunden in den nächsten Wochen und Monaten zu einem Risiko für die Banken werden, so haben die Banken dennoch kaum eine andere Wahl, als diesen Kunden zu helfen. Andere Kunden haben sie nicht.
  • Ein psychologischer wie politischer Unterschied zu 2008: Damals waren die Banken die Ursache allen Übels. Das sind sie diesmal nicht. So potenziell verheerend die gegenwärtige Krise auch sein mag – bei manchem deutschen Banker scheint sich dieser Tage trotzdem ein lange vermisstes „Wir werden gebraucht“-Gefühl zu regen. Man möchte jetzt Teil der Lösung sein. Ein Teil des Problems wird man noch früh genug.
  • Eine Frage, die eigentlich leicht zu beantworten sein müsste – auf die uns aber gestern von zwei Handvoll angefragten Banken, Bankern, Bankenprofessoren und Bankenverbänden keiner eine wirklich klare Antwort geben konnte oder mochte: Könnte es sein, dass Banken und Sparkassen über das KfW-Nothilfeprogramm letztlich ihre bestehenden Kreditbücher spürbar entlasten? Der Gedanke dahinter ist folgender: a) Die KfW-Kredite sind auch und gerade für Betriebsmittel-Finanzierungen gedacht; b) Zu den Betriebsmittelkosten kann man aber nicht nur Löhne, Sozialabgaben, Strom, Wasser, Vorprodukte usw. zählen – sondern eben auch den laufenden Kapitaldienst. Wenn also nun c) ein Unternehmen über seine Hausbank einen KfW-Nothilfekredit erhält, der (unter anderem) dazu dient, die laufenden Tilgungen bei ebenjener Hausbank zu zahlen, dann …

Die Frage allerdings lautet: Dürfen die Unternehmen die KfW-Kredite überhaupt für den laufenden Kapitaldienst nutzen? Aus den Bankenverbänden kamen hierzu am Montag unterschiedliche Einschätzungen, die KfW äußerte sich nicht (wobei: Der Tag gestern war so unfassbar hektisch gestern, dass wir gar nicht mehr beschwören können, dass wir die KfW exakt dies überhaupt gefragt haben). Die Quintessenz diverser Gespräch, die wir gestern geführt haben, lautet: Ja, laufender Kapitaldienst ist erlaubt (was aus unserer Sicht übrigens auch völlig okay wäre). Umschulden hingegen in keinem Fall.

3.) Sind Banken und Sparkassen überhaupt in der Lage, die KfW-Nothilfen zeitnah zu prüfen und auch zu bewilligen?

Gute Frage. Offiziell lassen die Verantwortlichen hieran keinerlei Zweifel. Ein Deutsche-Bank-Manager gab letzte Woche zu Protokoll, sein Institut sei „operativ voll handlungsfähig“. Und bei der Bilanz-PK des DSGV hieß es, siehe weiter oben, selbstbewusst. „Nur Sparkassen und Genossenschaftsbanken sind in der Lage, ein solches Programm flächendeckend in Deutschland umzusetzen.“

Doch ist die Deutsche Kreditwirtschaft wirklich so gut gerüstet, wie sie sich gibt?

Wir sprachen dieser Tage mit einem Firmenkundenberater bei einer nicht ganz kleinen deutschen Sparkassen. Der berichtete uns:

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass das mit den Förderkrediten funktioniert. Und zwar aus recht praktischen Gründen. Viele von uns sitzen jetzt daheim am Küchen- oder Esszimmertisch und machen Home-Office. Da fragt man sich schon, wie man unter diesen Arbeitsbedingungen jetzt die zu erwartende Masse an Anträgen zeitnah abarbeiten will. Zumal ich da ja nicht einfach einen Stempel darunter setzen kann. Sondern da muss ich erst mal die Marktfolge überzeugen und so weiter und so fort. Und nicht nur wir Banker könnten an Belastungsgrenzen stoßen – sondern bei kleinen Unternehmen zum Beispiel auch die Steuerberater, die in solchen Fällen oft den kompletten kaufmännischen Bereich abdecken.“

