Analyse

Wie der Commerzbank-Chef seine Chance vertändelte

5. Juli 2020

Von Christian Kirchner

Man muss vorsichtig sein mit der Formulierung „Chaos-Tage“. Aber bei Lichte betrachtet ist die Lage bei der Commerzbank nach der Rücktrittsankündigung von Vorstandschef Martin Zielke (und auch dem des Aufsichtsratschefs Stefan Schmittmann) von Freitag Abend wie folgt: Erstens: Der Aktienkurs notiert nur knapp über dem Rekordtief. Zweitens: Analysten erwarten 2020 wie 2021  Nettoverluste. Drittens: Die Gespräche über die im September angekündigten Personalkürzungen haben noch gar nicht begonnen. Vor allem aber viertens: Es steht ganz offenbar noch kein Nachfolger oder Nachfolgerin bereit, woraus sich schließen lässt, dass Zielkes Schritt Aufsichtsrat wie Eigner überrascht haben muss. Und fünftens: Die Nachricht über den Rücktritt ließ den Commerzbank-Aktienkurs am Freitag nachbörslich nicht mal zucken, was einigermaßen desaströs ist. Anlass für Finanz-Szene.de, einmal einzutauchen in die Lage: Was ist los bei der Commerzbank – und warum wirft Zielke hin? Eine Analyse in fünf Thesen

1.) Die Commerzbank ist in den letzten 15 Monaten keinen Schritt vorangekommen

Der 25. April 2019 markierte einen Wendepunkt in der deutschen Bankengeschichte. Es war der Tag, als Deutsche Bank und Commerzbank nach wochenlangen Gesprächen die angestrebte Fusion abbliesen. Begründung: Ein Zusammenschluss bringe keinen „ausreichenden Mehrwert“. Das hieß: Die beiden bekanntesten Geldinstitute der Republik würden nun auf absehbare Zeit auf sich selbst gestellt sein.

Eigentlich dachte man, die Commerzbank wäre für dieses Szenario deutlich besser gerüstet als der größere Rivale. Denn während die „Blaubank“ Verlust an Verlust reihte, hatte die „Gelbbank“ für 2018 gerade erst knapp 900 Mio. Euro Nettogewinn ausgewiesen, zahlte gar wieder eine Dividende. (siehe unsere damalige Analyse).

Was aber passierte dann?

Wie konnte das passieren? So:

Die Commerzbank …

  • … brauchte im Vergleich zur Deutschen Bank fast drei Monate länger, eher sie ihre neue Stand-alone-Restrukturierungs-Strategie vorstellte (Ende September vs. Anfang Juli),
  • sie verblüffte die Börse mit ihrer Ambitionslosigkeit (während Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing z.B. die Parole ausgab, bis 2022 die Kosten brutal von 23 Mrd. Euro auf 17 Mrd. Euro zu senken, stellte Zielke den Aktionären gerade mal eine EK-Rendite von 4% per 2023 in Aussicht)
  • und sie legte trostlose Zahlen fürs erste Quartal 2020 vor – während die unerwartet starken Q1-Ergebnisse der Deutschen Bank den Eindruck vermittelten, der Umbau würde z.B. in der Privatkundensparte und vor allem im Investmentbanking bereits erste positive Resultate zeitigen.

Was maßgebliche Investoren wie Cerberus oder der Bundesregierung dem Coba-Management insbesondere ankreiden: In dem dreiviertel Jahr, das seit der Verkündung der „Strategie 5.0“ vergangenen sind, hat sich nicht wirklich was getan, etwa was den angestrebten Abbau von (brutto) 4.300 Arbeitsplätzen angeht. Bislang setzt die Bank auf Freiwilligen-Programme, erst im September sollen konkrete Gespräche mit dem Betriebsrat beginnen. Bis dahin werden seit dem historischen 25. April 2019 fast anderthalb (!) Jahre vergangenen sein.

Folge: Die geltenden Sparpläne sind schon überholt, obwohl ihre Umsetzung noch gar nicht ernsthaft begonnen hat. Als ob das noch nicht reicht, wackelt nun auch der Termin, zu dem die Commerzbank eigentlich eine Nachschärfung präsentieren wollte – das waren eigentlich die Zahlen des zweiten Quartals Anfang August. „Wird denn das Strategie-Update zu den Quartalszahlen am 5. August verkündet?“ – „Das wird der Vorstand entscheiden, nachdem er sich mit dem Aufsichtsrat ausgetauscht hat“, antwortete der scheidende Aufsichtsratschef Schmittmann in einem Interview, das im Commerzbank-Intranet veröffentlicht wurde. Kaum vorstellbar, dass ein neuer Chef „aus dem Stand“ eine Strategie präsentiert.

