Analyse

Wertpapier-Boom geht an klassischen Banken fast komplett vorbei

24. Februar 2021

Von Christian Kirchner

Ein Boom? Nein, so weit wollte Ingmar Rega dann noch nicht gehen. Aber immerhin: „Erste Anzeichen eines Umdenkens bei Sparerinnen und Sparern“, die würden sich abzeichnen.

Wirklich?

Ingmar Rega, muss man wissen, ist der Vorsitzende des Genossenschaftsverbands und spricht in dieser Funktion für fast 50% aller Volks- und Raiffeisenbanken hierzulande. Ende vergangener Woche präsentierte der Verband seine Geschäftszahlen für 2020, und die lasen sich im Bezug auf das Wertpapiergeschäft im ersten Moment wirklich nicht schlecht:

„Die Zahl der bei unseren Mitgliedsbanken neu eröffneten Depots […] hat spürbar angezogen: 2020 lag sie […] bei 55.936 und damit um fast 41% höher als 2019.“*

Das Problem nun allerdings:

  1. Das scheinbar kräftige Plus von 41% war nicht zuletzt den mauen Vorjahreszahlen geschuldet
  2. Bei den knapp 56.000 Depots handelte es sich um eine Bruttogröße. Netto lag der Zuwachs gerade mal bei gut 9.000
  3. Gemessen an dem, was da draußen sonst so abgegangen ist im vergangenen Jahr, sind die 9.000 Depots – nun ja: Fast nichts.

Die ING Diba? 287.000 neue Depots. Der Frankfurter Online-Broker Flatex? 450.000 neue Depots. Der Berliner Neobroker Trade Republic? Schätzungsweise (siehe hier) 400.000 neue Depots.

Oder anders gesagt: Bei Trade Republic wurden (netto …) gut 40-mal so viele Wertpapierdepots eröffnet wie bei zusammen rund 350 Genobanken – und nach allem, was wir hören, hat sich dieser Trend 2021 nochmals beschleunigt.

In der Tat – es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, was da draußen momentan passiert: Seit Jahr und Tag versuchen unsere Banken und Sparkassen die Deutschen zu überzeugen, ihr Geld doch bitteschön nicht immer nur aufs Konto zu packen, sondern lieber in Aktien und andere Wertpapiere zu investieren. Und nun? Tun der deutsche Michel und die deutsche Michaela endlich, wie ihnen geheißen wird (siehe z.B. unsere Artikel hier, hier und hier) – doch wer, so sieht es jedenfalls aus, profitiert am wenigsten?

Die Banken! Jedenfalls die klassischen, also die mit den Filialen, Beratern und angeschlossenen Fondsdienstleistern.

Zwar sind die Zahlen des Genossenschaftsverbandes nicht zwingend repräsentativ. Eine gewisse Aussagekraft darf man ihnen allerdings zubilligen, stehen sie doch beinahe für den halben genossenschaftlichen Bankensektor. Derweil die Sparkassen? Bei den baden-württembergischen stieg der Depotbestand immerhin um 4,5% – was allerdings auch noch kein Boom ist, genauso wenige wie der auf 2,9 Mrd. Euro gestiegene Nettoabsatz bei Wertpapieren (im Vergleich zu um 11,7 Mrd. Euro gestiegene Spareinlagen). Bei anderen regionalen Sparkassen-Verbänden? Hat man fast schon das Gefühl, sie würden Themen wie „Trading-Boom“, „ETF-Boom“ oder „Sparplan-Boom“ bei ihren Bilanz-PKs lieber umschiffen.

Indes: Würden die Kleinanleger den Sparkassen die Türen (gern auch die virtuellen) einrennen, dann müsste man das ja im Provisionsergebnis sehen. Stattdessen:

  • Bei der größten deutschen Sparkasse, nämlich der Hamburger Haspa, stieg der Provisionsüberschuss nicht etwa, sondern er sank – und zwar gleich um 6% (!) Der Grund? Nach einem guten Start zu Jahresanfang habe das Kundengeschäft „vorübergehend unter den Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie gelitten“.
  • Beim Ostdeutschen Sparkassenverband stand ein Plus von 1%
  • Der Sparkassenverband Westfalen-Lippe, immerhin, berichtet von einem 3%-igen Plus

