Werden Europas Banken jetzt von einer Fusionswelle erfasst?

14. September 2020

Von Christian Kirchner

Jahrelang wurde zwar viel geredet über Fusionen und Übernahmen im europäischen Bankensektor – es passierte jedoch reichlich wenig. Das scheint sich nun zu ändern. Ende Juli brachte Intesa Sanpaolo die Akquisition der Ubibanca unter Dach und Fach. Dann traten Bankia und Caixa in Fusionsgespräche ein. Und gestern nun: Kam „Inside Paradeplatz“ mit der Meldung auf den Markt, dass UBS und Credit Suisse einen Zusammenschluss erwägen.

Fragt sich: Wie realistisch ist ein Zusammengehen der beiden Schweizer Großbanken wirklich? Wie kommt es, dass Bankenfusionen in Europa (scheinbar) plötzlich wieder ein Thema sind? Und was heißt das alles für die Situation hierzulande? Schließlich ist die Commerzbank-Aktie ja nicht ohne Grund seit Mai um 65% gestiegen. Unser FAQ:

Wie ist der Stand ins Sachen UBS/Credit Suisse?

Gestern Früh wurde die News zunächst mit Skepsis aufgenommen. Stimmt wirklich, was „Inside Paradeplatz“ da berichtet? Ein Dementi allerdings blieb aus. Und dann drang sogar so etwas ähnliches wie eine Bestätigung nach außen. So schrieb zum Beispiel „Bloomberg“ unter Verweise auf „mit der Angelegenheit vertrauen Personen“, der UBS-Verwaltungsratschef Axel Weber prüfe „im Rahmen regelmäßiger Überlegungen zu zukünftigen strategischen Optionen die Machbarkeit einer Mega-Fusion mit der Konkurrentin Credit Suisse“.

Kurzum, die Sache stimmt also. Und auch wenn der Verfahrensstand noch ein sehr früher zu sein scheint, so gibt es laut „Inside Paradeplatz“ immerhin schon einen konkreten Projektnamen: „Signal“. Die Aktie der Credit Suisse stieg gestern übrigens um 4%, die der UBS um 3%.

Warum sind Bankenfusion plötzlich wieder en vogue?

  1. Europas Finanzaufseher nahmen zuletzt eine dezidiert freundliche Haltung gegenüber (nationalen) Bankenfusionen ein. Der Bedarf nach Konsolidierung sei immer noch da, sagte der Chef der EZB-Bankenaufsicht Andrea Enria vor wenigen Wochen in einem Interview. „Wir sehen immer noch Überkapazitäten, die auf den Gewinnen und der Kosteneffizienz der Banken lasten.“ Und damit die Botschaft auch bei jedem Bankvorstand ankommt, legte Enrias Kollege Edouard Fernandez-Bollo zur darauf noch einmal nach: „Konsoldierung kann sichere und stabilere Banken schaffen.“ Kleines Schmankerl: Beide Interviews führten die Aufseher quasi mit sich selbst, nämlich mit dem hausinternen EZB-Aufsichts-Newsletter.
  2. Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie erhöhen überall in Europa den Druck auf die Banken, etwas gegen den Verfall der Profitabilität zu tun. Die Credit-Suisse-Aktien taumelt bereits seit Jahren (-60% seit 2015) und notiert nur noch beim 0,6-Fachen des Buchwerts. Die Papiere der UBS verloren im gleichen Zeitraum rund 40% und stehen bei „0,8 x Buch“.  Eine rasche Erholung scheint ausgeschlossen. Bei beiden Schweizer Großbanken rechnen Analysten für dieses Jahr mit einem Gewinnrückgang von rund 20%.

Wo ist der Haken bei den Plänen von UBS/Credit Suisse?

Es fragt sich, ob in der Schweiz (BIP 2019: 700 Mrd. Franken) eine fusionierte Großbank mit 1800 Mrd. Franken Bilanzsumme überhaupt vermittelbar wäre – sowohl bei den Monopolwächtern als auch in der Bevölkerung. Die Erinnerungen sind noch frisch an die Finanzkrise 2008, als die UBS die Hilfe von Staat wie Schweizerischer Notenbank brauchte.

Wie stehen die beiden Institute im Vergleich da?