2.) Zielke hat die alten Ziele verfehlt – und neue Ziele ausgegeben, die hinter den alten teils sogar noch zurückbleiben

Was die Form des Cerberus-Aufstands gegen das Commerzbank-Management betrifft – die muss man weißgott nicht gut finden. Inhaltlich allerdings traf die Kritik durchaus den Punkt. Siehe diese Übersicht hier, die auf Angaben aus dem Cerberus-Brief von 8. Juni beruht:

Die 2016 formulierten Ziele für 2020 aktueller Analysten-Konsens für 2020 Ziel erreicht?
Umsatz in Mrd. Eur. 9,8-10,3 8,3 verfehlt
Kosten in Mrd. Eur. 6,5 6,8 verfehlt
Cost-Income-Ratio 66% 82% verfehlt
Eigenkapitalrendite > 6% -0,50% verfehlt
Vollzeitstellen 36.000 41.000 verfehlt
Kernkapitalquote 13% 13% erreicht

Doch nicht nur rückblickend sah Cerberus die Ziele verfehlt. Vor allem störte sich der US-Investor daran, dass die im Rahmen der „5.0 Strategie“ ausgegebenen Ziele so ambitionslos sind.

Ziele Coba bis 2023 Urteil Cerberus
Umsatz in Mrd. Euro kein Ziel
Kosten in Mrd. Euro 6,3 nur leichte Verbesserung trotz rückläufiger Umsätze
Cost-Income-Ratio 73% Ziel verschlechtert
Eigenkapitalrendite 4% Ziel verschlechtert
Vollzeitstellen 36.000 Ziel nicht angepasst trotz signifikanten Umsatzrückgangs
Kernkapitalquote 12-13% Gemessen an den regulatorischen Anforderungen ineffizient

Wäre es nur der „Höllenhund“ Cerberus gewesen, der die Dinge so sieht – der Vorstand hätte den Aufstand abwehren können. Doch offensichtlich spiegelte die Kritik ein unter den Investoren weit verbreitetes Unbehagen. Es fehlte der Glauben, dass Martin Zielke als CEO imstande ist, das zu tun, was er einst als Privatkundenvorstand zweifelsohne getan hat – nämlich zu liefern. Das gibt er selbst unumwunden zu: „So erkennbar die strategischen Fortschritte sind, so unbefriedigend war und ist die finanzielle Performance der Bank. Und dafür trage ich als CEO die Verantwortung“, erklärte er laut Mitteilung von Freitag (hier das Original).

3.) Die Corona-Krise scheint die wichtigste Hypothese des Commerzbank-Geschäftsmodells zu widerlegen

Über kaum ein anderes Thema redet Martin Zielke so gern wie über den digitalen Wandel im eigenen Haus. Wie man den Kontoeröffnungs-Prozess oder einen Kreditantrag digitalisiert. Oder – wenn’s das große Kaliber sein soll: über Cloud-Dienstleistungen, Big Data und KI. Und darüber, wie Blockchain-Technologien zu einem „neuen Betriebssystem der Weltwirtschaft“ werden können.

Trotzdem hielt die Commerzbank länger als beiden anderen klassischen Großbanken hierzuland (also Deutsche Bank und Hypo Vereinsbank) an der Hypothese fest, dass es auch in Zeiten des digitalen Wandels ein engmaschiges Filialnetz ein Schlüssel zu Wachstum und Erfolg sei. Selbst 2023 sollte die Coba der „5.0 Strategie“ zufolge noch über 800 Zweigstellen verfügen. Das wären gerade mal ein Fünftel weniger, als es 2015 waren, also nach der ersten „Schließungsrunde 2011-2015.

Bis vor wenigen Wochen sprach viel für diesen Hybrid-Ansatz. Dann aber kam die Corona-Krise. Kunden wurde die Nutzung digitaler Alternativen zum Filialbesuch regelrecht aufgezwungen – ohne dass das Geschäftsvolumen dramatisch gelitten hätte (sie auch unsere Analysen zur Beschleunigung des Filialsterbens hier und hier). Statt auf Cash setzen die Kunden zudem immer stärker auf Kartenzahlung. Die Kosten für den Unterhalt einer physischen Bankinfrastruktur werden immer schwerer zu rechtfertigen.

Nun hat die Commerzbank mit der Eingemeindung der Comdirect den digitalen Fußabdruck verbessert. Laut Verschmelzungsvertrag ist aber erst einmal vorgesehen, „das Leistungsangebot […] unverändert fortzuführen“. Erst „im weiteren Verlauf“ des Prozesses soll „sukzessive das Zielbild der integrierten Bank“ realisiert werden. Die interne Zielmarke: 2023. Erst dann wird, wie es etwas ungelenk heißt, „ein eingeschwungener Zustand erwartet“ (siehe unsere Analyse hier).

Auch was die Digitalisierung angeht, folgen den Worten also nur sehr langsam Taten.

4.) Die Commerzbank hat zu viele Mitarbeiter – und vor allem viel zu viele ältere Mitarbeiter

Ist ja nicht so, als würde die Commerzbank gar nicht sparen. 2010 beschäftigte sie noch 59.000 Mitarbeiter (nicht Vollzeitstellen wie in obiger Tabelle); zuletzt waren es 48.500. Doch reicht dieses Tempo?