Bei anderen klassischen Banken? Sieht es teilweise besser aus, teilweise aber auch nicht

  • Bei der Deutschen Bank stieg der Provisionsüberschuss im Privatkundengeschäft um 6%
  • Bei der Commerzbank betrug das Plus im Privatkundenbereich satte 12% (mutmaßlich: dank der Comdirect, siehe unten)
  • Bei der (ausschließlich aufs Retailgeschaft ausgerichtetet) Sparda Hessen ging der Provisionsüberschuss um 8% zurück

Von den namhaften Banken konnte einzig jene satte Zuwächse erzielen, die ihr Geschäft rein digital betreiben:

  • Bei der ING Deutschland zog der Provisionsüberschuss (freilich von bescheidenem Niveau aus) um 48% an
  • Die Comdirect meldet zwar keine Zahlen mehr, seit sie in der Commerzbank aufgegangen ist, hatte allerdings zum ersten Halbjahr ein Plus von 248 % beim Überschuss

Die Gründe für die krass auseinanderklaffende Performance? In der jüngsten Folge von „Finanz-Szene – Der Podcast“ hatte der hiesige ING-Chef Nick Jue auf die enorme Bedeutung des Smartphones für den aktuellen Trading-Boom verwiesen. So sei der Anteil der Trades via Smartphone von 16% (2019) bei der Oranje-Bank im vergangenen Jahr auf 45% gestiegen. Ähnlich hatte in der vorletzten Podcast-Folge auch schon Baader-Chef Nico Baader argumentiert: Die klassischen Geldhäuser hätten den Übergang zum mobilen Wertpapierhandel verpasst.

Was freilich auch zur Wahrheit gehört – und fairerweise betont werden sollte: Der momentane Boom ist ein Selbstentscheider-Boom, lebt also von einer Klientel, die sich von der Stammklientel vieler Sparkassen und Volksbanken deutlich unterscheidet.

Dass sich mit dieser Stammklientel weiterhin Geld verdienen lässt, zeigt sich in den gestern vorgelegten Zahlen der Fondslobby BVI (die ja auch die großen bankeneigenen Fondsanbieter DWS, Deka und Union vertritt). Allerdings zeigen die Zahlen auch: An Rekordjahre wie 2015 und 2017 haben die 2020er-Publikumsfonds-Zahlen trotz des Wertpapier-Booms bizarrerweise nicht herangereicht:


Eine Erklärung ist, dass die Fondsbranche ein sehr turbulentes erstes Halbjahr sozusagen aufholen musste. Zur Wahrheit gehört allerdings auch: 33% der Nettozuflüsse speisten sich aus den (margenschwachen) ETF-Geschäft – 2017 waren es erst 21% gewesen.

Auch Bundesbank-Daten (die allerdings erst bis zum Q3 vorliegen) zeigen, dass 2020 ein Paradigmenwechsel stattgefunden hat: Steckten private Haushalte noch in den Vorjahren stets mehr Mittel in Fonds als in Aktien (in der Regel sogar doppelt so viel oder mehr), floss von Januar bis September letzten Jahres plötzlich mehr Geld in Aktien direkt denn in Fonds.

Nun könnte man sagen: Auch das ist eine Momentaufnahme, womöglich speziell bei Aktien der Euphorie geschuldet, die auch wieder abebben kann, während ja die geschätzt zehn Millionen Sparpläne in Fonds langfristig weiterlaufen. Auf diesem Wege fließen der Fondsbranche automatisch geschätzt monatlich hohe dreistellige Millionenbeträge und den Banken die dazugehörigen Provisionen zu – und das auch in der nächsten Krise.

Und trotzdem vermitteln auch die Buba-Zahlen letztlich den Eindruck: Im Wertpapiergeschäft laufen die Dinge seit einigen Monaten in eine komplett neue Richtung – und es nicht die Richtung der klassischen Banken und Sparkassen.

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*Anm.: Obwohl wir der Pressekonferenz des Genossenschaftsverbands beigewohnt haben, erinnern wir den gesprochen Wortlaut nicht mehr exakt. Wir haben darum an dieser Stelle den Wortlaut aus dem Redemanuskript übernommen.

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