Die UBS ist größer und profitabler, wie ein rascher Vergleich der wichtigsten Kennziffern zeigt …

UBS Credit Suisse
Börsenwert in Mrd. Franken 43,1 22,9
Gewinn 2020e Mrd. Franken 5,0 2,8
Eigenkap.-Rend. in % 2020e 13,3 6,8
Kernkapitalquote CET1 2020e 13,5% 11,7%

Fällt den Banken nichts anderes außer Kostensynergien ein?

Zugegeben: Eine Großfusion, die vermutlich massiv Kosten besonders in den Zentralstellen sparen würde – das klingt nicht sonderlich kreativ. Aber blickt man einfach mal auf die kleine Historie der Bankenfusionen und -übernahmen der letzten Jahre, wie es die Analysten von Morgan Stanley getan haben, stellt man fest: Die Kostensynergien inbesondere beim Juniorpartner einer Fusion läppern sich doch gewaltig. Sie betrugen 17% (bei der Übernahme der portugiesischen BCI durch die spanische Caixa) bis 40% (bei der Übernahme der Banco Mare Nostrum durch Bankia). Wichtig zur Einordnung: Die Kosteneinsparungen verschlangen zunächst einmal das Zwei- bis Zweieinhalbfache in Form von Restrukturierungs-Aufwendungen.

Siehe diese Tabelle hier (Smartphone bitte querhalten, sonst müssen Sie zu viel wischen …)

Jahr Käufer Ziel Kosten-Basis beim Kaufziel Kosten-Synergien beim Kaufziel Synergien in % der Kosten Restrukt.-Aufwend. Faktor Aufw./ Ersparnis
2017 DBK Postbank 2.853 900 32% 1.900 2,1
2017 Bankia Bk. Mare N. 391 155 40% 334 2,2
2017 Santander Popular 1.545 500 32% 1.300 2,6
2017 Bko. Popolare BPM 945 290 31% 480 1,7
2017 ISP Veneto-Bken. 1.531 536 35% 1.285 2,4
2017 UBI div. Banken 597 194 32% 253 1,3
2017 Caixabank BPI 498 85 17% 250 2,9
2020 Intesa UBI 2.471 510 21% 1.270 2,5

(jeweils in Mio. Euro, Quelle: Morgan Stanley)

Stehen jetzt auch hierzulande Großfusionen an?

Wenn die Aufseher in Fusionen ein probates Mittel für stärkere Banken und gegen Überkapazitäten sehen – dann müssen auch und gerade die Institute hierzulande angesprochen fühlen. In Deutschland vereinigen die fünf größten Banken 31% Marktanteil auf sich, in der Eurozone sind es 60%. Die jüngsten Fusionskandidaten stehen zudem in Sachen Eigenkapitalrendite (Intesa: 7%, UBS: 13%, Credit Suisse: 7%, UBI 4%) auffällig besser da als viele Geldhäuser hierzulande. Zur Erinnerung: Laut Analystenschätzung werden die Deutsche Bank und die Commerzbank sowohl in diesem als auch im nächsten Jahr rote Zahlen schreiben. Und da es bei den Aareals und Deutschen Pfandbriefbanken und zumindest einigen Landesbanken soooo viel besser auch nicht aussieht, bleibt zumindest festzuhalten: So gut, dass sie sich dem Thema ganz grundsätzlich verschließen können, geht es den hiesigen Banken eher nicht.

Würden Fusionen hierzulande denn was bringen?

Nehmen wir einfach mal beispielhaft die Commerzbank. Die Morgan-Stanley-Analysten führen den jüngsten Kursanstieg der Coba-Aktie (+65% seit Mai, +20% seit Anfang Juli) auf die M&A-Nachrichten speziell aus Italien und Spanien (siehe oben) zurück. Wäre eine Fusion also ein Allheilmittel?

Nicht unbedingt. Denn schaut man auf die Ausgangslage, dann hat sich seit dem Frühjahr/Sommer 2019 (sprich: seit den geplatzten Plänen für Blau-Gelb) so viel nichts verändert: Jene Fusion, die die mit Abstand größten nationalen Kostensynergien versprochen hätte – also die der Deutschen Bank und der Commerzbank – wurde seinerzeit als nicht zielführend erachtet. Und damit gilt weiterhin, was wir schon vor einigen Monaten (siehe unser „Jahresaublick 2020“) schrieben: Wenn sich hierzulande nicht einmal die nationale Lösung rechnet – wie soll dann erst eine internationale (oder „halbinternationale“ mit BNP Paribas, ING oder Unicredit) Kombination Sinn machen?

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