Die „5.0-Strategie“ sieht bzw. sah vor, bis 2023 netto weitere 2.300 Stellen zu streichen. Um dieses Ziel zu erreichen, müsste sie aber nur weiterhin im bisherigen Ausmaß Stellen reduzieren. 2019 beispielsweise stellte die Commerzbank (in Vollzeitäquivalenten) 560 Mitarbeiter neu ein; aber 1.366 verließen das Institut. Macht gut 800 Mitarbeiter weniger. Wäre das Delta dieses, nächste und übernächstes Jahr genauso groß, wäre die Coba schon Ende 2022 (statt 2023) bei netto 2400 weniger Stellen.

Neueinstellungen 2017 2018 2019 Summe
unter 30 Jahren 88 168 183 439
30-50 164 374 326 864
über 50 17 116 51 184
Austritte 2017 2018 2019 Summe
unter 30 Jahren 230 172 176 578
30-50 489 587 588 1664
über 50 547 509 602 1658
Saldo -997 -610 -806 -2413

Quelle: GRI-Bilanz Commerzbank

Hinzu kommt: Die Commerzbank hat gemessen an ihrer Ertragskraft nicht nur immer noch relativ viele Beschäftigte – sondern: Die Mitarbeiterstruktur verändert sich dramatisch, und zwar nicht unbedingt zum Besseren. Commerzbanker sind heute im Schnitt fünf Jahre älter als noch vor zehn Jahren, nämlich gut 45 Jahre. Sie weisen eine durchschnittliche Betriebszugehörigkeit von 21 Jahren auf (2008 waren es noch 15 Jahre), wobei 58% der Mitarbeiter schon länger als 20 Jahre bei der Commerzbank beschäftigt sind. Der branchentypische „Bauch“ in der demografischen Struktur liegt (branchentypisch) irgendwo bei 50 bis 55 Jahren.

Diese Demographie wird zweifelsohne dabei helfen, die Mitarbeiterzahl in den nächsten Jahren über Ruhestands- oder Vorruhestands-Regelungen merklich zu reduzieren. Bloß: Wer managt dann die Bank? Wo sind die Talente, die die notwendige Erneuerung des Instituts vorantreiben? In den vergangenen drei Jahren hat die Commerzbank 439 Mitarbeiter unter 30 Jahren eingestellt. Im gleichen Zeitraum gingen 578 Mitarbeiter unter 30 Jahren von Bord. Etwas ketzerisch und vorurteilsbeladen gefragt: Wer sorgt für die Digitalisierung – die im Schnitt immer älteren Mitarbeiter?

Im Brief von 8. Juni schreibt Cerberus, dass sich „das Zeitfenster zur Bewältigung der Herausforderungen, vor denen die Commerzbank steht, bald schließt“ und „mehr denn je offensichtlich (ist), dass die Commerzbank strategische und andere Maßnahmen unverzüglich umsetzen muss“. Genau diese Schritte anzugehen, hat sich Zielke aber offenbar nicht mehr zugetraut – oder ihm fehlte dafür schlicht die Rückendeckung.

5.) Die Commerzbank hat immer mehr interne Baustellen

Zum Abschluss nochmal die Probleme, die wir in den letzten Wochen (siehe etwa hier und hier) schon angerissen hatten:

  • Der Commerzbank fehlt die grundsätzliche Ertragskraft, um die sich im Zuge der Corona-Krise abzeichnenden Ausfälle absorbieren zu können. Analysten rechnen sowohl für 2020 als auch 2021 mit roten Zahlen
  • Die polnische Tochter mBank ist eine Perle, die aber nicht glänzen darf. (siehe hier, warum). Folge: Der geplante Verkauf scheiterte – und die Commerzbank sitzt jetzt auf einem Asset, das sie erklärtermaßen loswerden wollte
  • In der Privatkundensparte ist nicht zu erkennen, dass die lange Zeit zum Dogma erhobene Neukundenakquise irgendwann auch mal in deutlich steigende Erträge und Gewinne mündet (siehe unsere Analyse hier). Die Folge: Längst scheint die Devise nur noch „Volumen, Volumen, Volumen“ zu lauten. Im Q1 stieg die Bilanzsumme um 11%, der Umfang der Firmenkredite wuchs um 10% zum Jahresende 2019. Auch das Baufi-Volumen erhöhte sich abermals. Was ist mit den Risiken dieser Kredite? Und was, wenn nach dem kurzzeitigen Corona-Extrageschäft die Nachfrage nach Darlegen zurückgehen sollte (was vermutlich so kommen wird)
  • Die Firmenkundensparte wird laut Analystenprognose in diesem Jahr rote Zahlen schreiben und 2021 nur eine schwarze Null – das heißt auch: Der neue Spartenchef, der Ex-ING-Diba-CEO Roland Boekhout, hätte eigentlich in seinem eigenen Sprengel genug zu tun, auch wenn es nun als Kandidat für die Zielke-Nachfolge gilt.
  • Selbst auf dem Höhepunkt des Konjunkturzyklus fand sich für die Commerzbank kein Fusionspartner (nicht mal die Deutsche Bank, auch wenn die Kostensynergien hier am größten gewesen wären). Diese Fluchttüre scheint verschlossen.

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