Aus einer kleineren Volksbank wiederum wurde uns (aus zweiter Hand, aber von einem seriösen, nicht interessengeleiteten Ansprechpartner) folgende Schilderung zugetragen:

„Da die Kreditakten dort immer noch physisch geführt werden, ist Home-Office dort gar nicht möglich. Sollte es zu einer Infizierung in der Bank kommen, dann käme das Kreditgeschäft faktisch zum Erliegen.“

Nun sollte man solche Berichte nicht überbewerten. Im Maschinenraum ist die Wahrnehmung immer eine andere als an Deck. Gleichwohl: Dass Banken, Sparkassen und nicht zuletzt die KfW in den kommenden Wochen vor einem nie dagewesenen Kraftakt stehen – die Sicht auf die Dinge dürfte mehrheitsfähig sein.

4.) Reißen’s die Fintechs jetzt raus?

Das muss man – sorry für die Plattitüde – differenziert sehen.

Einerseits: Unser Freitags-Aufmacher über den Fintech-Banker Marko Wenthin („Dieser Fintech-CEO will die Republik retten. Ernsthaft?!) ist auf große und – für uns überraschend – überwiegend positive Resonanz gestoßen, selbst unter Bankern. Das Ganze ging sogar so weit, dass sich ein leibhaftiges Wirtschaftsministerium (nicht das in Berlin, sondern ein Wirtschaftsministerium aus einem der 16 Bundesländer) Freitagmorgen in der Finanz-Szene.de-Redaktion meldete, ob wir nicht den Kontakt zu ein paar Fintechs herstellen könnten.

Bei aller Euphorie (das „Handelsblatt“ zum Beispiel dreht unsere Story heute Früh unter der Headline „Fintechs wittern ihre Chance“ gleich mal auf einer Doppelseite nach) darf man allerdings das „Andererseits“ nicht vergessen.

Das nämlich sieht so aus, dass den meisten KMU-Fintechs bei aller (vermuteten oder tatsächlichen) technischen Kompetenz zumindest eine Sache fehlt, und das ist ein eigenes Buch.

Und dann ist da noch eine zweite Sache, an die man zumindest ein kleines Fragezeichen machen muss (nachdem in den zurückliegenden 14 Tagen gleich zwei KMU-Finanzierungs-Fintechs aufgegeben haben, nämlich Funding Circle Deutschland und Finiata): Wie steht’s um die Kreditkompetenz?

Um das Ganze mal am Beispiel von Penta, also dem Fintech des besagten Marko Wenthin, zu verplausibilisieren: Die Berliner verstehen sich als „Online-Geschäftskonto“ für Startups und Kleinbetriebe. Per Mitte März verfügte Penta über rund 17.000 KMU-Kunden (kleine GmbHs, kleine GbRs etc. pp.). Ähnlich wie bei N26 basiert das Angebot im wesentlichen auf Konto- bzw. Zahlungsverkehrsfunktionen. Klassische Kredite gehören dagegen nicht zum Angebot. Und KfW-akkreditiert ist das Fintech auch nicht.

Das heißt: Penta kann seine KMU-Kunden derzeit nicht mit KfW-Notkrediten versorgen.

Mit dieser Schwäche steht die Finleap-Tochter freilich nicht allein. Der CEO des Frankfurter KMU-Finanzierers Creditshelf zum Beispiel darf zwar heute Morgen in einem prominent platzierten „Handelsblatt“-Interview staatstragend verkünden: „Jetzt ist die Zeit für schnelles Handeln.“

Fragt man bei Creditshelf aber mal konkret nach (was Finanz-Szene.de bereits am Freitag tat), ob das Unternehmen bzw. die Investoren auf seiner Plattform überhaupt willens sind, sich am KfW-Programm zu beteiligen und ins Risiko zu gehen, fällt die Antwort wachsweich aus:

„Grundsätzlich verstehen wir uns als Marktteilnehmer genau so wie die traditionellen Banken. Das gilt auch für evtl. Risikonahmen. Aber für uns geht es aktuell weniger um die Bewertung der von der Bundesregierung und der KFW ausgearbeiteten Programme und Haftungsfreistellungen. Wir bieten uns an. ein ‚Teil der Lösung‘ zu sein. […]“

Ähnlich zurückhaltend äußerst sich gegenüber Finanz-Szene.de auch die Solarisbank, die mit ihrer Banklizenz hinter Angeboten wie Penta, Kontist oder Tomorrow steht: Man schließe eine Teilnahme am KfW-Kreditprogramm zwar „nicht aus“, konzentriere sich aber zunächst einmal „auf den bestmöglichen Service unserer bestehenden Partnern“.

Bei N26 wiederum heißt es auf unsere Anfrage hin: „Aktuell ist N26 kein Finanzierungspartner der KfW. Daher haben unsere Business-Kunden über uns keinen direkten Zugang zu den Nothilfekrediten. Wir klären unsere Business-Kunden daher gerade intensiv darüber auf, wie die Beantragung der Nothilfekredite über die KfW funktioniert und wo sie eine Übersicht aller Finanzierungspartner in ihrer Nähe finden können.“

Wenn wir es richtig verstehen, ist N26 also gerade dabei, seine Geschäftskunden an Sparkassen, Volksbanken und sonstige Konkurrenten zu verweisen.

5.) Was, bitteschön, wollen die Fintech überhaupt?

Mag sein, dass manche KMU-Fintechs mit ihrem momentanen Getöse auch ein bisschen davon ablenken wollen, dass sie ihren Kunden nicht das bieten können, was die etablierten Banken bieten.

Aber – wichtiger scheint uns ein anderes Motiv zu sein: So wie manche Banker dieser Tage ein (siehe oben) wohliges „Wir werden wieder gebraucht“-Gefühl befällt, so werden manche Fintech-Jungs von einem ein „Das ist unsere Stunde“-Gefühl erfasst. Beugte man sich gerade noch über die monatliche BWA und freute sich über die (hoffentlich) sechsstellige Umsatzgröße, so ist man plötzlich Teil eines historischen Moments. Und statt um ein paar hunderttausend Euro geht es jetzt – um Milliarden.

Die Ratio bzw. das Kalkül der Fintechs ist (siehe unser Freitagsbericht über Herrn Wenthin) auf den Punkt gebracht Folgendes: So wie sich die alte Garde aus BMF, KfW und Kreditwirtschaft das vorstellt – so wird’s nicht funktionieren. Denn: Es ist jetzt nicht der Moment für das Hausbank-Prinzip, das Durchleitungs-Prinzip und das aufnahmefähigste Kreditbuch. Sondern: Es ist jetzt der Moment des technologie-getriebenen Zackzack. Was die zuschussbasierten Soforthilfen für Freiberufler und Selbständige angeht, hat die Politik das bereits eingesehen. Und was die kreditbasierten Instrumente angeht, wird sich diese Einsicht in den nächsten Wochen vielleicht noch durchsetzen.

So jedenfalls stellen’s die Fintechs dar. Und bringen sich in Stellung. Nicht nur Penta. Sondern auch Iwoca und October, der Factoring-Spezialist Billie, die Kredit-Vermittler Compeon und Fincompare oder der Düsseldorfer Marketplace-Lender Auxmoney (der über die größte Krediterfahrung aller hiesigen Fintechs verfügt, allerdings dem Konsumentengeschäft entstammt und erst nach und nach in Segment wie Freiberufler/Selbständige und nochn später kleine KMUs vordrang). Daneben sind auch Allianzen zwischen alter und neuer Welt zu beobachten. So werkelt zum Beispiel der Münchner Fintech finAPI nach Finanz-Szene.de-Informationen an einer gemeinsamen Lösung mit der Schufa.

Schlägt die Stunde der Fintechs also tatsächlich? Abwarten.

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