Analyse

Wie Christian Sewing 1,7 Mrd. Euro (!!!) Sachkosten sparte

21. April 2021

Von Christian Kirchner

Es klang fast so, als hätte Christian Sewing auf genau diese Frage gewartet. Wobei – eine Frage war es genau genommen ja gar nicht. Sondern: Zum Abschluss einer digitalen Podiumsdiskussion beim BdB-Bankentag am Montagnachmittag wurde der Deutsche-Bank-Chef gebeten, folgenden Satz zu vervollständigen: „Ich habe in der Pandemie gelernt …“ – und ohne eine Sekunde des Zögerns ergänzte Sewing: „… welche Potenziale man in der Bank noch hat, die Kosten zu senken – und das dauerhaft.“

Die Frage ist nur: Wo und wie genau spart die Deutsche Bank? Die erste, naheliegende Vermutung wäre, dass die Reduktion der Kosten vor allem einer Reduktion der Personalkosten zu verdanken ist. Als Christian Sewing im April 2018 antrat, zählte die Deutsche Bank 97.130 Mitarbeiter (in Vollzeitstellen gerechnet). Inzwischen beträgt diese Zahl nur noch 84.659 – ein Minus von 12,8%. Entsprechend ist der ausgewiesene Personalaufwand von 2018 bis 2020 auch um 11,4% gesunken (von 11,8 Mrd. Euro auf 10,5 Mrd. Euro). Das klingt allerdings besser als es ist, denn diese Zahlen lassen die Einmalkosten außer Acht, die mit jedem Personalabbau einhergehen. Da geht es um viel Geld: So betrugen die Kosten für Restrukturierung und Abfindungszahlungen allein 2020 stolze 688 Mio. Euro.

Nein, die Erklärung ist an anderer Stelle zu finden. Ein Blick in den Geschäftsbericht für das vergangene Jahr – und ein Vergleich mit den Angaben der Vorjahre – liefert Indizien dafür, dass es der Deutsche Bank vor allem gelungen ist, bei den Sachkosten und den sonstigen Kosten zu sparen. Diese sind seit 2017 nämlich um 1,7 Mrd. Euro (!) gesunken. Wie genau hat das größte Geldhaus der Republik das gemacht? Eine Analyse:

1.) Halb Personal-, halb Sachkosten

Zunächst einmal das Big Picture: Insgesamt betrugen die Kosten der Deutschen Bank im vergangenen Jahr rund 21,2 Mrd. Euro. Lässt man mal einen Sonderposten außen vor, entfallen die Kosten fast hälftig auf die beiden üblichen Aufwandspositionen:

  • 10,5 Mrd. Euro fielen fürs Personal an und
  • 10,3 Mrd. Euro für Sachaufwand und sonstige Ausgaben. Dazu zählen zum Beispiel Kosten für die IT, für Ausstattung, Papier oder Reisen, aber auch Kosten für externe Dienstleister wie Anwälte und Berater.

Wichtig hierbei: Seit dem letzten vollständigen Geschäftsjahr unter Sewings Vorgänger John Cryan, nämlich 2017, scheinen die Kosten tendenziell zu sinken (wobei wir die Sachkosten der „Cryan-Jahre“ 2015 und 2016 fairerweise unberücksichtigt lassen. Diese lagen mit 18,6 Mrd. Euro bzw. 15,5 Mrd. Euro zwar massiv höher, allerdings hing das vor allem mit großen Einmaleffekten zusammen, genauer: mit Rechtsstreitigkeiten und den Kosten für deren Beilegung) …

… genauer: Um mehr als 14% (!) konnte die Bank die Sachkosten und sonstigen Kosten in diesem Zeitraum senken. Bzw.: um gut 1,7 Mrd. Euro (!) – in absoluten Zahlen gerechnet.

Zwar stellt das Jahr 2019 einen kleinen Ausreißer vom Trend dar, doch dieser Ausreißer lässt sich durch zwei Faktoren erklären: erstens durch abermalige Kosten für Rechtsstreitigkeiten (von 0,5 Mrd. Euro) und zweitens durch einen einmaligen Anstieg der IT-Kosten. Werfen wir hierauf mal einen gesonderten Blick.

2.) Konstante IT-Kosten

Bemerkenswert an den IT-Kosten der Deutschen Bank ist einerseits ihre Konstanz (sieht man einmal vom erwähnten Ausreißerjahr 2019 ab). Als Cryan 2015 antrat, sorgte er für Aufsehen, weil er die IT des Hauses wörtlich als „lausig“ und „horrend ineffizient“ bezeichnete und beschloss, vieles, was über die Jahre ausgelagert worden war, wieder zurück ins Haus zu holen. Da wäre zu erwarten, dass die Kosten für die IT mächtig gestiegen wären, doch Pustekuchen: Im Grunde pendelten die Ausgaben für die IT über all die Jahre (eben außer: 2019) um die 3,8 Mrd. Euro.

Womit wir bei der zweiten Auffälligkeit wären, nämlich dem Ausreißerjahr 2019. Doch das ist schnell erklärt. In jenem Jahr verkündete Christian Sewing die neue Strategie, verbunden mit allerlei Zielvorgaben für 2022 und massiven Investitionen in die Transformation des Geldhauses. So sagte der CEO damals: „Wir sind fest entschlossen, in unsere Technologie zu investieren und werden von 2019 bis 2022 rund 13 Mrd. Euro hierfür ausgeben.“ Was 3,25 Mrd. Euro p.a. entspricht. Nun ist „Technologie“ nicht gleich „IT“, aber natürlich enthalten die Zahlen in den Geschäftsberichten auch Einmal-Effekte. Zudem bedeutet schon Konstanz in Zeiten, in denen überall sonst auf die Kosten geachtet wird, dass die IT vom expliziten Sparkurs offenbar ausgenommen ist. Ganz anders die Reisekosten …

3.) Reisekosten im Sturzflug

Dass die Reisekosten Corona-bedingt 2020 in sich zusammensacken, um 70% – geschenkt, das erklärt sich von alleine. Allerdings drückte die Bank die Reisekosten schon von 2017 (dem letzten vollen „Cryan-Jahr“) bis 2019 (dem letzten vollen Jahr vor Corona) um knapp 37%. Und das, obwohl die Zahl der Vollzeitkräfte in diesem Zeitraum „nur“ um 10% sank. John Cryan mag zu seiner Zeit als knausriger Manager gegolten haben – doch es ist vor allem Christian Sewing, der sich – wenn wir an dieser Stelle einfach mal ein Lob aussprechen dürfen – als disziplinierter Sparmeister entpuppt.

Der Blick auf die Reisekosten wird umso interessanter, wenn man bedenkt, dass geschäftiges Reisen unter Bankern lange als Voraussetzung für geschäftlichen Erfolg galt. Doch ausgerechnet 2020, als die Deutsche Bank nur noch 76 Mio. Euro für Flüge, Bahnfahrten oder Hotels ausgab (85% weniger als 2015!!!), schrieb sie ihren ersten Nettogewinn seit 2014 …

Natürlich sind die Reisekosten da nur ein Mosaikstein unter vielen, doch sollte das Reisen irgendwann wieder ohne Einschränkungen möglich sein, sollten die Controller des Hauses diese Erkenntnis im Hinterkopf behalten. Sieht vermutlich auch Sewing so. Denn sein Zitat am Dienstag kulminierte ja in dem Wörtchen „dauerhaft“.

4.) Werbung, Marketing, pffff….

Angaben zur Höhe der Marketingausgaben finden sich nicht im IFRS, wohl aber (was wir uns nicht alles angucken den lieben, langen Tag lang …) im HGB-Geschäftsbericht. Schnell zu erkennen: Lange Zeit konnten die Verantwortlichen dort Ausgaben von rund 300 Mio. Euro pro Jahr verteidigen, der Posten lag mal ein paar Millionen darüber, mal ein paar darunter.

2019 dann setzte es die erste deutliche Kürzung: um ein Sechstel ging es damals runter. 2020 kam ein weiteres Drittel hinzu – und schwupps, schon waren die Ausgaben für Werbung und Kampagnen um 135 Mio. Euro bzw 44% gekappt, verglichen mit 2017, dem letzten vollen „Cryan-Jahr“.

5.) (Noch) stabile Immobilienkosten

Anders als bei den Reisekosten hat sich Corona bei den Ausgaben für Büros und Filialen noch nicht bemerkbar gemacht. Zwar ist der Flächenbedarf bedingt durch den Abbau von Mitarbeitern und mehr Home Office gesunken, doch da Verträge für Gewerbeimmobilien in aller Regel über mehrere Jahre laufen, schlägt sich das nicht sofort in den Ausgaben nieder.


Zwar sind die Kosten für Gebäude und Büros von 2015 bis 2018 gesunken, doch seitdem stagnieren sie. 2020 sind sie sogar wieder etwas gestiegen. Bei gleichzeitig sinkenden Mitarbeiterzahlen bedeutet dies mehr Ausgaben pro Mitarbeiter: Gab die Bank 2015 pro Vollzeitstelle rechnerisch 19.230 Euro an Miet- und Gebäudekosten aus, waren es 2020 sogar 20.360 Euro.

Ein möglicher Grund dafür: steigende Mieten. Ein anderer möglicher Grund: Die „Umbaubelastungen“, von denen die Bank sagt, dass sie sie hingenommen habe, zwecks einer „beschleunigten Rationalisierung bei von der Bank genutzten Immobilien“. Was übersetzt so viel heißen dürfte wie: Bei Büroflächen ist es wie bei Mitarbeitern – wer sie loswerden will, muss erst einmal Geld in die Hand nehmen, zum Beispiel um Verträge aufzulösen.

Stimmt das so, müsste 2021 ein erster spürbarer Effekt sichtbar werden. Und auch langfristig dürften dieser Posten deutlich sinken. Wie sagte Christian Sewing auf der Hauptversammlung im vergangenen Jahr, als er feststellte, dass 60% seiner Mitarbeiter weltweit außerhalb des Büros arbeiteten und das Geschäft trotzdem lief: „Wenn das so ist, brauchen wir dann noch so viel Büroraum in teuren Metropolen?“

6.) Berater? Mach‘ Dich fott!

Kommen wir zu dem auf lange Sicht mit Abstand dicksten Brummer bei den Einsparungen – den Kosten für externe Beratung. Natürlich lassen sich die hohen Werte für die Jahre 2015 und 2016 vor allem mit den hohen Ausgaben für Anwälte und Kanzleien erklären – immerhin ging es damals gerade auch bei den Verfahren in den USA um nicht weniger als die Existenz der Bank. Doch auch danach sind die Kosten für Juristen und andere externe Berater stark gesunken. So fielen diese Ausgaben von 2017 – dem letzten vollen „Cryan-Jahr“ – bis 2020 um 0,8 Mrd. Euro bzw. 44%. Eine Erklärung dafür: Verstärkte Internalisierung – übrigens ein Cryan-Projekt.

7) Ehrgeizigere Ziele

Im Juli 2019 verkündete Christian Sewing die neue Strategie der Deutschen Bank. Bezogen auf die Kosten hat er jüngst noch mal nachgeschärft und als Zielwert für 2022 bereinigte Kosten in Höhe von 16,7 Mrd. Euro (statt wie bisher 17 Mrd. Euro) ausgerufen. „Bereinigte Kosten“ bedeutet dabei, dass die ausgewiesenen Gesamtkosten von zuletzt 21,2 Mrd. Euro um  einmalige Kosten für Wertberichtigungen, Rechtsstreitigkeiten, Abfindungen, Transformation oder auch erstattungsfähige Aufwendungen im Hedgefonds-Geschäft bereinigt werden. So betrugen die „bereinigten Kosten“ 2020 nur 19,5 Mrd. Euro. Ziel ist somit eine Reduktion um mehr als 14% binnen zwei Jahren.

Hier nun für alle Feinschmecker nochmal alle Daten der Geschäftsberichte seit 2015 – wobei insbesondere die Aggregation unter „Rest“ aufgrund der hohen darin verpackten Einmaleffekte mit einer gewissen Vorsicht zu genießen ist.

in Mio. Euro 2015 2016 2017 2018 2019 2020 absolut vs. 2015 absolut vs. 2017
Mieten & Gebäude 1.944 1.972 1.849 1.698 1.693 1.724 -220 -125
Regulatorik/Steuern n.a. n.a. n.a. 1507 1.440 1.407 n.a. n.a.
IT 3.664 3.872 3.798 4.043 5.011 3.862 198 64
Beratung 2.283 2.305 1.769 1.323 1.143 982 -1301 -787
Reisen 505 450 405 288 256 76 -429 -329
Marketing 294 285 309 299 251 174 -120 -135
Rest* 10.952 6.570 3.843 2.128 2.459 2.034 -8.918 -1.809
Gesamt 18.632 15.454 11.973 11.286 12.253 10.259 -8.373 -1.714
* outgesourcte Dienstleistungen, Marktdaten, Vergleiche

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